Laser-Langfahrt: Rund Brexit-Island – „aufgehört, die Kenterungen zu zählen!“

Killer-Fliegen, Delfine und Seehunde

Ein Segler, ein Laser und die See, nichts als die See © daring

Von Strand zu Strand, später von Einladung zu Einladung: ein britischer Segler heizt mit seinem Laser in zweieinhalb Monaten rund Großbritannien. Ein Abenteuer unter dem Motto: „Großes auf Kleinem leisten.“ 

Abenteuer sind ja eine relative Angelegenheit. Für den Einen ist schon irgendein Erlebnis, das sich stark vom Alltag unterscheidet, Abenteuer genug. Andere wiederum nehmen ein Abenteuer erst als solches wahr, wenn sie bereits den schlechten Maulgeruch des heranstürmenden Eisbären riechen.

In der Welt des Segelns ist das bekanntlich ähnlich. Manche Vendée Globe-Skipper sprechen erst dann von einem Abenteuer, wenn sie den Southern Ocean bei 50 Knoten Reachwind im Dauersurf rocken konnten. Und der erlebnishungrige Baggersee-Lasersegler empfindet schon den Glitsch bei 5 Beaufort von einem Ufer zum anderen als durchaus abenteuerlich. 

Bleiben wir bei der Gelegenheit noch ein wenig bei den Laser-Seglern. Die Jolle, die uns bereits seit Jahrzehnten mehr oder weniger intensiv empfundenes Vergnügen auf den Regattabahnen bereitet, ist längst ein beliebter, wenn auch höchst unbequemer Untersatz für abenteuerlustige Segler geworden.

Nicht abenteuerlich genug

Auf dem Laser wurden bereits Langstreckenrekorde gebrochen (z.B. Christian Kargl 432 Seemeilen nonstop), Meerengen durchquert und monatelange Törns in mehr oder weniger exotischen Gegenden unternommen. 

Auch die britische Insel wurde bereits mehrfach mit dem Laser umrundet. So segelte erstmals Ron Pattenden im Jahre 2004 auf einer „Kühlschranktüre“ respektive Laser-Jolle rund Great Britain. Der britische Jollenlangfahrtsegler nahm sein Abenteuer im Uhrzeigersinn in Angriff. Und schrieb ein ziemlich erfolgreiches Buch über seinen Törn: „Land on my Right!“.

Dem englischen Laser-Master-Regattasegler Stick Daring war das so nicht abenteuerlich genug. Auch er startete zu einer Solo-Brexit-Island-Umrundung, wählte jedoch die Route entgegen dem Uhrzeigersinn. Die wird unter britischen Fahrtenseglern als „royale Richtung“ bezeichnet, weil sie gegen die vorherrschenden Strömungen und Windrichtungen verläuft. Kurz: weil sie abenteuerlicher ist. 

Cooler Liegeplatz, buchstäblich © daring

Stick gilt in der britischen Laser-Szene als Haudegen, der auch schon mal bei Regatten so richtig die „S…“ raushängen lässt und der mit dem Laser sozusagen „verwachsen“ ist. Fast jedes Wochenende irgendwo auf dem Wasser auf einem Dreieckskurs unterwegs und abends werden im Pub mit den anderen Laser-Jungs Kulturpunkte gesammelt.

Für sein Langfahrt-Abenteuer ließ er jedoch seinen Regatta-Laser auf dem Slipwagen und kaufte sich einen Laser aus dem Jahre 1970 – für 50 Pfund. Das ganz offensichtlich ausgesprochen robuste Modell möbelte er wieder auf, strich es etwas laser-untypisch in Grau und Orange und segelte dann im Juli 2019 los.

Gegen Prostata-Krebs

Wie es heutzutage nicht nur in England zum guten Ton gehört, sammelte auch Stick Daring mit seinem Laser-Projekt Geld für einen guten Zweck: Auf einer Fundraising-Seite konnten seine Fans für ein Projekt gegen Prostata-Krebs spenden. „Eigentlich gibt es nur eine Sache, vor der man Angst haben muss: Die Diagnose Krebs. Alles andere – auch das bisschen Laser-Segeln rund England – ist dagegen Pillepalle,“ ließ Daring vor seinem Törn verlauten. Und segelte dann „mehr oder weniger unerschrocken“, wie er auf Facebook schrieb, einfach mal los. 

