Olympische Spiele: Regatten werden in Abwässern gesegelt – Säuberung kaum möglich

Es bleibt eine Kloake

Zehntausende Tonnen Müll und Millionen Liter Abwässer werden jeden tag in die Bucht geschwemmt © Secretaria de Estado do Ambiente do Rio

Zehntausende Tonnen Müll und Millionen Liter Abwässer werden jeden Tag in die Bucht geschwemmt © Secretaria de Estado do Ambiente do Rio

Entgegen Behörden-Versprechungen wird es keine wirksamen Maßnahmen gegen die massive Verschmutzung der olympischen Regattastrecken in der Guanabara-Bucht geben. Den Seglern drohen Ruhr und Cholera.

Erste entsetzte Meldungen kamen vor einem Jahr von Seglern, die auf de Olympiarevier 2016 in der Guanabara-Bucht trainierten. Das Ausmaß der Verschmutzung durch ungeklärte Abwässer der 12 Millionen Stadt ist verheerend: „Rio schwimmt in der Scheiße“ war eine Headline bei SegelReporter, die durchaus wörtlich zu nehmen ist.

Selbst bei den offiziellen Urlaubsfotos muss man sich mit der Drecksschliere mitten in der Bucht abfinden © Secretaria de Estado do Ambiente do Rio

Selbst bei den offiziellen Urlaubsfotos muss man sich mit der Drecksschliere mitten in der Bucht abfinden © Secretaria de Estado do Ambiente do Rio

Gestern veröffentlichten die Agentur Associated Press sowie mehrere Lokalzeitungen in Rio de Janeiro nun die nur wenig überraschende Meldung, dass die angestrebten „Säuberungswerte“ von 80 Prozent „Besserung“ sicher nicht realisiert werden können.

Dazu müssten mindestens vier Großkläranlagen entlang des Flußsysteme, die in der Bucht in den Atlantik münden, gebaut werden. Experten schätzen, dass selbst wenn die Mittel für den Bau dieser Anlagen bewilligt würden, mindestens 10 Jahre verstreichen würden, bis erste messbare Verschmutzungsreduzierungen in der Guanabara-Bucht zu verzeichnen wären.

„80 Prozent Besserung!“

Im Jahre 2009 hatte die brasilianische Regierung noch verlauten lassen, dass es „für die Olympischen Spiele und die nachfolgenden Generationen bald neue Standards zur Reinigung aller Wassersysteme in Brasilien geben wird.“

Zwei Jahre vor den Olympischen Spielen und wenige Tage vor dem Beginn der Fußball-WM in der Metropole wird nun deutlich, dass es bei diesen Lippenbekenntnissen der Politiker bleiben wird.

Anfang Mai schrieb der Umwelt-Delegierte der Region ein offenbar alarmierendes Dossier, in dem er zumindest Gelder für zwei „RTU“, sogenannte „River Treatment Units“, einforderte. Diese Flußreinigungsanlagen sollen im Mündungsbereich die groben, schwimmenden Abfälle abschöpfen – ein Filtern der Kloake selbst ist damit aber nur bedingt möglich. Kostenpunkt für beide Anlagen: 50 Millionen Euro. Geschätzte Verbesserung der „Wasserqualität“: 50 Prozent.

Lecker: ein ganz normaler Strandabschnitt an der Bucht. Und, nein, dies sind keine Algen, die dort treiben © Secretaria de Estado do Ambiente do Rio

Lecker: ein ganz normaler Strandabschnitt an der Bucht. Und, nein, dies sind keine Algen, die dort treiben © Secretaria de Estado do Ambiente do Rio

Um die Anlagen rechtzeitig für die Olympischen Spiele fertigstellen zu können, müsse man die Gelder schon in den nächsten zwei Wochen bewilligen und mit dem Bau gegen Mitte des Jahres beginnen – mit „utopisch“ bezeichnen dies die hoffnungslos überlasteten Bauunternehmen der Region. Immerhin: Bei den zuständigen Behörden bestätigte man mittlerweile auf Drängen der Medien zumindest den Erhalt des Dossiers.

Umweltexperten sind sich mittlerweile sicher, dass selbst bei rechtzeitiger Fertigstellung dieser Flussreinigungsanlagen die katastrophalen Ausmaße der Wasserverschmutzung in der Guanabara-Bucht nur geringfügig reduziert werden könnten. „Wir haben es mit umweltspezifischen Problemen zu tun, die gigantische Ausmaße angenommen haben und die man nicht einfach von heute auf morgen aus der Welt schaffen kann“, so ein Sprecher lokaler Umweltverbände.

