Konstrukteur Rob Humphreys im SR-Porträt: Kimmkanten sind zum Teil eine Modeerscheinung

Britisch balanciert

Die Bandbreite ist groß: Performance-Cruiser für Elan, klassisch inspirierte Superyachten aus Holz, Studien für gewerbliche Segelschiffe. Ein Besuch bei dem britischen Yachtdesigner Rob Humphreys.

Rob Humphreys

Der Konstrukteur Humphreys in seinem Büro in England. Bild: Jan Maas

Rob Humphreys’ Karriere als Yachtdesigner beginnt mit einem Nullstart. 1979 baut eine Werft in Devon im Westen von England den von ihm entworfenen Halbtonner “Roller Coaster”. Drei Wochen vor den britischen Ausscheidungen zum Half-Ton-Cup – der Weltmeisterschaft der Halbtonner – bemerkt Humphreys, dass die Zeit knapp wird. Er stimmt sich mit dem Eigner ab, und die Crew holt den Rumpf nach Lymington an der englischen Südküste, um ihn selber fertigzustellen. Sie verzichtet dazu auf den Motor.

In der Nacht vor der Regatta lässt die Crew das Boot zu Wasser und geht noch zu Humphreys nach Hause duschen und einen Kaffee trinken. Um 3.00 Uhr morgens legen sie ab. Um 6.00 Uhr ist Start vor Cowes auf der Isle of Wight. Flaute. Der Halbtonner treibt auf dem Solent. Erst gegenüber von Cowes kommt etwas Wind auf. Mit Mühe erreicht „Roller Coaster“ zum Schuss die Startlinie. Durchs Ziel geht die Yacht später mit einem Vorsprung von 50 Minuten auf den nächsten Halbtonner.

In der Ideenschmiede von Rob Humphreys

Noch heute amüsiert sich Rob Humphreys über diese Geschichte, als er sie in seinem Büro bei Lymington, einem der Segelzentren in der Gegend, erzählt. Mit einer Handvoll Mitarbeiter – darunter sein Sohn Tom – hat sich der Yachtdesigner in einem umgebauten viktorianischen Stallgebäude im Grünen, knapp eine Meile außerhalb der Kleinstadt, niedergelassen.

Fotos an den Wänden und Modelle auf dem Boden und unter der Decke geben einen Eindruck von seiner Arbeit seit dem Erfolg von Roller Coaster. In einem Schaukasten ist eine Nachbildung der Open 60 „Kingfisher“ zu sehen, mit der Ellen MacArthur bei der Vendée Globe Einhandregatta um die Welt 2000/01 den zweiten Platz belegte. Im Eingangsbereich hängt ein Schlepptankmodell der Volvo Open 70 „Kosatka“, mit der eine russische Mannschaft am Volvo Ocean Race 2008/09 teilnahm.

Kingfisher

Der Open 60 von Ellen MacArthur als Modell. Bild: Jan Maas

Rennyachten als Vorbild

Schnelle Yachten für spektakuläre Rennen. Ein spannendes Geschäft, aber kein leichtes, sagt Rob Humphreys. „Damals wie heute ist das Problem mit Rennyachten, dass es schwierig ist, die Arbeit, die darin steckt, auch in Rechnung zu stellen. Aber das Design von Rennyachten ist natürlich immer noch ein Knotenpunkt von Optimierung und Innovation.

Das Design von Fahrtenyachten hat sehr von der Erfahrung mit den Rennyachten profitiert. Bei Rennyachten wägt man ständig Performance gegen Sicherheit ab“, sagt der Konstrukteur. „Wer diese Erfahrung hat, besitzt einen Vorteil, wenn es um Fahrtenyachten geht. Wenn sie in schwierige Bedingungen geraten, geht es auch darum, wie das Ruder angeströmt wird oder der Rumpf ausbalanciert ist. Ein schwerer Kiel etwa macht eine Fahrtenyacht zwar stabiler, aber wenn die Verdrängung als Ausgleich zu groß wird, bekommt sie Probleme auf raumen Kursen. Die Ziele mögen verschieden sein, aber der Prozess ist sehr ähnlich, weil es darum geht, Kräfte auszubalancieren.“

Besonders deutlich wird Humphreys’ Erfahrung mit Rennyachten an seiner Arbeit für die slowenische Werft Elan. Bei der Elan 450 beispielsweise übertrug Rob Humphreys 2007 erstmals den Stil der Einhandklasse Open 60, wie das breite offene Heck und die Doppelruderanlage auf eine von ihm entworfene Fahrtenyacht. Der Gedanke dahinter: „Fahrtensegeln ist im Prinzip immer Einhandsegeln. Ein Boot für Gäste und Kinder an Bord muss man immer so planen, dass es mit möglichst kleiner Crew zu segeln ist.“

Doppelruder und Kimmkanten

Im ersten Moment klingt es paradox, doch Humphreys ist fest davon überzeugt, dass seine Designs durch Elemente aus dem Regattabereich besser zu kontrollieren und dadurch sicherer sind, beispielsweise durch eine Doppelruderanlage. „Wenn man ein einfaches Ruder an einem breiten Heck hat, wird es schwierig, das Boot unter Kontrolle zu halten, weil die Strömung am Ruder abreißt, wenn das Boot zu sehr krängt“, sagt er und deutet mit den Händen an, wie das Ruderblatt ausgehebelt wird.

