Legenden: „Pilgerfahrt“ zu Bernard Moitessiers letzter Ruhestätte – Südsee in der Bretagne

Noch nie so nah

Bernard Moitessier, Grab, Bretagne

In der hintersten Ecke, dafür aber umso schöner und wilder: Bernard Moitessiers letzte Ruhestätte © miku

Warum scheint der einzige Sonnenstrahl zwischen den Wolken ausgerechnet auf das eine Grab? Und was haben Delfin-Schädel auf einem bretonischen Friedhof zu suchen? Eine sehr persönliche Spurensuche.

Schließen sich nun die Kreise? Ist das nur der Anfang eines neuen Kapitels oder das Ende des vorherigen? Als vor ein paar Tagen bekannt wurde, dass nach dem Vorbild der altehrwürdigen „Joshua“, Bernard Moitessiers legendärer Yacht, eine One-Design-Klasse nachgebaut werden soll (SR-Bericht), da war mir, als hätte jemand eine Jalousie hochgezogen. „Mann, Bernard, verdammt lange nicht mehr an Dich gedacht!“ 

Dabei war dieser Vagabund der Meere einst mein großer Held, der mich mit seinen Texten und Fotografien als 16-Jähriger aus dem (damals so empfundenen) dörflichen Mief herausholte, der mich in meinen Träumen mitnahm auf seine Reisen über die Meere. Und das bitteschön möglichst weit weg, am besten in die Südsee.

Bernard Moitessier, Grab, Bretagne

Moitessier auf der Insel Mauritius während einer seiner letzten Reisen © cote nord

Ich kann mich noch genau an dieses Gefühl erinnern, als ich 1973 in unserer Fahrbücherei (!), die wöchentlich bei uns aufkreuzte, zum ersten Mal sein Buch „Der verschenkte Sieg“ aus dem Regal zog. Da ging ein Kribbeln über die Hand, den Arm direkt in die seglerische Zirbeldrüse, die damals aber noch nicht so richtig ausgebildet war und sich ausschließlich auf Binnensegelei im 420er und 470er beschränkt hatte. Liest sich heute banal, war aber so: Seitdem war bei mir zumindest in Sachen Segeln nichts mehr wie zuvor. 

Bernard Moitessier bot mir eben alles, was man damals als notorisch missverstandener, aufmüpfiger und fernwehkranker Langhaariger so brauchte: Geträumte kleine und große Fluchten, eine andere Sicht auf die Dinge und Exotik, Exotik und nochmals Exotik. 

Und obwohl ich ihm Jahrzehnte später tatsächlich einmal bei einem seiner Vorträge in Paris begegnet bin, blieb Bernard Moitessier für mich doch immer eine Art personifizierter Traum. Und natürlich der Mann, der es irgendwie geschafft hatte, so zu leben, wie er wirklich wollte. 

Hey, der Typ ist verantwortlich dafür, dass ich meine Zigaretten damals unbedingt mit einer Hand drehen wollte (nie geschafft), dass ich Einhandsegeln als das Nonplusultra des Seesegelns betrachte (erst im Alter mal ausprobiert) und dass Individualität, die Persönlichkeit in ihrer Unverwechselbarkeit, ein durchaus erstrebenswertes Ziel sein kann (auch nie geschafft). 

Wie das immer so ist: Man(n) beschäftigt sich im Laufe der folgenden Jahre mit vielen anderen Themen, es folgen Zeiten, da Seesegeln eine eher tertiäre Rolle spielte und irgendwann ist ein Bernard Moitessier über Jahre hinweg wie aus dem Gehirn gefegt. Alle Jubeljahre nimmt man vielleicht wieder eines seiner Bücher in die Hand, seufzt beim Anblick des innerlich ablaufenden Films nie realisierter Träume… und dann legt man das Buch wieder weg. 

