Mikrosegeln: Franzose startet zur Monster-Etappe bei Weltumseglung – 7.000 sm in 80 Tagen

7.000 sm auf vier Metern

Yann Quenet hat bereits mehr als die halbe Welt auf einem Mikroboot umsegelt, ging zuletzt mit Destremeau vor Noumea segeln und will nun vom Pazifik in den Indischen Ozean. Sein Werkzeug: Ein Schweizer Messer. 

 

Yann Quenet, sein Boot und sein Bresse-Huhn (im Segel) © Quenet

Die Franzosen haben’s ja mit dem Geflügel. Da wäre zum Einen der stolze Hahn, der ihnen seit jeher als DAS nationale Statussymbol gilt. Gallier kommt von Gallus und Gallus heißt übersetzt (auch) „Hahn“. Doch der bereitet unseren Nachbarn nicht nur Freude. So war es bis vor gar nicht so langer Zeit noch unter Strafe gestanden, einem Polizisten hinterher zu krähen. Was in Frankreich ungefähr so sträflich war wie in Deutschland die Bezeichnung „Bulle“ – heute jedoch längst niemanden mehr beleidigt.

Beim Segeln ist das Geflügel wiederum eindeutig zuzuordnen. Da ist das Huhn ein Glücksbringer, manchmal auch Steuerfrau und in jedem Fall eine Weggefährtin, an die man sich gewöhnen kann. Wie etwa bei Guirec, der mit seinem Huhn Monique um die Welt segelte, inklusive Winter im Packeis Grönlands. Oder eben Yann Quenet, der zwar kein Huhn an Bord seiner 4-m-kurzen „Baluchon“ spazieren segelt, aber eine beeindruckend große Henne respektive einen stolzen Hahn aufs Großsegel gedruckt hat. Erkennbar ist das Geschlecht des Geflügels nicht eindeutig – aber das ist auch piepegal, solange das Viech als Glücksbringer(in) seinen/ihren Dienst tut. 

Den Hahn als Glücksbringer

Bisher jedenfalls hat das mit dem Glück für den Skipper auf seinem 4 m kurzen Micro-Boot ganz gut geklappt. Denn Yann Quenet hat Großes auf dem Kleinen geleistet. Und hat noch Größeres bzw. Längeres vor. 

Das 4-Meter-Boot, stilecht und wie in der Micro-Szene üblich selbst entworfen und gebaut, wurde Anfang 2019 zu Wasser gelassen. Im Mai legte Quenet dann zu einer Einhand-Weltumseglung in Etappen ab, von der selbst enge Freunde behaupteten, dass man bei so einem Projekt nur scheitern könne. Nicht zuletzt, weil sein vorheriger Selbstbau kenterte und absoff.

Yann Quenet © quenet

Doch Quenet und seine „Baluchon“ kümmerten sich um solche Unkereien nur tertiär. Der 52-jährige Zeichner und Illustrator segelte einfach los und harrte der Dinge, die da kommen werden. 

Zunächst die Kanaren, dann die Westindischen Inseln, Mittelamerika, der Panamakanal, den er unter sehr widrigen Umständen mit reichlich behördlichen und pandemischen Hürden im Weg letztendlich doch bewältigte. Nach vierzig Tagen auf dem meist gar nicht so Stillen Ozean  erreichten Mann und Boot die Marquesas-Inseln. Zur Erinnerung. Das Boot ist 4 m kurz, wörtlich: vier!

Quarantäne im Paradies

Quarantäne-Verpflichtungen, aber auch die Freundlichkeit der Bewohner Polynesiens und die Hilfsbereitschaft der Langfahrt-Community vor Ort luden ein, den einen oder anderen Monat im Südsee-Paradies abzuhängen. Dann ging es weiter nach Neukaledonien – Pflichtprogramm für alle frankophonen Weltumsegler und solche, die ihre Rundum-Tour abbrechen mussten. Wie etwa Sebastien Destremeau, der Quenet und die „Baluchon“ auf seiner „Merci“ vor Nouméa willkommen hieß. Und später mit ihm und Freunden gerne segeln ging – allerdings nicht auf der „Baluchon“.

