Nachhaltiger Warentransport: Reedereien setzen wieder Segler ein und bauen sogar neue Schiffe

Das Comeback der Frachtsegler

So soll die Votaan einst aussehen

In Frankreich findet man nahezu emissionsfrei unter Segeln transportierte Produkte bereits im Supermarkt. Junge Seekaufleute und segelbegeisterte Chocolatiers setzen nun mit Frachtsegler-Neubauten frische Akzente.

Wer französische Supermärkte entlang der Atlantikküste frequentiert oder in hippen Pariser Bioläden die Zutaten für seine Mahlzeiten besorgt, der wird immer öfter auf ein Relikt aus vermeintlich längst vergangenen Zeiten aufmerksam. Denn auf einigen der (nicht nur) in Frankreich so beliebten Feinkost-Produkte wie etwa Kaffee und Kakao aus Südamerika, Rum aus der Karibik, Weine aus Bordeaux, Hummer-Pasteten aus Kanada, Algenpesto aus der Normandie oder Aquavit aus Skandinavien prangt ein auffälliges Label mit dem Namen „Anemos“ (Wind): Ein stilisiertes Segelschiff, um das auf Französisch „unter Segeln transportiert“ geschrieben steht.

Und wer dann beim Schlangestehen an der Kasse in die Einkaufswagen der anderen schaut, wird bemerken, dass erstaunlich viele Franzosen genau solche Produkte auch kaufen. „Weil wir ein bisschen stolz darauf sind,“ behaupten vor allem solche Kunden, die direkt an der Atlantikküste oder am Ärmelkanal wohnen. „Und weil wir mal wieder ein kleines Zeichen für unsere traditionsreiche Schifffahrt setzen wollen.“

Lieber neu als alt

Für diesen kleinen Hype rund um Waren, die ausschließlich unter Segeln von A nach B transportiert wurden, ist eine kleine Agentur mit gerade mal fünf Mitarbeitern verantwortlich: TOWT.

Trans Oceanic Wind Transportation hat ihren Sitz im bretonischen Douarnenez und ist bereits seit 2011 in Sachen Transport unter Segeln aktiv.

Das Unternehmen lässt Waren und Güter segeln, wie etwa auf der Avontuur (44-Meter-Schoner aus den Zwanzigerjahren; siehe Bericht hier) oder auf der knapp 32 Meter langen Corentin. Hauptsächlich nutzt TOWT allerdings Lastensegler, an denen sie auch finanziell beteiligt sind und die fast nur für die bretonische Agentur unterwegs sind. So segelt der ehemalige Fischkutter De Gallant (Bj.1936, restauriert 1987) mehrfach im Jahr über den Atlantik, um hauptsächlich Kakao, Kaffee und Spirituosen von Ost nach West und von West nach Ost zu transportieren. Die Grayhound, Neubau eines Drei-Mast-Luggers wie sie um die vorletzte Jahrhundertwende im Ärmelkanal gesegelt wurden, kümmert sich vor allem um Transporte von der Bretagne rüber nach (Groß-)Britannien.
Bei jedem dieser Transporttörns werden auch zahlende Gäste an Bord akzeptiert. Die Crew besteht, neben Profiskippern, meist aus abenteuerlustigen Seglern oder Weltenbummlern. Kein Wunder, dass ein Anlanden in den Häfen, das Löschen der Fracht oder Beladen der Boote meist zu einem Happening wird.

220 Tonnen transportiert

Natürlich ist damit nur relativ wenig Geld zu verdienen. Denn die Produkte sollten auf dem Markt nur geringfügig teurer angeboten werden (derzeit zwischen vier und acht Prozent). Denn viel weiter würde die Liebe der Franzose zur Segelei und einem Transport unter Segeln dann auch nicht reichen. Aber man ist stolz auf den Ansatz, endlich auch in der Berufs- respektive Transportschifffahrt ein ökologisches Zeichen zu setzen. „Wir bieten so einigen Unternehmen die noch seltene Chance, ihre Produkte mit einem deutlich reduzierten CO2-Footprint in die Verkaufsregale zu bringen,“ schwärmen die TOWT-Gründer Diana Mesa und Guillaume Legrand unisono. „Und auch wenn unsere Einsparungen nur Tropfen auf dem heißen Stein sind, so haben wir doch einen Kurs eingeschlagen, dem hoffentlich viele folgen werden!“

Eine Hoffnung, die durchaus berechtigt ist, wie die kurzfristige Entwicklung des Frachtvolumens vermuten lässt. 2016 ließ TOWT noch 120 Tonnen segeln, 2018 waren es schon 220 Tonnen.

185 Tonnen Treibhausgas seien so im letzten Jahr eingespart worden – ein Ergebnis, das offenbar auch Investoren ermutigte, TOWT neuen Schwung zu geben. Denn schon für Ende 2021 kündigte Legrand kürzlich die Jungfernfahrt eines nagelneuen TOWT-Frachtseglers an: 67,5 Meter lang soll das Schiff werden, zwölf Knoten schnell sein und bei jeder Fahrt 1.000 Tonnen Fracht aufnehmen. Doch noch wurde kein Kiel gelegt, denn die Planung für den Schiffsbau geriet durch ein Unglück in Verzug: Vor 1,5 Jahren brannten das TOWT-Lager und die Büroräume in Douarnenez vollständig aus. Ein Desaster, das die jungen Frachtsegler zwar zurückgeworfen, aber nicht vom Kurs abgebracht hatte. „Wir sind eben nur etwas später dran,“ stellt Legrand klar. Aber an gewisse, von der Natur bestimmte Verspätungen müsse man sich bei den Frachtseglern ja sowieso gewöhnen.