Morgenstimmung © daring

Stick Daring wollte aus seinem Törn keinen Einhand-NonstopLangstreckenrekordversuch machen. Sondern kündigte an, dass er jeden Abend irgendwo anlegen werde, sein Zelt aufschlagen oder unter freiem Himmel an einem Strand schlafen wolle. Und wenn dann am nächsten Morgen der Wind zu stark blies, wurde eben abgewartet, bis wieder einigermaßen menschliche Bedingungen für einen Laser-Langfahrtsegler herrschen würden. 

Denn geanu das war das Problem. Wie kommt man auf einem Laser einigermaßen würdig über die Runden? Gegen die teils empfindlichen kalten Wassertemperaturen trug Stick entweder einen dicken Neopren oder einen Trockenanzug. In einer wasserfesten Tasche führte logischerweise nur das Nötigste mit. Denn eigentlich kann man auf dem Laser nichts transportieren, was das Gewicht einer Zahnbürste, eines Schlafsacks und vielleicht einiger Energieriegel übersteigt. 

Die letzten Meilen

Das größte Problem bei solchen Törns ist der Umstand, dass man eigentlich permanent im Wasser sitzt. Von vorne und unten klatscht einem das Salzwasser gegen Körper und Gesicht, von oben gießt es oft genug in Strömen Süßwasser. Da genießt dann rasch das Thema „Hygiene“ oberste Priorität. Nach eigenen Aussagen, aber auch nach kurzen Bemerkungen von Fans, die ihn an manchen Stränden erwarteten, muss der Laserlangfahrtsegler gestunken haben „wie ein vergammelter Fisch“. Denn wenn der Körper tagsüber im Trocki vor sich hinmüffelt oder im Neopren langsam aufweicht, dann ist abends eine Dusche so etwas wie das „Nirvana des Tages“. Ganz zu schweigen von einem Stück Seife. 

Delfine, Seehunde, Killer-Fliegen

Im Laufe seiner Reise wurde Stick jedoch immer öfter bereits am Strand von Fans erwartet, die seinen Törn auf Facebook verfolgten. Überhaupt waren die regelmäßige FB-Berichterstattung über den „Stand der Dinge“ und so manche eingeladene Nacht in einem himmlisch trockenen Bett im Hause gastfreundlicher Segler, mitunter auch in den Stationen der britischen Lebensrettungsgesellschaft, die einzige Hilfe, die sich der Laser-Segler von außen gönnte. Kein begleitendes Campingmobil, in dem man jeden Abend dinieren konnte. Kein aufmerksames, mitfühlendes Ohr, dem man all’ die Tausend Malheurs erzählen konnte, die einem (jedem!) täglich auf einem seegängigen Laser passieren. 

Über 60 Tage im Dauerglitsch © daring

Und was erlebte der Abenteurer nicht alles: Er wurde stundenlang von verspielten Delphinen und Seehunden begleitet, musste nervige „Killer“-Fliegen ertragen (wegen dem Gestank?), meisterte meterhohe Wellen und bis zu acht Windstärken. Stick kenterte mehrfach – umgeschmissen vom Wind, von den Wellen oder beidem – musste mitunter gefühlt stundenlang auf dem gekenterten Boot ausharren, bis die Wellen- oder Windsituation wieder so erträglich waren, dass man weitersegeln konnte. 

Die längste am Stück und nonstop gesegelte Strecke in offener See waren 85 Seemeilen rüber zur Isle of Man. Was genauso wie die restliche Reise, navigatorisch ausschließlich mit Kompass und Karte erledigt wurde. 

Bis zum letzten Tag harrte der Mann auf seinem Laser-Relikt unter teils grauenhaftem Wetter aus. Strömender Regen, tief hängende Wolken, Nebelbänke und mitunter Furchterregende See hielten ihn nicht von Seinem epischen Törn ab. „Es war wie ein Traum, der nicht enden wollte,“ beschrieb er in einem Interview mit der lokalen Presse. Ein Traum, aus dem er dann aber doch aufwachte und auf dem Fund-Raising-Konto über 20.000 britische Pfund fand. 

„Das ist vielleicht das Schönste,“ sagte der Laser-Segler später gerührt. „Dass so viele Menschen mich und meinen Törn richtig verstanden haben. Klar, es war Abenteuerlust. Aber auch der Wunsch, mit einem Abenteuer etwas Sinnvolles zu erreichen. Kann es eine bessere Kombination im Leben geben?“ 

Facebook

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Ein Kommentar „Laser-Langfahrt: Rund Brexit-Island – „aufgehört, die Kenterungen zu zählen!““

  1. avatar MAUERSEGLER sagt:

    schöne Geschichte (Törn wie Bericht) – Danke schön!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *