Mini 6.50: Atlantik bezwungen auf der Nordroute – 10-Sekunden-Ritt auf dem Wal

Der auf dem Wal reitet

David bei der Vorschiff-Arbeit © mini transat

Die Transat ist das ultimative Mini-Abenteuer? Von wegen – David Allamelou hat allen gezeigt, dass da noch mehr, viel „meer drin“ sein kann. Porträt eines außergewöhnlichen Ministen.

Mein erster Kontakt mit David Allamelou vor genau einem Jahr war eher indirekter und, sagen wir mal, ambivalenter Natur. Wir bastelten beide an unseren Booten auf dem „Trockendock“ zwischen den Bunkern von Lorient La  Base, als ich etwas konsterniert feststellen musste, dass sein Hund grundsätzlich seinen Morgenschiss unter meinem aufgebockten Mini verrichtete. Und nicht nur das – er tat dies auch noch mit einem vernichtend verächtlichen Blick auf meinen Unterwasseranstrich, der wohl aussagen sollte: „Junge, schon mal was von professionell aufgetragenem Antifouling gehört? Kannst  ja mal bei meinem Herrchen in ein paar Tagen nachschauen, der hat das drauf!“ 

Einer der spannendsten Ministen

Was ich dann auch – Wochen später, mittlerweile segelte ich längst mein Boot mit nur ganz, ganz wenig Algenbewuchs entlang der bretonischen Küsten – bei einem ausgedehnten Bunkerspaziergang tat. Und wirklich, der Hund sollte Recht behalten: Da stand der Mini-Prototyp mit der Nummer 741 wie neu und aus dem Ei gepellt auf seinem Bock, mit einem sichtlich zufriedenen Eigner daneben, der noch letzte Staubkörnchen vom Rumpf wegwischte und seinem schwanzwedelnden Hund einen wissenden Blick zuwarf. Der Mini Transat 2017 stand nichts mehr im Wege… 

So kam es, dass ich einen der spannendsten Teilnehmer der letzten Mini-Transat kennenlernte, obwohl das damals noch kaum jemand ahnte. Denn David Allamelou war für die meisten noch eine Art „unbeschriebenes Blatt“ und relativ neu in der Mini-Szene. Zudem war er nicht der Typ „trainieren, bis der Arzt kommt“ und schon gar nicht einer von den „immer am Limit“-Seglern. Vielmehr zeigte er seine Stärken vor allem unter dem Motto „in der Ruhe liegt die Kraft“. Und die Ausdauer für lange, lange Törns über den Atlantik mit durchaus „tierischen“ Erlebnissen.

Doch schön der Reihe nach. Davids Geschichte ist typisch „ministisch“: Ausgefallen, an manchen Stellen spektakulär, aber immer geprägt von der Persönlichkeit des Protagonisten. Das merkt man schon daran, wie der 38-Jährige von sich erzählt: Mit leiser Stimme, immer den Blick fest auf sein Gegenüber gerichtet, ohne große Gesten, ohne lautstarkes Unterstreichen seiner Erlebnisse, denn die Inhalte sprechen schließlich für sich. 

Mini Transat, Ritt auf Wal

Fototermin mit Hund? Wie laaaangweilig © miku

Fragt man ihn nach seinem Beruf, wird das kurz abgehakt:“ Elektriker. Eine Ausbildung zum Fotografen habe ich auch gemacht.“ Aber das sei ihm alles zu eintönig gewesen. Er sehe sich eher als Abenteurer, ohne sich allzu sehr auf den Begriff festlegen zu wollen. „Derzeit ist die See meine Spielwiese, aber das kann sich bald schon ändern, wer weiß das schon!“ 

Zum Kennenlernen über den Atlantik

David Allamelou kam auf typisch-französische Art zum Segeln: Als 15-Jähriger begeisterte ihn während einer Schulfreizeit eine klassische französische Ausbildungsjolle  vom Typ Caravelle. Doch es sollte noch Jahre dauern, bis er sich auf einem eigenen Untersatz auf See begab.

Sein erstes Boot kaufte er sich mit Ende Zwanzig In Galizien für 3.000 Euro und in entsprechendem Zustand war der 8,50 Meter lange „Kahn“ dann auch. „Es gab viel zu tun, aber genau das macht mir ja Spaß an der ganzen Segelei: du musst dein Boot in- und auswendig kennen und es zur Not an jeder Stelle selbst reparieren können.,“ sagt er. „Das gelingt am besten, wenn du es im Prinzip völlig neu aufbaust.“ 

Kaum fertig, segelte er mit seinem Fast-Neubau von Galizien nach Guadeloupe. Einhand, nonstop, versteht sich. Vierzig Tage brauchte er dafür, eine Zeit, in der er schnellere Segelboote schätzen lernte. 

