Oceanis vs. Sun Odyssey: Wie unterscheiden sich die beiden Serien für Fahrtensegler?

Ziemlich gleiche Schwestern?

Seit 20 Jahren lässt die Bénéteau Group zwei reine Fahrtenschiff-Modellreihen parallel laufen. Die Oceanis-Yachten von Bénéteau und die Sun Odysseys von Jeanneau bieten ein ähnliches Größen-Portfolio und tummeln sich im selben Preissegment. Beide mit großem Erfolg. Stellt sich die Frage: Worin liegen die Unterschiede?

Oceanis 41.1 © Silke Springer

Um die Frage nach den Unterschieden zu klären, hilft die Unterstützung durch Experten. Richard Gründl ist Inhaber von Gründl Bootsimport und vertritt seit vielen Jahren Jeanneau in Deutschland. Er kennt sich bestens aus, wenn es um Sun Odysseys geht. Lars Reisberg ist Marketing- und Verkaufsleiter beim Bénéteau-Händler Enjoy-Yachting, seine Kunden interessieren sich für Oceanis-Yachten. Beide Fachleute sind sich einig, dass ein Herausarbeiten modelltypischer Charakteristika am besten funktioniert, wenn man zunächst einen Blick auf die Ur-Modelle wirft.

Sun Odyssey 410 © Silke Springer

Die Ursprünge

Bei Oceanis-Yachten liegt der Zeitpunkt der Prototyp-Entwicklung deutlich weiter in der Vergangenheit als bei Sun Odysseys. Genauer gesagt in der Mitte der 1980er. Damals wandte sich die Bénéteau-Familie, die zu diesem Zeitpunkt schon auf eine 100jährige Firmengeschichte zurückblicken konnte und bereits seit Jahren Segelboote in Großserie fertigte, an Philippe Briand. Man bat ihn, bei der Konstruktion einer chartertauglichen Fahrtenyacht behilflich zu sein. Als Vorlage diente der Bootstyp Idylle, den die Bénéteau-Werft zusammen mit ihrem damaligen Haus-Konstrukteur Francois Chalain und den Moorings-Gründern Ginny und Charlie Cary entwickelt hatte. Die Eheleute Cary galten als Charterpioniere, weil sie die weltweit erste Charterbasis gegründet hatten. Sie gehörten zum Freundeskreis von Annette Roux und hatten die Bénéteau-Geschäftsführerin inspiriert, eine Charterboot-Serie aufzulegen.

Mit der Oceanis 350 kam 1985 ein Schiff auf den Markt, das explizit für Chartertörns gedacht war. Es ließ sich einfach händeln und hatte einen effektiv nutzbaren Innenraum. Dass es darüber hinaus seegängig und mit guten Segeleigenschaften ausgestattet war, gehörte zum Selbstverständnis der Werft, schließlich hatte schon Firmengründer Benjamin Bénéteau mit seinen schnellen Kuttern und Loggern dafür gesorgt, dass „seine“ Fischer schneller in den Hafen zurückkehren konnten als die anderen und höhere Preise für ihren Fang erzielten.

Die ersten Sun Odysseys sind mehr als 15 Jahre später vom Stapel gelaufen. Interessanterweise gehörte die Jeanneau-Werft zu diesem Zeitpunkt bereits zur Bénéteau Group. Während der ersten großen Wassersportkrise in den 1990ern war sie unters Dach der Konkurrenz geschlüpft. An der Modellpolitik änderte sich dadurch wenig. Annette Roux, die wie ihr Großvater Benjamin Bénéteau mit besonders innovativem Geschäftssinn ausgestattet war, hatte 1984 den Börsengang gewagt und bis zur Werftübernahme von Jeanneau schon mehrere Werften unter ihrem Dach-Verband versammelt. Weil sie davon überzeugt war, dass Konkurrenz im eigenen Haus das Geschäft beflügelt, ließ sie allen Teilfirmen weitestgehend freie Hand. Das galt auch für den ehemaligen Konkurrenten Jeanneau, dessen Stärken sie hervorheben wollte, anstatt ihn zu zerschlagen. „Dieser Zusammenschluss war ein großer Moment. Zwei Familien aus der Vendée, zwei Unternehmen, die mit denselben Problemen konfrontiert waren und die sofort eine gemeine Sprache fanden. Zwei Belegschaften, die am Vorabend noch davon überzeugt waren, besser als der andere zu sein, entdeckten, dass es beim jeweils Anderen Gutes und weniger Gutes gab. Wir beschlossen also, von jedem das Gute zu nehmen und das weniger Gute einfach beiseite zu lassen“, schreibt sie in ihrer Biografie.