Yachtmodelle

Modelle geben einen Eindruck von Rob Humphreys’ Arbeit. Bild: Jan Maas

„Wenn man sich einmal für ein Doppelruder entschieden hat, hat man kein Problem mehr damit, den Rumpf auszubalancieren. Der Rumpf ist nicht mehr so symmetrisch, sondern geht eher in Richtung einer dreieckigen Form. Wenn das Boot krängt, verdreht sich die Längsachse. Das Leeruder liegt genau in ihrer Verlängerung. Man hat also eine fantastische Kontrolle, wenn man es richtig macht. Man kann es natürlich auch falsch machen, ein Doppelruder ist kein Allheilmittel.“

Ein anderes Element, das Rob Humphreys aus dem Regattabereich übernommen hat, sind die Kimmkanten: „Die Kimmkanten sind zum Teil eine Modeerscheinung. Wir sind zurückhaltend damit. In vielen Fällen, wo wir sie einsetzen könnten, entscheiden wir uns dagegen. Sie erzeugen ein flaches Heck ohne die Breite, die dazu eigentlich nötig wäre. Und bei sehr schnellen Yachten können die Kimmkanten dabei helfen, dass die Strömung sauber abreißt.“

Rob Humphreys

Humphreys Passion gilt Rennyachten, aus denen er die Linien für Fahrtenschiffe ableitet. Bild: Jan Maas

Bei Elan ist der Waliser seit 1994 Hausdesigner und damit länger dabei als die meisten Manager der Werft. Seitdem haben seine Designs die Marke fest in der Marktnische zwischen reinen Fahrten- und reinen Rennyachten platziert. Seinen Trick dabei nennt er 60-60: „Jemand, der das Boot mit den Augen eines Regattaseglers betrachtet, denkt: Ich habe 60 Prozent Rennyacht und 40 Prozent Fahrtenyacht; während der Fahrtensegler denkt: Ich habe 60 Prozent Fahrtenyacht und 40 Prozent Rennyacht.“

Von Edelyachten zu Frachtern

Außerdem ist Rob Humphreys seit der Oyster 56, die er 1996 entwarf, neben Ed Dubois einer der Hausdesigner der britischen Superyachtbauer. Mit Sirena Marine aus der Türkei versucht er, die erste türkische Seriensegelyachtmarke zu etablieren. Seit 2009 bauen sie in Bursa am Marmarameer die Yachten der Azuree-Reihe.

Doch Humphreys kann auch ganz anders. Zusammen mit der Werft Arkin Pruva im türkischen Antalya entwickelte er von den historischen J-Klassen inspirierte formverleimte Holzyachten unter dem Namen Tempus.

Büro

An Englands Südküste liegt das Büro des Konstrukteurs. Bild: Jan Maas

Am Bildschirm zeigt der Designer den Entwurf eines Frachters mit unverstagtem Dyna-Rigg, der mit Biogas und Windkraft angetrieben werden soll. „Bis zur Erfindung des Verbrennungsmotors hat die Segelschifffahrt sehr gut funktioniert“, sagt Humphreys. „Und Gerry Dykstra hat mit der Maltese Falcon gezeigt, dass moderne Rahsegler fantastisch funktionieren“

Rob Humphreys und die Werft in Wales

Natürlich konstruieren Humphreys und seine Leute alle Entwürfe am Rechner. „Aber für die Rumpfform und das Deck fange ich immer noch sehr oft mit Papier und Bleistift an. Das hängt davon ab, ob ich ein altes Modell überarbeite oder wirklich bei null anfange“, sagt der Konstrukteur. „Ich habe es geliebt, Boote zu zeichnen. Ich habe immer noch meine Straklatten und Gewichte und die werde ich niemals wegwerfen, auch wenn ich sie seit 30 Jahren nicht mehr benutzt habe.”

“Das Gestalten liegt mir wohl im Blut“ antwortet Humphreys auf die Frage, wie er zu seinem Beruf gefunden hat. Er wuchs in Nordwales auf, mit zwei Onkel, von denen einer Fischer war und der andere eine kleine Reparaturwerft betrieb. Da die Werft gut sechs Meilen von der Marina entfernt lag, brauchte sein Onkel jemanden, der die Boote Montag dort abholte und Freitag wieder zurückbrachte, damit er sie unter der Woche reparieren konnte.

Schon früh lernte der Waliser viele verschiedene Boote kennen. Nebenbei baute er Modelle. „So entwickelte ich ein Gefühl für Formen, noch bevor ich Boote zeichnen konnte. Wie ich aus Modellen Linienrisse machen konnte, brachte ich mir selbst bei.“ Als Humphreys Ende der 1960er Jahre mit der Ausbildung begann, gab es noch keine Studiengänge in Yachtdesign. Er studierte lieber im mittelenglischen Leicester Industriedesign und designte in diesem Rahmen auch Boote.

Sein Ziel, Yachtdesigner zu werden, erreichte Humphreys auf einem Umweg. Nach seinem Abschluss 1972 trat er seine erste Stelle bei dem Segelmagazin „Yachts and Yachting“ an, „um die Branche und ein paar Leute kennenzulernen“, wie er sagt. Nach drei Jahren kündigte er, weil er befürchtete, den richtigen Zeitpunkt für den Absprung zu verpassen. Lieber arbeitete er als freier Journalist weiter und designte nebenher Yachten. Mit mäßigem Erfolg. Bis zu seinem Nullstart mit „Roller Coaster“.

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