Mann-über-Bord-Ungück: Skipper-Gattin berichtet, warum sie ihrem Mann nicht helfen konnte

"Diese Schreie sind ständig in meinem Kopf"

Stan Dabrowny (74) starb, weil er seine Frau die  Yacht nicht manövrieren konnte, nachdem er über Bord gefallen war.  Nun erklärt sie, wie es zu dem Unglück gekommen ist.

Elizabeth Dabrowny bei RAdio Gdansk. © Radio Gdańsk / Anna Rębas

“Er schrie: Ela, dreh um! Dieser Ruf ist ständig in meinem Kopf.” Elizabeth Dabrowny (69) hat erstmals über das tragische Unglück auf dem Atlantik gesprochen. Gegenüber Radio Gdansk blickt sie auf den 21. November 2017 zurück, als ihr Mann Stanisław in der Nähe von Barbados über Bord fiel. Er ist bis zum heutigen Tag nicht gefunden worden. Eine Woche nach dem Unglück war die Suche nach dem Vermissten abgebrochen worden.

Elizabeth Dabrowny ist inzwischen wieder in Danzig angekommen, hat mit ihren Kindern Weihnachten verbracht und einen Monat lang psychologische Hilfe in Anspruch genommen. Sie hofft, durch die offene Aussprache über das traumatische Ereignis auf eine bessere Verarbeitung.

So lässt sie im Radio noch einmal die schlimmen Stunden Revue passieren: Die Dabrownys waren im Begriff mit ihrer Bavaria 44 “Vagant” die Atlantik-Überquerung zu beenden und hatten nur noch 400 Meilen zu segeln.

Er stand wohl unter Schock

Der Moment, als Ehemann Stan achteraus trieb, ist ihr noch gut im Gedächtnis. “Er sah ruhig aus – als würde auf dem Wasser sitzen. Er kämpfte nicht, machte keine schnellen Bewegungen. Er wartete ruhig im Wasser. Ich wunderte mich, dass er keinen der Rettungsringe ergriff, die an der Seilrolle hingen. Auch nicht die Schot vom Gennaker. Er wird wohl unter Schock gestanden haben.”

Gestrandet Bavaria

Das herrenlos gestrandete Schiff nach dem Abbergen von Elizabeth Dabrowny. © Derek Whitling

Dabrowny ging über Bord, als sich bei starken Wind und Seegang der offenbar an Deck befindliche Gennaker selbstständig machte. Er geriet irgendwie ins Wasser und der Skipper kletterte aufs Vorschiff, um ihn zu sichern.

“Er kämpfte mit dem Segel und ich war starr vor Angst”, sagt seine Frau. “Ich wollte nicht rufen, dass er damit aufhören sollte, damit er nicht noch gestresster wird. Ich sah ihm an, dass er auch Angst hatte. Er trug keine Lifeline und auch keine Rettungsweste. Ich wollte sie ihm durch das Vorluk angeben, hatte aber Angst, dass ich es nicht mehr schließen könnte. Es klemmte.”

Keine Weste getragen

Eigentlich war der polnische Skipper ein erfahrener Segler und mit allen möglichen Patenten ausgestattet. Aber er trug keinen Life Belt und keine Weste. “Ich habe ihn immer daran erinnert.”

“Dann rutscht er beim Bändigen des nassen Segels aus, macht eine Rolle rückwärts. Eine Zeitlang kann er sich noch am Segel halten. Aber ich sah, wie er müde wurde. Dann rutscht er über Bord.

Es war schrecklich. Nach 10 Minuten konnte ich ihn nicht mehr sehen. Ich konnte nicht drehen, weil der Autopilot eingeschaltet war. Es dauerte, bis ich ihn abstellen konnte. Es wurde dunkel. Ich leuchtete mit einer Lampe um ihn im Wasser zu finden. Es war so ein schreckliches Gefühl, dass ich ihm nicht helfen konnte. Er rief: ‘Ela, Ela, Ela, komm zurück.’ Diese Schreie sind ständig in meinem Kopf.

