Reportage: Der perfekte Törn auf heimischen Gewässern – Brandenburgs Seen und Kanäle

Auf Du und Du mit Biber und Eisvogel

Was als Notlösung entstand, entpuppt sich als naturnaher, entspannter Sommerurlaub: Wasserwandern durch Brandenburg bis zum Scharmützelsee.

© Jan Maas

Eigentlich sollte es dieses Jahr auf die Ostsee gehen. Von Berlin-Schmöckwitz aufs Stettiner Haff und dann mal sehen. Leider kam Corona dazwischen. Erst war der Verein gesperrt, und das Boot kam nicht ins Wasser. Dann war die Oder gesperrt, und das Boot kam nicht aufs Haff. Also galt es, einen neuen Plan zu schmieden. Aber warum überhaupt? Schließlich liegt man in Schmöckwitz schon mittendrin in einer großen Wassersportregion. So betrachtet, gibt es statt eines Plans nur noch eine Frage: Bricht man nach Westen auf, Richtung Havel, oder nach Osten, Richtung Dahme?

Die Dahme ist ein Nebenfluss der Spree. Sie entspringt auf dem Austenberg im Landkreis Teltow-Fläming südlich von Berlin und mündet in Berlin-Köpenick in die Spree. Typisch für die zweite Hälfte ihres Verlaufs ist die Aufweitung der Dahme zu einer Seenkette. Der letzte dieser Seen vor ihrer Mündung ist der Lange See – dort liegt das Boot. Diese Seenkette ist der Grund dafür, dass wir uns schließlich für den Weg nach Osten entscheiden. Der Weg nach Westen hätte zunächst durch den mäßig attraktiven Teltowkanal geführt. Außerdem lockt der Scharmützelsee.

Lichtspiele nach dem Gewitter auf dem Zeuthener See © Jan Maas

Am ersten Tag folgen wir zumindest teilweise den Spuren von Theodor Fontane, der die Gegend Ende des 19. Jahrhunderts als Gast auf der Segelyacht Sphinx erkundete. Staunend beschrieb er den Proviant für ein paar Tage in Brandenburg: „120 Flaschen Tivolibier, 120 Flaschen Sodawasser, 30 Flaschen Bordeaux, 3 Filets, 2 Schock Eier, 1 Butterfass, 1 Zuckerhut, 1 Baumkuchen, 6 Flaschen Scharlachberger und 1 Dutzend Flaschen Champagner.“ Ganz so viel schaffen wir nicht, aber es ist immer wieder erstaunlich, was alles in den Schapps und unter den Kojen Platz findet.

Nach Einkauf, Stauen und dem Lösen kleiner und mittlerer technischer Probleme verdrücken wir uns im Licht der sinkenden Sonne auf den Seddinsee, eine Bucht der Dahme, die sich in Nordostrichtung an den Langen See anschließt. Am Ende liegen ein paar Inselchen. Die Bucht hinter der größten, Seddinwall genannt, ist ein beliebter Ankerplatz. Das Berliner Stadtgebiet liegt noch im Einzugsgebiet der Partyflöße. Ihre Musik schallt über den See, aber die Insel schützt zumindest etwas gegen den Schwell der wasseraffinen Nachtschwärmer.

Bei Dauerregen wäre es eng geworden unter Deck © Jan Maas

Der zweite Tag beginnt in Ruhe, mit Windstille und Nieselregen. Der Wetterbericht warnt vor dem Durchzug einer Front samt Gewittern. Wir frühstücken ausgiebig und baden in den Nieselpausen. Nachmittags ist die Front durch, und wir folgen der Dahme nach Süden. Über uns türmen sich noch weißgraue Wolkenberge, hin und wieder grummelt es laut, und weit vor uns sehen wir auch noch vereinzelte Blitze am Himmel. Wir bleiben aber trocken und genießen den Regenbogen zu unserer Linken beim Durchqueren des Zeuthener Sees.

Unser Ziel für die Nacht ist der Krossinsee, für den wir vom Großen Zug aus für ein paar Kilometer nach Nordosten abbiegen müssen. Dieser Umweg lohnt sich. Der Krossinsee ist nur durch ein kleines Waldstück vom Seddinsee getrennt. Durch einen kleinen Durchstich kann man den Spree-Oder-Kanal erreichen, der den Seddinsee mit der Oder verbindet. Dennoch bietet der See, der schon auf Brandenburger Gebiet liegt, eine sehr viel ruhigere Atmosphäre als die Seen der Großstadt. Ab und an durchquert ein Boot den See, die Ankerlieger verteilen sich am Ufer.

Vor der Schleuse Wendisch Rietz wird der Mast für den Rückweg gelegt © Jan Maas

Der dritte Tag beginnt mit völliger Stille trotz der Metropole um die Ecke. Ein leichter Dunst liegt über dem Wasser, auf dem sich die Bäume ohne jede Störung spiegeln, bis wir zum Morgenbad über Bord springen. Am frühen Nachmittag erreichen wir die Schleuse Neue Mühle in Königs Wusterhausen, wo die Dahme nach Osten abknickt. Nach Krimnicksee und Krüpelsee erreichen wir wieder einen der Flussabschnitte, die hier Fließe heißen, als es anfängt, zu regnen. Liegenbleiben wollen wir hier nicht, wir peilen den Wolziger See als Tagesziel an und ziehen Ölzeug an.