Süße Fracht

Einen Schritt weiter sind da schon die Chocolatiers von Grain de Sail. Deren Label ist ein typisch französisches Wortspiel: Grains de Sel (Salzkörner) werden traditionell in der französischen Patisserie und Schokoladen-Fabrikation gerne genutzt. Und wenn man dann aus dem Salz ein Segel macht – selbst wenn es in Englisch geschrieben steht – dann wird deutlich, dass es sich bei diesen Chocolatiers um wahre Segelenthusiasten handelt.
Die Schokoladen-Künstler aus Morlaix in der südlichen Bretagne lassen schon seit Jahren ihre speziellen Kakao-Bohnen (und vieles mehr) direkt aus Süd- oder Mittelamerika und aus der Karibik heransegeln. Und haben nun mit einem spektakulären Frachtsegler-Neubau begonnen. Die Idee dahinter: Man wollte nicht mehr die eher aufwändig zu bedienenden und letztendlich technisch anfälligen, historischen Lastensegler in Anspruch nehmen, sondern lieber neue, per se schnellere Boote bauen, die mit kleinen Crews zu beherrschen sind.

Nach mehr als vier Jahren schnöder Geldsammelei (darunter ein wenig erfolgreiches crowdfunding-Projekt), wie die Macher von Grain de Sail bestätigten, habe man nun dank größerer Investoren die Finanzierung eines 1,5 Millionen Euro teuren, neuen Lastenseglers erreicht.

Die Votaan im Bau

Anfang dieses Jahres wurde bei Alumarine Shipyards in der Bretagne die Kiellegung von Votaan vollzogen, mittlerweile ist der Rumpf bereits fertig gestellt. Ein Boot mit modernem Riss (der entfernt, nicht nur wegen der Länge, an eine IMOCA erinnert), das 22 Meter lang sein und 31 Tonnen verdrängen wird. Mögliche Zuladung: 35 Tonnen.
„Mit dieser Ladekapazität kommen wir hervorragend für unseren eigenen Bedarf klar und können durch den zusätzlichen Transport „fremder“ Produkte die jeweiligen Törns amortisieren“, sagen die segelbegeisterten Chocolatiers, die ihre Firma übrigens direkt neben der Tiden-Schleuse in der touristischen Stadt Morlaix angesiedelt haben. „Damit wir möglichst nah am Wasser sind, wegen der Inspiration.“

Hohes Geschwindigkeitspotenzial

Das eigentlich Spannende am Riss dieses eher kleinen Frachtseglers ist sein relativ hohes Geschwindigkeitspotenzial. Ganz so, als wollten die Chocolatiers bei aller Liebe zum möglichst emissionsfreien Transport, bitteschön den Spaß am Segeln nicht verlieren. Bei einer Segelfläche von 495 m2 vor und immerhin 356 m2 am Wind, sollen selbst beladen noch Geschwindigkeiten von zehn bis 15 Knoten möglich sein. Zudem wird die Votaan von einer denkbar kleinen Crew gesegelt. Alle Bedienelemente sind so angelegt, dass ein Törn über den Atlantik problemlos mit vier professionellen Seglern und Seglerinnen in zwei Wachen zu erledigen sein wird. Zudem sind noch zwei zahlende Passagiere vorgesehen, die dem Abenteuer Frachtsegeln auch oder gerade in modernen Zeiten frönen wollen.
Bei der Wahl ihres Rumpfmaterials mussten die ansonsten eher auf Ökologie und Nachhaltigkeit bedachten Franzosen für ihren „Schokoladen-Transporter“ allerdings Kompromisse eingehen. Da es sich hier um ein offiziell anerkanntes, zertifiziertes Transportschiff handelt, sollten gewisse Vorgaben seitens der Behörden erfüllt werden. Aluminium als Rumpfmaterial mag dann auch den Öko-Puristen deplatziert vorkommen (extreme Umweltbelastung beim Bauxit-Abbau). Doch die Behörden setzen hier vor allem auf lange Haltbarkeit und Sicherheit bei Grundberührung oder Kollision. Und die Chocolatiers von Grain de Sail argumentieren, dass schließlich ihr ökologischer Beitrag mit dem emissionsfreien Segeln geleistet wird.

Auf nach New York

Schon aus rein wirtschaftlichen Gründen versteht es sich, dass die Votaan (Voilier Océanique de Transport trAns Atlantique iNnovant) nicht nur auf einer Strecke, also von West nach Ost, Waren transportieren wird. Vielmehr ist vorgesehen, dass der Schoner auch mit bretonischen Produkten an Bord Städte wie New York anfahren soll.
Und auch bei Grain de Sail hat man natürlich schon mal im Voraus gerechnet. Nicht mehr als zehn Cent pro Tafel Schokolade werde die Preiserhöhung ausfallen, versichern die Chocolatiers. Und eine 250-Gramm-Packung Kaffee werde dadurch nur zwischen 20 und 30 Cent teurer.

Eine Rechnung, die hoffentlich aufgehen wird. Dabei eines ist jetzt schon klar: Die Franzosen wollen nicht nur beim Hochsee-Regattasegeln La Grande Nation sein und bleiben, sondern auch beim (nun wieder) zukunftsträchtigen Frachtsegeln die Nase vorne haben.

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

3 Kommentare zu „Nachhaltiger Warentransport: Reedereien setzen wieder Segler ein und bauen sogar neue Schiffe“

  1. avatar skapirat sagt:

    Hallo, habe immer gedacht, dass die neuen elektronischen Medien schneller sind ¿? “siehe in dieser Ausgabe“den Text komplet vom Papier übernommen, ned schlächt……..

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  2. avatar Touriste sagt:

    Das Logo zu Anemos fehlt noch s.v.p.

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  3. avatar Gert sagt:

    Siehe auch https://www.treshombres.eu/

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