Klimawandel: Hurrikane ziehen immer nördlicher – noch mehr Tiefs im nördlichen Atlantik?

Mehr Wind!

Wetter, Klimawandel, Hurrikane, Europa

Ein bildschöner Hurrikan, wie wir ihn lieber nicht in Europa erleben wollen © NASA

Wissenschaftler haben anhand von Stalagmiten (!) nachgewiesen, dass sich die Hurrikane-Bahnen nach Norden verschieben. Deshalb bald mehr Tiefs und Stürme über Europa, mit Auswirkungen auf die Transatlantik-Routen der Segler? 

Die Erde vergisst nichts. Vor allem bei den derzeit auf Hochtouren laufenden Forschungen zum Klimawandel kommt diese Erkenntnis immer mehr zum Tragen. So gilt etwa die noch relativ junge Wissenschaft der Eiskernbohrungen (vor allem in der Antarktis und auf Grönland) als eine der wichtigsten und genauesten Methoden, um Informationen über das Klima der vergangenen Jahrzehntausende zu erhalten. Das älteste zutage geförderte Eismaterial ist 900.000 Jahre alt – fast eine Million Jahre altes, gespeicherte “Wissen” über das Erdklima.

Doch auch andere Forschungsmethoden rund um den Klimawandel verblüffen derzeit Umweltschützer und Wissenschaftler gleichermaßen. So gelang Wissenschaftlern der britischen Durham University gemeinsam mit Sebastian Breitenbach von der Ruhr Universität in Bochum der eindeutige Nachweis, dass sich die Routen der Hurrikane aus dem Karibikraum immer weiter Richtung Norden verlagern. Sie analysierten dafür die Hurrikans der letzten 450 Jahre – anhand von Stalagmiten in einer Tropfsteinhöhle!

Stalagmiten verraten Sebastian Breitenbach und seinen Kollegen etwas über die Klimavariationen der vergangenen Jahrhunderte © RUB, Marquard

Stalagmiten verraten Sebastian Breitenbach und seinen Kollegen etwas über die Klimavariationen der vergangenen Jahrhunderte © RUB, Marquard

Klima-Archiv in Höhlen

Die vom Boden einer Höhle emporwachsenden, oftmals phallisch wirkenden Steingebilde gelten, ähnlich wie der erwähnte Eisbohrkern, als eine Art „Archiv des Klimas“ für den Zeitraum, den der Stalagmit zum „wachsen“ brauchte. Das Forscherteam rekonstruierte so die Niederschlagsmengen, die sich während Hurrikanen im Laufe der letzten 450 Jahre über Mittelamerika und die davor liegende Karibik ergossen.

Wichtigstes „Labor“ waren die schon von den Mayas als Kultstätten genutzten Höhlen von Yok Balum, nahe Uxbenka im Staat Belize. Dort analysierten die Forscher die chemische Zusammensetzung der Stalagmiten und fanden heraus, dass die Niederschlagsmengen im Läufe der letzten Jahrhunderte abnahmen. Und das nicht, weil etwa die Hurrikane seltener wurden, sondern weil sie weiter nach Norden zogen.

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Zugbahnen von Hurrikanen zwischen 1980 und 2005. Es geht weiter nordwärts © NASA

Zwar sind Hurrikane schon immer für natürliche Temperaturschwankungen anfällig gewesen und veränderten ihre Laufbahnen in einem gewissen Rahmen, seit Beginn der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert sind diese Richtungsänderungen gen Norden jedoch besonders auffällig geworden. Die Wissenschaftler erklären sich dies mit einer „Ausdehnung der atmosphärischen Zirkulationszonen, weil der Kohlendioxid-Ausstoß im Industriezeitalter deutlich zugenommen hat und gleichzeitig die Emission kühlender Aerosole abnahm.“

Mehr Hurrikane

Hierzu passen wie ein Puzzleteil ins andere die jüngsten Forschungsergebnisse des National Hurricane Center in den USA, die sich hauptsächlich mit den Auswirkungen und Zugbahnen von Hurrikanen der letzten Jahre beschäftigen, um entsprechende Unwetterwarnungen noch früher auszusprechen. So bot die Hurrikan-Saison 2016 (1.Juni bis 30.November) mit 15 tropischen Hurrikanen die höchste Anzahl seit 2012. In den Augen vieler Wissenschaftler ein deutliches Anzeichen für die sich weiter kumulierenden Auswirkungen des Klimawandels.

