Mini 6.50: Urlaub bretonisch – Tiefenentspannung mit Koeffizient 110

Das Glück nach dem Sturm

Zuerst legt ein Sturm alles lahm, dann wehen nur laue Lüftchen. Die Tiefenentspannung setzte trotzdem ein: Vom Glück, ein alterndes Regattaboot langsam zu segeln.

Youn ist einer von diesen Typen, die von den Unwissenden zunächst einmal bedauert werden: Arbeitsplatz zwischen alten, verwahrlosten Bunkern, sein „Atelier“ hat starke Ähnlichkeit mit einer kommunalen Müllhalde. Und dennoch ist sein Anfang-Dreißiger-Gesicht von einem Dauergrinsen geprägt, das manchmal einem verschmitzten Lächeln weicht, aber niemals auch nur einen Mundwinkel hängen lässt.

Der Mann ist schlicht zufrieden, wenn nicht sogar glücklich, denn er macht das, worauf er – neben Segeln, versteht sich – am meisten Lust hat: basteln, reparieren, ausbessern, kitten, schleifen, lackieren, kleben, kleben und nochmals kleben.

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Ein Tiefausläufer jagt den anderen © miku

Bevorzugt an Mini 6.50, den kleinen Rennkisten, die bekannt dafür sind, dass eigentlich immer was an ihnen zu tun ist.

Youns Arbeitsplatz ist in der „Base de Lorient“, berühmter Regattahafen der bretonischen Bunkerstadt, wo im zweiten Weltkrieg Deutsche Nazis von französischen Kriegsgefangenen U-Boote bauen ließen. Und wo heute, nach den Unterwasser-Zeiten, bevorzugt überirdische Boote im Hafen liegen.

Hat alles sein Gutes!

Youn überreicht mir den reparierten, kurzen Ausleger-Rüssel, murmelt seinen Preis, nimmt die „Kohle“ für das geklebte Kohlefaserrohr entgegen und macht sich wieder an die Arbeit.

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Nat’ché gibt sich nur mit allerbester Gesellschaft zufrieden © miku

Kurz vor dem Start der Mini-Transat gibt es viel zu tun für den Mini-Spezialisten. Der eine braucht noch einen neuen Antifouling-Anstrich, der andere will Unterstützung bei einer Ruderreparatur, der Dritte hat ein Problem mit der Travellerschiene. Youn winkt knapp zum Abschied: „Schau, dass diesmal nichts kaputt geht! Ärger Dich nicht über das Wetter. Hat auch sein Gutes!“ Und lässt sein Grinsen noch breiter werden.

Der hat gut reden. Es regnet schon wieder. Und es kachelt, mit sieben bis acht Beaufort. Der Hafenboss und Kranmeister Gildas sitzt in seinem düsteren Büro und stiert etwas missmutig auf den PC-Bildschirm. Ob er vielleicht schon mal meinen Mini ins Wasser lassen könnte, so rein prophylaktisch, der Sturm muss ja schließlich auch mal aufhören, irgendwann?

Ob ich vielleicht spinne, erwidert er, „dein Mini hüpft mir bei dem Wind doch glatt vom Haken!“ Nö, setzt er noch hinzu, dein Glück musst du während der nächsten Tage schon woanders suchen. Genieße das Meer vom Land aus. Das ist gesünder in solchen Zeiten – für dich und dein Boot!“

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Immer wieder nach Muscheln bücken © miku

Aus der Traum von wilden Gleitfahrten, sprudelnden Surfs auf langer Dünung mit der Tochter an der Pinne, vielleicht sogar der Gattin. Ein etwas anderer Urlaub, gewürzt mit kernigen Ausflügen auf „Nat’ché“ sollte es werden. So ein netter Fünfer-Sechser, Design-Wetter, das wär’s gewesen. Und nun: Rasende Wolkenfetzen wehen von Nordwesten herüber, das Tief will tagelang kein Ende nehmen.

Bretonische Tiefenentspannung

Und doch ist irgendwie alles… anders, weil bretonisch. Keine Spur von Ostsee-Depression. Keine stundenlangen Land- pardon: Seeregen, sondern wildes Land, wilder Himmel, wilde Gefühle.

Gar nicht so kalt ist es, warm genug jedenfalls für stundenlange Wanderungen auf den schier endlosen Stränden der Halbinsel Gavres. Jede Nacht wird der irre Mond etwas runder, der Gezeiten-Koeffizient übersteigt 110. Fast wie bei der Jahrhundert-Tide Anfang des Jahres waten wieder Hunderte durch den Schlick, sammeln die begehrten „wilden, flachen Austern“, buddeln nach irgendwelchem Viechzeugs, das sie eimerweise mit verschwörerischem Blick in ihre Renault-Kombis oder (auffallend oft) „Döscheewoh“ laden.

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Vom Wind zerzaust © miku

Nach zwei Tagen ist mir der Sturm schnurzpiepe, im Gegenteil: willkommen. Youn hatte Recht – hat alles sein Gutes!