Etwas später segelte Allemalou zweihand über den Atlantik, was er wiederum als „interessante Erfahrung, aber mit der Einhandsegelei nicht gleich zu setzen,“ eher vorsichtig bewertete. 

David hatte viel Spaß auf und am Boot © mini transat

Damals habe er gelernt, dass auf See das Prinzip Einfachheit immer Vorrang für ihn haben werde. Wobei jedoch unterstrichen werden muss, so Allemalou weiter, dass „einfach“ nicht unbedingt „langsam“ bedeuten soll. 

Also interessierte er sich mehr und mehr für die Mini-Szene, fand Boote spannend, die vielleicht nicht in der ersten Reihe segelten, aber dafür schon mehrere Transats auf der Logge und so ihre ganz spezielle Ausdauer bewiesen hatten. 

Nach der Mini Transat 2015 lauerte er regelrecht auf der Zielinsel Guadeloupe auf Boote, die umständehalber gleich vor Ort verkauft werden und so entsprechend preiswerter sind, als nach der Huckepack-Rückfahrt auf dem Frachtschiff. Er fand Nikki Curwens Proto 741 „umwerfend“, nicht zuletzt, weil es in der damaligen Flotte der einzige Prototyp war, der mit einem einfachen, festem Kiel unterwegs war. „Klasse Formen, einfache Performance und viel Erfahrung,“ beschreibt David sein neues Boot, das damals immerhin schon seine zweite Mini Transat beendet hatte. Und er segelte es gleich mal zum Kennenlernen über den Atlantik zu den Azoren. Einhand, nonstop versteht sich. 

Mini Transat, Ritt auf Wal

Borea am Wind © mini transat

Zwischen den Azoren und dem europäischen Festland absolvierte er mal eben die obligatorischen 1.000 Qualifikationsmeilen für die nächste Mini-Transat, der Rest war dann nur noch „Kür“.

Epoxy, Karbonfasern, Bohrmaschine – Einsatz auf Hoher See

Nachdem er die „Boréal“ (wie er sein sponsorfreies Boot taufte) vollständig auseinander genommen und wieder zusammengebaut hatte, nahm er schließlich als eine Art Trans-Atlantik-Salzbuckel an der lang ersehnten Mini Transat teil – „für mich vor, während und auch danach immer noch das ultimative Abenteuer!“ 

Er schaffte beide Etappen „ohne größere Zwischenfälle“, wie er heute bescheiden erzählt. Nur ein Mal habe er auf Hoher See etwas bangen müssen, als sein Auslegerbaum aus der Verankerung gerissen wurde und er die gesamte Aufhängung mit Bordmitteln reparieren musste. „Epoxy. Karbonfasern, batteriebetriebene Bohrmaschine… das ganze Programm bei alter See, Flaute und Hitze. Das war selbst für einen Bastelfreak wie mich grenzwertig. Umso besser fühlt man sich, wenn es hinterher wieder alles klappt und funktioniert!“

Er beendet die Mini Transat 2017 als 15. in der Gesamtwertung, schert sich aber nur wenig um die Platzierung im Mittelfeld. „ Weil Neues anstand,“ sagte er heute rückblickend. „Ich wollte der erste Minist sein, der auf der atlantischen Nordroute zwischen New York und Lizard Point/England seine 6,50 Meter zurück segelt.“ 

Beruf? Abenteurer! © mini transat

Einige Jahre zuvor hatte sich an dieser Premiere bereits sein französischer Kollege Oliver Jehle versucht, der jedoch schon wenige Seemeilen vor der Ostküste nach einer Kollision mit einem UFO von der Küstenwache von Bord seines sinkenden Bootes gerettet werden musste. „Das war mit Sicherheit ein Wal, der ihm zum Verhängnis wurde,“ sagte sich David Allamelou und zog seine Konsequenzen.

