Nachruf: Florence Arthaud – wie die Französin in eine Männer-Domäne einbrach

"Der Tod und ich..."

Florence Arthaud nach ihrem Sieg bei der Route du Rhum 1990 © Jean Guichard

Florence Arthaud nach ihrem Sieg bei der Route du Rhum 1990 © Jean Guichard

Florence Arthaud war dem Tod schon mehrmals „von der Schippe“ gesprungen: Bei einem Autounfall, auf hoher See… Gestern nahm er sie mit.

„Die kleine Verlobte des Atlantiks“. Dieser poetisch anmutende Titel wurde Florence Arthaud am 18. November 1990 verliehen, als sie an Bord ihres 20-Meter-Trimarans „Pierre 1er“ im obskuren Licht eines dramatischen, karibischen Sonnenuntergangs vor Guadeloupe über die Ziellinie der „Route du Rhum“ segelte. „Verlobte des Atlantiks? Wie schwülstig klingt das denn?“ wird sie sich später amüsieren.

Die 33-jährige hatte schlicht Geschichte geschrieben: Nicht nur dass sie als erste Frau die prestigeträchtige Einhand-Transatlantik-Regatta overall gewonnen hatte. Nein, sie schaffte mit diesem „frechen Einbruch in eine Männerdomäne“ (L’Equipe) auch noch einen neuen Streckenrekord (14:10:02 Tage) – und zwar unter verschärften Umständen.

Ihr Autopilot funktionierte schon nach ein paar Tagen nur noch sehr unzuverlässig, so dass ihr Schlafmanagement „mehrmals im Delirium gipfelte“. Und aufgrund eines Bandsscheibenvorfalls trug die neue Rekordskipperin während der gesamten Regatta eine Zervikalstütze, die ihre Halsstrukturen entlasten sollte. „Zum Segeln braucht man eben kein Testosteron, sondern Durchhaltewillen!“ rief sie in die Mikrofone der französischen TV-Sender. „Segeln ist ab heute kein Macho-Sport mehr!“

Die Franzosen feierten die "Verlobte des Atlantiks" © tours-madame

Die Franzosen feierten die “Verlobte des Atlantiks” © tours-madame

Tod im Helikopter

Damals verliebte sich die segelverrückte französische Nation in diese Segel-Amazone, die sich allerdings nicht ganz so treu in die neue Partnerschaft einfügen wollte. Denn Florence Arthaud war schon immer als „Frau mit Charakter“ bekannt, die grundsätzlich ihre eigenen Wege geht. Und seien diese noch so schwierig und holprig…

25 Jahre später verliert diese „Überlebenskünstlerin der Meere“, die „Amazone, die den wütenden Ozeanen noch immer ein Schnippchen geschlagen hat“ ihr Leben bei den Dreharbeiten zur französischen TV-Reality-Show „Dropped“, bei der die Überlebensfähigkeiten bekannter Sportler in Extremsituationen gefilmt werden.

Beim Anflug zu einem Drehort im bergigen Nordwesten Argentiniens kollidierten zwei Helikopter in der Luft – die beiden Piloten und acht französische Insassen, darunter Florence Arthaud, die Schwimmerin Muffat (Olympisches Gold 2012) und der Boxer Alexis Vastine waren sofort tot.

Chance ihres Lebens

„Der Tod und ich, wir haben seit jeher ein seltsames Verhältnis,“ sagte Florence Arthaud vor zwei Jahren in einer TV-Talkshow. „Er schaut immer mal vorbei, lässt mich dann aber doch in Ruhe!“

Those were the times © guichard

Those were the times © guichard

Als 17-jährige begegnete sie ihm zum ersten Mal. Auf einer Landstraße krachte sie (als Beifahrerin) mit hoher Geschwindigkeit in riesige Tonnen, die ein Lastwagen verloren hatte. Als sie zwei Monate später aus dem Koma erwachte, war sie stellenweise gelähmt und hatte schwere, entstellende Verletzungen im Gesicht.

Weit über zwei Jahre verbrachte sie danach in Krankenhäusern, wurde Dutzende Male operiert und bezeichnete hinterher diese Zeit als „Chance ihres Lebens“. Denn in diesen Monaten schaffte sie den „Abstand zu einem bourgeoisen, wohlbehüteten Dasein“. „Ich hatte gelernt: Das wahre Leben ist zwar voller Gefahren, aber irgendwie verdammt aufregend!“

Ihr Vater war in der fünften Generation Verleger (u.a. Bücher von Bernard Moitessier) und begeisterter Fahrtensegler. Das Einzige, was er seiner behüteten Tochter erlauben wollte, war Segeln.

„Ich muss hier raus! Ich brauche die Weite des Meeres!“ verabschiedete sich Florence zwei Jahre später auf einem Zettel von ihren Eltern. In der Zwischenzeit hatte ihr Vater dafür gesorgt, dass sie vor ihrer Heimatstadt Antibes mit den talentiertesten Seglern unterwegs war, erste Törns alleine auf dem Mittelmeer unternahm und schließlich den Geschmack des „Grand Large“ kennen lernte.

