SR-Interview Simon Koster: Schweizer Class40-Team vor dem 1770-Meilen-Rekordversuch

Reif für die Insel

In Rekordzeit auf einer Class 40 rund um die Britischen Inseln.  Simon Koster berichtet im Interview von Tiefdruckgebieten und der richtigen Richtung rund um “die Insel”.

Der Schweizer Hochseesegler Simon Koster ist SR-Lesern längst als eine Art Tausendsassa des Segelns bekannt. Nach typischen Seglerjugendjahren auf dem 420er, 470er und Tornado machte sich der Züricher zunächst vor allem als Minist einen Namen. Drei Mal nahm er an der Mini-Transat teil, zwei Mal stieg er im Ziel auf der anderen Seite des Großen Teichs aufs Podium. Zuletzt gelang ihm dies auf einem Prototypen im vielbeachteten „Froschdesign“ (SR-Artikel), den er 2017 auf Rang 3 (nach Lipinski und Riechers) segelte. 

Richtig schnell unterwegs: die Class 40 Mach 4 des Roesti Teams © roesti/Deregnieaux

Der gelernte Elektroniker Koster ließ sich in England zum professionellen Skipper ausbilden, bevor er als Skipper und Steuermann auf Booten des Royal Ocean Racing Club arbeitete. Zwischen seinen Mini-Projekten machte sich Koster zudem auf Rekord-Jagd im Foil-Nacra (etwa in der Ostsee, SR-Artikel)

Auf Martinique, dem Ziel der Mini Transat 2017, verabredete sich Simon Koster mit seinem französisch-schweizerischen Mini-Kollegen Valentin Gautier zu einem etwas anderen Projekt: Unter dem Namen Roesti-Sailing Team (bezugnehmend auf den Roestigraben, der angeblich die französisch- und deutschsprachigen Schweizer kulturell trennt) starteten sie ein rein schweizerisches Team in der Class 40. In Zusammenarbeit mit dem Designer Sam Manuard entwickelten die beiden eine Class 40 Mach 4 mit einem deutlich voluminöserem Bugbereich, an deren Bau sie zudem maßgeblich beteiligt waren. 

Bei ihrer ersten großen Class 40-Hochsee-Regatta, der Transat Jacques Vabre 2019, gelangten Valentin und Simon trotz ausgesprochen knappen Timings mit extrem wenigen Trainings- und Trimmstunden auf ihrer neuen Class 40 prompt auf Rang 4 in einem hervorragend besetzten Feld.

Derzeit sind Simon Koster, Valentin Gautier und die Schweizer Hochseeseglerin Justine Mettraux (Mini, Figaro, Volvo Ocean Race) im Standby-Modus für einen Rekordversuch rund Großbritannien (Monorumpf-Boote bis 40 Fuß). Außerdem wird die Fotografin und Mini-Seglerin Anne Beaugé an Bord sein, ausschließlich um die Fahrt medial zu dokumentieren. 

Simon Koster gibt uns einen Einblick in die umfangreichen Vorbereitungen, die für so eine Rekordjagd nötig sind. 

SegelReporter: Auch wenn ich die Antwort schon erahne, dennoch die Frage nach dem „Warum?“ Warum ausgerechnet jetzt eine Rekordjagd rund Britische Insel für ein so ambitioniertes Regatta-Projekt wie Euer Roesti-Sailing-Team?

Simon Koster: Die Antwort liegt wirklich auf der Hand: Wegen Corona fallen nahezu alle spannenden Class 40-Regatten in dieser Saison aus. Wir haben das große Glück, dass alle Sponsoren „dabei geblieben“ sind – was keineswegs selbstverständlich ist – und wollen ihnen ein Alternativprogramm bieten. U.a. wäre in dieser Saison die britische Transat angestanden und anschließend die Rückregatta Quebec – St. Malo.

Einmal rundum Britische Inseln © Deregiaux/roesti

Außerdem waren Sponsoren-Ausfahrten geplant – das fällt jetzt alles ins Wasser. Also haben wir uns eine Herausforderung gesucht, die wir im Rahmen der Corona-Schutzmaßnahmen problemlos bewältigen können. Und die ähnlich wie eine Regatta von Land aus verfolgt werden kann.  

SegelReporter: Hat der World Sailing Speed Record Council WSSRC da gleich mitgespielt?

Simon Koster: Beim WSSRC war man von Beginn an eindeutig. Nur im Rahmen der genehmigten Maßnahmen der jeweiligen Länder würden sie eine Rekordfahrt offiziell anerkennen. Sie stellten also in unserem Fall klar: Es darf erst losgesegelt werden, wenn nach dem Lockdown die Corona-Schutzmaßnahmen in Großbritannien eine derartige Rekordjagd wieder erlauben. 

