Mini Transat: Die letzten Stunden – Oliver Tessloff berichtet vor dem Atlantik-Abenteuer

Signalfarben, Kilokalalorien und „Spaziergänge“

Mini Transat 2017, Vorbereitung

Oliver Tessloff segelte zuletzt hervorragende Ergebnisse in der stark umkämpften Serien-Wertung auf seiner Pogo 3 ein © breschi

Alles andere als entspannend: Die letzten Tage vor dem Start zu einer Transatlantikregatta sind immer aufregend. Doch bei den Ministen geht immer noch ein bisschen mehr.

Die Spannung steigt. Nachdem während der letzten drei Tage noch gemutmaßt wurde, dass der Start zur Mini Transat 2017 wegen einer Starkwind-Vorhersage vorverlegt werden müsse, wurde gestern Entwarnung gegeben: Die legendäre Einhand-Transatlantik-Regatta auf 6.50 Meter kurzen Booten wird wohl nicht früher als geplant, also am Sonntag , 1. Oktober zur ersten Etappe Richtung Kanaren starten.

Mini Transat

Die 6.50 Minis am Steg. © Mini Transat

Mit dabei sind bekanntlich die Deutschen Jörg Riechers (48) in der Prototypen-Klasse und Lina Rixgens (23 Jahre jung), Andreas Deubel (39) und Oliver Tessloff (44) in der Serienwertung. 

Mini Transat

Die Flotte in La Rochelle. © Mini Transat

Oliver berichtet für SR von den letzten Tagen vor dem Start, die trotz einer zum Teil jahrelangen Vorbereitungszeit unter den 81 Teilnehmern (darunter 10 Frauen) wegen unzähliger Sicherheitsüberprüfungen, Boots-Checks und Briefings durchaus gefürchtet sind. Denn Eines ist sicher: Man kann sich nie sicher sein, dass nicht doch…

Sicherheit geht (fast immer) vor 

Man muss sich das so vorstellen: Da liegen über achtzig Minis in dem durchaus engen Hafen von la Rochelle, überall herrscht Aufregung, Anspannung, teilweise sogar Hektik und schierer Stress, man hat immer noch reichlich zu tun, muss an unzählige Sachen denken, einkaufen, machen und tun… und dann kommt das Sicherheitsteam vom Französischen Dachverband FFVoile zu dir an Bord. Eineinhalb bis zwei Stunden Zeit nehmen sich die Herr- und Frauschaften pro Boot, und es sind wirklich aufregende Stunden. Denn alles, aber auch wirklich alles, was irgendwie mit Sicherheit am und im Boot zu tun hat, wird hier überprüft. Eine achtseitige Checkliste wird minutiös und penibel abgearbeitet, nichts bleibt dem Zufall überlassen.

Mini Transat 2017, Vorbereitung

Es gibt immer noch viel zu tun… © breschi

Jedes sicherheitsrelevante Teil wird auf Funktionalität überprüft, alles muss aus- und dann vorschriftsmäßig wieder eingepackt werden, das Funkgerät wird an eine „Black Box“ gehängt mit der man nachmisst, ob die Sendestärke den Regeln entspricht, und und und… alles sehr nervenaufreibend! Weil man ja vorn vornherein weiß, dass es doch irgendwo eine „Lücke“ gibt. 

Bei mir waren es zum Glück nur fehlende Kartendetails für Senegal. Ja, Senegal, schließlich kann es sein, dass man aus welchen Gründen auch immer in dem afrikanischen Küstenstaat einen Nothafen anlaufen muss… 

Die Rettungsinsel bzw. der Umgang mit derselben (das Teil muss in 15 Sekunden auf dem Wasser schwimmen, sonst hat man den Test nicht bestanden) wurde übrigens bereits von der Mini-Klassenvereinigung im Laufe der Qualifikationsregatten überprüft. 

Spannend fand ich auch den Sicherheitscheck für den Kiel. Dafür werden Taucher unter jedes Boot geschickt, die einen ordnungsgemäßen Aufstrich der Sicherheitsfarbe (orange oder gelb) überprüfen. Das geht dann bis zu einem schriftlichen Vermerk, dass die Farbe um die Kielaufhängung rund und nicht im Rechteck aufgemalt wurde! 🙂

Mini Transat 2017, Vorbereitung

Die 23-jährige Lina Rixgens ist als eine der jüngsten Frauen in der 40 jährigen Mini-Transat-Geschichte mit dabei © breschi

Selbstredend wurden auch Anker, Kettenvorlauf und Leinenlänge gecheckt. Hier leisteten sich einige der Prüfer jedoch einen Faux-Pas, indem sie manche Teilnehmer aufforderten, die Leine zu kürzen… bis sich dann rausstellte, dass die ursprüngliche Länge doch die richtige war. Was logischerweise zu reichlich Feixerei unter den Ministen führte. 