Nie Mann-über-Bord-Manöver geübt

Ich konnte ihm nicht helfen. Warum haben wir nie ein Mann-über-Bord-Manöver trainiert? Immer hatten wir keine Zeit. Dabei wussten wir, dass es uns helfen würde. Er hätte mir wenigstens zeigen können, was man macht, wenn etwas passiert. So ein Training vielleicht einmal pro Woche hätte ihn retten können…Aber immer gab es etwas Wichtigeres.

Wenigstens hat er mir gezeigt, wie man das Satelliten-Telefon anschaltet. Er wollte es nicht wirklich ausprobieren, weil die Verbindungen so teuer sind. Deshalb hatte ich dann doch große Problem bei der Bedienung. Aber dann habe ich es doch geschafft und meine Kinder angerufen. Ich erreichte Agnieszka und schrie, dass Papa nicht mehr an Bord sei.

Dann sprach ich auch mit meinen Söhnen, Grzegorz, Radek und Michał. Sie halfen mir, die Rettung in Gang zu setzen. Ich habe unsere Koordinaten entsprechend des Logbuchs herausgegeben.

“Ich kann nicht schwimmen”

Zwei Frachter waren in der Nähe. Eine brasilianische Besatzung, die Orangensaft geladen hatte, nahm mich an Bord. Ich war in Sicherheit, stand aber immer noch schwer unter Schock. Ich konnte nicht verstehen, warum ich das Schiff nicht drehen konnte.”

Erst später habe sie sich daran erinnert, wie der Ehemann, die Selbststeueranlage an und ausschaltete. Schließlich habe sie dann auch den halb im Wasser schwimmenden Gennaker abgeschnitten. “Ich war nie alleine auf einer Yacht. Ich mag das auch nicht und kann nicht schwimmen. Und plötzlich hat mich das Schicksal in so eine Situation gebracht. Ich betete, heulte, betete. Ich weinte alle meine Tränen in den Ozean. Hier in Polen kann ich nicht mehr weinen.”

Drei Tage trieb Elizabeth Dabrowny alleine auf dem Atlantik und es regnete in Strömen. Schließlich sprach sie wieder mit ihren Töchtern Agnieszka and Hania, die ihre Rettung organisierten. Zwei Tanker erschienen und nahmen sie in die Mitte. “Ich hatte Angst, dass sie mich zerdrücken würden. Sie hupten und signalisierten mir, aber wir konnten keinen Kontakt herstellen. Dann erklärte mir mein Sohn am Telefon, wie ich den Kanal 16 am Funkkgerät anschalte. Danach konnte ich auf diese Weise um Hilfe bitten. Vorher hatte ich schon mit Lippenstift SOS auf Laken geschrieben, die ich am Heck aufhängte.

“Ich habe so viel gebetet”

Mir gelang es auch, eine Seenotfackel in Gang zu bringen. Die zweite funktionierte allerdings nicht. Sie fiel mit ins Boot und ich fürchtete schon ein Feuer an Bord. Aber ich löschte sie mit Wasser. Dann kamen die Männer von dem Schiff und nahmen mich an Bord. Wir fuhren zusammen nach Brasilien.”

Dabrowny will immer noch nicht glauben, dass ihr Mann gestorben ist. “Ich denke, er lebt. Ich glaube fest daran. Er muss irgendwo sein. Man muss einfach an Gott glauben, und ich habe so viel gebetet.” Sie habe extra für diese Reise ein Brevier gekauft, ein sogenanntes Stundenbuch der katholischen Kirche, in dem wöchentlich zu betenden Psalme aufgeführt sind.

“Ich glaube daran, dass Gott mir und meinem Mann helfen wird. Vielleicht hat ihn doch jemand gerettet, bevor die Suche beendet wurde. Ich weiß, dass wir einen Fehler gemacht haben, weil wir nicht angemessen geübt haben. Aber wenn er gestorben wäre, hätte ich das gespürt. Ich habe davon nicht geträumt. Nur von dem alptraumhaften Schrei: Ela, dreh um!”

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „Mann-über-Bord-Ungück: Skipper-Gattin berichtet, warum sie ihrem Mann nicht helfen konnte“

  1. avatar Non solo pane sagt:

    Respekt! So ehrlich zu sagen was schief gelaufen ist verdient Hochachtung. Ich hoffe, sie kann vergessen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 2

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