Traumkloake

Mehr als 70 Prozent der Abwässer aus der 12-Millionen- Metropole Rio und 85 Prozent der Abwässer aus den Städten entlang der Flussläufe fließen ungeklärt direkt in den Fluß und somit später in die Guanabara-Bucht. Angebliche Traumstände wie Ipanema oder Copacabana haben längst den Ruf einer „Traumkloake“.

Schätzungen zufolge werden täglich mehrere Zehntausend Tonnen schwimmenden Mülls in die Bucht gespült. Nahezu jede Industrieanlage entlang der Flußsysteme oder direkt an der Bucht leitet grundsätzlich ihre Abwässer ungefiltert ab.

„Die sowieso schon im Vergleich zu Europa und den USA sehr hoch angesetzten Schadstoffhöchstwerte werden schlicht ignoriert oder doch um ein Vielfaches übertroffen,“ so der Umweltdelegierte der Stadt weiter. In den Medien der Stadt wird bereits von einem „worst case“-Szenario berichtet, denn die Auflagen des Olympischen Komitees werden hier nicht annähernd erfüllt werden können.

Zehn Boote gegen den Müll von 12 Millionen Menschen

Rio Müll

Die Stromkanten sind auf dem Olympiarevier leicht zu erkennen. © STG/Völkers

Man werde zehn große Boote einsetzen, um 2016 vor und während der Olympischen Spiele den gröbsten Müll in der Bucht abzuschöpfen, ist von den zuständigen Behörden zu lesen. Zum Vergleich: Für das Beseitigen der Algen im chinesischen Quindao waren 1.500 Fischerboote im Einsatz.

Wie die betroffenen Segler, Triathleten und Open-Water-Langstreckenschwimmer auf diese Meldungen reagieren werden, kann man sich ausmalen. Seitens ihrer Dachverbände gibt es noch keine Statements.

Eine brasilianische Vereinigung aus Medizinern und Laborexperten hat sich jedenfalls schon mal zu Wort gemeldet. Sie listen pragmatisch die Gefahren auf, denen sich die Sportler beim Kontakt mit dem verunreinigten Wasser aussetzen: Hepatitis A, Amöben-Ruhr, Cholera…

Ohne Worte © Secretaria de Estado do Ambiente do Rio

Ohne Worte © Secretaria de Estado do Ambiente do Rio

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Michael Kunst

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8 Kommentare zu „Olympische Spiele: Regatten werden in Abwässern gesegelt – Säuberung kaum möglich“

  1. avatar Fastnetwinner sagt:

    Können wir uns bitte einmal angewöhnen sportliche Großereignisse nur dorthin zu vergeben, wo sie sinnvoll machbar und finanzierbar sind? Segeln in der Sch**ße, Fussballspielen bei 50 Grad oder Skifahren in Sotchis Subtropen macht doch alles überhaupt keinen Sinn!

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  2. avatar bbboys sagt:

    Bleibt wieder kiel ! Und die haben sogar ein Olympiahallen, da braucht man garnichts bauen. 😉

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  3. avatar Alex sagt:

    Im Zeitalter des Rauchverbots in Kneipen zum Arbeitnehmerschutz, verstehe ich das Stillhalten der Verbände nicht. Sportler wollen sie Gefahren aussetzen, mit denen in Deutschland jeder Betrieb sofort dicht gemacht wird.

    Es ist doch sicher günstiger und schneller, den geplanten Austragungsort zu verlegen als hier auf Besserung zu hoffen. Nur sollte die Verbände da mal so langsam anfangen zu trommeln!

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  4. avatar jancux sagt:

    Nie war der Spruch wahrer: Aus Sch**sse Gold machen…
    vielleicht sollte die ISAF mal ein paar Sponsorentermine mit den ueblichen Verdächtigen (coke,mcpommes etc…) vor Ort machen, dann kaeme vielleicht noch Bewegung in die Sache.

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  5. avatar Sven 14Footer sagt:

    Bäh, das werden eklige Bilder: Ein muskelgestählter Segler fährt über die Ziellinie, die für ihn die Goldmedaille bedeutet und auf dem Foto eine Bugwelle braun wie Sch….e!
    Solche Bilder wollen die Sponsoren und die offiziellen Ausrüster bestimmt gerne sehen. 🙁

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