Meinung Megayacht-Konzept „Vento“ will grün und nachhaltig sein – ein Widerspruch

Wieviel "Öko" steckt in "Vento"?

Ein italienisches Designer-Duo kündigt mit der 100m-Megayacht „Vento“ ein angeblich nachhaltiges, umweltverträgliches und ökologische Projekt an. Und empfiehlt, die Klimaanlage nicht auf „kalt“ zu stellen sowie langsamer zu fahren, um die Ufer zu schonen. Kann das reichen? 

Kann das gutgehen? Eine Megayacht mit dem Anspruch, ökologisch zu sein? © vento/sand people

Das Verhältnis von Normalo-Seglern zu Super- und Megayachten ist per se schon immer ein ambivalentes gewesen. Klar, man schaut sich diesen Gigantismus, diesen schieren Luxus, Pomp und Prunk durchaus mal wohlwollend an, zuckt dann mit den Schultern und ärgert sich als einigermaßen umweltbewusst denkender Wassersportler über all’ die verschwendeten Ressourcen, die ins Himmels- und Meeresblau geschleuderten Emissionen und natürlich über den Aufwand, der letztendlich für den dekadenten Zeitvertreib eines Eigners und seiner Handvoll Gäste betrieben wird. Ganz zu schweigen davon, was man mit den ganzen Millionen alles Sinnvolles hätte machen können… 

Können Megayachten ökologisch sein?

Bei SR haben wir schon Dutzende Berichte über segelnde Mega- und Superyachten veröffentlicht. Zum Einen, weil sie aufgrund ihrer mehr oder weniger guten Segel-Performance durchaus in unseren Themenbereich passen. Zum Anderen, weil sie im Konzept-Stadium mitunter spannende Elemente beinhalten, die seglerisch zukunftsweisend sein können. 

In den letzten Jahren kamen zudem Projekte in den „Umlauf“, die sich auch mit einer gewissen Umweltverträglichkeit rühmen. Nicht zuletzt, weil die riesigen Yachten als Umweltmonster verpönt sind. Und das völlig zurecht. 

Da war es im Ansatz ein kleiner Grund zur Freude, als ein italienische Megayacht-Designer-Duo kürzlich das Konzept „Vento“ vorstellte. Eine Öko-Megayacht, die umweltverträglich gebaut wieder zurück zu den Wurzeln des Yachtsports führen soll. Also dort, wo man wirklich noch segelt und nicht nur ein paar Masten aufs Deck pflanzt, an denen tausende Quadratmeter Segelfläche hängen, letztendlich aber die meiste Zeit unter Motor von Cannes nach Monte Carlo  gefahren wird. 

Nein, was die Herren Nuvolari und Lenard vorstellen, ist das Projekt einer 100-Meter-Superyacht, die „eine realistische Rückkehr zum nachhaltigen Segeln“ ermöglicht. Unter dem Titel „Zurück in die Zukunft“ wollen die beiden mit „Vento“ einen Appell an (andere) Designer richten, endlich umweltgerecht zu agieren. „Vento“ sei ein Manifest für den Umweltschutz; man wolle nicht die „x-te segelgestützte Megayacht bauen, sondern eine neue Denkweise unter Megayacht-Eignern fördern“. 

Es kommt aufs Große und Ganze an

Dafür haben die beiden italienischen Designer ein Rezept entwickelt, das – getrennt von anderen Faktoren betrachtet – in mancher Hinsicht tatsächlich Sinn macht. Sie beschwören die mögliche Segelperformance, wenn man die Wasserlinie verlängert und die Yacht insgesamt leichter konzipiert (nicht unbedingt bahnbrechende Erkenntnisse). Sie wollen die Yacht mit Wing Sails bestücken, die – „America’s Cup-Erkenntnis!“ – deutlich höhere Effizienz als herkömmliche Riggs und Segel bieten. Dank der Wing-Performance benötige man eine geringere Segelfläche (nur noch 2.100 qm) als mit herkömmlichen Riggs, heißt es weiter in einer Pressemitteilung. 

©vento/sand people

Was wiederum einen leichteren Kiel nach sich zieht, dessen Tiefgang man übrigens von 6 auf 9 m durch eine Hubvorrichtung verringern kann. All’ dies, um eine höhere Segelperformance zu ermöglichen und um mehr Seemeilen als andere Megayachten tatsächlich unter dem umweltschonenden Windantrieb zurück zu legen. Und wenn dann doch der Motor zum Einsatz kommt, werden die Propeller von einem Elektro- und Verbrennungs-Hybrid angetrieben. 

