Revier: Brandenburger Gewässer – die abwechslungsreiche Seenlandschaft rund um Berlin

Zwischen Sand, Wald und Seen

Rund um die Hauptstadt erstreckt sich ein Netz aus zahlreichen Seen, die über Kanäle und Flüsse miteinander verbunden sind. Wer dem Trubel Berlins entfliehen möchte, findet hier Abwechslung.

Die Gewässer rund um Berlin sind auch ein beliebtes Revier für klassische Schönheiten aus Holz und einer vergangenen Epoche © Jan Maas

„In Berlin bin ich einer von drei Millionen, in Brandenburg kann ich bald alleine wohnen“, sang der Kabarettist Rainald Grebe vor 15 Jahren. Das war damals schon überspitzt und ist es heute erst Recht, wo sich der Speckgürtel der Hauptstadt ausdehnt. Und wie sich das Coronavirus in diesem Jahr auf den Wassersport auf den Binnenrevieren auswirkt, weiß auch noch niemand. Trotzdem hat Grebe im Kern Recht: In Brandenburg gibt es eine Menge Gegend. Darum finden sich in der Regel noch ein paar ruhige Plätzchen – auch auf dem Wasser.

Allerdings ist es ratsam, Zeit mitzubringen, um diese ruhigen Plätzchen auch zu entdecken. Denn natürlich gibt es einige Hotspots und Stoßzeiten. Den Knotenpunkt stellt in jeder Hinsicht die Hauptstadt Berlin dar, wo die Spree in die Havel mündet. Insbesondere an den Wochenenden sind einige Seen im Stadtgebiet sehr stark befahren. Dafür verbinden sich hier zwei sehr attraktive Wassersportreviere miteinander: die Havelseen im Westen von Berlin und die Dahmeseen mit den angrenzenden Gewässern im Osten.

Die Berliner Unterhavel stellt an sich schon ein sehr attraktives Revier dar. Zwischen der Freybrücke in Spandau im Norden und der Glienicker Brücke in Potsdam im Süden erstreckt sich eine 18 Quadratkilometer große Wasserfläche ohne Brücken und Kanäle. Es gibt einige Inselchen, in deren Lee man schön ankern kann. Vereine und Marinas sind zahlreich, daher ist viel Betrieb, aber sie stellen eben auch die nötige Infrastruktur für Gäste wie Slipanlagen, Kräne und Liegeplätze. Richtig spannend wird es aber jenseits dieser Brücken.

Wer der Havel bergauf nach Norden folgt, kommt über den Tegeler See und später die Obere Havel-Wasserstraße Richtung Mecklenburg und Müritz oder kann alternativ über den Oder-Havel-Kanal die Ostsee erreichen. In der Gegenrichtung, auf ihrem Weg zur Mündung in die Elbe hat die Havel einige besondere Perlen zu bieten. Hinter der Glienicker Brücke schließt sich zunächst die Potsdamer Havel an. Hier weitet sich der Fluss zu einer Kette mittelgroßer Seen auf. Wer Zeit und Lust hat, kann hier verweilen, um das reiche Kulturangebot von Potsdam zu nutzen.

Nachteilig sind vielleicht die Brücken und Engen auf dieser Strecke. Wer auf den Stopp in Potsdam keinen Wert legt, sondern eher auf Natur und Ruhe aus ist, kann stattdessen den Sacrow-Paretzer-Kanal nehmen, der vor der Glienicker Brücke vom Jungfernsee abzweigt. Er ist ziemlich nüchtern, aber verkürzt den Weg nach Westen um zwölf Kilometer. Dann schließt sich eine landschaftlich herausragende Strecke an. Zwischen Ketzin und Brandenburg/Havel liegt ein 22 Kilometer langer Abschnitt ohne Brücken und Schleusen, der durch eine flache Sumpflandschaft führt.

Ursprünglich floss die Havel hier in zahlreichen Mäandern. Durchstiche verkürzen heute den Weg, aber die Altarme beiderseits des Fahrwassers sind erhalten und bieten Lebensraum auch für seltene Pflanzen und Tiere. Große Teile des Areals stehen unter Naturschutz. Beiderseits der Ufer gibt es nur wenige kleine Siedlungen. Wer möchte, kann den Fischerort Ketzin besuchen, wo die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Etwas weiter flussabwärts folgt dann die Stadt Brandenburg selber, die ahnungslose Gäste durch ihre Lebensqualität überraschen dürfte.

