Meeresarchäologie: Wurde tatsächlich das Wrack von Kolumbus’ Flaggschiff gefunden?

+++ Ist das Wrack ein Wrack? +++

Ein amerikanischer Forscher behauptet, das Wrack der berühmten „Santa Maria“ gefunden zu haben. Doch ist das „Wrack“ kein Wrack und die Begleitumstände des Fundes wirken seltsam.

Es war die (kulturelle) Topmeldung des gestrigen Tages: Der US-amerikanische Forscher Barry Clifford ließ gestern über den US-TV-Sender CNN verlauten, dass er mit „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ das Wrack von Christoph Kolumbus Flaggschiff Santa Maria gefunden habe. Es liege just an der Stelle, die der Entdecker vor mehr als 500 Jahren bereits in seinem Logbuch beschrieben hatte: Auf einer Untiefe, unweit des (heutigen) Städtchens Cap Haitien.

Ganz sicher sind sich die Historiker nicht, aber so soll sie etwa ausgesehen haben: Nachbau der "Santa Maria" © Maritime museum

Ganz sicher sind sich die Historiker nicht, aber so soll sie etwa ausgesehen haben: Nachbau der “Santa Maria” © Maritime museum

Dieser Fund sei der „Mount Everest der Meeresarchäologie“ freute sich Clifford im Skype-Gespräch mit einem CNN-Journalisten, der ihn wiederum als „Indiana Jones der Meere“ feierte.

Auch ein renommierter Meeresarchäologe schloss sich nach Untersuchung einiger Unterwasseraufnahmen der Annahme an und bestätigte, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit tatsächlich um den „Abdruck“ der am 25. Dezember 1492 gesunkenen „Santa Maria“ handeln könne: Die Schiffslänge stimme in etwa überein (zwischen 19 und 23 Meter), auch die Form könne stimmen.

[ds_preview] (Ab hier Text für SR Clubmitglieder)

„Nur“ ein Haufen Steine

Womit wir beim Mysterium dieser Geschichte wären. Denn im Gegensatz zu der Behauptung nahezu aller Medien, handelt es sich bei dem Fund höchstwahrscheinlich nicht um das, was man sich gemeinhin unter einem Wrack vorstellt, sondern – wenn überhaupt – lediglich um den archäologischen „Abdruck“ desselben (Ein Abdruck entsteht, wenn ein Gegenstand Druck auf einen verformbaren, meist feuchten Untergrund ausübt).

Soll heißen: Die Vorstellung, da unten noch ein Gerippe des Rumpfes oder zumindest Holzreste oder Ähnliches zu finden, kann man getrost vergessen.

Doch selbst dieser Abdruck steht mittlerweile bei einigen hinzu gezogenen Forschern per se in Frage…

Schon 2003 „entdeckt“

Vorgeschichte: Tatsächlich fand Clifford die vermeintlichen Reste der „Santa Maria“ bereits bei einem Tauchgang im Jahre 2003. Schon damals war er auf der Suche nach dem Flaggschiff von Kolumbus erster Flotte und fand – ausgerechnet in dem Bereich, den Kolumbus in seinen Logbuch-Notizen beschrieb – eben diesen Abdruck. Damals konnte auch noch eine Kanone gefunden und fotografiert werden , die Clifford „allerdings falsch einschätzte bzw. datierte“, wie er heute behauptet. Er habe sich nicht intensiv genug mit dem Modell der Kanone beschäftigt, sei nicht gut genug informiert gewesen.

Chrisoph Kolumbus: Der Mann, dessen Entdeckung ein neues Zeitalter einläutete © prado

Chrisoph Kolumbus: Der Mann, dessen Entdeckung ein neues Zeitalter einläutete © prado

Also ließ er damals alles wie es ist und machte sich andernorts auf die Suche nach der „Santa Maria“, von der er heute meint, sie sei der „Mount Everest der Meeresarchäologie“?