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Zwar schon etwas älter, aber anschaulich: Der Zug mancher Hurrikane gen Norden und (manchmal) Richtung Europa © eumetsat

Ganz abgesehen davon, dass sich die mit Großstädten gespickte, US-amerikanische Ostküste auf deutlich heftigere und häufiger auftretende Hurrikane als bisher einstellen muss, ist zudem der mittlere bis nördliche Bereich des Atlantiks stärker von deren Auswirkungen betroffen. Auch wenn es nur wenige „Ex-Hurrikane“ tatsächlich mit spürbare Wucht (wie etwa sehr ergiebige Regenfälle oder Sturmböen) bis zum europäischen Festland schaffen, sind doch die vermehrten Tiefs, die sich über dem Atlantik aneinanderreihen, auch für Segler nicht zu unterschätzen.

Mehr Wind auch bei uns

Viele Meteorologen warnen bereits seit Jahren davor, dass sich die Anzahl der Stürme und die Windgeschwindigkeiten im Jahresmittel auch in unseren Breitengraden und im Atlantik nördlich des Äquators deutlich steigern werden. So errechnete kürzlich ein norwegisches Forscherteam, dass die Windgeschwindigkeiten aufgrund des prognostizierten Klimawandels um 0,5 m pro Sekunde im Mittel zunehmen werden. Dabei waren jedoch die nach Norden wandernden Hurrikane und die daraus resultierenden Tiefs bzw. Ex-Hurrikane noch nicht berücksichtigt.

Kurz- bis mittelfristig dürfte dies einen Einfluss auf die Routenwahl transatlantischer Regatten, auf Hochsee-Törns oder sogar auf das Küstensegeln haben. Wenn sich also immer mehr “Ex-Hurrikane” mitten über dem Atlantik etwa auf “Höhe” Portugal  austoben (siehe NASA-Grafik) oder es Mitte September bis hinauf nach Großbritannien schaffen (wie “Katia” 2011 mit verheerender Wucht, siehe Grafik), dann werden auch wir in Europa vermehrt unter dem Einfluss tropischer Hurrikane segeln. Oder eben nicht segeln…

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Der Weg des Hurrikans Katia von den Kapverden bis Großbritannien © eumetsat

Das Gleiche gilt für Ost-West-Atlantikquerungen, deren Ziel an der amerikanischen Ostküste liegt. Je weiter nördlich sich zukünftige Hurrikans bewegen werden, desto früher müsste die Abfahrtszeit ins Frühjahr gelegt werden. Zeiten, wenn ein Tief nach dem anderen, vom nordamerikanischen Festland kommend, über den Atlantik jagen. Die Segler der dieses Jahr wieder neu aufgelegten THE TRANSAT-Regatta durften dies im Mai zur Genüge genießen.

Könnte also sein, dass es in Zukunft auf der beliebten, südlichen Barfußroute für die Atlantiküberquerung noch enger wird. Doch auch hier gilt zu beachten, dass selbst im November noch auf dem Atlantik Ex-Hurrikane lauern können. Große Offshore-Regatten wie die Mini-Transat oder die Route du Rhum, deren Starts im Spätherbst gegeben werden, können sich also schon mal darauf einstellen, dass sie wegen sich abschwächender, aber immer noch verheerender Rest-Hurrikane ihren Start um Wochen verschieben müssen.

Website Ruhr-Uni

Tipp: André Mayer

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Michael Kunst

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