Mann-über-Bord-Untersuchung: Tod eines Seglers hätte vermieden werden können

Lehren aus dem Ernstfall

Das Heck der Salona 45 "Special One" mit der mobilen Badeleiter. © BSU

Die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchungen (BSU) hat ein Jahr nach dem Todesfall eines Seglers vor Burgtiefe auf Fehmarn ihren Abschlussbericht veröffentlicht und Empfehlungen zur Unfall-Verhütung formuliert. Dabei stehen besonders die Maßnahmen im Blickpunkt, die dazu dienen, einen über Bord gefallenen Menschen wieder an Deck zu holen.

Der Unfall ereignete sich zwei Seemeilen südlich von Burgtiefe auf Fehmarn während einer Ausbildungsreise auf dem Törn zum dänischen Hafen Bagenkop auf Langeland. Eine Segelschule hatte die Salona 45 “Special One” gechartert und war mit achtköpfiger Besatzung ausgelaufen. Nach einer Stunde auf See rauschte bei einer Halse die Großschot aus, nachdem der Skipper sie aus dem Self Tailer der Winsch genommen hatte und sie nicht mehr halten konnte.

Bedingt durch das sogenannte “German Sheeting System”, bei dem die Schot vom Mast kommend geteilt und auf zwei Winschen an Backbord und Steuerbord geleitet wird, rutschten die Schotenden bis zum Mast vor. Der stellvertretende Bootsführer lief nach vorne, um die Schot wieder einzufangen. Dabei fiel er über Bord.

Das Unglücksschiff im Heimathafen Burgstaaken auf Fehmarn. © BSU

Im Folgenden bemühte sich die Crew, den 110 Kilogramm schweren Mann, seitlich wieder an Bord zu holen, zog ihm dabei die aufgeblasene Rettungsweste über den Kopf und scheiterte. Sie führte ihn schließlich zum Heck, wo der Einstieg über eine mobile Badeleiter erfolgen sollte.

Der Mann schaffte es aber nicht, einen Fuß auf die unterste Sprosse zu stellen. Der Skipper sprang ins Wasser und wollte von unten schieben. Der Verunglückte war inzwischen in einen Schockzustand geraten und konnte nicht mehr mithelfen. Schließlich brach die Leiter und der Mann trieb ab. Nur unter großen Schwierigkeiten konnte der Skipper wieder an Bord geholt werden.

Die "Special One" war mit Rettungsmitteln bestens ausgerüstet. © BSU

Der Besatzung eines Fischkutters gelang es ebenfalls nicht, den Segler zu bergen. Der leblose Körper konnte erst mit einem Schlauchboot der Wasserschutzpolizei aufgenommen werden.

Der Untersuchungsbericht stellt fest, dass der Unfall unter anderem passierte, weil sich der Segler trotz angelegter Rettungsweste mit Sicherheitsleine auf dem Weg zum Mast nicht an den angebrachten Strecktauen oder anderswo sicherte.

Danach seien die Rettungsmanöver und Alarmierung anderer Rettungskräfte nicht koordiniert verlaufen. Die mobile Badeleiter sei für die Rettung nicht praktikabel gewesen.

Das BSU stellt fest: “Für geschwächte bzw. etwas übergewichtige Personen ist es schwer bis nahezu unmöglich, diese Leitern mit ihren nur wenig unter die Wasseroberfläche reichenden Stufen zu besteigen. Aufgeblasene Rettungswesten erschweren die Eigenrettung oder Hilfeleistung bei Bergeaktionen zusätzlich, wie der Unfall gezeigt hat. Hinzu kommt, dass bei noch schlechteren Seegangsbedingungen, der Heckbereich einer solchen Yacht durch Stampfbewegungen ein erhebliches Gefährdungspotenzial aufweist.”

Ein Bergesegel hätte die Rettung des 110 Kilo Seglers vereinfachen können. © Oleu

Der tödliche Mensch-über-Bord Unfall sei kein Einzelfall. “Neu bei den jüngsten Untersuchungen der BSU ist, dass auch gut ausgebildete Crews von Regattayachten oder aber auch Crews von Charterschiffen mit großer und vermeintlich erfahrener Besatzung auf solche Unfälle nicht vorbereitet sind.”

Das Schiff sei zwar nicht optimal, aber regelkonform (Badeleiter) ausgerüstet für die Bergung von Personen aus dem Wasser. “Es waren genügend Personen mit Befähigungsschein an Bord, sodass normalerweise zu vermuten gewesen wäre, dass eine über Bord gegangene Person mit den vorhandenen Rettungsmitteln hätte gerettet werden können.

Eine Mensch-über-Bord Situation war im Vorwege aber nicht ausreichend geplant worden, und es fehlte der Besatzung die Erfahrung, wie eine schwergewichtige, hilflose Person aus dem Wasser geborgen werden kann.”

