Langfahrt: Susanne Huber-Curphey segelt Corona davon – Einhand Transat Richtung Europa

Selbst ist die Frau

Sie ist erfahrenste Seeseglerin aus Deutschland. Keiner hat nonstop mehr Seemeilen abgehakt. Nach einer Strandung vor La Reunion segelt sie jetzt alleine Richtung Europa.

Welcher Deutsche blieb länger, alleine, nonstop auf See? © Trans Ocean

Der gesamte Hochseesegelsport ist durch und durch vermarktet? Langfahrt-Segler und-Seglerinnen sind nur noch auf Rekorde aus? Jede Blauwasserfahrt muss zu einem medialen Ereignis werden? Es gibt keine Menschen mehr, die nur um des Segelns Willen mal eben einhand, nonstop um die Welt schippern? 

Alles Mumpitz – natürlich gibt es sie noch und es wird diese Segel-Enthusiasten (hoffentlich) in naher und ferner Zukunft weiter geben. Nur dass sie eben gemäß ihrer Überzeugung eher kontaktscheu auftreten, sich einen feuchten Kehrricht um die Meinung all’ derer an Land scheren und lieber in Frieden ihre Seemeilen abzockeln. Auch dann, wenn sich hinter ihren Törns echte Rekorde verbergen. 

Alleine, versteht sich

So ist es nicht erstaunlich, dass neulich, als Corona auch die Karibik erreichte, die europäische Langfahrtsegelszene Hals über Kopf über den großen Teich wieder in die vermeintlich sicherere Heimat wollte und nach Flottillen sowie begleitenden Marineschiffen rief, eine Frau auf ihrer Aluyacht „Nehaj“ vor Martinique still und leise die Anker lichtete und einfach mal lossegelte. Alleine, versteht sich. Ohne Begleitgeschwader, ohne stündliche Facebook-Einträge, ohne Tracking, ohne Blitzlichtgewitter.

Ihr Name: Susanne Huber-Curphey. Ihre Passion: Segeln, segeln und nochmals segeln. 

OCC-Preisträgerin Susanne Huber-Curphey © OCC

Nun muss man fairerweise zugeben, dass der Vergleich mit den nicht immer ganz so erfahrenen Fahrtenseglern in der Karibik ein wenig hinkt. Denn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gab es zu diesem Zeitpunkt in der gesamten Karibik keinen Segler, der mehr Seemeilen im Kielwasser geloggt hat als die gebürtige Ingoldstädterin. 

Rekordseglerin, die Rekorde hasst

Auch wenn sie genau das NICHT in einem Artikel über sich lesen möchte, so kann sie doch als Deutschlands erfahrenste Einhandseglerin bezeichnet werden. Und um den Herren der Schöpfung gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen: Auch unter den Männern gibt es mit Wilfried Erdmann nur einen Deutschen, der nonstop und alleine ähnlich lange Strecken auf seinem Boot abgehakt hat wie Huber-Curphey. 

kein mediales Gedöns, keine Onboard-Videos sondern wirklich isoliert um die Welt © trans ocean

Es mag also für die einen erstaunlich sein, dass kurz vor Beginn der Hurrikan-Saison in der Karibik und im Corona-Lockdown eine Frau alleine in Richtung Europa lossegelt. Für Susanne Huber-Curphey ist dieser Törn jedoch nichts anderes als eine Art sehr notwendige Kurzstrecke auf dem Rückweg von einem Abenteuer, das sie endgültig in die Annalen des Blauwassersegelns brachte. Dass dabei ihr Boot übel ramponiert wurde und sie nur noch sehr vorsichtig, wie auf Eiern unterwegs ist, unterstreicht nur ihre Unerschrockenheit. Die bitteschön nicht mit Wagemut zu verwechseln ist. 

Die 60-jährige Susanne Huber-Curphey ist in der Blauwasserszene bereits seit Jahrzehnten bekannt. Nicht nur wegen ihrer schier endlosen Seemeilensammlung, die sie (fast) immer alleine auf ihrer Yacht ersegelte. Sondern auch, weil sie sich immer mal wieder als hervorragende Seefrau hervortat. 

650 Seemeilen Abschleppservice

Eine immer wieder gerne erzählte Geschichte handelt von ihr und ihrem 16 Jahre älteren Mann Tony (SR-Artikel). Beide sind passionierte Einhandsegler und blieben es auch nach anfänglich offensichtlich schief gelaufenen Zweihand-Versuchen. Kurz nach ihrer Heirat waren sie mal wieder jeder auf eigenem Boot im Pazifik unterwegs, als Tony an seiner 27-Fuß-Sperrholz-Sloop einen schweren Ruderschaden erlitt.

Abschleppdienst auf Hoher See © huber-curphey

Er funkte Susanne an, die zwei Tagesreisen bereits vor ihm segelte, die drehte um und statt die große Rettungsmaschinerie in Gang zu setzen, schleppte sie ihren Tony samt Boot acht Tage lang an einer 120 Meter langen Leine hinter sich her. Nach 650 Seemeilen erreichten beide wohlbehalten Neuseeland. Wenn auch Tony dicke Arme hatte: Er musste stündlich pumpen, damit sein Boot nicht absoff. 

