Reality-TV: 9 Männer 3.600 Meilen im offenen Boot – Extrem-Törn nach der Bounty-Meuterei

Sturm, Flaute, Hunger, Durst

Sie haben alles ertragen und wurden dabei permanent gefilmt: Neun Männer segeln durch die Südsee im Kielwasser des legendären Captain Bligh. Britische Erfolgs-Doku über den unfreiwilligen aber legendären Törn nach der Meuterei.

TV-Serien sind derzeit überall „der Renner“. Kaum eine Nation, die sich nicht ihre ganz besonderen Fiction-Streifen produziert, und diese meist auch noch gewinnbringend in andere Länder exportiert. Die Briten setzen diesem Trend schon seit Jahren ein „Sahnehäubchen“ auf, indem sie mit faszinierenden populär-wissenschaftlichen Sendungen und Historien-Dokumentationen (z.B. bei BBC) den Zuschauern „die Welt und ihre Geschichte“ erklären.           

Gestern wurde nun beim britischen TV-Sender „Channel 4“ die letzte Folge einer fünfteiligen Reality-Doku-Serie ausgestrahlt, die vor allem bei den Seglern der „Seefahrernation“ England großes Interesse hervorrief. Gleichzeitig befriedigte sie bei allen anderen die Lust auf Pantoffel-Kino-Abenteuer . 

Reise Captain Bligh, TV Doku,

Zu Neunt auf dem großen Ozean in einer 23-Fuß-Nussschale © channel4

Unter dem Titel „Mutiny“ (Meuterei) setzten die Produzenten von Channel 4 neun Männer in ein Boot und ließen sie den legendären, 3.600 Seemeilen langen Törn von Captain Bligh und seinen „Getreuen“ im Südpazifik nachsegeln.

Bligh und 18 Gefolgsleute wurden nach der Meuterei auf der „Bounty” 1879 mit Proviant und Wasser für fünf Tage mitten auf dem Pazifik ausgesetzt. Dennoch gelang es dem hervorragenden Navigator und exzellenten Seemann, Schiff und Männer nach einer strapaziösen und dramatischen Odyssee bis nach Australien zu segeln. 

3.600 Seemeilen in der Südsee

Ähnlich wie die nachgestellte Reise in Shackletons Kielwasser durch die Antarktischen Gewässer (SR berichtete), wurde auch der „Mutiny“-Törn unter möglichst authentischen Bedingungen gesegelt: Das 23-Fuß kurze Boot war ein originalgetreuer Nachbau (größtenteils aus Holz) des Bounty-Beibootes. Der Proviant bestand aus ähnlich kargen Rationen wie damals bei Bligh und seinen Männern und schon nach fünf Tagen auf See mussten sich die „modernen“ Segler in bester Überlebens-Manier selbst um ihre Nahrung kümmern.

Navigiert wurde nach den Sternen und mit Sextant, wobei die „Mutiny“-Crew das Pech hatte, ganz offensichtlich längere Schlechtwetterphasen als Bligh durchleben zu müssen. Oft waren tage- und nächtelang weder Sterne noch Sonne zu sehen bzw. anzupeilen, was ganz besonders an den Nerven der Protagonisten dieser TV-Serie zehrte. 

Lediglich beim Thema Sicherheit verzichteten die Macher von „Mutiny“  auf Authentizität: Jeder der neun Segler musste permanent eine vollautomatische Schwimmweste tragen und sich beim leisesten Windhauch anleinen. Zudem trug jeder an Bord ein PLB (Personal Life Beacon) am Mann, für den gar nicht so unwahrscheinlichen Fall eines Mann-über-Bord-Manövers. Über ein Funkgerät hatten die „Mutiny“-Segler zudem ein Mal täglich Kontakt zu einem Sicherungsschiff, das in mindestens drei Seemeilen Entfernung hinter den „Ausgesetzten“ fuhr. Es musste nach Angaben der TV-Produktion nur in zwei Fällen zum Einsatz kommen. 

Nun sollte man sich diese Reality-Dokumentation nicht wie das „Dschungelcamp auf einem Boot“ vorstellen, bei dem irgendwelche TV-Sternchen gepiesackt werden, damit sie schließlich heulend Set und Sendung verlassen. Zwar wurden die neun Teilnehmer der Mutiny-Reise auch in einer Art Random-Verfahren ausgewählt, überzeugten aber letztendlich alle durch eine gewisse fachliche Kompetenz. So waren etwa ein Arzt und ein (bastelbegnadeter) Techniker an Bord, zudem waren vier Crew-Mitglieder Hobby-Segler, teils mit langen Törn-Erfahrungen.

Als Segelprofi brillierte Conrad Humphreys an Bord: Der Whitbread Round the World-Skipper, Vendée Globe-Finisher und BT-Global-Challenge-Teilnehmer führte, ähnlich wie Kapitän Bligh Ende des 19. Jahrhunderts, „seine“ Crew sicher durch die heikelsten seglerischen und seemännischen Situationen. Und an denen mangelte es nicht: Stürme, Flauten, überkommender Seegang,  brechende Wellen von achteraus, der Pazifik zeigte sich nicht immer von seiner Bilderbuchseite. 

