Klimawandel: Wind und Strömung werden stärker – der Golfstrom verlangsamt

Unter Strom

Alles hängt zusammen: Wind- und Meeresströmungsgeschwindigkeiten, Lufttemperaturen und Salzgehalt im Wasser. Verändert sich nur eine Komponente, verändert sich das gesamte System! 

Die Meeresströmungen werden schneller. Nur der Golfstrom – der wird langsamer © pixabay

Die einen sagen: sie werden langsamer. Die anderen meinen: sie werden deutlich schneller! Was aber nicht als Widerspruch zu verstehen sei! Konfus? Wie auch immer – Meeresströmungen beschäftigten die Wissenschaft in Zeiten des Klimawandels im besonderen Maße. 

Kein Wunder, denn die unvorstellbaren riesigen Wassermassen, die durch unsere Ozeane strömen, sind wichtige Klimafaktoren. Beispiel Golfstrom im Atlantik: Er sorgt für Palmenwuchs an Englands Küsten und Kakteen-Oasen in der Bretagne und gilt als Wärmepumpe für Tausende Kilometer Küsten (SR-Artikel Strom ändert Richtung). 

Strömungssystem im Fokus

Es ist noch gar nicht so lange her, da war man sich sicher: Gäbe es den Golfstrom nicht oder würde er sich abschwächen (wie in den letzten Jahren bereits um ca. 15 Prozent geschehen), müssten wir uns in Europa „warm anziehen“. Was durchaus im doppelten Wortsinne gemeint ist, denn es war und ist eindeutig, dass der Golfstrom Wärme nach Europa transportiert.

Wenn sich nun dieses Strömungssystem abschwächt, wird auch weniger warmes Wasser Richtung europäischer Atlantik-Anrainer-Staaten geschickt. Und folgerichtig könnte es bei uns ähnlich ungemütlich werden, wie etwa auf den selben Breitengraden auf der anderen Seite des Atlantiks in Kanada und den USA, wo der Golfstrom keine klimatische Rolle spielt.

Orange = schneller. Nlau = langsamer © science advances

Doch diese anstehende Abkühlung der Lufttemperaturen im westlichen Europa relativieren mittlerweile namhafte Wissenschaftler wie z. B. Stefan Rahmstorf, Professor am Potsam-Institut für Klimaforschung. Er erklärt in einem Interview für die Zeitschrift „mare“, dass es zwar deutliche Beweise für eine Abschwächung des Golfstromsystems gebe, sich unser Klima in Europa deshalb aber nicht abkühlen muss. Im Gegenteil!

Denn bekanntlich gibt es noch andere Klimafaktoren, wie etwa den Jetstream in den oberen Bereichen der Erdatmosphäre. Diese gewaltigen Luftströmungen haben sich in den letzten Jahrzehnten ebenfalls verlangsamt. Sie strömen jetzt um eine „Kälteblase“ herum, die sich über dem Nordatlantik gebildet hat. Denn dort haben sich die Wassertemperaturen im Laufe der letzten Jahre messbar gesenkt, weil der Golfstrom deutlich weniger warmes Wasser in den Nordatlantik schickt.

Nun schlägt der Jetstream einen weiten südlicheren Bogen um die Kälteblase Nordatlantik herum und transportiert warme Luft aus nordafrikanischen Regionen nach Europa, wie z. B. im Hitzesommer 2010. Paradox, aber wissenschaftlich belegt. 

Neue Studie: Strömungen werden schneller

Apropos paradox. Das Verlangsamen des atlantischen Golfstromsystems ist mittlerweile in aller Munde. Doch nun behauptet ein Team von Wissenschaftlern unter Leitung des chinesischen Ozeanografen Shijian Hu, dass drei Viertel der Strömungen in weltweiten Meeresgewässern eher beschleunigt als ausgebremst werden. Hu weist nach, dass Strömungen bis zu einer Tiefe von 2.000 Metern unter der Wasseroberfläche deutlich zugelegt hätten. Was wiederum mit stärkeren Winden zu tun habe, die im Wasseroberflächenbereich der Ozeane Strömungsenergie erzeugen.

Womit ein fataler Kreislauf entsteht: Windgeschwindigkeiten hängen von Strömungsmustern der Ozeane ab, die wiederum durch den Salzgehalt des Wassers und Lufttemperaturen bestimmt werden. Erwärmen sich diese Lufttemperaturen etwa durch den vom Menschen verursachten Klimawandel, verstärken sich die Winde und deren Einfluss auf die Strömungsgeschwindigkeit der großen Meeresströmungssysteme.

In der Studie wurde klargestellt, dass die Windgeschwindigkeiten über den Weltmeeren seit etwa dreißig Jahren um mehr als zwei Prozent pro Jahrzehnt zugenommen hätten. Das wiederum führe zu einer Zunahme der Strömungsgeschwindigkeit von fünf Prozent pro Jahrzehnt (vollständige Veröffentlichung auf Science Advances)

Über 3.000 Argo-Bojen senden Daten aus den Tiefen der Weltmeere © argo

Das Team hat aber auch festgestellt, dass vor allem Strömungssysteme im Pazifik und in der tropischen Südsee von dieser Zunahme der Strömungsgeschwindigkeiten betroffen seien. Als Grund wird hier eine überproportional hohe Zunahme der Windgeschwindigkeiten angegeben. 

Widerspruch oder kein Widerspruch?

Doch wie kann es sein, dass das Golfstromsystem im Atlantik messbar an Strömungsgeschwindigkeit abnimmt, während die anderen Strömungen in anderen Ozeanen zulegen? Auch hierfür haben die Forscher eine Erklärung: Der Golfstrom werde eben nicht nur von Winden angetrieben, sondern auch vom Salzgehalt und der Dichte des Meerwassers. Diese Dichte bestimmt, wieviel Salz in tiefere Regionen absinken und zurück Richtung Süden fließen kann. 

So verwirrend dies alles erscheinen mag – die einen Strömungen werden langsamer, die anderen deutlich schneller – ist doch sicher: Unser gesamtes Klima- und Ökosystem ist eng miteinander verknüpft und steht in abhängigem Wechselwirkung mit den einzelnen Komponenten untereinander. Wird eine dieser Systemkomponenten vom Menschen nachweisbar beeinflusst (Stichwort: Klimaerwärmung durch Schadstoffemissionen), zieht dies unmittelbare Konsequenzen auf das gesamte System nach sich.

 

Das Bojen-System

Euro-Argo ist der europäische Beitrag zum internationalen Argo-Programm. Im Rahmen dieses Programms sind zurzeit über 3000 Floats in allen Weltmeeren im Einsatz.

Floats sind autonom operierende Bojen. Ähnlich wie Wetterballons messen sie über Monate und Jahre Temperatur und Salzgehalt des Meerwassers. Neun Tage lang treiben sie mit der Strömung und sinken dabei von der Meeresoberfläche bis auf eine Tiefe von 2000 Metern ab, während sie kontinuierlich Daten sammeln. Am zehnten Tag schließlich steigen die Floats wieder an die Oberfläche und übertragen ihre Informationen an einen Satelliten.

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Michael Kunst

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