Handelt so jemand, der in der Szene als fanatischer „Schatzsucher“ bekannt ist (er fand u.a. das einzige bekannte Piratenschiffswrack mit einem Münzenschatz)? Vor zwei Jahren sei es ihm dann beim „näheren Beschäftigen mit dem Kanonen-Typus „wie Schuppen von den Augen gefallen“, dass er damals die „Santa Maria“ gefunden habe. Als er nun schließlich „die Zeit dafür gefunden habe“ und erneut eine Tauchexpedition am Fundort leitete, sei ihm freilich klar geworden, dass mittlerweile Plünderer ebenfalls das Wrack gefunden haben müssten: Die Kanone war jedenfalls weg und auch der Abdruck sei stark aufgewühlt worden, die Ballaststeine umgedreht.

Kann es überhaupt ein Wrack geben?

Überhaupt, die Ballaststeine. Zu Kolumbus Zeiten führten die Schiffe im Rumpf große Brocken Gestein mit sich. Sie könnten ein wichtiges Indiz dafür sein, ob es sich zumindest um den Abdruck eines Schiffes von der spanischen Küste handelt. Diesbezügliche Untersuchungen laufen derzeit.

Stellt sich zuletzt noch die Frage, ob die „Santa Maria“ überhaupt einen Abdruck hinterlassen haben kann. Die Geschichtsschreiber sind sich einig, dass Kolumbus öfters in seinem Logbuch und in seinen späteren Erzählungen geschwindelt hat. Aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen sei dahin gestellt.

Die ersten europäischen Siedlungen auf Haiti © wikipedia

Die ersten europäischen Siedlungen auf Haiti © wikipedia

Wahr scheint jedoch zu sein, dass die „Santa Maria“ tatsächlich auf eine Untiefe lief – oder gesetzt wurde. Ob dies nun nach einer Weihnachtsfeier an Bord im Vollrausch geschah, ob der Steuermann einfach unaufmerksam war oder ob Kolumbus „die schwerfällige, nur sehr schwer zu segelnde und eigentlich für Expeditionen ungeeignete heilige Maria“ (Zitat Kolumbus)  bewusst auf die Untiefe fuhr, damit es einen Grund gab, 40 Seeleute als Pioniere auf der Insel an Land zu lassen, wird wohl nie nachvollzogen werden.

Kolumbus segelte jedenfalls auf der kürzeren und schnelleren „Nina“ zurück nach Spanien um die Entdeckung der „Ostseite Asiens“ bekannt zu geben…

Verbürgt ist jedoch, dass die Seeleute das große Flaggschiff vollständig abwrackten, um daraus an Land ein Fort namens „La Navidad“ (Weihnachten) gegen etwaige Übergriffe der  Ureinwohner zu bauen. Und da das Schiff in höchstens 3-4 Meter tiefem Wasser absank ist davon auszugehen, dass sie ihre Abwrack-Arbeiten ziemlich gewissenhaft, vor allem aber vollständig ausführten.  Stellt sich also die Frage: Kann es überhaupt ein Wrack geben?

So hatte Kolumbus die Lage von La Navidad skizziert © prado

So hatte Kolumbus die Lage von La Navidad skizziert © prado

Alles abgebrannt

Als Kolumbus 11 Monate später mit seiner zweiten Flotte in „La Navidad“ ereichte, fand er nur noch die Überreste des Forts. Seine Mannen hatten sich in üblicher konquistadorischer Weise über die Dörfer der Ureinwohner hergemacht; ein Stammeshäuptling aus dem Landesinneren organisierte schließlich einen Rachefeldzug und metzelte alle Bleichgesichter nieder. „La Navidad“  wurde geschliffen und abgebrannt.

In den Siebziger-Jahren fanden Archäologen vermeintliche Überreste dieser ersten Siedlung – oder besser gesagt: Einen Abdruck davon.

Genau im gleichen Winkel zum „Wrack“ der Santa Maria gelegen, wie ihn Kolumbus auf seinen ersten rudimentären Karten der von ihm entdeckten Insel „Hispaniola“ eingetragen hatte.

Ein Haufen Steine, hier noch mit Kanone – U-Wasser-Aufnahme aus dem Jahre 2003 © clifford

Ein Haufen Steine, hier noch mit Kanone – U-Wasser-Aufnahme aus dem Jahre 2003 © clifford

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Michael Kunst

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