Longue Route mit Abstecher

Doch das ist alles anekdotisch im Vergleich zu den Leistungen, die Susanne Huber-Curphey in den letzten Jahren vollbrachte. 2017 schaffte sie es als erste Frau einhand durch die Nordwest-Passage und erhielt dafür (bereits zum zweiten Mal) den Trans-Ocean-Preis. 

Vor der Nordwest-Passage © Trans Ocean

2018 segelte sie auf ihrer im niederländischen Sneek größtenteils von ihr selbst gebauten Aluyacht „Nehaj“ bei der „Longue Route“ einhand und nonstop um die Welt (SR-Bericht). 

Im Rahmen der  eher „leisen“ Konkurrenzveranstaltung im Vergleich zum medienwirksam angelegten Golden Globe Jubiläums-Rennen startete sie in Maine/US-Ostküste und segelte ab dem südlichen Atlantik auf den Spuren des legendären Bernard Moitessier um die südliche Halbkugel.

Der Clou: wie Moitessier segelte sie nach der Passage des Kap Hoorns statt in nördliche Richtung im südlichen Atlantik weiter gen Osten und legte erst nach einer anderthalbfachen Einhand-Nonstop-Weltumseglung in Tasmanien an. 33.043 Seemeilen hatten sie und ihre „Nehaj“ gemeistert, 251 Tage war sie ununterbrochen alleine auf See gewesen. 

Gestrandet auf La Réunion © Trans Ocean

Für diese Leistung erhielt die deutsche Blauwasserseglerin den OCC Seamanship-Award. Dass sie dabei auch noch den von Wilfried Erdmann gehaltenen Deutschen Rekord im Einhand-Nonstop-Segeln um mehr als 2.000 Seemeilen überbot – geschenkt! Schließlich macht Susanne Huber-Curphey keinen Hehl daraus, dass sie jegliche Rekordjagd auf See ablehnt. Sie halte es lieber mit den Erst-Leistungen – und die gebührt bei den Weltumseglungen eben Bernard Moitessier und bei den Deutschen Wilfried Erdmann. 

„Was ist das, eine Weltumseglung?“

In einem ihrer sehr seltenen, dafür umso ausführlicheren Interviews, das der deutsche Weltumsegler Uwe Röttgering vor einem Jahr mit Susanne Huber-Curphey für das SR-Schwestermagazin „Segeln“ führte, definierte sie einmal ihre Sicht auf den Mythos „Weltumseglung“: 

„Was ist die Definition einer Weltumsegelung und wer erstellt sie? Meiner Meinung nach sollte man dazu alle 360 Längengrade und die eigene Kurslinie überqueren. Moitessier hat vor 50 Jahren seinen Kreis um die Welt vor Kapstadt geschlossen, noch bevor Sir Robin dies tat. Deshalb vollbrachte für mich Bernard diese Erstleistung. Neben dem Ort von Start und Ziel könnte man auch erwarten, den Antipoden-Punkt des Ausgangshafens auf der anderen Seite der Welt zu erreichen, wie Nehaj es auf dieser Reise tat. Allerdings wäre dann so gut wie keine Reise auf der Passatroute eine Weltumsegelung. Mir erscheint diese Diskussion müßig und es ist mir auch egal.“

Strandung vor La Réunion

Doch auch bei erfahrenen Skipperinnen wie Huber-Curphey kann durchaus mal etwas gewaltig schiefgehen. Auf der Heimroute von Tasmanien Richtung US-Küste ankerte sie für eine Nacht vor La Réunion. Dort hielt das Grundgeschirr nicht und die „Nehaj“ strandete. Dabei erlitt der Alu-Rumpf offenbar massive Schäden, doch die Yacht konnte geborgen und gerettet werden. 

Dellen im Alu-Rumpf © Trans Ocean

Seitdem segelt Huber-Curphey ausgesprochen vorsichtig und im „slow-motion“-Modus, um die „Nehaj“ nicht unnötigen Risiken auszusetzen. Nach einem Stop-Over in der Karibik ist sie nun auf ihrem „angeschlagenen“ Boot in Richtung Europa unterwegs, wo sie offenbar in Sneek, dem „Geburtsort“ ihrer „Nehaj“ notwendige Reparaturen (selbst ist die Frau) vornehmen will. 

Zwar mag diese Transat für die Einhand-Weltumseglerin nur eine kleine Episode sein, Susanne Huber-Curphey wird es aber auch hier nicht am Wichtigsten fehlen lassen, das Einhandsegler und -seglerinnen immer wieder betonen: Respekt vor dem Ozean!

Grenzenlose Freiheit

Im erwähnten Gespräch mit Uwe Röttgering formulierte die Weltumseglerin, die ihre ersten Schläge auf dem Ammersee gemacht hat, das so: „Ich besegle die Ozeane nicht, um sie ‚abzuhaken‘. Jedes Meer auf allen Breitengraden, jede Seestrecke ob kurz oder lang und jede Küste verdient unseren Respekt und volle Aufmerksamkeit. Irgendwie haben sich diese seglerischen Herausforderungen von selber ergeben. Oft merke ich erst im Rückblick diese grenzenlose Freiheit und wie nahe ich dabei mir selbst und der unglaublichen Weite der Natur kam.“

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *