Micro-Segeln: Tom McNally (77) gestorben – „wildester Micro-Segler“ aller Zeiten

Harter Knochen

Tom McNally, Microsegeln

Tom bei seinem letzten Versuch 1998 © mcnally

Nachruf auf einen Mann, der selbst in der Micro-Szene als „durchgeknallt, aber höchst sympathisch“ bekannt war. Sein Motto: „Durchhalten!“

Natürlich war der Mann besessen. Aber auf eine sympathische Art und Weise: Tom McNally aus Liverpool/Großbritannien galt als der „verrückteste Hund“ in der an sonderbaren Charakteren nicht gerade armen Micro-Segler-Szene. Im Sinn hatte er nur das Eine – im möglichst kleinsten Boot aller Zeiten über den Atlantik zu segeln, besser: zu treiben. Dafür gab er seinen sicheren Job als Lehrer auf und machte aus seinem Leben ein einziges Abenteuer. 

Tom McNally war dieser Typ Bastler, der aus dem Zeug, das andere wegwarfen, hochseetüchtige Boote baute, wenn sie auch nicht sehr groß waren. Und er war einer dieser Segler, die aus den haarsträubendsten Situationen immer wieder rauskommen. Dabei hasste er Einsamkeit, Tom hatte immer ein Haustier dabei – entweder den Einsiedlerkrebs „Ernie Shackleton“  oder später eine Vogelspinne, deren Namen er nie verriet.

Von Russen gerettet

Feuer zerstörte eines seiner Boote, kurz bevor er es im zweiten Stock eines Lebensmittelladens fertig gebaut hatte. Er bastelte ein anderes namens „Big C“ (das 1,85 Meter „big“ war) und verschiffte es nach Neufundland, segelte von dort in einen katastrophalen Sturm, wurde unter dramatischen Umständen auf hoher See von einem russischen Handelsschiff gerettet. Das hatte zuvor einen Funkspruch der Küstenwache falsch verstanden und suchte zunächst nach einem Boot mit sechs Männern an Bord statt nach einem Sechs-Fuß-Boot mit einem Mann. Was im Ergebnis aber keinen Unterschied machte. Legendär: McNally rutschte bei der Rettungsaktion die Hose vom Körper und als er schließlich triefend nass, halbnackt und schlotternd an Deck stand, soll einer der Russen gesagt haben: „Diese Engländer haben nicht nur kleine Boote!“ 

Tom McNally, Microsegeln

Er konnte nicht anders, sagt seine Tochter heute über Tom © mcnally

Tom McNally liebte die See genauso wie seine Familie. Hin- und hergerissen zwischen seiner Passion und seinem Verantwortungsbewusstsein, nahm er Unmengen Jobs an, um die Familie über Wasser zu halten und baute nebenher seine Boote tatsächlich aus dem Abfall der anderen. Sein Basteltrieb faszinierte selbst andere Microsegler, vor allem weil er immer darüber nachsann, wie man noch zwei Zoll hier oder drei Zoll dort einsparen könnte. Für immer wird wohl seine „Waschmaschinen-Kleiderschrank-Konstruktion“ in die Micro-Annalen eingehen: Tom fand im Sperrmüll einen Kleiderschrank, der exakt seinen Vorstellungen von einem idealen Micro-Bootsrumpf entsprach, schmierte eine Lage Gelcoat drüber und setzte als (wasserdichte!) Einstiegsluke eine Waschmaschinentüre drauf. Eine Konstruktion, die ihn erstmals auf die Titelseiten großer englischer Tageszeitungen brachte. 

Im Hafen gesunken und beinahe ersoffen

McNally versuchte es immer wieder und erlitt oft genug den sprichwörtlichen und tatsächlichen Schiffbruch. Eines seiner Boote sank einen Tag vor dem Start zu einer Ost-West-Atlantikquerung, als zwei Männer zu Tom an Bord kamen und das Boot somit deutlich überlasteten und zum Kentern brachten. Die Jacke von einem der beiden Männer verhakte sich und Tom rettete mit einem beherzten Tauchgang im Hafenbrackwasser denjenigen, der gerade seinem Traum vom Segeln über den Atlantik ein vorzeitiges Ende bereitet hatte, vor dessen Ende. 

Oder diese eine Abfahrt, als er in einem Hafen „auf dem Kontinent“ von Dutzenden Journalisten an seinem Boot erwartet wurde. Tom war ein bisschen spät dran, hastete aus seinem Hotel gegenüber raus auf die vielbefahrene Küstenstraße, schaut natürlich in die (jetzt) falsche Richtung (Achtung: Rechtsverkehr) und wird von einem Auto angefahren. Dessen Fahrer vergewissert sich, dass Tom noch lebt und haut ab. Der Brite schleppt sich mit gebrochenem Arm, Platz- und Schürfwunden schwer blutend zum Pressetermin im Hafen. Und schaffte es schon wieder auf die Titelseiten… 

Tom McNally, Microsegeln

Zum Setzen des Kiels hing Tom seine Boote schon mal an den  zweiten Stock © mcnally

Überhaupt war Tom McNally ein harter Knochen. Er wurde mit seinen Micro-Bootskonstruktionen von Frachter überfahren und von Fähren gerammt. Was jedes Mal geschah, ohne dass der Kollisionsgegner Notiz davon nahm. Tom überlebte nur knapp, aber er überlebte. Er wurde von Polizeibehörden in Portugal oder auf den Kanaren am Auslaufen gehindert und konnte nur mit List und Tücke nachts während einer Zigarettenpause der Bewacher fliehen. 

1993 trieb er in einem 1,65 Meter kurzen Boot „Vera Hugh“ von Sagres, Portugal in 134 Tagen nach Puerto Rico und später nach Fort Lauderdale, Florida. Diese epische Reise, bei der an Bord alles schief lief, was schief laufen konnte, kostete ihn nicht nur 20 kg Körpergewicht – Tom hatte aus Gewichtsgründen auf „allzuviel Tütennahrung“ verzichtet – sondern auch die Gesundheit. Denn der Einhandsegler trank über viele Tage hinweg Salzwasser, weil die Entsalzungsanlage an Bord kaputt war. Seine Nieren standen kurz vor dem Kollaps… 

Ironie dieser Geschichte: Kurz nach Tom segelte Hugo Vihlen auf einem Boot, das einen halben Zoll kürzer war, über den Atlantik von West nach Ost. 

Ziel Fort Lauderdale wird erreicht werden

1988 wagte er nochmals auf der „Vera Hugh II“ mit 95 Zentimetern Rumpflänge dem bis dato kleinsten Boot aller Zeiten,  die Atlantiküberquerung von Tangers aus. Und scheiterte bereits vor den Kanaren… 

Tom McNally sollte sich von seiner Nierenproblematik durch Salzwasser nie wieder so richtig erholen. Seit mehr als fünf Jahren kämpfte er gegen verschiedene Krebsarten in seinem Körper.  Dennoch baute er im Garten seiner Tochter an einem Micro-Segler, mit dem er noch ein einziges Mal… 

Tom McNally starb am 11. Juni im Alter von 77 Jahren. Seine Tochter möchte seine Asche vor Fort Lauderdale, dem ewigen Ziel seiner Träume, dem Meer übergeben. R.I.P. 

(siehe auch SR-Bericht “Fakir der Meere“)

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Micro-Segeln: Tom McNally (77) gestorben – „wildester Micro-Segler“ aller Zeiten“

  1. avatar alikatze sagt:

    Seehr schöner Bericht! Bewunderns- und liebenswerter Vogel 🙂
    Vielen Dank!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

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