Kai’s Seenotfall Teil zwei: Wie die Sprinta gerettet wird – Was man lernen kann

Überwältigt von der Hilfsbereitschaft

Im ersten Teil der abenteuerlichen Strandung bei Albuen beschreibt Skipper Kai den gescheiterten Rettungsversuch durch die Fregatte “Schleswig Holstein”. Vor dem Happy End sind weitere Probleme zu lösen.

Die Situation am Morgen. Die Sprinta 70 liegt hoch und ziemlich trocken

5:00 Uhr. Der Sturm hat etwas nachgelassen. Alles beruhigt sich ein wenig. Nur ich bin immer noch sehr aufgeregt. Ob das geliebte Schiff noch zu retten ist?

Nach einer Weile melden sich die Dänen. Der Bootsmann auf der Fregatte hat Wort gehalten und die dänische Rettungsorganisation verständigt. Wir vereinbaren ein weiteres Gespräch ab 8:00 Uhr, da bis dahin sowieso niemand zu erreichen wäre. Ich solle mich ein wenig schlafen legen. Wenn in zwei Stunden die Sonne wieder aufgeht, könne man die Rettungsoptionen überlegen.

Warten auf die angekündigte Hilfe. © kk

Also lege ich die Matratze an die schräg stehende Bordwand und versuche, die Augen zuzumachen. Es klappt natürlich nicht. Ich warte auf den anbrechenden Morgen.

7:00 Uhr. Beim ersten Licht bin ich an Deck. Millionen Insekten surren im Cockpit. Sie sind wohl von der weißen Oberfläche angelockt worden. Ich versuche, sie mit einem Besen zu vertreiben.

“Moin Moin” nach Backbord gekrängt auf der Untiefe. © kk

Dann streife ich wieder den Trockenanzug über, wate mit einem Warpanker auf der Schluter ins tiefere Wasser und ramme ihn in den Sandboden. Ich habe mir überlegt, dass ich das Boot mit dem Zug am Großfall per Winsch von der Backbord-Krängung auf Steuerbord kippen und so den Widerstand im Sand verringern könnte. Das funktioniert schon mal gut. Aber befreien kann ich das Schiff so nicht.

Per Warpanker mit Großfall und Winsch-Einsatz auf die Steuerbordseite gekippt. © kk

8:00 Uhr. Zwei Angler nähern sich in einem offenen Boot. Sie bieten ihre Hilfe an. Aber ihr Motor ist genauso schwach wie mein Mercury. Ein Schleppversuch macht also wenig Sinn. Doch der Angler entpuppt sich als Staatspolizist aus Kopenhagen mit Kontakt zu einem Bruder, der im Hafen arbeitet. Er ruft ihn an und überbringt mir die Botschaft, dass in etwa zwei Stunden ein geeignetes Schiff kommen.

Ich bin begeistert. Und schöpfe wieder Hoffnung. Dieser Polizist baut mich sehr auf mit seiner positiven Art.

9:00 Uhr. Ein zweites Boot nähert sich. Es sind dänischen Angelschein-Kontrolleure. Die verfügen immerhin über einen 65 PS Motor und versuchen spontan einen Schlepp. Aber auch dieser Versuch scheitert. Das Schiff bewegt sich kaum. Mittlerweile ist der Kiel fast zur Hälfte im Sand eingesunken. Und das Ruder lässt sich nicht mehr bewegen.

Dänische Angelschein-Kontrolleure versuchen, zu helfen. © kk

Zwei weitere dänische Segler, die in der Nacht am Steg des Segelclubs festgemacht haben, gesellen sich dazu. Sie machen Fotos von der Situation, bieten aber auch ihre Hilfe an. Wenn ich irgendwo hingebracht werden wollte oder sonst etwas bräuchte, solle ich Bescheid sagen.