Anstelle von „Anlegen verboten“ steht hier eher „Gäste willkommen“ an den Stegen. Plötzlich schießt ein blauer Blitz von links auf das Boot zu, biegt ab und fliegt vor uns das Ufer entlang, bevor er im Gehölz verschwindet: ein Eisvogel. An Reihern und anderen Wassertieren sind auch die Berliner Gewässer nicht arm, aber jetzt erreichen wir eine spürbar naturnähere Gegend. In Bindow beginnt der Naturpark Dahme-Heideseen. Hier haben die Flussufer ihren Auwaldcharakter auf langen Strecken behalten. Kurz vor Prieros verlassen wir die Dahme in Richtung Scharmützelsee.

Der Seddinsee ist ein beliebtes Ausflugsziel an der Grenze zwischen Berlin und Brandenburg © Jan Maas

Nach einer weiteren ruhigen Nacht beginnt der vierte Tag mit dem obligatorischen Morgenbad. Vom Wolziger See aus führt der Storkower Kanal durch zwei Schleusen auf den Storkower See. In Storkow wartet neben der zweiten Schleuse auch noch eine Klappbrücke. Aufgrund der Wartezeit bietet sich das Städtchen für einen kurzen Zwischenstopp mit Besuchen im Supermarkt und beim Bäcker an. Beim Kuchenessen werfen wir einen Blick auf die Karte des Scharmützelsees. Eine Untiefe mit einem speziellen Namen bietet sich als Ankerplatz an.

Die Klappbrücke in Storkow bietet einen Anlass für einen Zwischenstopp © Jan Maas

Wenigstens für eine Nacht wollen wir Großgrund-Besitzer sein. Doch es ist schon relativ später Nachmittag, als wir die Schleuse Wendisch Rietz Richtung See verlassen. Die bei Westwind attraktiven Plätze unterhalb des Steilufers sind größtenteils schon besetzt. Also doch keine Großgrund-Besitzer. Für uns bleibt nur eine Untiefe namens Gurkenberg. Eine Lücke im Schilfgürtel dort erlaubt uns eine Landfeste. Abends brutzeln wir bei absoluter Ruhe unter sternenklarem Himmel Arrosticini – italienische Lammspieße – auf dem Bordgrill.

Mit Klappmast ist man klar im Vorteil auf den Fließen zwischen den Seen © Jan Maas

Beim Morgenbad lernen wir die sensationelle Wasserqualität des Scharmützelsees kennen. Das Wasser schimmert in einem tiefen Türkis und duftet, wie nur Gletscherseen duften können. Allein der Sprung in dieses Wasser ist die Reise wert. Mittags machen wir in Bad Saarow am Nordufer des in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Sees fest. Der Kurort ist ein beliebtes Ferien- und Ausflugsziel, macht aber einen ganz gemächlichen Eindruck. Wir spazieren am Ufer entlang, besorgen Kuchen, kaufen Eis und verdrücken uns bald wieder. Menschen sehen wir zu Hause genug.

Im Nordteil des Scharmützelsee liegt eine Insel namens Großer Werl. Die Bucht, die sich zwischen dem Großen Werl und der westlich gelegenen Halbinsel bildet, eignet sich hervorragend als Ankerplatz, um den Nachmittag mit Kaffee, Kuchen und Baden zu verbringen. Dabei sind wir nicht allein. Für den Abend verholen wir uns daher wieder in den Südteil. Der Grund ist stark verkrautet, was glücklicherweise nicht die Regel ist. Meistens liegt der Anker auf der Tour im Mud, und ab und an stößt er in den darunter liegenden Brandenburger Sandboden durch.

An den Ufern im Naturpark Dahme-Heideseen hat sich der Auwaldcharakter gehalten © Jan Maas

Am sechsten Tag müssen wir uns leider schon wieder auf den Rückweg machen. Wir peilen wieder den Wolziger See als Tagesziel an. Auf dem Weg durch die drei Schleusen ist deutlich weniger los als auf der Hinreise. In der Schleuse Wendisch Rietz liegen wir sogar alleine. Und das mitten in den Sommerferien. Am Ufer des Wendisch Rietzer Fließes stehen am hellichten Tag Rehe und äsen. Den südlichen Teil des Storkower Sees merken wir uns für den nächsten Besuch vor: Kaum bebaut, lässt er erholsame Ruhe erahnen.

Auf dem Wolziger See erleben wir dann erst mal das Gegenteil. Wegen der Windrichtung ankern wir am Nordufer in Hörweite des Jugendbildungszentrums. Am Ufer klingt es nach Sommerferien: lautes Johlen und Plantschen. Wahrscheinlich geht eine Ferienfreizeit zu Ende. Dann entdecken wir zwischen unserem Boot und dem Schilfgürtel einen Biber, der sich auf dem Rücken im Wasser sonnt: Eins, zwei, drei, vier Pfoten gucken aus dem Wasser, auf der einen Seite der Kopf, auf der anderen der breite flache Schwanz. Wir beschließen, uns ebensowenig stören zu lassen.

