Ocean CleanUp: Sechzig Säcke Plastikmüll aus dem Pazifik – neue Systeme in den Flüssen

Guter Fang

Endlich, endlich: Der Beweis ist erbracht, der Müllsammelschlauch des Niederländers Boyan Slat funktioniert. Größere und noch effizientere Systeme sollen folgen. Doch wie kann das finanziert werden? 

Es sind vermeintlich miese Zeiten für den Umweltschutz: Die UN-Klimakonferenz in Madrid ist grandios gescheitert, die Deutsche Politik versucht verzweifelt ein unausgegorenes Klimapaket „unters Volk“ zu bringen und eine Ikone wie Greta Thunberg erhält deutlich mehr Aufmerksamkeit in den Medien für ihre Tweets, die sie während einer Fahrt mit der Deutschen Bundesbahn sendete, als etwa für ihre durchaus aufrüttelnde Rede beim oben genannten Klimagipfel. 

Da tut es richtig gut, wenn man zwischendurch – fast schon gegen den Mainstream – auch Positives in Sachen Umweltschutz berichten kann. Stichworte: Meeresverschmutzung, Plastikmüll in den Ozeanen und die an Sisyphos erinnernden Anstrengungen, Abermillionen Tonnen Plastik aus dem Wasser zu holen. 

Um es kurz zu machen: Boyan Slat und sein Ocean Cleanup-Team haben erstmals einen nennenswerten Fang Plastikmüll an Land gebracht. Den sie nun in den Sozialen Medien und in internationalen TV-Reportagen gehörig feiern. 

Sechzig Säcke – viel, wenig oder genug?

SegelReporter informiert über den charismatischen, jungen Niederländer Boyan Slat bereits seit dessen Anfängen als selbsternannter Ozeanreiniger. Mit seinem Projekt Ocean Cleanup will der heute 25-Jährige die Meere vom Plastikmüll reinigen. Hierzu nutzt er in erster Linie ein passives System, mit dem Plastikmüll, der in Meeresströmungen knapp unter der Wasseroberfläche treibt, aufgefangen werden soll. Konkav geformte, Hunderte Meter lange Auffangsysteme sollen den Plastikmüll über Monate hinweg einsammeln, bis Müllboote den „Fang“ aus dem Müllsammelschlauch entleeren und zum Recyceln an Land bringen.

Dank des Bremsfallschirms treibt das System langsamer als der Müll. Und kann diesen auffangen © oceancleanup

Nachdem erste Versuche gescheitert waren – u.a. weil der Plastikmüll wieder aus dem System heraus trieb – sind nun erste „Fang-Erfolge“ zu vermelden, die man auch als solche bezeichnen darf (siehe auch SR-Bericht „Plan B“). Mit Hilfe eines unter Wasser treibenden Bremsfallschirms konnte der treibende Müllsammelschlauch so weit abgebremst werden, dass der aufzufangende Müll schneller und somit in das System trieb und sich dort bis zur Entleerung ansammelte. 

Sechzig Säcke voll Plastik holten Boyan Slat und sein Team aus dem treibenden System mitten im Großen Pazifischen Müllstrudel zwischen Hawaii und Kalifornien. Plus diverse, teils riesige Fischernetze, die sie offenbar als „Beifang“ während ihrer Beobachtungen aus dem Ozean fischten. 

Das mag auf den ersten Blick wenig erscheinen, wenn man bedenkt, mit welchem Forschungs- und technologischem Aufwand das Projekt in den letzten Jahren voran getrieben und unterstützt wurde. Sechzig Säcke Müll aus den Meeren – so viel Plastik sammelt ein engagiertes Umweltschützer-Team schließlich locker an einem Tag an verdreckten Stränden. 

Über diesen Müll kann man sich richtig freuen © ocean cleanup

Doch es geht bei diesem ersten Fang (noch) nicht um schiere Quantitäten. Sondern um den Beweis, dass mit der Methode des Müllsammelschlauchs tatsächliche Erfolge auf hoher See zu erzielen sind. 

Nach dem Motto „Der Müll treibt überall – man muss ihn nur auffangen“ können nun weitere, allerdings deutlich größere und somit per se effizientere Systeme produziert und schon in Kürze in den diversen Müllstrudeln unserer Ozeane ausgesetzt werden. Vorausgesetzt, es finden sich finanziell potente Unterstützer, die mit dem Projekt vielleicht sogar auch eine Chance wittern, mittel- bis langfristig Geld zu verdienen. 

Produkte aus zertifiziertem OceanPlastic

Angeblich zur weiteren Finanzierung, aber wohl auch zur generellen Vermarktung der Ocean CleanUp-Ideen, kündigte Boyan Slat nun bei einer Pressekonferenz in Vancouver an, dass er aus dem „frisch gefangenen“ Meeres-Plastikmüll eine Art Wertschöpfungskette aufbauen will. Aus dem recycelten „Meeresplastik“ sollen Produkte entstehen, die garantiert aus Plastik, das in den Meeren trieb, hergestellt werden. 

Hierzu lässt sich der findige Meeresschützer seinen recycelten Kunststoff von der Klassifizierungsgesellschaft DNVGL als Ozeanplastik klassifizieren. DNVGL hat in den vergangenen Jahren einen Standard entwickelt, der eine eindeutige Rückverfolgung des in Produkten eingesetzten, recycelten Plastiks ermöglicht.

Fischernetze – Plastikmüll und Todesfallen für die Meeresfauna © oceancleanup

Um was für ein Produkt oder um welche Produktgruppe es sich bei den zukünftigen OceanPlastic-Produkten handeln könnte, wurde allerdings noch nicht verraten. Nur der Preis ist schon mal bekannt: 50 Euro. 

Wie kommt das Plastik ins Meer?

Apropos geheimnisvoll: Nachdem Boyan Slat vor allem in den ersten Jahren seiner Ocean CleanUp-Kampagne häufig kritisiert und oft genug auch verunglimpft wurde, ließ er ein zweites Clean-Projekt erstmal in aller Heimlichkeit entwickeln und bauen. 

Ein immer wieder genannter Kritikpunkt an Ocean CleanUp ist die Tatsache, dass der in den Ozeanen treibende Müll vom Menschen an Land produziert wird und häufig über die Flüsse in die Meere gelangt. Man solle lieber beim Plastikverbrauch und beim Konsumenten ansetzen und gleich die Müllflut an der Wurzel des Übels anpacken, wird argumentiert. Slat und sein Team wählten nun einen Mittelweg zwischen den beiden Extremen „Verbraucher und belasteter Ozean“: Sie entwickelten ein Müllsammelboot für den Einsatz auf Flüssen. 

Zwei Projekte, das gleiche Prinzip und ein gemeinsames Ziel © ocean cleanup

Der Ocean CleanUp-Interceptor, ein etwa 24 Meter langes und an ein Hausboot erinnerndes Schiff, soll rund um die Uhr Müll in Flüssen aufsammeln. Immerhin bis zu 50 Tonnen am Tag soll auf dem Interceptor angehäuft werden. Auch dieses System soll autonom agieren und wird von Solarpanels mit Energie versorgt. 

Das Wirkungsprinzip erinnert an das OceanCleanUp-System: Eine gekrümmte Barriere, die auf der Wasseroberfläche des Flusses treibt, soll den im Strom treibenden Müll aufsammeln, zum verankerten Interceptor leiten, wo wiederum auf Förderbändern der Müll ins Schiffsinnere gelangt. 

1000 Flüsse, 1000 Interceptoren?

Und Boyan Slat wäre nicht Boyan Slat, wenn er nicht auch hinter diesem Projekt ein dickes, PR-trächtiges Ausrufezeichen setzen würde. Ähnlich wie bei Ocean CleanUp, mit dem er von Beginn an die Hoffnung verknüpfte, alle Ozeane innerhalb kürzester Zeit vom Müll zu befreien, plant er auch beim Interceptor „im großen Stil“. Man habe festgestellt, dass 1.000 Flüsse etwa 80 Prozent des in den Ozeanen treibenden Plastikmülls transportiert haben. Innerhalb von fünf Jahren soll nun  ein Großteil dieser Flüsse mit Interceptoren gereinigt werden. 

Immerhin sind derzeit schon zwei Schiffe in Indonesien und Malaysia aktiv, ein dritter Interceptor soll in Kürze im Mekong-Delta zum Einsatz kommen. Und in der Dominikanischen Republik dürfte der Rio Ozama mit dem neuen Müllsammler zumindest vom groben Müll gereinigt werden. 

Wieviel dieser Müllschiffe bereits von anderen Staaten geordert wurden, wurde jedoch noch nicht bekannt gegeben. 

© oceancleanup

Allen Unkenrufen zum Trotz: Boyan Slat und sein Ocean CleanUp-Team haben selbst in bitteren Stunden der Niederlage (z.B. als der Müllsammelschlauch im Großen Pazifischen Müllstrudel hartnäckig nicht funktionieren wollte) nicht aufgegeben. Im Gegenteil, sie entwickelten weitere Projekte, mit denen sie ihrem Ziel einen wichtigen Schritt näher kommen werden. Ganz egal, ob in fünf Jahren tatsächlich Hunderte Interceptoren auf den Flüssen arbeiten werden oder nur Dutzende, ganz egal ob von Ocean CleanUp in ein paar Jahren wirklich Hunderte Tonnen Müll pro Woche aus den Meeren gezogen werden – hier zeigen meist jüngere Menschen, dass sie anpacken müssen, um beim Umweltschutz erfolgreich zu sein. Bleibt zu hoffen, dass sich die älteren Generationen zumindest für eine finanzielle Unterstützung durchringen können. 

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Michael Kunst

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