SegelReporter: Wieso habt Ihr Euch denn ausgerechnet „Round Britain“ als Rekordroute ausgewählt? Da gibt es doch Gemütlicheres?

Simon Koster: Die Rekordfahrt sollte schon anspruchsvoll sein. Navigatorisch muss man rund Britische Inseln wirklich Einiges leisten. Außerdem ist die Strecke vor der Haustüre und ein Rundkurs – es gibt also keine aufwändigen Rückfahrten. 

SegelReporter: Wer hält denn derzeit den Rekord?

Simon Koster: Ian Lipinski auf seiner Class 40 in 7 Tagen, 17 h, 50 min.…

SegelReporter: Uuups, das hab’ ich ja gar nicht mitgekriegt.

Simon Koster: Ja, Ian hatte die gleiche Idee wie wir, ist gleich nach dem britischen Lockdown Ende Juni auf Standby gegangen und fand sofort ein passendes Wetterfenster. Es gab keine Referenzzeiten für eine Solo-Umrundung, also hat er eben den Crew-Rekord angegriffen und diesen letztendlich um ca. 10 Stunden unterboten.

Justine Mettraux, Valentin Gautier, Simon Koster © deregnieaux/roesti

Wir routen jetzt auf dem Computer so lange, bis wir ein Wetterfester gefunden haben, das uns theoretisch deutlich unter Ians Zeit bringt.

SegelReporter: Mehr als 7 Tage, das kommt mir etwas lang vor, ehrlich gesagt.

Simon Koster: Es geht eben rund um die Britische Inseln, inkl. Shetlands und Irland. Die Strecke wird ungefähr 1.770 Seemeilen lang werden. Zeitaufwändig ist hier natürlich der abwechslungsreiche Parcours. Man darf übrigens die Richtung der Umrundung und eine von drei Startlinien frei wählen. Wir haben uns für den Klassiker vor Cape Lizard entschieden, weil diese Linie von Frankreich aus bestens zu erreichen ist.

SegelReporter: Und dann segelt ihr bei geeigneten meteorologischen Vorhersagen mit einem Tracker über die Startlinie und los geht’s?

Simon Koster: Das ist nicht ganz so einfach. Man muss den Kommissaren vom WSSRC ungefähr 24 Stunden vorher Bescheid geben, die stehen dann 2-3 Stunden vom nächsten Ort entfernt beim Lizzard Point und sind so beim Start persönlich zugegen. Wir haben einen offiziellen WSSRC-Tracker dabei und einen „Yellow Brick“-Tracker als Back-Up; auch, damit uns die Fans von Land aus verfolgen können. 

SegelReporter: Warum habt Ihr Euch für die Rundung gegen den Uhrzeigersinn entschieden?

Simon Koster: Es ist sinnvoll, den Ärmelkanal mit all’ seinen Tücken wie hohem Verkehrsaufkommen, Verkehrstrennungsgebieten, Strömungen etc. gleich mit einer sicheren Wettervorhersage und einer günstigen Windrichtung zu durchfahren. Wer im Kanal kreuzen muss, wird niemals den Rekord schaffen. So weiß man, dass unter optimalen Bedingungen eine relativ schwierige Passage geschafft wurde. Folgt die östliche Seite der Insel: große Windturbinen-Felder, Öl-Plattformen,  Sandbänke – alles navigatorisch nicht so richtig einfach. 

Bei den Shetlands könnte es ruppig werden © deregnieaux/roesti

Dann die Shetlands. Um die muss man herumkommen, ohne dass man es zu sehr „auf die Nase“ bekommt. Idealerweise hat man dann dort oben einen Winddreher, damit man entlang der Irischen Westküste wieder gut runter kommt, ohne zu kreuzen. 

SegelReporter: Beschreib’ uns doch bitte ein seglerisch ideales Wetterszenario für solch eine Rekordfahrt. 

Simon Koster: Wir warten im Prinzip auf ein Tiefdruckgebiet, das über die Mitte der Britischen Insel zieht. So kann man mit Südwestwind VOR dem Tief den ganzen Kanal durchfahren. Dann dreht der Wind langsam nach West und wir brettern die Ostküste hoch. Wenn du oben bei den Shetlands bist, zieht das Tief unter dir durch und man kann mit dem Rückseiten-Wetter entlang der Westküste wieder mit raumen Kursen hinunter fahren. Das bedingt aber, dass man relativ schnell sein muss, weil das ja mit einem Tiefdruckgebiet erledigt werden sollte.

