Politik: Wie ein Knoten zum Gesprächstoff wird – Kleine Knotenkunde zum G20-Gipfel

Das Kreuz mit dem Knoten

G20-Gipfel, Kreuzknoten, Logo

Der Knoten des Anstoßes. Kreuz- oder Diebesknoten als G20-Symbol. © scholz friends

Sieht man nun die losen Enden des G20 Symbols oder nicht? War es wirklich ein Kreuzknoten? Und hält der auch, was er verspricht?

Keine Frage, der G20-Gipfel am 7.Juli 2017 polarisiert. Und das schon seit Monaten. Die Bundeskanzlerin freut sich auf ein „konstruktives Zusammentreffen“ der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer, die rund 90 Prozent des Weltsozialproduktes und zwei Drittel der Weltbevölkerung ausmachen.

Zeitgleich soll mit groß angelegten Demonstrationen und Protestaktionen das „NoGo“ G20-Gipfel „in Hamburg versenkt“ werden. Allein für die Großdemonstration eines Linksbündnisses werden 100.00 Teilnehmer erwartet. Entsprechend steht eines der größten Polizeiaufgebote der bundesdeutschen Geschichte auf dem Programm und es werden wohl mehr als 50 Millionen Euro Steuergelder in den Gipfel gesteckt – allein die GeSa (Gefangenensammelstelle) für böse und unwillige Protestler soll über vier Millionen Euro kosten. 

Genug Stoff für spannende Berichterstattung vor, während und nach dem Gipfel, könnte man meinen. Doch der „Aufreger der Veranstaltung“ ist – zumindest im Vorfeld – ein Knoten! Ein Kreuzknoten, um präzise zu sein. 

Denn die Designer des G20-Gipfel-Logos haben es doch glatt gewagt, für ein verbindendes politisches Treffen  in Deutschlands maritimer Hauptstadt Hamburg einen symbolträchtigen Knoten, Stich oder Stek als Logo zu verwenden, der einen, sagen wir mal „zweifelhaften“ Ruf in der Seefahrt hat! 

Nur unter Zug!

Segler wissen, dass ein (richtig geführter) Kreuzknoten zwar gefällig aussieht, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen auch einigermaßen sicher ist. Sind die beiden zu verbindenden Enden beispielsweise nicht gleich stark, dick oder dünn, rutscht die Verbindung gerne auseinander. Vor allem, wenn die beiden Schoten nicht unter Zug sind. Das gilt auch für viele neue Schotmaterialien – vor allem bei Nässe (bekanntlich nicht selten in der maritimen Welt) „glitscht“ da gerne mal der Knoten auf. 

G20-Gipfel, Kreuzknoten, Logo

Ein echter Kreuzknoten: die beiden Enden liegen sich oben gegenüber © wikipedia

Und sind wir mal ganz ehrlich: Obwohl wir das alles wissen, wird der Kreuzknoten nach wie vor allerhäufigst angewendet. Seemannschaft hin oder her, der Kreuzknoten gehört doch irgendwie dazu. Also wird er auch geknotet, täglich tausend Mal – vielleicht weil er einfach verbindlich (im doppelten Wortsinne) aussieht?

Nun zeigte sich jedoch, dass es in vielen Redaktionen ausgewiesene Spezialisten für Seemannschaft gibt. Die sich genüsslich auf den Faux-pas des unangebrachten Knotens stürzen. Und so im Logo des G20-Gipfels sogar ein „Zeichen für ein Scheitern“ der Veranstaltung sehen oder Logo und Gipfel gleich als „Fake“ erkennen. 

So schreibt die „taz“ in einer Ankündigung ihrer achtseitigen Sonderbeilage zum Gipfel: „Es fängt ja schon mit diesem Knoten an. Ein Kreuzknoten! Das offizielle Symbol des G20-Gipfels ist doch tatsächlich der Kreuzknoten. Mal davon abgesehen, dass das mit den maritimen Assoziationen so eine Hamburger Marketing-Marotte ist – unter Seglern weiß man: Der Kreuzknoten ist zum „Verbinden zweier gleich starker Enden“ da. Und davon kann bei den G20 ja wohl überhaupt keine Rede sein…” 

Locker oder nicht?

Die FAZ bemühte gar einen „Segeltrainer“  der bescheinigte, dass der Kreuzknoten „inzwischen als der unsicherste Knoten gilt, den es gibt“. Um dann belehrend von den wirklich sicheren Knoten zu berichten… nur: die waren eben nicht auf dem Logo des G20-Gipfels!

