Ocean CleanUp: Erste Erfolge für Boyan Slat und sein Team – aber wird das reichen?

„Endlich Müll!“

Nicht viel, aber ein vielversprechender Anfang © ocean cleanup

Der niederländische Meeresschützer war kleinlaut geworden. Denn sein „Müllfänger auf See“ arbeitete trotz jahrelanger Forschung und Vorbereitung nur suboptimal. Doch jetzt wird Vollzug gemeldet!

Es war einmal ein Teenager, der hatte genug von all’ der Ignoranz der Menschheit angesichts einer Welt, die ganz offensichtlich – verursacht durch Menschenhand – dem Untergang geweiht ist. Also beschloss dieser Teenager zu handeln und rief Politiker, Wissenschaftler und junge wie ältere Menschen dazu auf, gemeinsam aktiv zu werden, endlich was zu tun, um diesen Missständen ein Ende zu bereiten…

Nein, nicht Greta Thunberg ist mit diesen Zeilen gemeint, sondern der Holländer Boyan Slat. Obwohl es schon interessant wäre, über die „gemeinsamen Nenner“ dieser jungen Umweltaktivisten nachzudenken. Und auf welch unterschiedlichen Wegen sie ihr erklärtes Ziel verfolgen: Den nachfolgenden Generationen eine Welt hinterlassen, auf der das Leben lebenswert ist. 

Mit 100 Wissenschaftlern die Meere säubern

Auch Boyan Slat machte im zarten Alter von 16 Jahren eine Erfahrung, mit der er erstaunlich viele Menschen für den Umweltschutz begeistern konnte.  Der junge Holländer schnorchelte damals irgendwo in der Ägäis und musste häufig mehr oder weniger große Plastikteile zur Seite schieben. Das beeindruckte ihn derart, dass er fortan nur noch an das Eine denken konnte: „Wie kann man den ganzen Plastik- und sonstigen Müll, der in den Ozeanen herumtreibt, aus selbigem heraus fischen und einem möglichst umweltverträglichen Recyclingverfahren zuführen?“ 

SR-Leser kennen Boyan Slats Geschichte längst (Auswahl Artikel). Mit 18 Jahren gründete er Ocean CleanUp, scharte innerhalb kurzer Zeit eine Menge kompetenter Köpfe um sich, konnte mit charismatischen Auftritten und ziemlich geschickten PR-Aktionen eine Menge Aufmerksamkeit auf seine Mission lenken. Der niederländische Staat unterstützt ihn, Mäzene geben Gelder, Sponsoren wollen vom Image profitieren und finanzieren ebenfalls, Crowdfunding-Aktionen bringen Millionenbeträge ein. 

Gemeinsam mit mehr als 100 Wissenschaftlern, Technikern, Handwerkern, Umweltaktivisten und anderen Vordenkern entwickelte Boyan Slat eine Art Müllsammelanlage, die auf den Ozeanen dieser Welt selbstständig den treibenden Plastikmüll auffangen soll. 

Dr Treibanker macht den Unterschied © ocean cleanup

Nach viel Theorie und noch mehr Denkmodellen trieb dann vor drei Jahren der erste Ocean CleanUp-Prototyp in der niederländischen Nordsee. Und vor genau 12 Monaten wurde „System 001“ im Great Pacific Garbage – dem riesigen Müllstrudel zwischen Hawaii und Kalifornien – ausgesetzt. 

Müll treibt – Schlauch auch

Die Ocean CleanUp-Anlage kann man als eine Art „Müllfänger“ beschreiben. Ein langer, schwimmfähiger Schlauch (später soll er einmal über 600 Meter lang sein, derzeit misst ist er ca. 250 Meter) treibt in U-Form auf dem Wasser. An diesem Schlauch hängt wiederum eine Art Vorhang, in dem sich die Plastikteile verfangen sollen. Der Ocean CleanUp-Schlauch soll autonom im Meer treiben und nicht etwa von Booten oder Schiffen gezogen werden. Nach gewissen Zeiträumen kommen dann Müllschiffe beim Schlauch vorbei, schöpfen den eingesammelten Müll ab und führen ihn an Land einem (hoffentlich intelligenten) Recyclingverfahren zu. 

Soweit zur Theorie. Die Praxis sah dann zunächst ernüchternd aus. Denn der Müll fühlte sich nicht so richtig wohl im Schlach. Die eingefangenen „Mengen“ waren nicht der Rede wert. Schnell meinte man, die Ursache gefunden zu haben: Das „U“ der Schlauchform war zu weit geöffnet, der Müll trieb seitlich am Schlauch vorbei zurück in die Weiten der Ozeane. Doch auch mit der Veränderung des Anstellwinkels machte der Schlauch seinen Job nicht so wie gewünscht. Schließlich kam man darauf, dass der Müllfänger ja im Meeresstrom ähnlich schnell treibt wie der Müll. Und sich so das ganze Plastik, egal in welcher Größenordnung, gar nicht erst im Schlauch verfangen könne. 

