Microtransat: Die 2.4mR-Klasse macht Furore bei den Roboterbooten

Von den Paralympics zu den Robotern

Die 2.4mR als Roboterboot © aland sailing robots

Jedes Jahr versuchen Wissenschaftler-Teams, mit unbemannten, autonom segelnden Booten den Atlantik zu bezwingen – bisher ohne Erfolg. Nun liegen die Hoffnungen auf einer alten Bekannten: der ehemaligen paralympischen Einhandklasse 2.4mR

Wissenschaftler und Segler mit einem gewissen Hang zu technischen Zukunftsvisionen sind schon seit Langem gleichermaßen fasziniert von der Idee, unbemannte, autonom agierende Segelboote über die Weltmeere zu schicken. Und eigentlich sollte dies in Zeiten, in denen große Automobil-Hersteller und Flugzeugbauer längst mit selbststeuernden, autonomen Fahrzeug- bzw. Flugrobotern experimentieren und diese bereits in vielen Bereichen einsetzen, auch auf den Ozeanen unseres Blauen Planeten kein Problem mehr sein, oder? 

Roboter ohne Hilfe von außen

Der Haken liegt im Begriff „autonom“. Denn um „unabhängig und eigenständig“ über die See zu segeln, müssen Roboter-Boote ungleich mehr Hindernisse überwinden und Problemsituationen meistern, als etwa im vergleichsweise „strukturierten“ Autoverkehr. Wechselnde Windrichtungen und -stärken, Seegang, Strom, Seegrasfelder, Treibgut, Schiffsverkehr und, und, und… die Liste potentieller Komplikationen ist lang und hartnäckig. 

So wurden in den letzten Jahren zwar beeindruckende Erfolge mit dem semi-autonomen Segelroboter „Saildrone“ erzielt (SR-Bericht), der immerhin bereits den halben Pazifik zwischen Kalifornien und Hawaii bewältigte. Angeblich wäre es der Saildrone dabei rein technisch durchaus möglich gewesen, vollständig autonom zu segeln. Ihre Macher und Projektleiter haben jedoch mehrere Male über Satellit den Kurs ihres schwimmenden „Babys“ korrigiert, um die „Saildrone“ vor schwierigen Wettersituationen in Sicherheit zu bringen.

Unbemanntes Segeln, Segelroboter

Ganz allein auf dem Pazifik unterwegs: Die Saildrone steuert Gerade Hawaii an © saildrone

Seitdem wird die segelnde Drohne (und einige ihrer mittlerweile in kleiner Serie gebauten Nachfolger) erfolgreich zu wissenschaftlichen Zwecken eingesetzt und misst Meeresströmungen, spürt Fischgründe auf, untersucht Wasserverschmutzung in entlegenen Gebieten und warnt (noch im Test) vor Tsunamis nach Erdbeben. Immer unbemannt, nur selten jedoch tatsächlich autonom agierend. 

Roboter Segeln,

Beim autonomen Bojenrunden © aland robot sailing

Auch die vielbeachtete britische „MARS“ (SR-Bericht) soll im Jahre 2020 unbemannt einen Ozean überqueren. Der futuristisch anmutende, immerhin 100 Fuß lange Trimaran-Zweimaster soll auf den Spuren der legendären „Mayflower“ mit einer Geschwindigkeit von 20 Knoten unter Segeln über den Atlantik rasen. Jedoch wird das Boot auch über einen Elektromotor angetrieben – und inwieweit der Trimaran tatsächlich autonom oder doch „ferngesteuert“ unterwegs sein wird, steht (wie übrigens auch die Finanzierung des Projektes) noch in den Sternen. 

Sportliche Variante

All das sind Beispiele, die von den Organisatoren des Microtransat Challenge zwar aufmerksam beobachtet, letztendlich aber als „unsportlich“ bewertet werden dürften. Denn wie der Zusatz „Challenge“ bereits klarstellt, handelt es sich bei der Microtransat um einen Wettbewerb, den man durchaus sportlich sehen sollte.

Roboter Segeln,

2.4mR mit Flügelrigg © aland robot sailing

Offiziell soll der Sieger dieser Microtransat das Boot sein, das als schnellstes vollständig autonom über den Atlantik segelt. Tatsächlich wird der Sieger aber derjenige sein, der überhaupt auf der anderen Seite des Großen Teichs ankommt. Denn seit 2010 gingen jedes Jahr mehrere Teams (meist Universitäten, Werften, Bootsdesigner, Marine-Akademien etc.) „an den Start“, von denen ein Großteil nur wenige Hundert Seemeilen schaffte, bis die Segelroboter entweder sanken, als verschollen gemeldet oder von Fischerbooten buchstäblich umherirrend aufgesammelt wurden. 