Der mdr schrieb vage: „Die Bundesregierung von Angela Merkel will die Verknüpfung vorantreiben: Ein lockerer Knoten, der gleichstarke Seile verbindet, ist das Symbol der deutschen Präsidentschaft – ihr Motto: “Die vernetzte Welt gestalten“.  

Lockerer Knoten? Das hatte die Bundeskanzlerin in einer Rede vor Gewerkschaftern am 17.Mai präziser formuliert: „Wir werden ja in Hamburg tagen. Wir haben uns überlegt, dass wir einen Schifffahrtsknoten als Symbol nehmen. Das ist der sogenannte Kreuzknoten. Je mehr man an ihm zieht, umso fester wird er; das ist das Schöne an diesem Knoten. Wir glauben eben, dass die vernetzte Welt auch dann kräftig zusammenhalten muss, wenn verschiedene Kräfte am Knoten ziehen.“ 

Besonders genau hingeschaut hat jedoch das manager magazin. Auch sie monieren zunächst „Experten sehen die Schwächen unter anderem darin, dass der Knoten im lockeren Zustand sowie bei wechselnden Belastungen nicht gut hält und bei modernem Kunstfasertauwerk ohnehin schnell durchrutscht.“ 

Kreuz- oder Diebesknoten?

Gut, das mit „dem lockeren Zustand“ hat Frau Merkel ja schon klargestellt. Doch beim Blick auf die animierte Version des Logos (ja, die gab es auch… wohlgemerkt: die gab es!) fiel der Redaktion auf, dass der Kreuzknoten gar keiner ist. Sondern ein sogenannter Diebesknoten – ein Scherzknoten, der sich von selbst öffnet (unzählige Segler kennen ihn unter dem Begriff „Schei…knoten“, weil man eigentlich einen Kreuzknoten knoten wollte, aber falsch anfing).

Das manager magazin schreibt: „Beim (statischen) Signet ist der falsche Knoten nicht zu erkennen, weil dort die “Enden” verborgen werden – und genau dort unterscheiden sich der Kreuz- vom Diebesknoten; beim Kreuzknoten liegen die beiden losen Enden sich gegenüber, beim Diebesknoten dagegen – wie in der G20-Animation – sich diagonal gegenüber (siehe dazu offizielle Animation). Sobald Zug aufgebaut wird, löst sich der Diebesknoten.“ 

G20-Gipfel, Kreuzknoten, Logo

Nur ein Diebesknoten: ein Ende oben, das andere gegenüberliegend unten © wikipedia

Das war in der Tat ein echter Faux-pas, der gleich von der Bundesregierung ausgemerzt wurde, indem die animierte Version des (zugegeben sehr schön dahin schlängelnden) falschen Kreuzknotens aus dem Verkehr gezogen wurde und nur noch die statische Version (auf der eben die losen Enden nicht zu erkennen sind) Verwendung findet. Nicht ohne süffisant in einer Pressemitteilung zu vermerken: “Die Animation des G20-Logos ist nicht als Knüpfanleitung für einen bestimmten Knoten zu verstehen. Um aber Fehlinterpretationen auszuschließen, werden wir die Animation überarbeiten.“ 

Ziemlich verknotet

So weit, so gut. Stellt sich abschließend die Frage, ob da nicht etwas zu viel Aufhebens um einen Knoten gemacht wurde, den wir alle lieben, obwohl wir ihn nicht so ganz ernst nehmen. Denn der G20-Gipfel wird sich – unter Zug oder lose – sowieso dermaßen „verknoten“, dass im Traum nicht daran zu denken sein wird, den Knoten wieder aufzukriegen. Höchstens mit einem Schwerthieb, wie es einst Alexander der Große mit dem Gordischen Knoten gemacht haben soll. 

Andererseits möchte man nicht wissen, wieviele Steuergelder in die Entwicklung des animierten G20-Gipfellogos bei der Agentur Scholz & Friends gelandet sind. Da kann man schon einen echten Kreuz- und keinen Diebesknoten erwarten. Oder war das jetzt symbolisch gemeint?

Tipp: Martin Christiansen

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Politik: Wie ein Knoten zum Gesprächstoff wird – Kleine Knotenkunde zum G20-Gipfel“

  1. avatar Lyr sagt:

    Haha, sehr schön.
    Aber ein gutes Symbol ist eines worüber man spricht…

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  2. avatar addi sagt:

    Köstlich miku! Hab mich wunderbar amüsiert.

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