Blicke schweifen vom Schlafzimmerfenster über die lang gezogene Bucht. Episches Strandjogging mit Blick zum spannend bewölkten Horizont. Dann diese völlig chaotischen Wellen, die deutlich sichtbaren Strömungen, die Berge von losgerissenen Algen auf den Stränden.

Oder minutenlanger Blick nach unten – jede Muschel ist plötzlich ähnlich wertvoll wie die Glasmurmeln aus der Kindheit. Überhaupt, wann hab ich zum letzten Mal Hunderte Buchseiten am Stück gelesen? Und tagelang nicht mehr ans Internet gedacht – weil es einfach keinen Zugang gab.

Irgendwann zieht es mich dann aber doch wieder nach Lorient zu „Nat’ché“. Nur mal gucken, ob da vielleicht der Wind weniger stark pustet. Und ob der Wetteraushang in der „Capitainerie“ vielleicht optimistischer ist als der von Gavre? (was völliger Quatsch ist, weil alle Hafenmeistereien der Umgebung den gleichen Ausdruck anpinnen).

Als ich diesmal mit einem seltsam entspannten Gefühl trotz depressionsfördernder Bunkerambiance gen Mole gehe, kommt mir der Hafenmeister in seinem Landrover entgegen. „Sie ist im Wasser!“ sagt er milde lächelnd. „Soll ja besser werden mit dem Wetter. Kannst dich drüben zu den 40igern und Figaros legen!“

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Episch lange Strandwanderungen – die bretonischen Wolken hängen tiefer als anderswo © miku

Die „Nasse“ endlich im Nass

Was für ein Gefühl. Acht Ebbe-Meter unter mir liegt mein Mini-Luder „Nat’ché“. Sauber gekrant vom Meister, stolz im Päckchen mit mindestens 15 anderen Minis, die schon mal für die Mini-Transat ins Wasser gelassen wurden. Nur noch eben die Möwenscheiße wegschrubben und ich schnurre mit meinem Torqeedo rüber in eine Box am Außensteg.

Eine Ehrenrunde am Macif-Trimaran vorbei, Thomas Ruyants IMOCA wird von Nat’ché schwesterlich gegrüßt, die Foils der „Baron de Rothschild“ vom Wasser aus begutachtet . Wenig später, alles ist ausgepackt, reißt der Himmel auf. Sieht irgendwie endgültig aus: Noch eine Woche Urlaub und nichts als Sonne ist angesagt.

Das Glück im Hafen

Um mich herum wabert förmlich das Glück. Die ersten Sonnenstrahlen nach (gefühlt) Wochen haben Francois Gabart hinterm Ofen vorgelockt (Quatsch: Die Massif habe ich gestern am Horizont bei 35 Knoten Sturmtraining entlang brettern sehen!). Wie ein kleiner Junge steht er da mit den Händen in den Hosentaschen und schaut immer wieder mit einem fast schon euphorischen Lächeln auf seinen gigantomanischen Trimaran. Das sieht alles nach tiefer, inniger Liebe zwischen Mann und Boot, zwischen Shootingstar und angehendem Rekordmonster aus.

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Im Hafen von Lorient mangelt es vielleicht an anständigen Toiletten, aber niemals an anständigen Booten © miku

Oder direkt nebenan, in der Nachbarbox. Da sitzt ein Anfang Zwanzigjähriger auf seinem nagelneuen Mini mit einem selbstzufriedenen Grinsen im Gesicht, nestelt an knisternden und knatternden, blütenweißen und ganz offensichtlich jungfräulichen Segeln. Sagt fast schon euphorisch: „ich bin fertig, endlich fertig!“

Ganz eindeutig noch nicht grün hinter den Ohren aber schon von Papi zur Volljährigkeit einen Mini geschenkt bekommen? Denkste: Der Junge ist längst waschechter Seebär, hat Dutzende Mini-Regatten gesegelt und baute sich eben dieses Fibera 2 Verdier Pogo Design… höchstselbst. Morgen will Erwan le Draoulec auf seinem Schmuckstück die Jungfernfahrt antreten. „Was für ein Gefühl, ich hab’s geschafft!“ murmelt er immer wieder vor sich hin. Glitzern da Tränen der Rührung in seinen Augen?

Was ist nicht alles los in diesen ersten Stunden nach dem Sturm. Wie auf Zuruf wird plötzlich überall gebastelt, in den Mast geklettert, Drinks werden von Boot zu Boot gereicht. Mein anderer Nachbar lässt Karibik-Musik aus den Boxen seiner Class 40 schallen. „Alles Vorfreude,“ meint er hüftschwingend. Pierre Denjean, ehemaliger Minist, früher in Jörg Riechers „Mare“-Team, segelt heute seine eigene Class-40.

„Ich bin als Begleitbootskipper bei der MiniTransat dabei. Ein bisschen Minis vor mich herscheuchen und wochenlang Party mit meinen Kumpels auf dem Schiff!“ freut er sich schon mal. Spricht’s, und dreht die Steelband noch ein bisschen mehr auf.