Sehr stolzer Boyan Slat © ocean cleanup

Doch zu einem Test nach entsprechend Umbauten, die durchaus auf Hoher See machbar gewesen wären, kam es zunächst nicht. Denn nach einem Ermüdungsbruch musste „System 001“ wieder zurück an Land geschleppt werden. Also wurde der „Reset“-Knopf gedrückt: System reparieren und entsprechend verstärken, Treibanker ansetzen, alles zurück in den Pazifik schleppen – zeitaufwändig und nervenaufreibend. 

„Verdammt stolz!“

Es mag an reichlich Häme, dreister Besserwisserei und teils unverschämter Kritik gelegen haben, die nach den Rückschlägen über Ocean CleanUp schwappten, dass sich der sonst immer um eine gewisse Coolness bemühte Boyan Slat bei seinem letzten Pressemeeting mit unverhohlener Freude und fast schon kindlicher Aufregung an die Öffentlichkeit wandte und Erfolg meldete. „Ja, wir sammeln endlich Müll! Und ja, wir sind verdammt stolz darauf!“ 

Tatsächlich konnte das Wissenschaftler und Technikteam, das derzeit noch den Prototypen auf See begleitet, endlich mit dem neuen Treibanker-System gute Erfolge vermelden. Der Müll triebt tatsächlich in das „U“ des Schlauchs und noch besser: Er bleibt auch drin! 

Plastik, Müll, Umweltschmutz

Todesfalle, nicht nur für Schildkröten – Plastiknetze bilden einen Großteil des pazifischen Müllstrudels © ocean cleanup

Es mag angesichts einer nicht gerade überwältigenden Menge Müll, die bei diesen ersten Erfolgsmeldungen als Beweis präsentiert werden, erneut den einen oder anderen Kritiker geben, der sich bestätigt sieht. 

Denn einige Wissenschaftler, darunter auch namhafte Spezialisten aus der Meeres- und Umweltschutz-Forschung, loben zwar den Enthusiasmus und die „Ärmel Hochkrempeln-Mentalität“ eines Boyan Slat, sind jedoch skeptisch, was die Wirksamkeit des Ocean CleanUp-Systems betrifft. Vor allem der bislang eher mangelhaft ausgefallene Kosten-Nutzen-Vergleich wird häufig kritisiert. Zudem sei man mit der Erforschung des im Meer umhertreibenden Mülls noch nicht weit genug, um tatsächlich effektive Systeme entwickeln zu können. So sei noch nicht klar, ob zum Beispiel ein Großteil der Plastikmengen nicht einfach nach ein paar Jahren an der Wasseroberfläche auseinander falle, auf den Meeresboden sinke und dort von Bodenschichten überlagert werde. 

Ist der grobe Müll das Problem?

Überhaupt ist wohl noch nicht wissenschaftlich nachweisbar, welche Plastikarten sich in welchen Zeiträumen im salzhaltigen Meerwasser zersetzen. So wurden bereits mehr als 40 Jahre alte Plastikflaschen in erstaunlich intaktem Zustand an Stränden gefunden. Während etwa „moderne“ Plastiktüten sich relativ rasch in Mikroplastikteile zersetzen, die dann jedoch jahrhundertlang durch die Ozeane treiben, von Fischen gefressen werden und so in die menschliche Nahrungskette gelangen. Ocean CleanUp-Kritiker folgern daraus, dass eben nicht der „grobe“, von Ocean Cleanup eingesammelte Müll das Problem sei. „Der Makro-Plastikmüll von heute ist der Mikro-Plastikmüll von morgen!“ entgegnet Boyan Slat in solchen Fällen. 

Gut, dass der charismatische 23-Jährige jetzt erste Erfolge vorzeigen kann. Denn hinter den Kulissen wird gemunkelt, dass sich so manch wichtiger Geldgeber zurückziehen wollte, Angesicht einer endlos langen, im Prinzip erfolglosen Testphase, in der Rückschläge sozusagen auf der Tagesordnung standen. 

Gehören solche Bilder dank Boyan Slat und seinem Ocean CleanUp-Projekt bald der Vergangenheit an? ©
cheeseandjamsandwich

Für das gesamte Projekt dürfte dieser erste Erfolg überlebenswichtig sein. Geht es doch um nichts Geringeres als die Bestätigung, dass alle theoretische und praktische Arbeit der letzten Jahre nicht für ein Luftschloss eingesetzt wurden. Wenn auch mittlerweile wohl alle bei Ocean Cleanup ahnen, dass der vor fünf Jahren von Boyan Slat geäußert Wunsch, mit seinen Ideen die Meere vollständig vom Plastikmüll zu befreien, niemals in Erfüllung gehen wird. 

Dafür dürfte allen Beteiligten nun klar geworden sein, dass sie tatsächlich an einem Projekt mit und für die Zukunft arbeiten. Und das ist, auch in heutigen Zeiten des Umwelt-Aktivismus und einer sich diesbezüglich langsam, aber sicher wandelnden Gesellschaft, immer noch viel zu selten. 

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Michael Kunst

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