Medizincheck auf Deutsch 

Eine ähnlich penible Prüfung muss jeder Teilnehmer durch das Mediziner-Team über sich ergehen lassen. Das heißt, nicht wir Segler wurden auf unsere Fitness überprüft, sondern unsere Medizinvorräte. Bei mir ließen sich zwei Ärztinnen alle obligatorischen und fakultativ zugepackten Arzneimittel, Pflaster, Bandagen etc. p.p. vorlegen und zeigen. Ein Check, dem ich anfangs sehr skeptisch gegenüber stand, der sich dann aber als besonders hilfreich heraus stellte.

Mini Transat 2017, Vorbereitung

Die paar Pillen… © tessloff

Denn eine der beiden Ärztinnen an Bord war Claudia, eine Deutsche, die in La Rochelle lebt und mir alle Medikamente und deren Anwendung (die zu einem großen Teil in Frankreich gekauft waren) endlich in meiner Muttersprache minutiös erklärte. Eine super hilfreiche Sache – selbst wenn mein Französisch mittlerweile zu Konversationen mit dem Stegnachbarn durchaus reicht, waren doch bei der deutschen Übersetzung der Beipackzettel und bei der Erklärung der Anwendungsmöglichkeiten einige erhellende Momente dabei! 

Apropos Sprache 

Ein heikles Thema unter den Ministen. Denn die französische Classe Mini ist zwar reichlich stolz darauf, speziell zur Mini Transat internationale Flotten an die Startlinie zu bringen. Wenn es um eine „internationale Kommunikation“ geht, verhalten sich die Franzosen jedoch „typisch französisch“.

Nach dem Motto „wer unter französischer Regie segelt sollte auch Französisch sprechen und verstehen“ werden Briefings, die erwähnten Sicherheits-Checks oder sonstige Informationsveranstaltungen meist ausschließlich in Französisch abgehalten und nur selten etwa ins Englische übersetzt.

Ein buchstäblicher Umstand, der Kollege Andreas Deubel beim Briefing zum Prolog „den Kragen platzen ließ“ und er sich stinksauer vor versammelter Mannschaft über das „rein Französische“ beschwerte. Seitdem gibt man sich etwas mehr Mühe und Klassen-Sekretärin Annabelle übersetzt immer öfter ins Englische. 

Der kleine Hunger zwischendurch

Ein emotionaler und irgendwie erhellender Moment war das Bunkern meiner Nahrungsmittel. Als ich Futter für 10 Tage (Etappe 1 bis zu den Kanaren) und 18 Tage (Etappe 2 von den Kanaren nach Martinique) zunächst aus den Kartons ausgepackt und bei mir im Cockpit ausgebreitet hatte, da dachte ich als Gewichts-Fetischist (bei meinem Boot, nicht bei mir): Mann, ist das viel! Und so schwer!

Und gleichzeitig ging mir auf: Jetzt wird es ernst. Ich werde mit einem 6.50 kurzen Boot wochenlang um den halben Erdball segeln. Oder fast. Verdammt lange Strecke, verdammt lange Zeit, so ganz alleine ohne Kontakt zum Festland auf dem Großen Ozean.

Mini Transat 2017, Vorbereitung

Tolle Stimmung in La Rochelle © tessloff

2.000 – 2.500 Kcal sehe ich pro Tag vor, der dann meistens mit Müsli oder Porridge anfängt, zum Lunch gibt es entweder vorgekochtes Essen oder gefriergetrocknete Pampe, für die ich Wasser auf meinem Gaskocher heiß machen muss.