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Irgendwann war der Mond dann voll, und das Meer zog sich ziemlich weit zurück und alles war wieder auf “reset” gesetzt © miku

Die Ruhe nach dem Sturm

Fehlt nur noch das Glück, das reine, das schiere: Das Glück unter Segeln, und wie ich das genieße! Ganz egal, ob der Lappen von einem Groß schon 15 mal geflickt ist – es fühlt sich so irre an, wenn er sich mit den paar Knoten Windstärke füllt. Wenn sich sein verwaschenes Blau vom reinen Himmelsblau abhebt. Ein bisschen Druck in der Luft, und schon ist Meersegeln auf dem Mini ein Erlebnis.

Es braucht nur einen tiefenentspannten Skipper, der sich über jede Selbstverständlichkeit und Kleinigkeit wie Bolle freut. Das Groß lässt sich ohne Zicken im Vorhafen setzen? Na super, das wird ein toller Tag! Das Tape an der geflickten Latte der Fock hält? Das Schicksal ist uns eben wohl gesonnen! Die Fähre kreuzt diesmal nicht unseren Weg ausgerechnet an der engsten Stelle der Ausfahrt? Na bitte, geht doch alles wie geschmiert!

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Einfach mal alle Segel ausprobieren, ganz egal, ob’s passt oder nicht © miku

Da ist durchaus etwas Meditatives, wenn der Bug durch das nahezu glatte Ozeanwasser schneidet. Wenn das Glitzern des Gegenlichts auf den Kräuselwellen sich im Rumpf fortsetzt und das Gluckern im Heck die einzige Musik für die nächsten Stunden ist. Möwengelache, sanfter Wellenschlag, das verhaltene Klacken des gefierten Lee-Backstags… es kehrt eine seltsame Ruhe in Schiff und Segler ein.

Fünf bis 15 Knoten Wind bei strahlendem Sonnenschein – ideales Wetter, um endlich mal alle Segel nacheinander hochzuziehen. Einfach so. Ganz egal, ob eigentlich Code 5 oder Gennaker bei so lauen Lüftchen dem Max-Spi den Vortritt lassen müssten. Eben treiben lassen, buchstäblich und im wahrsten Sinne des Wortes.

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Manchmal wird auf Wunsch der Tochter zum nächsten Windstrich torqeediert (= mit E-Motor) © miku

Irgendwann segelt der Macif-Trimaran an uns monströs vorbei. Und einen Tag später holt die alte Tabarly-Ketsch „Pen Duick VI“ majestätisch am Wind auf. Zwei Ikonen der See direkt neben „Nat’ché” – mehr kann eine alternde Mini-Diva nicht erwarten!

Und dann ist plötzlich alles vorbei. Noch besoffen von der Sonne und dem Meer und allem anderen, wird eingepackt, zum Kranen vorbereitet, sich mit Handauflegen von „Nat’ché“ verabschiedet. Gildas arbeitet am Kran, sieht mein betretenes Gesicht und meint nur: „Ich lass sie noch ein wenig im Wasser, drüben bei den Class 40, den IMOCAs und Figaros. Da macht sie sich doch ganz gut, oder?“ Stimmt, das wird ihr gefallen…

 

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Michael Kunst

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7 Kommentare zu „Mini 6.50: Urlaub bretonisch – Tiefenentspannung mit Koeffizient 110“

  1. avatar andreas_br sagt:

    Guter Michael, es immer ein Genuss deine Berichte zu lesen. Hast Du auch die neue IMOCA60 “Vento di Sardegna” von Andrea Mura in Lorient erblicken koennen?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 0

  2. avatar Michael Kunst sagt:

    Merci, Andreas. Die Vento hat ein paar Tage vor meiner Ankunft in Lorient ihren “Wiederaufricht”-Test gemacht. Als ich dann zwischen den Bunkern rumturnte, lag sie wieder in der Halle und es wurde noch an ihr rumgeschraubt. In voller Pracht und Schönheit war sie mir also nicht vergönnt… 🙂 Beim nächsten Mal bestimmt…

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  3. avatar Uwe Liehr sagt:

    Andreas, ich hoffe, Du segelst auch im Winter, damit wir auf deine großartigen Berichte nicht verzichten müssen?! Bitte mehr davon!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

  4. avatar Ma Souris sagt:

    Auch ich kann mich nur für diesen sehr emotionalen Artikel bedanken.

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  5. avatar brahms sagt:

    Ganz, ganz toll geschriebener Artikel – die reine Kunst!

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  6. avatar Addi sagt:

    Kunstvoll zu schreiben ist eine Kunst – Toller Artikel
    War noch nicht in Lorient, aber zum Probesegeln in Concarneau und zur Vendée Globe 2012 in Les Sables, aber genau so ist das und fühlt man sich dort, nur kann ich es nicht so dolle niederschreiben.

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