Klassiker: Ester aus Dornröschenschlaf erwacht – aus dem Ostseeschlamm zur Monaco Week

Wiederauferstehung einer klassischen Schönheit

Mit dem Sieg beim Tivoli Race 1901 begründete “Ester” ihren Ruf als schnelle Regattayacht © Ester 1901.se

Als die klassische Yacht „Ester“ 1901 in Schweden vom Stapel lief, galt sie als revolutionäre, kompromisslose Rennyacht. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts sank sie, erst 2015 gelang es, den Rumpf wieder zu bergen. Nach vierjähriger aufwändiger Renovierungszeit feierte sie im letzten Jahr ihr zweites Debüt auf den Regattabahnen der Klassikerszene.

Beim Design der 51 Fuß langen Yacht hatte der schwedische Yachtkonstrukteur Gunmar Melgren ähnliche Performance-Faktoren vor Augen wie sie heute beim Bau der America’s Cup Schiffe angewandt werden: Das Schiff sollte vor allem leicht sein, die Kosten für den Neubau waren dagegen eher nebensächlich. Rund 15.000 Kronen blätterte ihr stolzer Eigner vor fast 120 Jahren für das bei August Plym gebaute Schiff aus Eiche, Mahagoni und Stahl hin – eine Summe, die heute über einer halben Million Euro entspricht.

Frisch getauft hatte „Ester“ nur eine Aufgabe: Den renommierten Tivoli-Cup zu gewinnen, eine Regatta zwischen Schweden und Finnland, ausgehend vom Schärengarten vor der schwedischen Insel Sandhamn. Die Bedeutung eines sportlichen Wettstreits unter Rennyachten zwischen den beiden skandinavischen Ländern erklärt Bo Eriksson, der zusammen mit Per Hellgren die Yacht entdeckte und den Restaurierungsprozess organisierte, so: „Eine Regatta zwischen Schweden und Finnland, die eine solche Bedeutung hatte, dass dafür extra Schiffe gebaut wurden ist heute in etwa mit einem Eishockeymatch zwischen beiden Ländern zu vergleichen. Da geht es um alles, Sieg oder Niederlage.“

Dornröschenschlaf auf dem Grund der Ostsee

 „Ester“ erfüllte die in sie gesteckten Erwartungen, gewann den Tivoli-Cup 1901 und noch zahlreiche weitere Regatten. Bis in die späten 30er Jahre war sie nach zahlreichen Modifizierungen eine erfolgreiche Rennyacht, danach wurde sie für die Jugendausbildung im Örnsköldvik Segelclub eingesetzt, bis sie 1939 nach einem Feuer an Bord sank. Die Crew konnte sich mit einem kleinen Beiboot in Sicherheit bringen, doch das spannende, erfolgreiche Stück Yachtgeschichte schien unwiderruflich verloren zu sein.

Während das Wrack des Schiffes seinen Dornröschenschlaf auf dem Grund der Ostsee hielt, las Bo Eriksson, der ein ausgeprägtes Faible für klassische Yachten hat, die Legende von der schnellen „Ester“ und begann Nachforschungen anzustellen. Zusammen mit seinem Freund Per Hellgren recherchierte er über die außergewöhnliche Yacht, baute ein Modell des Schiffes nach und träumte von einem Nachbau der eleganten, klassischen Yacht.

Wie es der Zufall wollte, erzählte ein Fischer Monate später dem aufmerksamen Bo Eriksson von einem Schiffswrack, das nach einem Feuer an Bord vor vielen Jahrzehnten vor Örnsköldsvik am Bottnischen Meerbusen gesunken war. Die Neugier von Bo Eriksson, der selbst nur zwei Kilometer von der angeblichen Stelle entfernt wohnt, war geweckt – sollte es sich bei dem Wrack tatsächlich um „Ester“ handeln? Erst Jahre später nach mehreren erfolglosen Tauchgängen konnte das beschriebene Wrack gefunden werden. In rund 50 Meter Wassertiefe stand eine klassische Yacht mit stehendem Mast nahezu aufrecht auf dem schlammigen Grund.

Die folgenden Bergeversuchen waren schwierig, durch das trübe, schlammige Wasser konnte die exakte Fundstelle nur schwer lokalisiert werden, Kiel und Ruder hatten sich tief in den nassen Untergrund eingegraben. Mit Hilfe von Luftkissen und Druckluft gelang es, das Schiff heil, in einem Stück, wieder an die Wasseroberfläche zu heben. Nach der Bergung nach rund 75 Jahren in ihrem feuchten Grab präsentierte sich „Ester“ in einem erstaunlich guten Zustand, nach dem Abpumpen des Wassers aus dem Rumpf schwamm sie sogar von selbst neben der Pier, bevor sie zur Restaurierung in die Halle gebracht wurde.