Die Zugkraft des kleinen Motorbootes reicht nicht aus. © kk

Ich bin überwältigt von der Hilfsbereitschaft der Leute. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Hier wird nicht nur geglotzt und gegafft, sondern aktiv geholfen – wie es eigentlich immer sein sollte.

9:30 Uhr. Der Bruder des Dänen trifft tatsächlich mit seinem Schlepper ein. Ja! Das könnte gehen! Das Schiff ist klein genug, um die Rinne zu passieren und sollte genug Kraft haben.

Er steuert das Fahrwasser an… schwenkt quer zum Fahrwasser und … läuft auf Grund! Oh nein!! Das kann doch alles nicht wahr sein! Ich denke, die kennen sich alle hier aus!

Der Motor heult im Rückwärtsgang auf, eine schwarze Rauchwolke steigt aus dem Schornstein auf… nichts bewegt sich.

Dann allerdings sind sie pfiffig, schwenken ein schweres Betongewicht, das wohl für die Tonnenlegung genutzt wird, seitlich an einem Bordkran aus, krängen damit Boot und kommen per Vollgas wieder frei. Dem Skipper reicht’s. Er dreht wieder um und dampft ab. Meine Optionen schwinden.

Nur noch wenig Hoffnung

Die beiden Segler haben zugesehen. Sie entscheiden sich nun auch, mit ihrem Motorsegler einen Versuch wagen zu wollen und strahlen dabei eine erstaunliche Zuversicht aus.  

Ich dagegen habe nur noch wenig Hoffnung und nehme den Vorschlag nur halbherzig an. Schwer vorstellbar, dass ihre Yacht ausreichend Zugkraft entwickeln kann. Aber man klammert sich in solchen Situationen ja an jedem Strohhalm fest.

10:00 Uhr. Die Dänen positionieren ihren 31 Fuß Motorsegler vor der Untiefe und legen eine sehr lange Trosse aus. Ich angel sie mir schwimmend und verbinde sie mit meiner “Moin Moin”. Nach einem Handzeichen von mir gibt er Gas. Gleichzeitig kurbel ich an der Winsch, um zusätzlich das Boot zu krängen.

Endlich frei an der Trosse eines Motorseglers. © kk

Plötzlich geht ein Ruck durch das Schiff. Ich schwamm!! Juchhuu!!! Überglücklich hole ich schnell den Anker ein und motore aus eigener Kraft zum Steg der Segler.

Dabei kontaktiere ich die Dienstnummer, die mir der Fregatten-Bootsmann gegeben hat und will meine Rettung anzeigen. Es meldet sich ein Besatzungsmitglied, das dem zuständigen Offizier Bescheid geben will. Aber die Zeit zum Telefonieren sei gerade etwas knapp, man befände sich mitten in einem Gefecht…

Okäyyy! Hat man auch noch nicht so erlebt.

Dann meldet sich auch noch die dänische Rescue Organisation. Sie will mir ein Schiff als Transfer zum nächsten Hafen besorgen. Aber das ist Gott sei Dank nun nicht mehr nötig.

Am Steg bedanke ich mich mit diversen Alkoholika, denen wir auch gemeinsam zusprechen. Besonders der Hirschkuss Kräuterlikör haut mich um. Ich falle bereits um 13:00 Uhr in einen tiefen Schlaf und wache erst um 19:00 Uhr wieder auf.

Erst danach kann ich ordentlich analysieren, was nun wirklich passiert ist. Der Anker griff gut auf dem mit Gras bewachsenen Sandboden. Dann aber muss mit dem Wind das gesamte Stück Grund herausgerissen sein. Das Eisen war jedenfalls in einem kompakten runden Knubbel mit Matschgras geradezu verklebt. So hatte der Anker keine Möglichkeit mehr, sich neu einzugraben. Er slippte und holperte über den Meeresgrund – Zum Glück auch über das Unterwasserkabel – bis das Schiff auf der Sandbank lag.