Joshua, One Design Class, Golden Globe Race

Die “Joshua” liegt derzeit in La Rochelle © macintyre

Zurück zur Jalousie, die hochgezogen wurde. Beim Querlesen einiger Texte zum Thema „Joshua“ fiel mir auf, dass Bernard Moitessier nach seinem Tod 1994 gar nicht in der Südsee beerdigt wurde. Auch so eine Täuschung: Ich dachte immer, seine Asche sei von Hula-tanzenden Südsee-Schönheiten mit pfundweise Blumenschmuck vor Papeete im Pazifik gelandet. 

Doch nein, Bernard Moitessier fand seine letzte Ruhestätte in Le Bono (cooler Name, oder?), einem kleinen südbretonischen Dorf in den mäandernden Morbihan-Landschaften. 

Zufällig oder nicht, jedenfalls liegt das Dorf nur wenige Kilometer von meinen Freiluft-Sommerredaktionsstätten entfernt. Grund genug für eine kleine Pilgerreise, oder? 

Bernard Moitessier, Grab, Bretagne

Moitessiers Zwille (rudimentärer Nachbau) – die wohl spektakulärste Art, auf See Nachrichten zu übermitteln © miku

In der Dorfkneipe beschreiben sie mir umständlich den Weg zum Friedhof, und es ginge steil bergauf (an der Küste?) und ich sollte doch lieber zur Stärkung mal noch einen Blanc trinken. Zu wessen Beerdigung ich denn gehen würde? 

Zwei Gläser später  (es ging wirklich steil bergauf) erreiche ich den Friedhof. Erster Eindruck: Enttäuschung. Es handelt sich beim „cimetiere“ von le Bono um eine dieser akkurat angelegten, in Reih und Glied mit wenig Grün, in Kies gefassten Grabstätten, bei denen es kaum wundert, dass die Angehörigen nach der Beerdigung sofort wieder verschwinden und möglichst selten wieder zurück kehren. 

Doch ganz hinten in der Ecke, zwischen all’ dem Grau und Schieferschwarz, da steht doch glatt eine ziemlich hohe Palme!  Darunter zwei üppige Hortensiensträucher, dazwischen ein simpler, kaum bearbeiteter Stein auf den die Zeichnung von „Joshua“ im Sonnenuntergang gemalt wurde. Kein Zweifel, hier ruht er, der große Bernard Moitessier. 

Seine Fans haben ihm eine denkwürdige und bezaubernd „andere“ Erinnerungsstätte im wahrsten Sinne des Wortes eingerichtet. Überall hängen und liegen Ketten aus Südsee-Muscheln, der Palmenstamm ist mit unzähligen Segel-Devotionalien und Erinnerungsstücken beladen – kleine Schätze eines jeden, der hier mit Bernard in Verbindung treten wollte. Und ich dachte, mit meiner schwarz-weißen Atlantik-Muschel, die ich ihm auf den Grabstein legen wollte, sei ich irgendwie originell… 

Man kann sich wirklich stundenlang vor dem Grabstein aufhalten. Es ist ein Ort der Ruhe, an dem das nur zwei Kilometer entfernte Meer besonders gut zu riechen ist. Oder meine ich das nur? Und war da nicht sowas wie Brandungsrauschen zu hören? 

Bernard Moitessier, Grab, Bretagne

Unverwechselbar: Moitessiers Zeichnungen seiner Joshua © miku

An der Wand und auf dem Boden liegen mehrere Delfin-Schädel, die wohl Bernard auf seinem letzten Törn begleiten sollen. Diese von ihm so geliebten „Feen der Meere“, wie er sie genannt hat, die ihn einmal sogar vor einem sicheren Schiffbruch retteten indem sie Bernard mit ihrem aufgeregten Verhalten zum Kurswechsel brachten.