So weit der technische Aspekt des umweltbewussten und nachhaltigen Megayacht-Projektes „Vento“

Als I-Tüpfelchen zu den Themen Öko, Umwelt und Nachhaltigkeit rufen Nuvolari und Lenard zudem die Megayacht-Eigner im Allgemeinen und die Vento-Eigner im Besonderen dazu auf, „so viel wie möglich zu segeln, die Umwelt nicht zu verschmutzen, sich langsam zu bewegen, um für die Küsten gefährliche Wellenbewegungen zu vermeiden, Energie zu sparen (indem man die Klimaanlage nicht auf “eiskalte” Temperaturen unter Deck einstellt) und vor allem die Kontrolle über die Segelzeit zurückzugewinnen, indem man die Launen des Windes respektiert. Was im Mittelmeer bedeutet, sich in den frühen Morgenstunden und während der thermischen Nachmittagsbrisen zu bewegen.“

Die Details sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein

Um ehrlich zu sein: Das ist ja alles ganz nett, aber kann das wirklich reichen, um ein Megayacht-Projekt mit 100 Meter langem Schiffsrumpf, mit über 2.000 Quadratmetern Wing-Segelfläche, mit vier VIP-Kabinen, eine Super-VIP-Kabine, mit großer Master-Suite im vorderen Teil des Hauptdecks mit einer privaten Terrasse, mit Flybridge, Spa, Beach Club etc. p.p. um all’ das als ökologisch, umweltverträglich und nachhaltig zu bezeichnen? 

Natürlich nicht! Wenn ein 100 m langer Rumpf aus Aluminium gefertigt wird, haben wir es mit einem der umweltschädlichsten Baustoffe unseres Planeten zu tun. Der Abbau von Aluminium findet meist unter ausbeuterischen Verhältnissen statt, die Produktion und die Reststoffe der Produktion verursachen weltweit enorme Umweltschäden. Bei der Stromerzeugung für die Produktion von einem Kilogramm Aluminium werden im deutschen Kraftwerkspark 8,4 kg CO2 freigesetzt, im weltweiten Durchschnitt etwa 10 kg.

Die Masten und große Teile der Innenräume werden bei „Vento“ nach Angaben der Designer auch aus Gewichtsgründen aus Karbon bestehen. Nicht erst seit der letzten Vendée Globe ist Karbon als Werkstoff unter Seglern aus umweltspezifischen Gründen in (heftiger) Diskussion. Auch bei der Produktion von Karbon werden große Mengen Energie benötigt. Zudem steckt das Recycling von Karbon immer noch in den Anfängen fest und klappt bislang nur in speziellen Fällen.

Carlo Nuvolari – Dan Lenard – Wird’s jetzt ökologisch im Megayacht-Design? © vento/sand people

Die Verwendung von angeblich modernen Verbundwerkstoffen speziell für die Innenraumgestaltung ist aus umweltspezifischer Sicht betrachtet seit jeher problematisch. Recyclingfähig sind hier nur die wenigsten Stoffe – von Ökologie keine Spur. 

Alles, bloß nicht „sauber“.

Die Liste könnte noch lange fortgesetzt werden – echte Nachhaltigkeit, tatsächliche Ökologie beim Bau einer Megayacht sieht jedenfalls anders aus. 

Natürlich ist der Ansatz zum Bau einer umweltgerechten Megayacht per se lobenswert. Doch was Nuvolari und Lenard hier vorstellen, ist nichts anderes als Augenwischerei. Und auch der Schritt zurück zu mehr Segelperformance, damit auch Megasegelyachten eben segeln, ist beachtlich und erfreulich. Doch Ökologie, Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit in einer Yacht sind in erster Linie mit den Baustoffen und -materialien in Einklang zu bringen. Da wirkt der Aufruf, die Klimaanlage nicht ganz so hoch zu drehen fast schon wie Hohn. 

„Vento“ mag ein neues, vielleicht auch interessantes Megayacht-Projekt sein. Ökologisch, nachhaltig und umweltgerecht ist es nicht. Basta! 

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Michael Kunst

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