Mitte der 1980er wurde die erste Oceanis auf Stapel gelegt. Als Vorbild diente die Idylle, die Bénéteau in Zusammenarbeit mit den Charterpionieren Ginny und Charlie Cary entwickelt hatte © Bénéteau

Aus dem Ein-Mann-Betrieb, den der Geschwindigkeits-„Junkie“ Henri Jeanneau 1957 gegründet hatte, um für sich selbst ein motorbetriebenes Rennboot zu bauen, mit dem er das legendäre Sechs Stunden von Paris-Rennen gewinnen wollte, hatte sich ein Global Player entwickelt, der beides konnte: Leistungsstarke motor- wie segelbetrieben Regattayachten bauen und Fahrtenschiffe für Jedermann anfertigen. Beides in hoher Stückzahl.

Umso froher war man, weiterhin eine eigene Modell-Politik verfolgen zu können. 1995, noch im Jahr der Übernahme, wurde eine neue Cruiser Racer Serie ins Rennen geschickt. Diese Yachten, die den Modellnamen Sun Fast erhielten, sorgten für Furore, weil sich mit ihnen tatsächlich, wie versprochen, sowohl Regatten gewinnen als auch entspannte Törns durchführen ließen. Als fünf Jahre später die Sun Odyssey Reihe debütierte, hatte sie es leicht, sich auf dem Markt zu behaupten. Man wusste, dass die Jeanneau-Werft ihr Handwerk verstand und in der Lage war, ihrer neuen Marke die prognostizierten Charaktereigenschaften mit auf den Weg zu geben.

Bei den Sun Odysseys stand ganz klar Fahrtensegeln im Vordergrund. Als Hauptabnehmer wurden zwar ebenfalls die großen Charterunternehmen angepeilt, aber nicht mehr mit der Ausschließlichkeit, wie man sie von den ersten Oceanis-Yachten kannte. Zwischen 1985 und 2000 hatte sich der Yachtsport rasant weiterentwickelt. Durch neue Materialien, bessere Verarbeitungsmethoden, effektivere Ausrüstung wie Rollanlagen und Elektrowinschen waren die Yachten leichter zu pflegen und einfacher zu händeln. Darüber hinaus sorgten breitere Rumpfformen für größere Räume, was den Vercharteren in die Karten spielte, aber zunehmend auch Privatkunden erfreute. Hinzu kam, dass die nachwachsende Seglergeneration ihrem Hobby anders nachging als ihre Eltern. Segeln wurde nicht mehr nur als actionreicher Sport betrieben, sondern durfte gern auch mit Komfort und Müßiggang verbunden sein. Dadurch waren die Übergänge zwischen Charter- und Eigneryachten fließend geworden.

All diese Erkenntnisse und Designfortschritte flossen in die Entwicklung der ersten Sun Odyssey mit ein. Sie sollte keine Trends setzen, sondern sich als solider Fahrtenkreuzer mit ausgewogenen Segeleigenschaften behaupten. Im Design setzte man auf klassische Eleganz, die Komfort, gute Leistung und überzeugende Seegängigkeit integrierte.

„Das Kernmerkmal einer Sun Odyssey ist Seegängigkeit, auch in schwerer See. Hinzu kommen eine gute Übersicht über Deck und Segel, leichte Handhabung und ein eher zeitloses Design.“ Richard Gründl

Die jüngste Vergangenheit

Soweit der Blick in die Historie und die sich daraus ergebenden Unterschiede. Doch welche davon, wenn überhaupt, erkennt der Kunde?

Fragt man Richard Gründl, ob Oceanis- und Sun Odyssey-Händler um dieselbe Käufer buhlen, erhält man zur Antwort: „Natürlich schauen sich meine Kunden auch die anderen Yachten an, die ein ähnliches Konzept verfolgen und vergleichbar teuer sind. Aber letztlich kristallisiert sich schnell heraus, wer sich zu welcher Linie hingezogen fühlt. Sun Odysseys sind von einem eher zeitlosen Design geprägt. Von Anbeginn hat die Entwicklung dieser Bau-Reihe kontinuierlich stattgefunden. Harte Brüche gibt es nicht. Das passt zum Charakter ihrer Eigner, die eher zeitlos denken und langfristig planen. Wer sich für eine Sun Odyssey begeistert, fühlt sich zum Blauwassersegeln hingezogen, obwohl er vielleicht niemals auf Langfahrt gehen wird. Er möchte ein seetüchtiges Schiff, das gut und solide segelt. Was ihn anspricht, sind das klassische Design und der gute Überblick über Deck und Rigg. Zwar wird mit jeder neuen Modellauflage das eine oder andere neue Feature eingebaut, aber nicht auf Kosten der Funktionalität oder zu Lasten der Segeleigenschaften.“

Markantes Markenzeichen: Ein Targa-Bügel, wie ihn die Oceanis 35 trägt, nimmt die Großschot auf, hält das Cockpit frei von Tampen und ermöglicht einen bequemen Einstieg © Silke Springer

Weitaus mutiger geht die Bénéteau-Werft bei ihren Oceanis-Modellen vor. In bemerkenswert schneller Abfolge überrascht sie mit neuen Rumpf- und Decklinien, die auch mal deutliche Sprünge zum Vorgänger aufweisen. 2017 zum Beispiel zeigte sie mit der Oceanis 51.1 einen Rumpf, bei dem die Chines erst oberhalb der Wasserlinie ansetzen und bis weit in den Bug hineinlaufen. Aufgrund dieser so genannten Tulpenform bleibt das Unterwasserschiff schmal, was für gute Leichtwindeigenschaften sorgt und bei mehr Wind und Krängung hohe Stabilität bringt. Gleichzeitig kommt durch die Kimmkanten mehr Volumen bzw. Platz ins Schiffsinnere.

Darüber hinaus erlaubt sich die Werft, ihre Yachten mit neuen Design-Besonderheiten auszustatten, die besonders funktional sind. Bestes Beispiel dafür ist der Targa-Bügel, der die Großschot aufnimmt, das Cockpit frei von Tampen hält und einen komfortablen Einstieg in den Niedergang ermöglicht.

Hohe Trittsicherheit: Die neuen Sun Odyssey-Modelle haben ein Walk Around Deck, bei dem die Lauffläche achtern abgesenkt ist. Statt Fußreling findet man hier eine Schanz, außerdem gelangt man barrierefrei aufs Vordeck © Silke Springer

Angesprochen auf die Oceanis-DNS bringt Lars Reisberg das Stichwort „Avantgarde“ ins Spiel. Man traut sich was bei Bénéteau und legt Wert auf Innovationen. Auf keinen Fall sollen Oceanis-Yachten altbacken wirken, das gilt für die Rümpfe wie für die Aufbauten. Ihre Linien folgen moderner Formgebung, wobei auch hier darauf geachtet wird, dass Seetüchtigkeit und Performance erhalten bleiben. Reisberg fasst zusammen: „Oceanis-Yachten sind modern, schnell, einfach zu handhaben und sicher.“ Und sie gehören zu den weltweit meistgebauten Großserien-Fahrtenyachten. Inzwischen ist die siebte Generation im Verkauf. Umgerechnet auf die Gesamtlaufzeit der Baureihe bedeutet das, im Schnitt wurden die alten Modelle alle fünf Jahre durch neue ersetzt. Ein schneller Wechsel, der bei Sun Odysseys so nicht zu finden ist. Hier betrug die durchschnittliche Lebensdauer eines Modells annähernd acht Jahre.

„Alle Oceanis-Modelle haben dieselbe DNA: Sie sind schnell, einfach und sicher. Ihre Eigner sind passionierte Segler.“ Lars Reisberg

Ein Blick in die Zukunft

Knapp 20 Jahre lang haben die Jeanneau- und die Bénéteau-Werften ihre jeweils eigene Modellpolitik verfolgt. Das ändert sich gerade, denn mit der neuen Führungsspitze, die seit etwa zwei Jahren die Geschicke der Bénéteau Group lenkt, ist frischer Wind ins Unternehmen eingezogen. Sie folgt der Philosophie, dass die Kräfte der zur Gruppe gehörenden Firmen effektiver nutzbar sind, wenn man sie bündelt. Zukünftig werden Oceanis- und Sun Odyssey-Modelle nicht mehr unabhängig voneinander entwickelt, sondern als Gesamtpaket behandelt und sollen deutlich schärfere Profile erhalten. Man möchte die eher ungleichen Schwestern noch stärker voneinander abzugrenzen und verordnet ihnen augenfällige Alleinstellungsmerkmale.

Oceanis 51.1: Die Tulpenform des Rumpfes bringt mehr Volumen ins Vorschiff und hält gleichzeitig die Wasserlinie schmal © Silke Springer

Gute Beispiele dafür sind das Walk Around Deck, mit dem die beiden jüngsten Sun Odyssey-Modelle 410, 440 und 490 ausgestattet sind, und das Living Aboard-Konzept, das große Freiflächen an Deck vorhält, auf denen sich mit Hilfe von Polstern bequeme Sonnenbadzonen aufschlagen lassen. Diese extravaganten Design- und Ausrüstungs-Features sind eher untypisch für Sun Odysseys, aber bestimmen die neue Ausrichtung der Linie.

Darüber hinaus werden die Baureihen anders sortiert. Die Sun Odyssey-Palette beginnt momentan bei 35 Fuß und umfasst die Modelle 349, 389, 410, 440 und 490. In der Oceanis Range werden sechs Typen gelistet, bei denen es sich um die Modelle 30.1, 35.1, 38.1, 40.1, 46.1 und 51.1 handelt. Eine 30-Fuß-Yacht findet man also nur noch bei Oceanis, nicht mehr bei Sun Odyssey.

Sun Odyssey 410: Bei Jeanneau setzt man die Kimmkanten klassisch ein © Silke Springer

Das Konzept scheint aufzugehen. Mit der neuen Oceanis 30.1 feiert die Bénéteau Group aktuell große Erfolge. Warum gerade dieses Schiff stark nachgefragt wird, weiß Lars Reisberg zu begründen: „Es ist besonders vielseitig und flexibel. Per Upgrade lässt es sich ohne großen Aufwand an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Im Standard sind diese Schiffe eher untertakelt. Das macht sie interessant für Charterkunden oder Einsteiger. Aufgerüstet mit Genua statt Selbstwendefock und Squaretopp-Großsegel statt Rollgroß, dazu ein tief reichender Festkiel, und dieselben Schiffe werden zu attraktiven Fahrtenyachten für segelbegeisterte, junge Familien. Dieses System gilt auch für die größeren Oceanis-Yachten und erschließt uns einen neuen Kundenkreis.“

Für alle, die nach einem geeigneten Schiff Ausschau halten, kann es nur Vorteile bringen, wenn beide Modellreihen noch klarere Profile bekommen. Mit den jeweiligen Charaktereigenschaften deutlich vor Augen, fällt die Entscheidung leichter.

Bénéteau Group

Zur Bénéteau Group gehören Stand 2020 folgende Werften:
• Bénéteau
• Jeanneau
• Lagoon
• Excess
• Delphia
• CNB
• Prestige
• Fourwinns
• Wellcraft
• MonteCarloYachts
• Glastron
• Scarab

Die Werft, die 1884 gegründet wurde und 1984 an die Börse ging, ist bis heute mehrheitlich in Familienbesitz.

www.beneteau.de

Ein Kommentar „Oceanis vs. Sun Odyssey: Wie unterscheiden sich die beiden Serien für Fahrtensegler?“

  1. avatar PL_Nutzer sagt:

    Das sind aufgepumpte Wohnwagen mit der Fähigkeit, schwimmen zu können. Segelboote sind das aber nicht.
    Qualitativ alles auf Ikea-Niveau, aber Hauptsache man hat viel Platz und einen riesigen, fest installierten Tisch in der Plicht.
    Ich persönlich finde Bavaria aber noch eine Spur grässlicher als die beiden im Artikel beschrieben Marken. Letztendlich aber alles der gleiche Mist, Hanse mit eingenommen.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 9 Daumen runter 7

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