Am Baum hängt genau so eine Petroleum-Funzel, an der sich Moitessier immer seine Mitternachts-Zigarette angezündet hatte. Und natürlich eine eher rudimentär nachgebaute Zwille, mit der Moitessier damals vor gerade mal 60 Jahren seine Briefe an die Familie auf vorbeifahrende Handelsschiffe schoss. Viele Zettel mit Glückwünschen für die letzte Reise, einige Maori-Botschaften (in der Kneipe erzählten sie, dass alle paar Jahre ältere Maoris hier auftauchen, die Bernard noch persönlich gekannt haben) und immer wieder Muscheln, Schneckenhäuser und angeblich wurden auch schon echte Perlen hier gelassen… 

Bernard Moitessier, Grab, Bretagne

Delfin-Schädel an der Wand und auf dem Boden © miku

Die Sonne senkt sich, irgendwie wird es mir ganz blümerant zumute. Ich erwische mich dabei, dass ich mit Moitessier rede. Ihm von seiner „Joshua“ erzähle, auf der ich vor ein paar Jahren mal ein paar Biere mit anderen Seglern trinken durfte, ihm von der neuen One-Design-Joshua erzähle, und wie wichtig er doch streckenweise für mich war und dass ich es mit der (sehr reduzierten) Einhandsegelei erst im Alter geschafft habe. Wohl weil er immer eine schweigsame Type war, gab’s auf meinen Monolog keine Antworten. 

Aber wahrscheinlich ist das Gefühl, ihm noch nie so nahe gewesen zu sein, schon Antwort genug.

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Michael Kunst

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7 Kommentare zu „Legenden: „Pilgerfahrt“ zu Bernard Moitessiers letzter Ruhestätte – Südsee in der Bretagne“

  1. avatar Jörg Gosche sagt:

    Toll geschrieben! Ging mir früher genauso… .

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  2. avatar Qiter sagt:

    Wow, vielen Dank fuer diesen Artikel 🙂

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  3. avatar Andreas Borrink sagt:

    So geht Schreiben. Toller Artikel, sehr emotional.

    Ich bin grad’ an der Stelle in “Der verschenkte Sieg”, wo Moitessier – mit mehrfachen Kurswechseln von Nord auf Südost und zurück – nach langem Zögern beschliesst, nach Tahiti zu segeln und das Rennen (in Führung liegend) aufzugeben. Faszinierend sein Blick auf die Gesellschaft und die Menschen, die dabei sind, ihren Planeten zu zerstören. Für Ende der 60er hatte der Mann geradezu Visionen. Leider ist das meiste inzwischen eingetroffen; aber Bernard schert’s ja nun nicht mehr!

    Beim nächsten Urlaub in der Bretagne geh’ ich auch mal für einen Klönschnack nach Le Bono.

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  4. avatar kaic holzwurm sagt:

    Sehr sehr schöner Bericht, wenn ich das gewußt hätte wäre ich auch mal hin gefahren, war gerade zwei Wochen in La Trinité-sur-Mer und konnte leider nicht Segeln (Achillessehne gerissen). Hätte super gepasst mal das Grab von Herrn Moitessier zu besuchen, schöner Plan fürs nächste Jahr. Bin leider gerade auf der Rückfahrt aus der Bretagne und habe auch nur die besten Erinnerungen ans lesen von und über Herrn Moitessier. Ist über 35 Jahre her das ich aus dem Fundus meines Vaters “Der verschenkte Sieg” genommen und gelesen habe, der Bericht ist Anstoss es erneut zu lesen !!! ….spätestens im Bretagne Urlaub im nächsten Jahr.

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  5. avatar addi sagt:

    miku, was für ein toller Bericht! Vielen Dank.War vor 4 oder 5 Jahren in der Bretagne zum Probesegeln, Hätte ich davon gewusst, wäre ich auch an das Grab gegangen.

    “Der verschenkte Sieg” kommt sobald zurück zuhause auf den ‘to read’ Stapel, und dank dir ganz obenauf!

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  6. avatar Sörem sagt:

    Stark! Danke!

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  7. avatar Borgfels sagt:

    hat mich sehr berührt der Text. Danke für diesen tollen Artikel.

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