Das BSU empfiehlt, in Zukunft bei der Ausbildung und Prüfung zu Sportbootführerscheinen die praktischen Mensch-über- Bord Manöver besser zu schulen. Die Manöver sollten mit realistischen Puppen geübt werden.

Im BSU Bericht wird ein weiterer Unglücksfall zwischen Ibiza und Mallorca beschrieben, bei dem es ebenfalls nicht gelang, ein über Bord gegangenes Crewmitglied zu retten.

 

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Carsten Kemmling

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7 Kommentare zu „Mann-über-Bord-Untersuchung: Tod eines Seglers hätte vermieden werden können“

  1. avatar T.K. sagt:

    Wenn man schon zusammenfasst, dann bitte korrekt:

    Carsten schreibt: “Der Skipper sprang ins Wasser und wollte von unten schieben. ”

    Im Bericht des BSU steht: “…Während des letzten Bergeversuchs brach ein Bolzen der zweiteiligen Klappleiter und der Bootsführer fiel ebenfalls ins Wasser…”

    Das ist schon ein Unterschied!

    Auch schreibt Carsten: “Sie führte ihn schließlich zum Heck, wo der Einstieg über eine mobile Badeleiter erfolgen sollte.”

    Im Bericht steht: “… Es wurde dann versucht, eine mobile, klappbare Badeleiter am Heck an dafür vorgesehenen Einsteckaugen zu befestigen, was jedoch nicht fachgerecht gelang”

    Die Badeleiter war also noch gar nicht an Ort und Stelle! Folge viel Zeitverlust!

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    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      dank für die hilfe, aber es heißt “…stieg der Bootsführer tiefer ins Wasser und versuchte mit seiner Schulter zu drücken”. okay, er sprang nicht, er stieg.

      und eine mobile badeleiter heißt mobile badeleiter, weil sie eben noch nicht an ort und stelle ist.

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  2. avatar Seven sagt:

    Man muss sich klar sein das 2 Kräftige ,junge ,gesunde Männer es nicht schaffen ein 70Kg schwere Person,von der Badeplattform aus,aus dem Wasser zu ziehen. Auch ein Bergesegel oder ähnliche dinge funktionieren nur wenn: Man man es geübt hat, wenig Wind und Welle ist und der Über bord gegangene eine Schwimmweste trägt. 100% ige Sicherheit gibt es nicht! Das Zögern, ist das was am meisten leben kostet!Im Zweifelsfall immer die Rettungsinsel ins Wasser und den verunglückten dort hineinziehen.Was bedeutet es sind mindestens 3 Leute auf dem Schiff ……………

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  3. avatar Markus sagt:

    Hi,

    was soll so eine Empfehlung bewirken ?????
    60 kg Frau soll 110 kg Mann retten,als Übung ?? oder während einer Prüfung ( Durchfallquote 100 % ) ??
    Na gut, der DSV hätte was davon – aber wohl als einziger….

    Wie wärs mit einer Empfehlung wie es gehen soll ?? Ach ja, das sollen sich andere ausdenken ….

    Es gab nur einen Fehler, meiner Meinung nach – ANLEINEN !

    Fair Winds Markus

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  4. avatar Jojakim sagt:

    Klassischerweise würde man das Groß- oder Vorsegelfall verwenden und den – insbesondere schweren oder entkräfteten – Überbordgegangenen an der Bordwand hochziehen. Man lernt daraus: Nur hochwertige Schwimmwesten MIT Schrittgurt anschaffen!

    Mein Beileid den Angehörigen.
    Jojakim

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  5. avatar Joern sagt:

    Stimme mit meinem Vorposter 100% überein:
    A) Weste mit Schrittgurt, und immer am Schiff fest
    B) im Fall der Fälle, Rest-Crew: Großfall / Spifall einklinken
    C) seitlich an Bordwand hochwinschen, zügig immer dann, wenn das Boot auf jene Seite krängt.
    Wenn Relingsdrähte zu eng, abknipsen (Bolzenschneider)

    traurig.

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  6. avatar Wilfried sagt:

    ein tragischer Unfall der aber schon früher beginnt. Ein Ausbildungsskipper der die Großschot nicht halten kann weil er sie aus dem Selftailer nimmt? Wenn Parten auf der Winsch liegen kein Problem oder wer will mal vormachen wie man Schoten fiert die im Selftailer sind. Schoten rauschen bis zum Mast aus. Keine Knoten? oder gibt es da keine Umlenkrolle? Warum rennt einer zum Mast. Wenn ein Knoten in der Schot ist kann ich bequem üner die zweite Großschotwinsch dichtholen. Mit sieben Mann nicht in der Lage den Mann anzupicken und hochzuwinschen????? Ich war nicht dabei, aber was waren das für Ausbilder…

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