Rückblickend muss ich eingestehen, dass es ein großer Fehler war, die Ankerwache zu vernachlässigen und das redundante System des zweiten Ankeralarmes im Handy nicht zu aktivieren. Sonst hätte ich den Alarm auch über Kopfhörer gehört und vielleicht die Chance gehabt, mich ein weiteres Mal zu verankern. Das wird mir sicherlich nicht mehr passieren.

Dennoch ist es im Nachhinein eine gute Erfahrung gewesen, wie viele nette Menschen ich kennengelernt habe, die sofort anpackten und nicht nur herumstehen und blöd gucken. Auf die Erfahrung des Auflaufens kann ich zwar in Zukunft gut verzichten, aber es ist ja gut gegangen, und man lernt daraus. Der Plastimo Kobra 1 Anker sollte mit 7 Kilo Gewicht zwar eigentlich für ein 8-Meter-Schiff ausreichen, aber ich habe ihn mir dann jetzt doch noch eine Nummer größer (10 kg, für 15 Meter Yacht) bestellt – für ein besseres Gefühl. Mal sehen, ob er dann auch in den Ankerkasten passt.

Auf dem Weg nach Hause. © kk

Die Schadensbilanz:
Am Rumpf sind keine nennenswerten Schäden erkennbar.
Das Ruderblatt ist in einer Höhe von 30cm deutlich verkratzt.
Der Mantel vom Großfall wurde beim Querzug durchgescheuert.
Die Backbord Püttingeisen, woran die Oberwanten befestigt sind, haben sich in das Deck hochgezogen, sodass hier der größte Schaden entstanden ist, da somit auch 3 größere Risse unterhalb des Fensters entstanden sind.

7 Kommentare zu „Kai’s Seenotfall Teil zwei: Wie die Sprinta gerettet wird – Was man lernen kann“

  1. avatar excom0 sagt:

    Jetzt verstehe ich: Kai hat den Ankeralarm des iPad nicht gehört, weil Kopfhörer und Mucke drauf.
    Hätte mir auch passieren können.

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  2. avatar Matthias Garzmann sagt:

    Danke. Toller Bericht

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  3. avatar Mac sagt:

    Hey Kai.
    Ich hoffe, dass du dies bei einem evt. Verkauf alles angibst!
    Der Kiel und Kiel-Aufhängung wird garantiert was abbekommen haben . Alleine durch das Brutale drehen aufm Kiel in Zugrichtung.
    Das Ruderblatt hat garantiert nun Wasser gezogen durch die Kratzer.
    Der Rumpf müsste nachts im Seegang auch aufgesetzt haben, also garantiert auch Schaden.
    Von den Backbord hochgezogenen Püttingeisen und den größeren Risse unterhalb des Fensters ganz zuschweigen.
    Das einzig gute an der Sache ist das kein Personenschaden entstanden ist.
    Mac

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 41

    • avatar MAUERSEGLER sagt:

      .:.und im Keller brennt noch Licht

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    • avatar Minnisemmel sagt:

      Verkauf? Mein Schiff wird nicht verkauft!
      Die Schäden wurden zusammen mit dem Bootsbauer analysiert und beseitigt.
      Ich habe jetzt ein gutes Gefühl. Die kommende Saison wird zeigen ob Deine Gedanken Bestand haben. Aber danke für die Ferndiagnose.

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  4. avatar FT sagt:

    Moin Kai,

    danke für den tollen Bericht; und nimm dir die Kommentare nicht zu sehr zu Herzen – am Montag kennen alle die Lotto-Zahlen vom Wochenende. ..

    Und vielen Dank, dass du uns an deinen Fehlern teilhaben lässt. Sicherlich sind viele Dinge falsch gelaufen, sicherlich weißt du es nun besser – und wir nun auch.

    VG aus Rostock
    FT

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  5. Zwei Dinge erwärmen das Herz: nochmals gut gegangen und die Hilfsbereitschaft!
    Servus
    Kabbelwasser

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