„Ich wusste, dass im Frühsommer viele Walschulen die US-amerikanische US-Küste entlang ziehen. Also baute ich meinem Boot eine Crashbox im Heckbereich ein, die für den Fall, dass eine Kollision meine Ruder aus dem Heck reißt, zumindest verhindern würde, dass mein Boot gleich voll Wasser läuft!“ Eine Crashbox für Wal-Kollisionen – könnte nicht nur bei den Minis Schule machen… 

Der mit dem Wal tanzt

Nach einem Bastel-Winter in der Karibik segelte David also nach New York, um dort offiziell seinen Rekordschlag anzugehen: Als erster Minist über die Nordroute nach Europa zurück zu segeln. Entgegen der Mini-Sitten nahm er einen Laptop und ein Iridium-Telefon mit, damit eine Kommunikation (auch in Sachen Wetter) im Notfall möglich werde. 

„Die ersten 1.000 Seemeilen waren grauenhaft,“ beschreibt er heute seinen Solo-Törn. „Enorm hohe Wellen, bis zu 35 Knoten Wind, tagelang… Es ging mir weder moralisch noch physisch besonders gut. Aber ich hatte vermeintlich erstmal die Walkollision-Strecke hinter mich gebracht.“ 

Pustekuchen – die dicke Überraschung wartete noch auf ihn. Etwa 1.500 Seemeilen nach dem Start in New York erholten sich Boot und Skipper gerade in einer Leichtwind- und Schönwetterzone, als bei zwei bis drei Knoten Geschwindigkeit etwas Seltsames passierte: „Ich war unten im Boot, als ich plötzlich spürte, dass ich relativ sanft auf etwas aufgefahren war. Zwei Sekunden später hatte ich ein Gefühl wie im Aufzug – das ganze Boot wurde nach oben gehoben. Zehn Sekunden fuhren wir eine Etage höher so weiter, und ich wollte gerade nach draußen in die Plicht springen, als das Boot stark zu Seite krängte und krachend zurück ins Wasser rutschte!“ David und „Boreal“ waren auf einem schlafenden Wal gestrandet, angehoben und schließlich abgeschüttelt worden. 

Doch damit nicht genug: „Mir ging gleich durch den Kopf, dass der Wal jetzt abtauchen wird. Und dafür heben sie meistens die Fluke aus dem Wasser.“ Kaum gedacht, passierte es auch schon: Das Boot erhielt einen kräftigen Schlag gegen den Rumpf und Kiel. „Zuerst dachte ich „das war’s, jetzt säufst du mitten auf dem Atlantik ab!“ Doch wenige Minuten später hatte sich David von der Überraschung weitgehend erholt und begann mit der Inspektion des Bootes. Es gab einen kleinen Schaden an der Kielaufhängung, mit der er aber weitersegeln konnte. 

Nach der Transat, die Fastnet

Also weiter. Nach 21 Tagen und 15 Stunden kommt David Allamelou schließlich am Lizard Point an – ein Rekord, den er sich nicht offiziell bestätigen lassen kann, weil der WSSRC für den Eintrag 1.500 Dollar verlangt. Geld, das er lieber für Sinnvolleres als einen schnöden Eintrag ausgeben will. 

Gute Körperbeherrschung nach wochenlanger Transat © mini transat

Allamelou segelt gleich weiter nach Douarnenez, wo er sich direkt beim ersten Landgang, einen Tag vor dem Start zur Mini Fastnet, als Co-Skipper einträgt und mitmacht. Nach drei Wochen Atlantiküberquerung sofort wieder auf einen Mini, um über den Ärmelkanal und die Irische See zu schippern – mal ehrlich, geht’s noch typischer?

Und jetzt? Nachdem Allamelou sein Boot erneut vollständig auseinander genommen und wieder zusammengebaut hat, nachdem das Unterwasserschiff nochmals wie aus dem Ei gepellt in der bretonischen Sonne glänzt und der Hund unter Argusaugen (!) an meinem Hänger rumschnüffelt, aber nur das Bein hebt… jetzt zuckt David nur mit den Schultern.

„Ich werde das Boot wohl schweren Herzens verkaufen. Und dann, mal sehen, es warten neue Abenteuer. Muss ja nicht auf dem Wasser sein. Vielleicht fange ich wieder mit der Fotografie an. Oder wandere quer durch Afrika. Das kann ich wenigstens mit dem Hund machen.“ Spricht’s und streicht nochmals über das glatte Unterwasserschiff. Sein Hund billigt den Anstrich schwanzwedelnd! 

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Mini 6.50: Atlantik bezwungen auf der Nordroute – 10-Sekunden-Ritt auf dem Wal“

  1. Coole Sache – danke für den Artikel MiKu.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

  2. avatar breizh sagt:

    Klingt nach einem rastlosen Abenteuerer. Aber zu erzählen hat er dann jedenfalls etwas.

    Danke für den Artikel und nett geschrieben.

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