Au revoir, vorbei an Destremeaus “Merci” © destremeau

Die Hurrikan-Saison musste noch ein paar Wochen lang abgewartet werden, bevor die nächste und wohl längste Etappe dieser Weltumseglung in Angriff genommen werden konnte: Quenet will nach La Reunion (ja, erkannt, wieder eine französisch Ex-Kolonie und heutiges Dom-Tom-Gebiet) im Indischen Ozean. 7.000 Seemeilen am Stück erwarten Mann und Boot, mit 70 bis 80 Tagen Nonstop-Ausharren muss der Skipper mindestens rechnen. 

Denn vier Meter kurze Boote wie die „Baluchon“ bieten auf der Hochsee zwar eine Menge Vorteile – vor allem was die Rekordverliebtheit ihrer Eigner betrifft – stoßen aber auch schnell an gewisse Grenzen. Nehmen wir als Beispiel die Zuladung: Wenn ein 75-Kilo-Skipper plus Ausrüstung, Rettungsmittel, Segel und und und auf so einem Schiffchen verladen sind, geht es schon reichlich „in die Knie“ bzw. die Wasserlinie senkt sich deutlich. Doch jetzt müssen noch Proviant und Wasser für 70 Tage hinzu kommen… 300 kg, um genau zu sei.

So sieht sich der Profi-Zeichner Quenet selbst bei seiner Tour de Force © quenet

Als die nach tagelanger Arbeit verstaut waren, blieben gerade mal 50 Zentimeter Breite für den Schlaf des Skippers im ausgestreckten Zustand zwischen gebunkertem Proviant und der allernotwendigsten Ausrüstung.  Um mal eben schnell von einem Küstenort zum Anderen zu schippern mag das reichen. Aber was ist mit einem zweieinhalbmonatigen Nonstop-Törn? 

Jedes Kilo zählt

Vor dem Etappenstart gab sich Quenet in den Sozialen Medien noch selbstkritisch, aber optimistisch: „Die erste und hoffentlich höchste Hürde wird die Torres-Straße zwischen Australien und Papua-Neuguinea sein. Dort gibt es reichlich Strömungen, in denen ich beispielsweise in einer Flaute einfach mal so wegtreiben kann. Das könnte haarig werden – vielleicht schütte ich dann 20-30 Liter Wasser ins Meer und füttere die Fische mit dem einen oder anderen Kilo Proviant,“ schreibt Quenet. Denn jedes Kilo könnte zählen, damit sein Boot auch bei wenig Wind irgendwie voran kommt und manövrierfähig bleibt. 

Andrerseits werde jedes einzelne dieser Proviant-Kilos hintenraus fehlen. „Also muss ich reichlich angeln und mich aus der See ernähren und Regenwasser sammeln, so gut es geht!“ 

Wenig Platz zum Schlafen © quenet

Das Proviant-Gewicht sei auch deshalb so hoch, weil er sich nur wenig lyophilisierte Nahrung leisten könne, schreibt Quenet weite. Deshalb habe er reichlich Konserven an Bord, die wiederum unnötig viel wiegen, jedoch alle wieder – leer  – an Land gebracht werden sollen. 

Letztendlich sei er aber sehr optimistisch, was die Sicherheit anbelangt. Die Hurrikan-Saison ist vorbei, bei Seegang habe er größere Chancen mit seinem kleinen Boot in den Wellentälern zwischen den Wellenbergen und durch die Investition in ein AIS Gerät sei er nun auch für Fischer und Co. sichtbar. Und umgekehrt.  

Schweizer Messer für Reparaturen

Anfallende Reparaturen seien sowieso kein Thema, da er die meistens mit Bordmitteln erledige. Und diese Bordmittel sind? „Ein Schweizer-Messer, ein wenig Klebstoff und ein paar Leinen! Sogar ein Mastbruch wäre bei mir nicht ganz so dramatisch wie auf einem 40-Fuß-Katamaran,“ schreibt Quenet.

Trockendock für 4-m-Böotchen © quenet

Seit drei Tagen und zwei Nächten ist Quenet nun unterwegs. Sein jeweils aktueller Standort kann hier eingesehen werden. Auf dass die Meeresgötter ihm und seinem Schweizer-Messer-Boot gnädig gestimmt sein werden für eine 7.000 Seemeilen lange Reise.

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

5 × drei =