Natürlich gibt es für so eine Regatta feste Regeln: die Boote dürfen nicht länger als 2,4 Meter respektive acht Fuß sein und müssen mit einem Warnsystem ausgestattet sein, mit dem die Microtransat’ler andere Schiffe auf sich aufmerksam machen. 

Wie und wann über den Atlantik gesegelt wird, bleibt in einem großzügigen Zeitrahmen den Teilnehmern überlassen. Ob von West nach Ost oder umgekehrt – die Teams sollten ihre Roboter zwischen Juli und Dezember auf den Weg geschickt haben. Wie bei einer (modernen) bemannten Transatlantik-Regatta, können die Boote jeweils mit einem Tracker-System im Internet verfolgt werden. 

Kleine, aber sichtbare Fortschritte

Nach einigen Misserfolgen in den vergangenen Jahren gab es in diesem Sommer zumindest einen „halben“ Sieg zu melden: Unter den vier Startern kam das norwegische Team Sail Buoy mit seinem „SB Wave“ auf mehr als die Hälfte der Strecke, bevor das Roboterboot mitten auf dem Atlantik Kringel drehte. „SB Wave“ wurde Anfang Oktober von einem Fischerboot aufgesammelt. 

Sailbuoy

Sailbuoy wurde von einem Fischerboot eingesammelt. © Sailbuoy

Immerhin zeigt diese Entwicklung einen gewissen Fortschritt bei der Microtransat und der diesjährige Teilerfolg lässt für die nächsten Jahre hoffen. Nicht zuletzt, weil das Team Sail Buoy im Prinzip bereits „seine Brötchen“ mit Booten gleichen Typs wie die „SB Wave“ verdient und auch im nächsten Jahr wieder an den Start gehen wird.

Das Unternehmen baut Roboter-Boote für den (küstennahen) Einsatz, um meteorologische und ozeanographische Daten zu sammeln. So hatte die „SB Wave“ bereits einige tausend Seemeilen auf der Logge, bevor sie „ins Rennen“ über den Atlantik geschickt wurde. Nach Aussagen der Projektleitung werde man aber wohl wieder im nächsten Jahr am Start sein, schließlich sei der „erste Sieg bei der Microtransat“ ein echter Imagegewinn und wäre dem „buoy“-Business durchaus förderlich. 

Roboter Segeln,

So weit kam in diesem Sommer das Sail Buoy-Projekt, bevor das Boot anfing, Kringel zu drehen © microtransat

Eine weitere interessante Variante wurde in diesem Jahr während der „World Robotic Sailing Championship“ vorgestellt. Interessant deshalb, weil mit dem Roboterboot eine alte, längst (bemannt) bewährte Rumpfform zum Einsatz kommt, gepaart mit einem hochmodernen Flügelsegel.

Klartext: ein kleines Team der schwedischen Aland-Universität bringt seit 2013 regelmäßig Roboterboote zu den „Robotic Sailing“ im norwegischen Oslofjord, konnte sich mit ihren innovativen und ganz offensichtlich robusten Konstruktionen aus finanziellen Gründen aber noch nicht an der Microtransat beteiligen.

2.4mR-Boot im nächsten Jahr unbemannt dabei?

Was sich im nächsten Jahr, nach einem deutlichen Erfolg beim diesjährigen „World Robotic Sailing“ Event ändern soll. Die Schweden konnten sich mit ihrem Mix aus „bewährt und futuristisch“ namens ASPire (Autonomous Sailing Platform) bei allen Aufgaben, die den Teilnehmern von der Regattaleitung gestellt werden, auch gegen deutlich längere Boote behaupten.

Der Clou: Als Rumpf benutzten die Schweden die ehemalige Paralympics-Bootsklasse 2.4mR, der sie ein starres, 2,8 Meter hohes Flügelsegel verpassten, das wiederum von einem schwedischen Flugzeugbauer konstruiert wurde. 

Die Flügelsegel waren ursprünglich nicht zum Regattaeinsatz gedacht, sondern dienten als Plattform für wissenschaftliche Messungen zu Wasser. Letztendlich entschied man sich im Team ASP dann doch zum Einsatz der „Flügel“, nicht zuletzt, weil die Wetterbedingungen im Oslofjord zum Zeitpunkt der „World Robotic Sailing“ eher moderat bis milde waren. 

Dass auf dem Atlantik während der Microtransat ganz andere Bedingungen zu erwarten sind, ist dem Team ASP durchaus klar. Man werde ja dann nur „virtuell“ um die Wette segeln – letztendlich komme es bei der Microtransat eben in erster Linie aufs Ankommen an, ist aus den Reihen der schwedischen Projektleitung zu vernehmen.Deshalb müssen Rigg und Segel nochmals überdacht werden. Doch sei sicher: die „ASPire“ wird  mit einem 2,4mR-Rumpf an den Start zur nächsten Microtransat gehen. 

Tracker Microtransat

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