Navigation: Wie die Südsee erobert wurde – Warum Frauen die bessere Navigatoren sind

Den Himmel auf der Hand

Neue Forschungen behaupten, dass Frauen als Navigatorinnen maßgeblich die Besiedlung der polynesischen Südsee ermöglichten. Mit Hilfe der Hand-Navigation und Tattoos auf den Handrücken.

Man muss sich das mal vorstellen: Navigation auf der unendlich erscheinenden pazifischen Südsee, in der zehntausende Inseln verstreut sind, die bei teils extremen Wetter- und Windverhältnissen sicher angesteuert werden müssen. Und das weder mit GPS und Kartenplotter,  ohne Kompass und Karte und auch nicht mit Hilfe optischer Messinstrumente wie Sextanten. Sondern lediglich unter Einsatz der menschlichen Sinne, die durch eine tiefe Naturverbundenheit geschärft wurden. 

Die brillante Navigatorin Kala Tanaka nimmt auf Holukale’a die Höhe © polynesain voyages society

Die Migrationsreisen polynesischer Völker im pazifischen Dreieck zählen zu den größten seemännischen Leistungen der Menschheitsgeschichte. Bereits vor mehr als 4.500 Jahren sollen die Maori auf ihren Katamaranen in See gestochen sein, um unbekannte Inseln und Atolle in den Weiten des Ozeans zu besiedeln.

Wolken, Wellen, Sterne

Um sich in den verwirrenden Inselgruppen orientieren zu können, beobachteten die frühen Seefahrer den Vogelflug, deuteten Meeresströmungen, analysierten Wolkenformationen und richteten sich sogar nach den Zugrichtungen von Walschulen. Die wichtigste Orientierungsform waren jedoch die Sonne, der Mond, Sterne und Planeten am Himmel. 

Der kleine Finger entspricht einem Grad © polynesian voyages society

Mehr als 300 Sternenbilder sollen die Maori gekannt haben, die sie mit einer verblüffend funktionellen Hand-Navigation für ihre Routenfindung nutzten (SR-Artikel „Der Weg liegt auf der Hand.“)

Hand-Navigation am Beispiel Polarstern © thompson

Um die jeweilige Höhe der Sterne am Firmament, vor allem aber den Winkel, den die Sterne und Sternbilder in Bezug zum Horizont eingenommen haben abzumessen, nutzten die Reisenden lediglich ihre Hand. So entspricht bei ausgestrecktem Arm ungefähr die Breite des kleinen Fingers einem Grad. Richtet man nun die Handfläche in Richtung Himmel, spreizt den Daumen im rechten Winkel ab (siehe Zeichnung) und „legt“ die Daumenspitze auf den Horizont, hat man für jeden Bereich der Hand eine Höhe. Während einer Reise wurden diese Höhe mehrfach gemessen bzw. überprüft und entsprechend der Kurs korrigiert. 

Die Route singen

Allerdings wurden diese Messungen nicht, wie in der frühen europäischen Seefahrt üblich, in einem Logbuch festgehalten, um etwa nachfolgenden Generationen die Seefahrt zu erleichtern. Vielmehr gaben die Maori ihre Erfahrungen und ihr navigatorisches Wissen in kompliziert anmutenden Gesängen weiter. Diese sich ständig wandelnden Lieder mussten von den Seefahrern und Navigatoren auswendig gelernt, ständig um neu gewonnenes Wissen ergänzt und schließlich in verständlicher Form wiedergegeben werden.

Auf Langfahrt nach traditionellem Vorbild in der Südsee © polynesian voyages society

Ein fragiles Wissen, das im Laufe der letzten Jahrhunderte vernachlässigt und in der Überlieferung durch Gedächtnislücken und falsch interpretierte Wiedergaben eher ungenau wurde. 

Seit einigen Jahrzehnten beschäftigen sich viele Wissenschaftler mit dem Thema „Navigation der alten Maori“. Dabei kamen durch akribische Untersuchungen verblüffende Genauigkeiten speziell bei der Hand-Navigation zutage. Vor allem die Blauwasser-Langfahrt der „Hokule’a“ (Start 1976 auf Hawaii), einem nach alter Tradition konstruierten Katamaran, mit dem polynesische Seefahrer in Etappen die südliche Hemisphäre besegelten, machte unter Wissenschaftlern Furore. Nicht zuletzt, weil man sich an Bord ausschließlich mit Hilfe der ganzheitlichen „Sinnesmethode“ und der Hand-Höhenmessung orientierte. Und dennoch, allen Unkenrufen zum Trotz, immer ankam. 

Auch die Langfahrten der „Malama Holua“ (2014 bis 2017) bestätigten die Genauigkeit dieser uralten Messmethoden und halfen, einige der überlieferten, uralten Navigationsgesänge neu zu deuten und interpretieren. 

Frauen sind bessere Navigatorinnen

 In den vergangenen Jahren richteten die Forscher u.a. ihr Augenmerk auf die Rolle der Frau in den uralten Kulturen und auf eine bis heute erhaltene, typische polynesische Kultur: Die Tattoos. 

Sternen-Tattoos auf dem Handrücken und den Fingern einer Samoanerin © manamea art studio

Dabei wurde deutlich, dass Frauen, trotz einer damals sehr patriarchalisch ausgerichteten Familien- und Stammeskultur, wichtige Aufgaben übernommen haben. 

Aufgaben, für die sie aufgrund einer feinfühligeren Sinneswahrnehmung prädestiniert waren.  Wie zum Beispiel die Herstellung und spätere Reparatur der Segel. Oder eben die Navigation zur See: Es gilt mittlerweile als gesichert, dass Frauen an Bord der großen Langfahrtkanus als Navigatorinnen im buchstäblichen und übertragenen Sinne den „Kurs bestimmten“. 

Ankommen ist auch mit Hand-Navigation und wachen Sinnen möglich © wikipedia

In diesem Zusammenhang erhielt auch die Deutung traditioneller Tattoos auf den Handrücken mancher Frauen neue Bedeutung. Sie hatten seit Jahrhunderten in der Familie und im Stamm weitergegebene Sternentatoos von Generation zu Generation weiter vererbt. 

Dass es sich dabei um navigatorische Hilfsmittel handelt könnte, war dabei nur den wenigsten bekannt. 

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Michael Kunst

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