Piraten: Deutsche Yacht „Faraway“ vor Bali gekapert, oder doch nicht?

„Der segelt ja nackt!“

Faraway, Abenteuer, Missverständnis, Weltumseglung

Cruising kann so schön sein, wenn die Aussicht stimmt © faraway

Die Geschichte eines Missverständnisses, das zu einer Falschmeldung führte. Sie wurde schließlich von der Langfahrt-Gemeinde als solche entlarvt.

Am 29. Oktober meldete die als durchweg vertrauenswürdig geltende Website „maritime news“: „Zwei Deutsche gekidnappt, nachdem ihre Yacht in Indonesien gekapert wurde!“

Maritime News hatte die Information kurz zuvor von Indonesischen Behörden erhalten und zitierte im Artikel auch den zuständigen Polizeioffizier. Demnach sei die Deutsche Yacht „Faraway“ in der Strait of Lombok vor der Insel Bali von bewaffneten Piraten überfallen worden.

Schiff und Besatzung wurden entführt, es fehle jede Spur von den Kidnappern und ihren Opfern, man suche händeringend nach dem Schiff. Die zuständige Polizeidienststelle und das deutsche Konsulat hatten zunächst eine Nachrichtensperre verhängt, um die Ermittlungen und Suche nicht zu gefährden.

An Bord seien zwei Deutsche gewesen, die es noch geschafft hätten, per SMS ihre Familie und Freunde zu informieren. Unter anderem sei darin die Rede von Gewalttätigkeiten seitens der Entführer gewesen.

Zwei Deutsche oder doch nur eine?

So weit, so dramatisch. Presseagenturen griffen die Meldung auf und verbreiteten sie weltweit. Vor allem in Australien und den USA erhielten die Nachrichten viel Aufmerksamkeit. Mehrere TV-Sender berichteten trotz der eher spärlichen Informationslage.

Eine Meldung, die verständlicherweise vor allem die Yachtie- und Langfahrtsegler-Szene aufschreckte. Nicht zuletzt, weil einen Monat zuvor Bewaffnete eine Marina auf Samal Island/Philippinen überfallen hatten, und von dort mehrere Segler verschleppten. Von ihnen fehlt offenbar bis heute jede Spur.

Faraway, Abenteuer, Missverständnis, Weltumseglung

Die Colin Archer “Faraway” unter Passat-Beseglung. © faraway

Die indonesischen Behörden riefen die Segler im Umkreis Balis dazu auf, Ausschau nach der „Faraway“ zu halten – eine Selbstverständlichkeit für die Langfahrtszene.

Doch gerade weil die Blauwasserskipper, Weltumsegler und Langfahrt-Enthusiasten sich in solchen Situationen als höchst solidarisch erweisen, meldeten ausgerechnet sie bald erste Zweifel am Wahrheitsgehalt der „Faraway“-Entführung an.

Weltweit wurde im Internet über den Fall diskutiert, vor allem im „Cruisers Forum“ wurde gemutmaßt und spekuliert, aber auch seriös recherchiert. Was dabei herauskam, ist eine weit weniger dramatische, aber nicht minder unterhaltsame Story über den Verbleib der „Faraway“ und ihrer Besatzung.

Yachties finden Auffälligkeiten

Erste Auffälligkeit: Keiner der Segler, die sich vor zwei Wochen in Indonesischen Gewässern aufhielten, kannte eine Deutsche Yacht „Faraway“ mit zwei Deutschen Besatzungsmitgliedern. Vielmehr war die einzig bekannte Yacht mit diesem (in den USA und Australien sehr häufig genutzten) Namen die 38-Fuß-Colin-Archer-Ketsch eines US-Skippers namens John, die tatsächlich einen Tag vor dem erwähnten Angriff auf Samal Island die Unglücks-Marina verlassen hatte.

Der Skipper aus Alaska – weit in den Siebzigern – gilt als erfahrener Segler mit mehren Hunderttausend Seemeilen im Kielwasser; er befindet sich derzeit auf seiner vierten Weltumseglung. John hatte eine deutsche Mitseglerin an Bord, Diana, ebenfalls über 70 Jahre jung.

Diana habe nun, so die Recherchen im „Cruisers Forum“, von Bord der “Faraway” mehrere SMS nach Deutschland geschickt, in denen sie – ganz offensichtlich auf sehr missverständliche Weise – von dem Piraten-Überfall auf den Hafen berichtete, den die „Faraway“ nur einen Tag zuvor verlassen hatte. Kurz: Die SMS-Empfänger interpretierten die Nachrichten falsch, glaubten, Diana sei entführt worden und informierten die indonesischen Behörden…

Faraway, Abenteuer, Missverständnis, Weltumseglung

Die Faraway in kälteren Gefilden (Alaska) © faraway

Die kleine Geschichte voller Missverständnisse ist aber noch nicht zu Ende. So meldete sich ein Forum-Leser von Christmas Island, wo John mit seiner „Faraway“ anlegte und… von der örtlichen Polizei wegen „Verdachts auf Entführung und sexueller Belästigung“ verhört wurde. Offenbar hatte Diana in der Zwischenzeit – vom Schiff, per SMS? – Anzeige gegen ihren Skipper erstattet.

John berichtete gegenüber dem erwähnten Forum-Leser, dass er Diana durch eine Anzeige im Stil von „Hand gegen Koje“ kennen gelernt habe. Diana wollte mit nach Madagascar segeln, von wo aus sie wieder nach Hause fliegen wollte. Doch schon während der ersten Törn-Tage kam es zum Zerwürfnis zwischen den beiden. Und zwar weil John darauf bestand… nackt zu segeln! Immer dann, wenn es die Lufttemperaturen erlauben, was bekanntlich vor Indonesien öfter passiert.

Eine kompromittierende Situation, die Diana überhaupt nicht gefiel. Zumal John dem Vernehmen nach nicht als Adonis bezeichnet werden kann. In der Strait of Lombok hatte Diana die Faxen dicke und wollte schließlich von Bord – die Strände Balis waren ja nur ein paar Meilen entfernt – doch John wollte den Törn so kurz nach Beginn nicht unterbrechen und segelte weiter nach Christmas Island.

Nackter Mann am Ruder

So kam es, dass wegen eines nackten Mannes am Ruder einer Yacht dieselbe als entführt gemeldet und Diana im einzigen Frauenhaus auf Christmas Island Unterschlupf gewährt wurde. Der Verdacht gegen John wegen Belästigung habe sich nicht bestätigt, meldet die dortige Polizei nach eingehenden Verhören. Und man sammle Geld für den Rückflug Dianas.

Die Moral von der G’schicht, speziell für abenteuerlustige Über-Siebzigjährige:  Sende nur deutliche und klar verständliche SMS von Bord einer Yacht.

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Piraten: Deutsche Yacht „Faraway“ vor Bali gekapert, oder doch nicht?“

  1. avatar David sagt:

    Schoen, endlich mal wieder eine lustige Geschichte aus der Fahrtensegler-Welt. Toll rechergiert und sehr unterhaltsam geschrieben.

    Wir haben Traenen gelacht !

    Danke – made my day !

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 0

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