Brandenburg/Havel ist vom Wasser geprägt und durchflossen. Es gibt entsprechend einiges an Infrastruktur für den Wassersport. Die Technische Hochschule bringt junge Leute in die Stadt, die wiederum Cafés, Kneipen und Geschäfte nach sich ziehen. Wieder gibt es einen etwas längeren, aber schönen Weg mit vielen Brücken durch den Stadtkern. Wer darauf keine Lust hat, nimmt den schnelleren Weg über den industriell geprägten Silokanal im Norden, um das Juwel dieser Haveltour zu erreichen.

Boote mit Mastlegevorrichtung sind hier im Vorteil © Tourismusverein Scharmützelsee e.V., www.scharmuetzelsee.de

Zwischen Brandenburg, Plaue und Kirchmöser liegt erneut eine zusammenhängende brückenfreie Wasserfläche, die einen Besuch wert ist: Breitlingsee, Plauer See, Möserscher See und Quenzsee sind zusammen 15 Quadratkilometern groß. Auch hier gibt es einiges an Infrastruktur. Gerade in der Hochsaison sind Boote unterwegs, aber die Seen bieten mit ihren zahlreichen Buchten und kleinen Inselchen allen ein Plätzchen. Auf dem Weg nach Westen ist dieses Areal die letzte große Aufweitung der Havel vor ihrer Mündung in die Elbe.

Ein zweites attraktives Wassersportrevier in Brandenburg schließt sich auf der Ostseite an Berlin an: die Dahme mit den Storkower Gewässern. Eine direkte Verbindung von der Havel ist durch die Spree, schneller und bequemer aber durch den Teltowkanal möglich. Die Seenkette von Spree und Dahme rund um die Müggelberge gehört noch zum Stadtgebiet von Berlin und ist entsprechend gut besucht. Etwas ruhiger wird es, wenn man am südlichen Ende des Langen Sees unter der Schmöckwitzer Brücke hindurch auf den Zeuthener See fährt.

Östlich schließen sich dann der Große Zug und der Krossinsee an, deren Ufer noch zu den beliebten Naherholungszielen der Hauptstädter zählen. Über den Oder-Spree-Kanal kann der Seddinsee schnell wieder erreicht werden. Hinter der Schleuse Neue Mühle in Königs Wusterhausen weitet sich die Dahme zum Krüpelsee auf. Hier wird es dann schon etwas einsamer an den Ufern und auf dem Wasser. Das schmale Bindower Fließ führt weiter zum Dolgensee, der vollständig im Naturpark Dahme-Heideseen liegt.

Der Name Heidesee deutet auf die sehr unterschiedlichen Lebensräume hin, die diesen Naturpark ausmachen – von sonnig und trocken bis schattig und feucht. Um die Gewässer herum sind nicht nur Vögel wie Graureiher und Kranich, sondern auch Eisvogel und Seeadler heimisch. Im Wasser leben zum Beispiel Fischotter und seit einigen Jahren auch wieder Biber. Es lohnt sich, die Augen offenzuhalten. Die Dahme führt dann weiter Richtung Süden. Im Südwesten von Prieros liegen die Teupitzer Gewässer, eine Kette von kleineren Seen.

Für Segler ist allerdings der Weg Richtung Osten in die Storkower Gewässer spannender. Ein natürlicher Wasserweg führt zunächst zum Wolziger See. Der Storkower Kanal verbindet diesen dann mit zwei sehr schönen Segelrevieren. Das erste ist der Storkower See, der nach der Kleinstadt am Nordufer benannt ist – eine der ältesten Städte Brandenburgs. Die erhaltene Altstadt samt Burg ist einen Landgang wert. Der südliche Teil des Sees ist zum großen Teil von Wald umgeben und lädt zum Ankern ein.

Das kurze Wendisch Rietzer Fließ führt dann weiter zum Scharmützelsee, der größte See Brandenburgs. Das „märkische Meer“ (Theodor Fontane) ist zehn Kilometer lang und mit einer maximalen Tiefe von 29 Metern auch einer der tiefsten Seen des Landes. Die Uferzone ist besonders auf der Ostseite sehr flach. Gegenüber gibt es in der Mitte des Sees ein kleines Steilufer, unter dem sich gut ankern lässt. Die touristische Entwicklung hat der Gegend nicht nur gut getan, aber wasserseitig bleibt der Scharmützelsee ein äußerst attraktives Revier.