Als 21-Jährige segelte Florence Arthaud erstmals bei der Route du Rhum mit (1978), wurde „nur“ Elfte und schaute neidisch auf Mike Birch, der auf seinem kleinen, gelben Trimaran gerade 98 Sekunden schneller als Michel Malinowski den Sieg eingeheimst hatte. „Einfach so aus dem Nichts heraus so eine Regatta gewinnen – genau so wollte ich es auch machen!“

"Mein Leben sind und bleiben Boote!" Florence Arthaud zu Zeiten, als sie vor Cap Corse über Bord ging © arthaud

“Mein Leben sind und bleiben Boote!” Florence Arthaud zu Zeiten, als sie vor Cap Corse über Bord ging © arthaud

Begegnung mitten im Nirgendwo

Die zweite Begegnung mit dem Tod hatte Florence Arthaud auf See. Erneut unterwegs bei ihrem „Schicksalsrennen“, der Route du Rhum, empfing sie mitten auf dem Atlantik während eines Sturms den Notruf ihres Kollegen Loic Caradec.  Arthaud änderte ihren Kurs, um in einer völlig aufgewühlten See dem Katamaransegler zu Hilfe zu eilen. Die junge Skipperin findet den Kat „Royale“ tatsächlich, zwischen meterhohen Wellen treibend – doch von Loic keine Spur. „Es war ein seltsames, beklemmendes Gefühl zu wissen, dass Loic gerade eben sein Leben in diesem Inferno gelassen hat,“ erinnerte sich Florence Arthaud im Ziel. „Ich war mitten im Nirgendwo erneut dem Tod begegnet!“

Dass die dritte Begegnung mit dem „Sensenmann“ sich eher kurios bis skurril gestaltete, bedeutet ja nicht, dass sie weniger gefährlich war. Florence Arthaud war längst die weibliche Ikone des französischen Hochseesegelns, hatte sich aber weitgehend aus dem Regattageschäft zurück gezogen, als die überzeugte Einhandseglerin 2011 vor dem Cap Corse schlicht beim Pinkeln über Bord ging.

Diesmal funktionierte der Autopilot und das Boot segelten mit Katze davon – Florence Arthaud blieb allein in den Fluten zurück. Aber einen Tag zuvor hatte sie ein wasserdichtes Mobiltelefon gekauft, das ihr nun das Leben retten sollte: Sie hatte tatsächlich „Empfang“, rief ihre Mutter in Paris an die wiederum eine Rettungsaktion auslöste. Arthaud wurde per Hubschrauber dank präziser GPS-Angaben gerettet. „Das war knapp,“ sagte sie später augenzwinkernd. „Der Tod war wieder ganz in der Nähe!“

Arthaud auf ihrem gelben Erfolgstri "Pierre 1er" © smithson

Arthaud auf ihrem gelben Erfolgstri “Pierre 1er” © smithson

Von einer Frau, für Frauen

Zuletzt machte Florence Arthaud mit einem Projekt von sich reden, das ihr ganz offensichtlich sehr am Herzen lag: „Eine Hochseeregatta von Frauen für Frauen. Einhand, selbstredend, und ich werde natürlich mitmachen!“ sagte sie im Herbst letzten Jahres, als sie in St. Malo, im Medienzirkus kurz vor dem Start zur Route du Rhum, kräftig die Werbetrommel rührte. Von ihrer neuen Heimatstadt Marseille aus sollte über Korsika, Sardinien bis nach Nordafrika gesegelt werden. Ein Projekt, das dem Zeitgeist voll entspricht und für das sie reichlich Publicity brauchte. Wie etwa durch die Teilnahme an einer dieser quotenstarken TV-Reality-Shows.

Wer hätte denn schon ahnen können, dass der Tod sie diesmal mitnehmen würde?

Allein war die Frau und jagte über den Atlantik. © smithson

Allein war die Frau und jagte über den Atlantik. © smithson

 

Florence Arthaud

geboren 28.10.1957 // gestorben 9.3.2015

Palmarés  (Auszüge)

1978: Rang 11 „Route du Rhum“ auf „X.perimental“
1981: Rang 6 bei „Twostar“
1988: Rang 7 „Transat Anglaise“ auf „Pierre 1er“
1990: Rang 3 „Twostar“auf „Pierre 1er“
1990: Rang 1 „Route du Rhum“auf „Pierre 1er“
1996: Rang 2 bei Transat AGR“ mit jean le Cam
2007: Rang 2 bei der „Route de l’Equateur“
Florence Arthaud schrieb mehrere Bücher und sang erfolgreich im Duo mit dem französischen Chansonier Pierre Bachelet.
1990 wurde sie von der französischen Sportzeitung „Equipe“ mit der höchsten französischen Sportauszeichnung „Champion des Champions“ als beste Sportlerin Frankreichs geehrt.

 

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Michael Kunst

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6 Kommentare zu „Nachruf: Florence Arthaud – wie die Französin in eine Männer-Domäne einbrach“

  1. avatar Lyr sagt:

    Was für ein tragisches Ende … 🙁

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 15 Daumen runter 0

  2. avatar Jürgen sagt:

    Echt tragisch! Eine beeindruckende Persönlichkeit!

    @ Segelreporter: Die Bildunterschrift ist leider irreführend. “Pierre 1er” war ein Trimaran (also wohl eher Tri) und kein Katamaran.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  3. avatar Sven 14Footer sagt:

    Danke für diesen Nachruf! Eine großartige Frau! Sehr tragisch auf diese Weise den Tod zu finden.

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  4. avatar Matti Koch sagt:

    Hier ein Video vom Spiegel Online über den Absturz:
    http://www.spiegel.de/video/amateurvideo-zeigt-hubschrauberunglueck-in-argentinien-video-1561913.html

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  5. avatar Addi sagt:

    Danke für den Nachruf!

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  6. avatar müller sagt:

    elle ne m a jamais Interesse c est un Sport d homme pas de gonzesse et je n aime pas les parigo

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