Stück für Stück

Theo Rye, auf klassische Yachten spezialisierter Konstrukteur, vermaß die alte Lady nach der Bergung und stellte nur eine geringe Differenz von sieben Millimetern zwischen der Steuerbord- und der Backbordseite fest. Dennoch war allen Beteiligten beim Anblick des Schiffes, dessen aufgequollene Planken sich an Land zügig zu verziehen und zu wölben begannen, klar, dass für die Rettung des Schiffes eine komplette Restaurierung nötig sein würde. „Wir hatten viel Glück, ein nahezu intaktes Schiff vorzufinden. So konnten wir viel nach den originalen Vorgaben nachbauen“, sagt Bo Eriksson. „Das Wasser der Ostsee ist in der Region sehr salzarm, 4 Grad kalt und mit wenig Sauerstoff, das hat dazu beigetragen, dass die Yacht noch so gut erhalten war.“

Stück für Stück wurden die alten Bauteile der Yacht, die in Kompositbauweise mit Holzplanken auf Stahlspanten gebaut worden war, durch neue ersetzt. Stringer und Spanten, ursprünglich aus Stahl gefertigt, waren korrodiert, so dass neue aus Nirosta gefertigt werden mussten. „Die Planken haben wir eine nach der anderen ausgebaut und durch neue ersetzt“, erzählt Bo Eriksson. „Insgesamt wurden für die ‚Ester‘ 30 Paar neue Stahlspanten und weitere 60 aus Holz neu angefertigt.“

“Ester” erhielt ihren originalen, 1,5 Tonnen schweren Kiel nach der Restaurierung wieder zurück © Ester 1901.se

Bei den Restaurierungsarbeiten wurden weitestgehend traditionelle Materialien verwendet, um den Charakter des Schiffes nicht zu verändern. Neben Eichen- und Mahagoniholz kam für das neue Rigg schwedisches Kiefernholz zum Einsatz. „Bei den Planken haben wir uns exakt an das Original gehalten und ebenfalls 60 Zentimeter breite Planken aus Mahagoni verwendet“, erzählt Bo Eriksson. „Beim Nachbau des Riggs waren wir erstaunt, dass Dinge, die heute wieder im modernen Yachtbau angesagt sind, bereits vor über 120 Jahren eingesetzt wurden. Die Loops, die heutzutage aus Kevlar oder Dyneema sind, wurden auch auf der ‚Ester‘ anstelle von steifen Drähten verwendet.“

Physisch anspruchsvoll gesegelt

Nach vierjähriger Renovierungszeit feierte „Ester“ im letzten Jahr auf der Monaco Classic Week und den folgenden Voiles de Saint-Tropez ein glanzvolles Comeback und belohnte ihren Eigner Bo Eriksson mit phantastischen Segeleigenschaften für die fast zwanzigjährige Wartezeit auf diesen  besonderen Moment. „Der Baum verläuft nur 50 Zentimeter über dem Deck, bei jeder Wende oder Halse muss man unter dem Baum durchtauchen“, berichtet Bo Eriksson. „Das macht das Segeln auf dem Schiff physisch ganz schön anspruchsvoll. Nach fünf bis sechs Stunden auf dem Wasser weiß man, was man getan hat.“

Nach seiner Einschätzung wird es noch Jahre dauern, bis er und seine Crew alle Trimmeinstellungen kennen, um das volle Speedpotenzial des Schiffes auszuschöpfen. „Für die erste Saison haben wir relativ kleine Segel gewählt, um das Schiff nicht zu überpowern“, sagt er. „Als wir an einem Tag richtig Wind hatten, stimmte diese eigentlich zu kleine Segelfläche und es war, als ob wir über das Wasser fliegen würden.“

“Ester” feierte ihr zweites Debut auf den Regatten der Klassiker im Mittelmeer im Herbst 2019 © Ingrid Abery

Die Yacht ist eine Reminiszenz an eine kurze Periode im klassischen Yachtbau, in der Gewichtsersparnis und ein ranker Riss als Nonplusultra galten. In vielen Konstruktionsmerkmalen war das Schiff mit der etwas fülligen Bugsektion und dem getrennten Lateralplan seiner Zeit voraus. Keine Kajüte störte den aerodynamischen Aufbau des Decks, das nur von kleinen Cockpits unterbrochen wurde, und auch unter Deck war die reinrassige Rennyacht so gut wie leer. Rund 3,5 Tonnen wiegt das gesamte Schiff, wobei 1,5 Tonnen im Kiel stecken. „Dieser Typ Schiff wurde nur von 1900 bis 1905 gebaut“, erklärt Bo Eriksson. „Die Schiffe waren im Design zu radikal, zu sehr auf Gewichtersparnis optimiert und damit zu fragil.“

Die Freude, die schnelle „Ester“ zu segeln, ist nicht nur den Freunden Bo Eriksson und Per Hellgren vorbehalten: Unter dem Kommando der erfahrenen Skipperin Laurence können bis zu acht Chartergäste an Bord mitfahren – wobei eine gewisse Fitness und Erfahrung mit klassischen Rennyachten durchaus von Vorteil sind.  

 

„Ester“ in Zahlen:
Länge über Alles              15,38 Meter
Breite                                   3,08 Meter
Tiefgang                              1,75 Meter
Segelfläche                        ca. 110 m²

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