Porträt: 50 Jahre FAM – kleiner Jollenkreuzer mit bewegter Geschichte vor dem Aus bewahrt

Fam, Fam, fantastisch

Beinahe wäre der 50. Geburtstag der Fam zugleich ihr letzter gewesen. Doch die Geschichte des meistgebauten Jollenkreuzers in Deutschland geht weiter – nach der Corona-Pandemie.

FAM auf Wattentörn © FAMAS Deutschland e.V. Klassenvereinigung der FAM Segler

Zu ihrem 50. Jubiläum macht sich die Fam-Klassenvereinigung selbst ein Geschenk: Sie sorgt dafür, dass der beliebte Jollenkreuzer weiter produziert werden kann. Der bisherige Hersteller Gruben stellt aus Altersgründen und mangels Nachfolge den Betrieb ein. Das hätte auch das Aus für die Fam bedeuten können. Doch die Werft bot die Bauform der Klassenvereinigung zum Kauf an. Dieser fehlte sowohl der Platz als auch die Expertise. Als Mittler fand sich die Hein-Werft, die bereits die Form der ehemals auch bei Gruben gebauten Jeton-Jolle in ihrer Obhut hat.

Das Konzept sieht jetzt so aus: Die Klassenvereinigung kauft die Form und sorgt für den Transport. Das Objekt der Begierde muss von Markdorf in der Nähe des Bodensees einmal von Süd nach Nord bis nach Elmshorn bei Hamburg geschafft werden. Dort wird die Form aufgearbeitet und eingelagert. Bei Bedarf können die Bootsbauer von Hein, die ansonsten vor allem für ihre Piraten bekannt sind, dann jederzeit eine neue Fam bauen. Die Geschichte des meistgebauten Jollenkreuzers in Deutschland kann also weitergehen – theoretisch.

Die Fam hat selbst vor kurzem ihren 50. Geburtstag gefeiert. Das Boot kam 1969 auf den Markt. Der Name war Programm, er steht für ein familientaugliches Segelboot. Als Backdecker, dessen Laufdeck zugleich das Kajütdach war, bot der neue Jollenkreuzer ein für eine Länge von 5,40 Meter kaum gekanntes Raumangebot unter Deck mit Platz für eine vierköpfige Familie. Zugleich blieb das Gewicht mit rund 450 Kilogramm im Rahmen, sodass nahezu jedes Fahrzeug mit Anhängerkupplung das Boot per Trailer in das gewünschte Ferienrevier ziehen konnte.

Traditionelle Geschwaderfahrt: Jedes Jahr gehen über Pfingsten zwischen 12 und 20 FAMs in Friesland auf große Tour © FAMAS Deutschland e.V. Klassenvereinigung der FAM Segler

Ein selbstlenzendes Cockpit garantierte, dass auch im Hafen das Regenwasser abfließen konnte. Das machte nicht nur die Persenning überflüssig, sondern sorgte somit auch dafür, dass die Crew unkompliziert an Bord kommen konnte. Ein Ballastschwert und ein ausgeschäumter Mast sollten verhindern, dass die Fam durchkentern konnte. Der Niedergang war zugleich so angelegt, dass auch dann kein Wasser in den Rumpf eindringen sollte, wenn das Boot auf der Seite lag. Einlaminierte Auftriebskörper machten den Jollenkreuzer unsinkbar.

Doch bei aller Konzentration auf die Familientauglichkeit war und ist die Fam auch noch ein guter Segler. Der Rumpf ist breit und das Unterwasserschiff flach. Die starke Aufkimmung in Form eines extremen U-Spants sorgte durch die fast senkrechten Bordwände für Volumen im Boot und zog die Wasserlinien in die Breite. Die Abrisskante am Spiegel sollte verhindern, dass Verwirbelungen am Heck den Widerstand erhöhen und den Übergang in Gleitfahrt erleichtern. Über Jahrzehnte entwickelte sich rund um die agile Fam eine aktive Regattaszene.

Verantwortlich für dieses Multitalent war das Entwicklerteam Uwe Mares und Hubert Raudaschl. Beide waren in den 1960er Jahren erfolgreiche Jollensegler. Raudaschl hielt bis 2012 den Rekord für die meisten Olympiateilnahmen eines einzelnen Sportlers. Von Beruf Bootsbauer, verkaufte der Österreicher insgesamt 700 Finn-Dinghys vom Wolfgangsee in die ganze Welt. Als der Weltsegelverband Ende der 1960er einen Wettbewerb für eine neue Einmann-Jollenklasse ausschrieb, reichten Mares und Raudaschl einen gemeinsamen Entwurf ein.

Coronabedingt mussten die Regatten dieses Jahr alle abgesagt werden © FAMAS Deutschland e.V. Klassenvereinigung der FAM Segler

Diesen Wettbewerb gewann zwar am Ende der noch heute verbreitete Contender, aber die Arbeit von Mares und Raudaschl sollte dennoch nicht umsonst gewesen sein. Uwe Mares beriet zur gleichen Zeit die Rosenheimer Firma Klepper, die neben Zeltplanen und Regenmänteln aus wasserdichtem Tuch auch Faltboote im Programm hatte. Klepper wollte unter neuem Management den Bootssektor ausbauen. So arbeiteten Mares und Raudaschl ihren Entwurf zu einer Zweimann-Jolle um, die Klepper unter dem Namen Jeton ins Programm nahm.

Nach diesem sportlichen Boot folgte der Auftrag für ein familientaugliches Boot – eben den Fam-Jollenkreuzer. Der Entwurf traf den Nerv der Zeit und die Klasse wuchs schnell. Noch heute zählt die Klassenvereinigung um die 400 Mitglieder. Zu den Aktivitäten gehört neben den Regatten auch eine Pfingstfahrt in die Niederlande, die dieses Jahr ihr 47. Jubiläum gefeiert hätte, wenn sie nicht wegen Covid-19 abgesagt worden wäre. In der familiären Atmosphäre halten auch Segler, die nicht mehr aktiv sind, der Vereinigung die Treue.

Ende der 1970er drohte den Fans der Fam der erste Schock, als die Firma Klepper insolvent ging und die Produktion einstellte. Doch der Schreck dauerte nur kurz. 1980 übernahm die Firma Gruben. Diese Werft war selbst ein Produkt des Wassersportbooms der 1960er und 1970er Jahre. 1969 – im selben Jahr wie die Fam – entstand in Markdorf die erste Gipsy-Jolle, mit ihren Hauptabmessungen konzipiert für den Transport auf dem Autodach. In den nächsten Jahren folgten weitere Modelle, bis 1980 auch noch die ehemaligen Klepper-Jollen dazukamen.

Die Esprit segelte 2015 beim Small Ship Race mit und hat es mit ihrem niederländischen Skipper und Vorschoter gut von Ijmuiden nach Lowstoft und zurück geschafft © FAMAS Deutschland e.V. Klassenvereinigung der FAM Segler

Die Fam blieb auch bei Gruben ein Erfolgsmodell. Bis 1990 waren bereits 2.700 Einheiten des Jollenkreuzers verkauft worden. Die anderen ehemaligen Klepper-Modelle konnten da nicht mithalten und wurden nach und nach aus dem Programm genommen. 1995 übernahm Hein in Elmshorn Lizenz und Form der von Mares und Raudaschl entwickelten Jeton. Das war eine teure Investition, denn es wurden keine neuen Boote mehr bestellt. Darum hat man das Modell für die Übernahme der Fam nun etwas abgewandelt.

Die Form soll bei Hein liegen, auch das Boot soll dort gebaut werden, aber den Kaufpreis trägt die Klassenvereinigung. Ursprünglich wollte die Werft die erste in Elmshorn gebaute Fam auf der Boot 2021 in Düsseldorf präsentieren. Inhaber Steffen Radtke plante, dem Jollenkreuzer einen unaufwändigen Facelift zu verpassen. Neue Fenster, Steckschotten und ein anderer Mast sollten das Boot behutsam modernisieren, ohne an der bewährten Grundform viel zu verändern. Diesem glücklichen Ende kam nun die Covid-19-Pandemie zuvor – fürs Erste.

Noch immer lagert die Form in Markdorf. Aber dieses Schicksal teilt das Boot mit vielen anderen. Und aufgeschoben ist nicht aufgehoben, im Gegenteil. Man erwartet zwar keine großen Umsätze in Elmshorn. Aber in eine Zeit von eingeschränkten Reisemöglichkeiten und Urlaub im eigenen Land passt ein kleiner Jollenkreuzer wie die Fam vielleicht ganz gut: ein unkomplizierter Segler, leicht trailerbar, zu einem überschaubaren Preis. Ihre Fans haben jedenfalls alles getan, um das möglich zu machen.

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