Vor Anker hinter dem Seddinwall © Jan Maas

Am nächsten Morgen statten wir dem Fischer in Blossin einen Besuch ab. Mit Steg und Minihafen ist er auf Besuch von der Wasserseite her vorbereitet. Erst mal erdet er unsere romantischen Vorstellungen von frisch gefangenen und geräucherten Fischen. Was im Wolziger See schwimmt, landet in der Regel nicht auf Brötchen. Karpfen zum Beispiel. Der Saibling wird wie das meiste andere zugekauft – aber vor Ort frisch geräuchert. Für Interessierte gibt es hier auch Räucherkurse. Nur die selbst gemachten Fischfrikadellen stammen von Fischen aus dem See.

Ausgestattet mit einem Tagesvorrat an frisch zubereiteten Fischbrötchen und kühlem Thüringer Bier, machen wir uns auf den Rückweg die Dahme hinab, durch Fließe und Seen, bis wir hinter der Schmöckwitzer Brücke wieder den Seddinsee erreichen. Die Partyflöße heißen uns schon willkommen. Später stellt sich auch noch heraus, dass eine Lichtung nahe unseres Ankerplatzes Schauplatz einer – wahrscheinlich nicht coronakonformen – Party ist. Die ganze Nacht legen Boote an und ab. Wieder umdrehen zum Scharmützelsee? Das erlaubt das Urlaubskonto nicht.

Am letzten Abend gönnen wir uns ein Schweizer Käsefondue © Jan Maas

Der achte und letzte Tag beginnt ein letztes Mal mit Bad und Frühstück. Schon mittags sind wir zurück am heimatlichen Steg, wo wir zum Glück weniger von Bord tragen müssen, als wir an Bord gebracht haben. Woran wir uns zurückerinnern: Für eine Notlösung ist Wasserwandern in Brandenburg eine ziemlich gute Lösung. Erstens ist man anders als auf See nie zu langen Strecken gezwungen. Zweitens: Ruhe, Ruhe, Ruhe – und das mitten in den Sommerferien. Was das nächste Jahr also auch bringen mag, wir werden auf dem Wasser sein.

Revierinfos

Revier: Dahme und Storkower Gewässer von Schmöckwitz bis Scharmützelsee (Bad Saarow), 58 Kilometer
Karten: Berlin und Brandenburg. Binnenkarten Atlas 3 (Kartenwerft, 2020, Papier und mit eigener App 39,90 Euro), Von der Elbe zur Oder. Deutsche Binnenwasserstraßen 4 (Delius Klasing, 2017, Papier und mit eigener App 49,90 Euro), Berlin & Märkische Gewässer. Binnenband 1 (Nautische Veröffentlichungen, 2017, Papier und mit eigener App 34,80 Euro)
Revierinformationen: ELWIS, ansonsten bietet zum Beispiel die Kartenwerft für ihre Kunden einen Revierservice mit aktuellen Meldungen im Internet oder direkt in ihrer App.
Wind: Hauptwindrichtung West, aber durch die vielen Flussseen chronisch unstet – mit Ablenkungen, Abdeckungen, Kapeffekten und Düsen muss man hier umgehen wollen. Für die zahlreichen lokalen Effekte am besten alte Hasen fragen oder beobachten.
Wetterberichte: Die App Warnwetter des DWD liefert eine gute und praxistaugliche Mischung aus Wetterlage und Vorhersage für die grobe Planung.
Beste Zeit: Normalerweise die Berliner und Brandenburger Sommerferien, wenn viele Menschen verreist sind. In Zeiten von Covid 19 vielleicht besser die Ferienzeiten und Wochenenden meiden.
Essen: An der Dahme zwischen Dolgensee und Heidesee liegen sich das Restaurant Fährhaus und Kuddels Gastwirtschaft fast gegenüber. Fisch zum Mitnehmen gibt es am Wolziger See in der Fischerei am Nordufer.
Tipps: Spaziergang zur Binnendüne Waltersberge in Storkow. Tolle Aussicht auf den Storkower See.
Slippen/Kranen: Die Reviere sind reich an Vereinen und Marinas mit Slippanlagen und Kränen.
Ausrüstung: Ein Klappmast ist von Vorteil. Bei den ortsansässigen Seglern kann man sich in dieser Hinsicht einige Ideen abgucken. Manche Systeme arbeiten federgestützt, sodass der Mast vor der Brücke mit einer Hand gelegt und dahinter wieder gestellt werden kann.
Führerscheine: In Berlin wird der Sportbootführerschein Binnen auch für Kleinfahrzeuge unter Segeln verlangt. Bestimmte Abschnitte des Reviers, die von der Berufsschifffahrt kaum genutzt werden, dürfen mit Motorbooten bis 15 m Länge, 12 km/h Geschwindigkeit und 12 Personen ohne Führerschein mit der sogenannten Charterbescheinigung befahren werden. Sie sind auf den Karten grün markiert.

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