Man nehme: ein LANGSAMES Tief © deregnieaux/roesti

Weiteres Problem: Das Tief darf nicht allzu schnell sein, wenn es auf Europa trifft. Wenn man mit einem Multihull unterwegs ist, hat man so einen Rekord in drei Tagen eingefahren, da kann das Tief auch gerne flott sein. Doch für uns Monohulls ist ein eher langsames Tief angesagt. 

SegelReporter: Und jetzt studiert ihr seit ein paar Wochen die Tiefdruckgebiete, die über die britische Insel ziehen?

Simon Koster: Viel ist in den letzten Wochen nicht passiert, weil das Azorenhoch so groß war. Viel Wind hat es jedenfalls nicht gegeben. Aber zum Sonntag soll sich die Situation deutlich ändern, wir haben große Hoffnung, dass wir am Montag starten können. Nach dem heutigen Stand werden wir am Freitag das Boot nach Roscoff verlegen, um näher am Lizard zu sein.

SegelReporter: Das Wetter spielt, wie immer beim Segeln, also seine Schlüsselrolle. Apropos, dürft Ihr eigentlich von außen geroutet werden bei solchen Rekordfahrten?

Simon Koster: Ja, das ist ausdrücklich erlaubt. Wir haben als Router Julian Vian an Land, der uns zwei Mal pro Tag mit Daten und Informationen versorgt. Außerdem haben wir ein wenig von Ians Rekordfahrt profitiert: So konnten wir sehen, wo welche Probleme auftreten können. Wo sind die Tücken, wo liegt die wahre Herausforderung?

Wenn Julian uns Wetterdaten schickt, erhält er von uns Daten von Bord, damit er sieht, was bei uns auf dem Boot wirklich los ist. Beim Tracker sieht er ja nur, wie schnell wir sind und welche Richtung wir fahren. Wenn er aber auch den Windeinfallswinkel, Luftdruck etc. von uns kennt, kann er uns besser routen.

SegelReporter: Mit welchen Windstärken rechnet Ihr denn im Idealfall? 

Simon Koster: 20 -25 Knoten, aber das ist natürlich nicht immer möglich. Es sollte jedoch immer über 15 Knoten Wind haben und möglichst nicht mit mehr als 30 kn wehen. Wir müssen uns aber darauf einstellen, dass man selbst mit viel Glück immer Transitions-Phasen bewältigen muss. Einmal rund um die Insel mit halbem Wind segeln wird kaum möglich sein – zwischendurch muss immer mal wieder gekreuzt oder sehr tief gefahren werden. Das haben wir auch bei Ian gesehen.

SegelReporter: Apropos Ian Lipinski. Der ist ja als hervorragender Navigator und Segler bekannt, seine Class 40 ist sauschnell und insgesamt dürfte er deutlich weniger Gewicht an Bord gehabt haben, als Ihr mitschleppt. Ist sein Rekord überhaupt zu knacken? 

Simon Koster während des Interviews auf der Roesti-Class 40 © miku

Simon Koster: Theoretisch schon. Gewicht ist in unserem Fall ja ein Vorteil, weil wir eben nicht in leichten Winden unterwegs sein werden. Unser Potential wird sein, dass wir uns abwechseln am Ruder, während sich Ian auf den Autopiloten verlassen musste. Uns stehen einfach mehr Energien zur Verfügung. Außerdem haben wir Justine dabei! 

SegelReporter: Wie kam es denn überhaupt, dass Ihr Beiden eine der erfahrensten Hochsee-Regattaseglerinnen für Eure Rekordfahrt begeistern konntet? 

Simon Koster: Wir hatten einfach Glück, dass Justine dieses Jahr verfügbar ist. Außerdem ist es toll, wieder mal mit Justine zu segeln. Wir haben alle Drei die gleichen Wurzeln beim Mini-Segeln, wir sind alle Schweizer und Justine hat einen super Parcous seit ihrer Mini-Transat hingelegt. Valentin und ich werden eine Menge von ihr lernen. Justine hat enorm viel Arbeit investiert, um die ganze Navigation um die Insel herum vorzubereiten – so weit es geht, hat sie alle möglichen Wegpunkte gesetzt. Sie wird auch am meisten mit Julian kommunizieren, wird immer auf Wache sein, wenn die neuen Wetterberichte ankommen. Ansonsten ist alles klassisch aufgeteilt: Eine Person auf Wache, eine zweite auf Standby, die dritte Person hat Freiwache. Die Fotografin wird jedenfalls, obwohl auch sie Ministin ist, seglerisch nicht involviert sein. 

SegelReporter: Simon, vielen Dank für die Informationen und alles Gute für Euren Rekordversuch. Wir werden virtuell mitsegeln und ganz profan die Daumen drücken. 

Tracker 

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *