Latrinensegeln: Besorgnis über Wasserqualität im Olympiarevier – Was tut der DSV?

+++ „Das hat uns den Appetit verdorben!“ +++

Noch mehr Symbolcharakter braucht man wirklich nicht © meu rio

Noch mehr Symbolcharakter braucht man wirklich nicht © meu rio

Die Berichte über die Wasserverschmutzung in der Guanabara Bucht vor Rio de Janeiro schlagen hohe Wellen. Gastgeber und IOC halten sich bedeckt, ISAF gibt erste Unmutszeichen von sich. Gespräch mit DSV-Sprecher Torsten Fricke

Als die Brasilianer den Zuschlag für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2016 erhielten, wurde naturgemäß alles schön geredet. „Man sei sich der prekären Situation in der Guanabara Bucht und an den Copacobana- und Ipanema-Stränden durchaus bewusst und werde zu den Olympischen Spielen eine um mindestens 80% verbesserte Wasserqualität erreichen!“

Ein typisches Lippenbekenntnis von Politikern, die es in erster Linie als ihre Aufgabe betrachten, Gelder zu sammeln. Was später damit geschieht, steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

Traurige Tatsache ist heute, zwei Jahre vor Beginn der Olympischen Spiele, dass nach wie vor mindestens 70% aller Abwässer der 12-Millionen-Metropole ungeklärt in den Atlantik fließen. Über diverse Fluss- und Kanalsysteme  werden Tausende Tonnen Müll in die Guanabara-Bucht geschwemmt – täglich! Segler, die auf dem Revier trainieren, berichten von Tierkadavern, Fäkalien- und Abfall-Teppichen oder Sperrmüll, den sie bei Gleitfahrt unter Spi mehrfach rammten. Mediziner äußern sich besorgt über die Gesundheit der Sportler, die mit den Abwässern in Berührung kommen, die Segler erzählen voller Ekel von ihren Trainingsausfahrten auf dem Olympischen Segelrevier in spe.

Können die Auflagen eingehalten werden?

[ds_preview] (Ab hier Text für SR Clubmitglieder)

Doch die brasilianischen Behörden geben sich bedeckt bis stur. Zwar wurde kürzlich reuevoll zugegeben, man werde „wahrscheinlich nur eine Verbesserung der Wasserqualität von 50% erreichen und um den Müll werden sich spezielle Müllsammelboote kümmern“. Doch wann und wie man endlich zur Tat schreiten werde, kam nicht zur Sprache. Spezialisten gehen mittlerweile davon aus, dass wirksame Maßnahmen wie etwa vier bis sechs zusätzliche Großklärwerke und Flussreinigungs-Sperrwerke an der Mündung unmöglich bis zum Beginn der Olympischen Spiele realisiert werden können.

Mit solchen Müll-Sammel-Böötchen will man 2016 vor Rio de Janeiro klare Fakten schaffen © meu rio

Mit solchen Müll-Sammel-Böötchen will man 2016 vor Rio de Janeiro klare Fakten schaffen © meu rio

Das IOC hält sich zum Thema bedeckt. Zwar heißt es, dass „hinter den Kulissen“ fieberhaft nach Lösungen gesucht werde (neben den Seglern sind auch die Triathleten und Open-Water-Langstreckenschwimmer von der Wasserqualität betroffen) – doch klare Aussagen bzw. definitive Lösungsvorschläge zur Situation wurden bisher nicht bekannt.

Die ISAF wiederum muckte als erster internationaler Dachverband zumindest im Ansatz auf, nachdem ihnen von mehreren nationalen Verbänden – auch dem DSV – eine Besorgnis über die Wasserqualität im Olympischen Revier mitgeteilt wurde. Vor Wochenfrist äußerte sich die ISAF gegenüber der Presseagentur AP, dass man „eigene, von unabhängigen Labors durchgeführte Wasserproben entnehmen und analysieren werde!“ Es sei zudem deutlich zu erkennen, dass die „Olympischen Regattareviere nicht sauber sind!“ Übersetzt aus dem Diplomatischen bedeutet das so viel wie „wir trauen den bisherigen Analysen nicht und drängen auf eine Änderung der Situation!“

70% aller Abwasser der 12-Millionen-Metropole fließen ungeklärt in den Atlantik. © meu rio

70% aller Abwasser der 12-Millionen-Metropole fließen ungeklärt in den Atlantik. © meu rio

Reicht der „Druck“?

Theoretisch wäre jetzt das IOC am Zug – schließlich wird mit hoher Wahrscheinlichkeit der Ausrichter die Auflagen des IOC nicht erfüllen können. Aber vielleicht reicht der „Druck“ aus den Verbänden noch nicht – vielleicht müssen noch mehr Stimmen laut werden, damit die nächsten Olympischen Soiele zumindest für die Segler nicht zu Ekel-Spielen werden?

SegelReporter hat sich mit Torsten Fricke, Verbandssprecher des DSV zum Thema unterhalten.

SR: Die miserable Wasserqualität im nächsten olympischen Segelrevier schlägt derzeit hohe Wellen in den Medien, die Verbände und das IOC Geben sich allerdings noch eher bedeckt. Wie verhält sich der DSV?

Torsten Fricke: Die Gesundheit unserer Sportlerinnen und Sportler steht für uns selbstverständlich an erster Stelle und ist außerhalb jeder Diskussion.

Wir nehmen die Berichte in den nationalen und internationalen Medien über die verheerende Wasserqualität vor Rio de Janeiro sehr ernst und haben uns innerhalb des DSV diesbezüglich mehrfach beraten. Entsprechend haben wir die Angelegenheit und unsere diesbezüglichen  Bedenken an den Weltsegelverband ISAF weiter geleitet und bleiben „am Ball“.

SR: Seid Ihr die einzigen, die sich da regen?

Torsten Fricke: Wir sind in engem Kontakt mit Segel-Dachverbänden in anderen Ländern, auch um eventuell gemeinsam eine Lösung zu unterstützen. In der Verantwortung stehen aber die Organisatoren. Und wie gesagt, die Gesundheit der Sportlerinnen und Sportler steht an erster Stelle und dabei wird es auch keine Kompromisse geben!

Das Thema ist ja nicht nur bei uns Seglern aktuell, sondern längst beim IOC angekommen. Ich muss aber deutlich sagen: Was man bisher so gesehen und gelesen hat ist eher etwas, das einem den Appetit verdirbt.

Wir erwarten, dass die Olympischen Segelwettbewerbe in einem Revier stattfinden, in dem unsere Sportler sich keiner gesundheitlichen Gefahr aussetzen.

Der DSV ist aber auch sehr zuversichtlich, dass die Brasilianer als gute Gastgeber kein Interesse daran haben, die Sportlerinnen und Sportler einer gesundheitlichen Gefahr auszusetzen.

Und wir als nationaler Segelverband und natürlich gemeinsam mit der ISAF unterstützen sie gerne dabei, so gut das irgendwie möglich sein wird.

SR: Wie könnte eine Lösung aussehen?

Torsten Fricke: Das ist eine Frage, die man an den Veranstalter richten sollte. Die Brasilianer müssen einfach dafür sorgen, dass von dem Wasser, in und auf dem unsere Sportler unterwegs sein werden, keine Gefahr ausgeht.

SR: Eigentlich bleibt doch nur eine andere Austragungsstätte. Es soll ja  wenige Autostunden nördlich und südlich von Rio de Janeiro wunderbare Reviere mit entsprechend großzügig angelegten Segelsportanlagen geben.

Torsten Fricke: Wie gesagt, Vorschläge zur Verbesserung oder grundsätzlichen Änderung der Situation müssten von den Gastgebern kommen. Die sind hier in der Verantwortung.

SR: Wie hoch schätzen Sie denn die Solidarität der einzelnen nationalen Dachverbände untereinander ein? Sollte die Brasilianer den IOC-Auflagen bezüglich der Wasserqualität nicht nachkommen – könnten Sie sich einen Boykott der Spiele seitens der Segler vorstellen?

Torsten Fricke: Das sind hypothetische Fragen, auf die ich grundsätzlich nicht antworte. Ich bin mir sicher, dass die Brasilianer alles tun werden, damit wir wunderbare Olympische Spiele erleben werden.

SR: Wie sehen das denn die Sportler? Hat es Gespräche zwischen Kader-Seglern und dem DSV zum Thema gegeben? Spitzensegler wie etwa Heil und Plössel auf dem 49er haben ja schon mehrfach ihre Besorgnis in den Medien geäußert?

Torsten Fricke: Selbstverständlich wird über das Thema gesprochen. Wir nehmen natürlich Berichte von Seglern, die vor Ort waren, sehr ernst. Wir verfolgen auch die internationale und nationale Berichterstattung über die Wasserverschmutzung von Rio und haken diesbezüglich beim Weltverband ISAF nach. Klar ist: Die Gesundheit geht vor. Der DSV wird deshalb alles tun, was in seiner Macht ist, um die verantwortlichen Organisatoren zu unterstützen. Ziel muss es sein, wunderbare Olympische Spiele zu haben. Und dazu gehört eben auch sauberes Wasser.

Schon seit Jahren protestieren viele umweltbewusste Brasilianer gegen die Umweltsünden ihrer Regierung. Eine Verbesserung der Wasserqualität durch die Olympischen Spiele wäre ein echtes Geschenk ans brasilianische Volk gewesen © meu rio

Schon seit Jahren protestieren viele umweltbewusste Brasilianer gegen die Umweltsünden ihrer Regierung. Eine Verbesserung der Wasserqualität durch die Olympischen Spiele wäre ein echtes Geschenk ans brasilianische Volk gewesen © meu rio

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Michael Kunst

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5 Kommentare zu „Latrinensegeln: Besorgnis über Wasserqualität im Olympiarevier – Was tut der DSV?“

  1. avatar Sven 14Footer sagt:

    Naja, die Antworten von Herrn Fricke klingen wie: “Das ist nicht mein Problem!” Was bedeutet das konkret für den DSV, wenn er sagt die Gesundheit der Segler hat höchste Priorität? Dazu gibts keine Aussage.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 0

  2. avatar Kluchschieter sagt:

    Oh mann, das sind leere Worthülsen wie sie eigentlich sonst eher in der Politik vorkommen…. Viele Worte werden genutzt um nichts zu sagen. Zusammen gefasst heisst das doch:

    Ja, wir haben auch gehört dass das da sehr dreckig ist. Finden wir auch doof, wissen aber nicht was wir machen sollen.

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  3. avatar Jörg sagt:

    Open water Schwimmer und Triatlethen sind fast noch mehr betroffen….oder nicht?

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    • avatar Jörg sagt:

      Kleiner Nachtrag:
      In fact, fecal coliform bacteria measured in Copacabana as recently as three weeks ago came in at a level 16 times higher than Brazil’s ‘satisfactory’ level. And the Washington Post reports that the average fecal pollution level in the waters surrounding the future Olympic site is 195 times greater than the amount considered ‘safe’ within the U.S.

      Ob die Hoffnung auf die Kläranlagen berechtigt ist, wenn NACH den Spielen keine Weltöffentlichkeit mehr hin schaut?

      Quelle:
      http://swimswam.com/water-pollution-still-a-concern-for-rio-2016s-open-water-swimming-site/

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  4. avatar Thomas König sagt:

    Jetzt beginnt das übliche Spiel: Vollmundige Forderungen hiesiger Verbände und Politiker gepaart mit Zuständigkeitsdebatten und Hin-und-Herdelegation von Verantwortung. Wie naiv muss man sein, zu glauben, dass bis zum 1. Start der olympischen Segelregatten eine spürbare und dauerhafte Verbesserung der Wasserqualität in Rio’s Buchten vorliegt? Brasilien funktioniert anders als Europa. Zudem haben Rio’s Einwohner dringendere Herausforderungen wie sauberes Frischwasser, medizinische Versorgung, Arbeit und physisches Überleben zu lösen. Die ohnehin nur spärlich vorhandenen öffentlichen Gelder für das Wohlbefinden einiger ausländischer Sportler mit ihren teuren Spielzeugen auszugeben, dürfte bei den Menschen in den Favelas keine Begeisterung auslösen. Brasilien hat exzellente Segelspots nördlich und südlich von Rio. Im Interesse der Segler sollten die Regatten schleunigst dorthin verlegt werden.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 0

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