Vendée Globe-Steuermann

Die Meisterleistung des Seglers Humphreys bestand letztendlich darin, dass er ganz zuletzt das Boot der „Ausgesetzten“ durch eine nur 20 Meter breite Rinne des Great Barrier Reefs navigierte. Er selbst gab später zu, dass er nicht daran geglaubt habe, tatsächlich einen Durchgang zu finden.

Einzige prinzipielle Szenario-Änderung im Vergleich zum Vorbild war die Besetzung des Chefpostens. Nicht der beste Navigator und Segler war der Boss im „Mutiny“-Team, sondern ein in englischen TV-Serien bekannter und beliebter Survival Spezialist. 

Reise Captain Bligh, TV Doku,

Die Jungs nach einer heftigen Nacht © channel4

Ant Middleton – Typ: knallharter und vieltätowierter, aber freundlicher Kämpfer – ist ein ehemaliger Special Forces-Profi, der es mit verschiedenen TV-Shows zu reichlich Popularität bei den Briten gebracht hat. Er wirkte als Zugpferd für alle Nichtsegler und sonstigen Abenteurer unter den Zuschauern und brachte das Kunststück fertig, von seiner gewohnten Alphatier-Rolle im richtigen Moment abzuweichen, um sich Rat beim Segler und Seemann Humphreys einzuholen. Teamwork, das beiden ganz offensichtlich gut stand und bei den anderen Mitseglern (meistens) für Vertrauen sorgte. 

Vertrauen war tatsächlich nötig. Wenn auch wohl niemals Lebensgefahr für die Teilnehmer bestand, mussten sie doch einige haarige Situationen unter Segeln bestehen. Die größten Probleme bereiteten den Protagonisten jedoch Hunger, Durst und das Haushalten mit den Körperkräften. So galt es beispielsweise in teils endlos lang erscheinenden Flauten abzuwägen, ob die Besatzung rudern soll und dabei Kilokalorien verbrennt oder lieber in der brütenden Hitze vor sich hindöst, dabei aber keine Strecke zur noch ziemlich weit entfernten, nächsten Insel macht. 

Survival-Spezialist als Boss

So sind in der Doku-Serie denn auch die stärksten Szenen immer die, wenn sich die Männer aus ihrer teils bemitleidenswerten Hunger-Situation befreien können. Sei es durch Fischfang (der auch nicht immer gelingen wollte), durch eine etwas eklig wirkende Krabben-Suppe (Dschungelcamp lässt grüßen) oder durch irgendwelche dubiosen Wurzeln, die Überlebenskünstler Ant Middleton auf einem kleinen Atoll aus der Erde buddelt. 

Bei aller ernsthafter Authentizität der Serie gab es auch etwas lächerlich anmutende Szenen. So schickte die TV-Produzenten vor dem anstehenden Landfall auf einem Südsee-Atoll zwei Einheimische in einem etwas antiquiert wirkenden Ausleger-Einbaum als Begrüßungskomitee zu den „Mutiny“-Seglern. Die brachten sie dann wiederum mit zwei Bechern vom letzten Rum an Bord in wohlwollende Stimmung, damit sie ungestört auf einem der Inselstrände ihr Lagerfeuer mit Hilfe von Flintsteinen entfachen konnten.

Reise Captain Bligh, TV Doku,

Diese Herren haben das Abenteuer schon 1984 nachgesegelt © channel4

Fehlt noch eine kleine Episode aus dem Randgeschehen. Nachdem die TV-Macher die „Mutiny“-Expedition als weltweit erste ihrer Art angekündigt hatten – dabei jedoch auf Segler wie etwa den Deutschen Burghard Pieske verwiesen, der die Bligh’sche Strecke bereits solo nachsegelte – meldeten sich bescheiden ausgerechnet britische Segler.

Fünf Engländer unter dem Kommando des Möbelschreiners Shackleton (nicht verwandt mit dem Antarktis-Helden, siehe oben) segelten bereits 1984 die Odyssee von Kapitän Bligh und seiner Mannen nach. Ohne Funkgerät, ohne Sicherungsboot hinterm Horizont, ohne Kameramann, der jede Sekunde dokumentierte, aber mit viel mehr „trouble“: Aufgrund von Stürmen, Flauten und nicht immer korrekter Navigation brauchten die Herren mehr als doppelt so lange wie Bligh mit seinen 40 Tagen. Eine Leistung, die Channel 4 in einer Sondersendung würdigen will.

Es ist übrigens noch nichts darüber bekannt, ob die „Mutiny“-Dokumentation an andere TV-Sender verkauft werden soll. 

Channel 4 

Conrad Humphreys

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Michael Kunst

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