Abends dann zur Abwechslung Gefriegetrocknetes oder Vorgekochtes… Für den kleinen oder großen Hunger zwischendurch dann noch Energieriegel, Proteinbars. Kurz: Es war so viel, was da vor mir ausgebreitet lag, dass ich mir vorgenommen habe, vielleicht doch noch um die eine oder andere Tagesration zu kürzen. Essen ist beim Segeln sowieso nicht mein Ding… 

Vierzig Kinder auf dem Boot 

Es ist schon lange Tradition für die Mini Transat-Teilnehmer, dass sie die Patenschaft einer französischen Schulklasse übernehmen – oder umgekehrt? Logisch, dass die mir zugeteilten Kids dann alle hier in La Rochelle aufkreuzten und „ihr“ Boot besichtigen und „ihren“ Skipper kennenlernen wollten. Vierzig Kids steigen in Vierergruppen nacheinander auf deine Pogo 3 und stellen immer die gleichen Fragen: „Ja wo schläfst du denn? Was, da unten zwischen all den Sachen? Und wo und wie gehst du aufs Klo, hihihihi?“ Da brauchst du Nerven wie Drahtseile!  

Mini Transat 2017, Vorbereitung

Vierzig Kinder auf 6.50 Metern Länge… da braucht man Nerven wie Drahtseile! © tessloff

Beim Prolog hatte ich später einen 11-jährigen Jungen aus der Klasse dabei, der völlig enthusiastisch mitmachte und nach der Regatta mit leuchtenden Augen kaum noch vom Boot runter wollte. Später meldete sich dann sein Vater bei mir und „bedankte“ sich schmunzelnd: „Julian redet jetzt nur vom Segeln, will unbedingt, dass ich ihm einen Mini kaufe! Vielen Dank auch!“ Worauf ich nur antworten konnte: „Hast ja bis Weihnachten noch ein bisschen Zeit zum Sparen!“ 

Respekt, Respekt 

Dem Kollegen Deubel muss ich Respekt zollen: Als wir vom Prolog wieder durch den berühmt-berüchtigten, ziemlich engen Chenal zurück segelten, stellte Andreas fest, dass sich seine Sponsoren-Flaggen, die wir bei solchen Gelegenheiten und im Hafen immer setzen sollen, irgendwie im Masttopp verheddert hatten.

Mini Transat 2017, Vorbereitung

Andreas Deubel, diesmal nicht im Mast sondern im Inneren des ehemaligen Minis von Simon Koster, der damit vor zwei Transat-Ausgaben Dritter wurde. Vielversprechend! © breschi

Und Andreas reagierte prompt: „Dann teste ich jetzt eben mal unter Realbedingugnen den Aufstieg in den Mast!“ Sprach’s, machte den Autopiloten an, zog sich seinen Klettergurt über und kraxelte nach oben. Als ich ihn da von Weitem, unter Segeln, in dem engen Kanal im Topp sah, dachte ich: Mann, die Nerven hätte ich nicht gehabt!“ 

Ruhige Nächte, Wetter und… Spaziergänge 

Wie ich derzeit schlafe? Außerordentlich gut, würde ich mal sagen. Jedenfalls weitaus besser, als ich erwartet habe so kurz vor dem Start zu einem Event, auf das ich mich im Prinzip mehr als zwei Jahre intensiv vorbereitet habe. Die Checks sind alle gut verlaufen, mein Boot ist in Ordnung und auch ich fühle mich bestens in Form. Nur das Wetter macht mir noch Sorgen.

Für die nächsten Tage sind auf Höhe Kap Finisterre vor Spanien 30 Knoten Windstärke im Durchschnitt angesagt. Hört sich ziemlich ungemütlich an, würde ich mal sagen. Aber zum Glück gibt es ja noch den Weltumsegler Jörg Riechers (Barcelona World Race), der mir tröstend verkündet: „Ehrlich, wenn es ordentlich bläst, ist nach meiner Erfahrung Kap Hoorn ein Spaziergang im Vergleich zu Kap Finisterre!“ Na toll… 

Mini Transat 2017, Vorbereitung

Segelprofi und Weltumsegler Jörg Riechers rechnet sich auf seinem Plattbug Prototypen durchaus Chancen aufs Podium aus © breschi

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Mini Transat: Die letzten Stunden – Oliver Tessloff berichtet vor dem Atlantik-Abenteuer“

  1. avatar Johannes Bahnsen sagt:

    Ich wünsche Euch vier Gladiatoren alles erdenklich Gute. Insbesondere aber meinem alten Schotten aus dem Teeny und Crewbrüller von der X-79, Andi.
    Deubel – hau rein. Du rockst den Teich!
    Ihr habt meinen vollen Respekt.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

  2. avatar Breizh sagt:

    Vermittelt einen klasse Eindruck.

    Nach einem sommerlichen Törn auf einem Mini vor der Bretagne steht bei meiner Tochter der Mini für Weihnachten auf dem Wunschzettel 😉. Ist halt ein faszinierendes Boot.

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