Der einzige Nachteil der Reviere Mittlere Havel und Dahme mit den Storkower Gewässern liegt darin, dass sie sich nicht in einer Rundtour verbinden lassen. Entweder geht es hin und wieder zurück oder der Trailer bleibt am Ausgangspunkt stehen und wird später nachgeholt. Die Infrastruktur dafür ist in Brandenburg/Havel und am Scharmützelsee vorhanden und die Verbindung mit Autobahn und ÖPNV gegeben. Also los: Es lohnt sich. Denn wie schon Rainald Grebe wusste: „Es gibt Länder, wo richtig was los ist, und es gibt Brandenburg.“

Kleinod mitten in Brandenburg: Der Scharmützelsee © Tourismusverein Scharmützelsee e.V., www.scharmuetzelsee.de

Revierinfos:

  • Reviere: Mittlere Havel von Spreemündung bis Plaue 67 Kilometer, Dahme und Storkower Gewässer von Schmöckwitz bis Scharmützelsee (Bad Saarow) 58 Kilometer, Teltowkanal zwischen Havel und Dahme 38 Kilometer
  • Karten: Berlin und Brandenburg. Binnenkarten Atlas 3 (Kartenwerft, 2020, Papier und mit eigener App 39,90 Euro), Von der Elbe zur Oder. Deutsche Binnenwasserstraßen 4 (Delius Klasing, 2017, Papier und mit eigener App 49,90 Euro), Berlin & Märkische Gewässer. Binnenband 1 (Nautische Veröffentlichungen, 2017, Papier und mit eigener App 34,80 Euro)
  • Revierinformationen: Elwis, ansonsten bietet zum Beispiel die Kartenwerft für ihre Kunden einen Revierservice mit aktuellen Meldungen im Internet oder direkt in ihrer App.
  • Wind: Hauptwindrichtung West, aber durch die vielen Flussseen chronisch unstet – mit Ablenkungen, Abdeckungen, Kapeffekten und Düsen muss man hier umgehen wollen. Für die zahlreichen lokalen Effekte am besten alte Hasen fragen oder beobachten.
  • Wetterberichte: Die App Warnwetter des DWD liefert eine gute und praxistaugliche Mischung aus Wetterlage und Vorhersage für die grobe Planung.
  • Beste Zeit: Normalerweise die Berliner und Brandenburger Sommerferien, wenn viele Menschen verreist sind. In Zeiten von Covid 19 vielleicht besser die Ferienzeiten und Wochenenden meiden.
  • Essen: Wer die Potsdamer Havel befährt, bekommt beim Fischerhof Berner am Großen Zernsee in Werder/Havel frischen und geräucherten Fisch. Nett gelegen zum Essen ist auf derselben Strecke das Fährhaus Caputh zwischen Templiner und Schwielowsee. Das Restaurant Werft in Brandenburg/Havel befindet sich in einer alten Fabrikhalle und verfügt über eigene Liegeplätze. An der Dahme zwischen Dolgensee und Heidesee liegen sich das Restaurant Fährhaus und Kuddels Gastwirtschaft fast gegenüber. Fisch zum Mitnehmen gibt es am Wolziger See in der Fischerei am Nordufer.
  • Tipps: Im Bereich der Havel: Ankern an der Kanincheninsel auf dem Breitlingsee. Viel idyllischer geht es nicht. Im Bereich der Dahme: Spaziergang zur Binnendüne Waltersberge in Storkow. Tolle Aussicht auf den Storkower See. Zum Einkaufen gibt es ein paar Supermärkte mit eigenen Anlegern: Aldi am Tiefen See in Potsdam, Rewe an der Niederhavel in Brandenburg/Havel.
  • Slippen/Kranen: Die Reviere sind reich an Vereinen und Marinas mit Slippanlagen und Kränen.
  • Charter: Segelyachtcharter Berlin (Potsdam), Wassersport Potsdam, Wassersportzentrum Alte Feuerwache (Brandenburg/Havel).
  • Ausrüstung: Ein Klappmast ist von Vorteil. Bei den ortsansässigen Seglern kann man sich in dieser Hinsicht einige Ideen abgucken. Manche Systeme arbeiten federgestützt, so dass der Mast vor der Brücke mit einer Hand gelegt und dahinter wieder gestellt werden kann.
  • Führerscheine: In Berlin wird der Sportbootführerschein Binnen auch für Kleinfahrzeuge unter Segeln verlangt. Bestimmte Abschnitte des Reviers, die von der Berufsschifffahrt kaum genutzt werden, dürfen mit Motorbooten bis 15 Meter Länge, 12 km/h Geschwindigkeit und zwölf Personen ohne Führerschein mit der sogenannten Charterbescheinigung befahren werden. Sie sind auf den Karten grün markiert.

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