Plastikmüll: Mittelmeer stark verschmutzt – höhere Konzentration als im Pazifik

Schmierige Plastiksuppe

Ein Video, das zwar nicht im Mittelmeer aufgenommen wurde, aber eindringlich zeigt, wie  tödlich sich Plastik auf die Seevögel-Populationen auswirkt.

Italienische Wissenschaftler schlagen Alarm: Im Mittelmeer-Seegebiet zwischen der Toskana und Korsika wurde eine extrem hohe Plastikkonzentration gemessen.

Das Mare Mediterraneum ist ein Meer aus Plastik. Seit Jahrzehnten berichten Wissenschaftler, Forscher, Umweltverbände, Fischer und Segler von einer sichtlich zunehmenden „Versuppung“ des Mittelmeers durch Plastikmüll.

Hunderte Seemeilen vom Ufer entfernt werden riesige Plastikmüllteppiche gesichtet. Sie lösen sich durch UV-Einstrahlung, Seegang und Salz in kleine Teile auf, um schließlich in die Nahrungskette zu gelangen oder als schmierige Plastiksuppe an der Wasseroberfläche zu treiben.

Plastik, Müll, Meeresverschmutzung, Mittelmeer

Probe aus Plastiksuppe vor Korsika © aliani/cnr

An den Mittelmeerküsten häuft sich über das ganze Jahr hinweg tonnenweise Plastikmüll an, der – je nach touristischem Aufkommen – täglich aufgesammelt und entsorgt (selten recycelt) wird, oder wochenlang achtlos liegen bleibt, bis die Wellen des nächsten Sturms den ganzen Abfall wieder mit auf eine neue Reise nehmen.

Maßloser Plastikkonsum

Obwohl all’ dies seit Jahrzehnten bekannt ist, sind Gegenmaßnahmen bis heute eher rar. Hauptsächlich Umweltverbände kümmern sich in mehr oder weniger groß angelegten Aktionen um eine Entsorgung des Mülls an den Stränden. Gegen die Ursachen respektive die großen Müllteppiche weit draußen auf See können sie kaum etwas ausrichten.

Zwar versuchen einige Mittelmeeranrainerstaaten wie etwa Frankreich und Italien durch neu eingeführte Gesetze (z.B. Verbot von Plastiktüten) dem unmäßigen Plastikkonsum und seiner laxen Entsorgung einen Riegel vorzuschieben, doch eine Wirkung werden diese eher halbherzigen Maßnahmen wohl erst in Jahrzehnten zeigen. Wenn überhaupt.

Plastik, Müll, Meeresverschmutzung, Mittelmeer

Verteilung der Plastikdichte im Mittelmeer © Aliani/cnr

Renommierte italienische Wissenschaftler schlagen nun mit den Ergebnissen einer Langzeitstudie (veröffentlicht auf nature.com, in Englisch) erneut massiven Alarm. Die Forscher des „Nationalen Forschungsrats Italien“ und des „Instituto di Szienze Marine“ haben in Zusammenarbeit mit der Universität Ancona und der Algalita Foundation in Kalifornien nachgewiesen, dass die Plastikkonzentration in einigen Teilen des Mittelmeers höher ist als in den berüchtigten Müllstrudeln des Pazifiks.

Schmierige zwischen Toskana und Korsika

Projektleiter Stefano Aliani weist darauf hin, dass die Verteilung des Plastikmülls im Mittelmeer sehr ungleichmäßig ist und sich eben nicht in riesigen Strudeln sammelt wie im Pazifik nördlich von Hawaii oder im südlichen Atlantik. Am stärksten sei die Konzentration im eher strömungsarmen Mittelmeer entlang dicht besiedelter Küsten, in der Nähe von Flussmündungen und großen Handelshäfen.

Plastik, Müll, Meeresverschmutzung, Mittelmeer

Bon appetit © aliani/cnr

Die Studie belegt, dass der mit Abstand am stärksten durch Plastikabfälle- und Rückstände verschmutzte Teil des Mittelmeers zwischen der Toskana und Korsika liegt. In diesem Bereich kommen auf einen Quadratkilometer Wasserfläche 10 Kilogramm Plastikmaterie.

Der Wissenschaftler Aliani stellt jedoch zur Diskussion, dass nicht das schiere Gewicht des Plastiks besonders schwer für die Meere zu „verdauen“ sei, sondern die Anzahl der Plastikfragmente als Messlatte ausschlaggebend sein müsste. Denn je kleiner die „zerbröselten“ Plastikteile im Meer, desto eher gelangen sie als Giftstoffe in die Nahrungskette. Man nimmt an, dass 92 Prozent aller in den Ozeanen und Meeren unseres Planeten treibenden Plastikteile kleiner als 5 mm sind.

Plastik, Müll, Meeresverschmutzung, Mittelmeer

Mittelmeerstrand im Winter © wikipedia

So sind im Durchschnitt (also nicht nur an den besonders verschmutzten Stellen) im Mittelmeer mehr als 1,25 Millionen Plastikfragmente pro Quadratkilometer nachweisbar. Im Plastikmahlstrom des nördlichen Pazifiks werden „nur“ 335.000 Plastikteile pro Quadratkilometer gemessen.

Analyse der Inhaltsstoffe

Als wichtigstes Ergebnis dieser Studie bezeichnet Stefano Aliani jedoch die Erkenntnisse über die Zusammensetzung der im Mittelmeer treibenden Müllsuppen. „Rein optisch handelt es sich hier in erster Linie um den klassischen Haus-Plastikabfall wie Tüten und Flaschen,“ sagt der Wissenschaftler. Doch könne man über die Analyse der Inhaltsstoffe dieser Müllsuppe wichtige Rückschlüsse ziehen, um die riesige Plastikflut, die vom Land auf die Meere gespült wird, einzudämmen.

Dass Polyäthylen und Polypropylen besonders häufig in den Analysen geortet wurden, erstaune dabei wenig, berichtet Aliani weiter. Spannend sei aber doch, dass auch schwere Kunststofffragmente aus Poliammiden, Lacken, und dem biologisch letztendlich sogar abbaubaren Polycaprolacton vermehrt nachgewiesen wurden.

„Das Mittelmeer erstickt förmlich am Plastikmüll,“ warnt Aliani. Zumindest die Anrainerstaaten müssten sich für die gemeinsame Bekämpfung des Müllproblems so schnell wie möglich zusammenschließen. Aliani: „Es ist eigentlich schon fünf NACH zwölf!““

Tipp: André Mayer

Müll-Fakten

Die globale Plastikproduktion lag 2015 bei mehr als 300 Millionen Tonnen. Wissenschaftler nehmen an, dass sich bei weiterhin uneingeschränkter Produktion im Jahre 2050 dieser Wert vervierfachen wird.

275 Millionen Tonnen Plastikabfälle wurden im Jahre 2010 von den Küstenstaaten der Welt verbraucht, entsprechend endeten nach unterschiedlichen (vorsichtigen) Berechnungen und Schätzungen zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastikabfälle in den Ozeanen. Jährlich!

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Michael Kunst

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