Revier: Nordsee – einzigartiger Gezeitentörn im größten Wattengebiet der Welt

Von Wattenhoch zu Wattenhoch

Im Sommer 2020 fällt die Wahl vieler Seglerinnen und Segler auf Urlaub in der Heimat. Wie wäre es mal mit neuen Pfaden in der Nordsee anstatt den ausgetretenen in der Ostsee?

Pellworm liegt im nordfriesischen Wattenmeer © www.nordseetourismus.de / lehnerfoto.de

„Von der Nordsee, der Mordsee, vom Festland geschieden, liegen die friesischen Inseln im Frieden“, so beginnt der deutsche Dichter Detlev von Liliencron seine Ballade „Trutz, blanke Hans“ über den Untergang der Siedlung Rungholt, die im 14. Jahrhundert von einer Sturmflut vernichtet wurde. Vielleicht liegt es an den alten Geschichten, an dem ewigen Kampf des Menschen gegen die Fluten der Nordsee, dass Segler der Nordsee nur mit tiefsten Respekt begegnen und die Deutsche Küste zwischen Borkum und Brunsbüttel nur als Transitmeer von Holland an die Ostsee oder andersherum nutzen.

Doch ein Törn in den deutschen Gewässern der Nordsee muss nicht in einem Desaster enden. Die „Mordsee“ ist bei weitem nicht so schlimm, wie ihr Ruf es erahnen lässt. Und vor allem zwischen den Inseln und dem Festland erstreckt sich eines der einzigartigsten Reviere der Welt: das Wattenmeer. Durch die Kraft der Gezeiten geformt und von den Inseln im Norden wie ein Bollwerk geschützt, erwartet den Segler hier ein unvergleichlicher und anspruchsvoller Törn. Alle sechseinhalb Stunden wechseln sich Ebbe und Flut ab und geben den Takt für die Erkundung des Watts vor. Der Gezeitenkalender avanciert zur wichtigsten Lektüre, Stift, Papier und Seekarte zu unverzichtbaren Helfern.

Helgoland lässt sich noch anlaufen, wenn in den Seegatten kein Durchkommen ist © www.nordseetourismus.de / Tanja Weinekötter

Die Gezeiten sorgen nicht nur für einen sich ändernden Wasserstand, starke Strömungen und wandernde Sandbänke, sondern bringen auch eine weitere Eigenheit des Revieres mit sich, die in die Törnplanung einbezogen werden sollte. Bei einem Blick in den Tidenkalender wird schnell offensichtlich, dass beispielsweise in Cuxhaven nicht zum gleichen Zeitpunkt Hochwasser ist wie auf Borkum, sondern erst einige Stunden später. Der Flutstrom benötigt also einige Stunden länger, um die Elbe zu erreichen. Das bringt den Vorteil mit sich auf einem Schlag von West nach Ost auf der Flutwelle zu „reiten“, sodass man anstatt den üblichen sechs Stunden dann bis acht bis neun Stunden mit dem Strom segeln kann, bevor er kippt.

In den Flüssen gilt diese Regel übrigens auch. Daher gilt in der Nordsee runtergebrochen auf eine Merkregel: Von West nach Ost sind längere Schläge möglich, als von Ost nach West. Wer von der Ostsee kommend das Wattenmeer erkunden möchte, sollte daher zu Beginn mit kurzen Törns von Wattenhoch zu Wattenhoch segeln, anstatt gleich vier Stück hintereinander in Angriff zu nehmen. So lassen sich ganz gemütlich die Inseln abklappern und sich nebenbei mit der Navigation im Watt vertraut machen. Einen kleinen Nachteil hat diese Törnführung allerdings auch, denn die Priele sind im östlichen Watt flacher als im westlichen Teil. Wer möchte kann auch einen Abstecher in die Flüsse unternehmen. Elbe und Weser bieten mehr als den meisten bekannt ist. In der Weser zwischen Bremerhaven und Bremen liegt mit Harriersand beispielsweise eine der längsten Flussinseln Europas.

Der Weg in die Eider führt bei Tönning durch das Eidersperrwerk © www.nordseetourismus.de / Tanja Weinekötter

Wer auf seinem Törn im schönen Juist angekommen ist, sollte sich Gedanken über den Rückweg machen. Borkum wäre noch ein Ziel, aber kein Muss. Besser ist es, sich zurück nach Norderney zu verholen und von hier aus, den Rückweg anzutreten. Entweder binnen durch das Watt und mit dem Flutstrom über mehrere Wattenhochs hüpfen oder die „Autobahn“ über die Nordsee nehmen. Von Norderney aus führt das Dovetief recht sicher in nordöstlicher Richtung hinaus auf die Nordsee. Mit Wind und Strom ziehen die Inseln wie im Fluge an einem vorbei.

Auf dem Rückweg bietet es sich an, die Ostfriesischen Inseln mit den tückischen Seegatten hinter sich zu lassen und Helgoland einen Besuch abzustatten. Helgoland ist eigentlich bei jeder Wind- und Stromrichtung sicher anzulaufen, da kein Seegatt und keine Sandbank die Zufahrt verwehrt. Von Norderney aus wird ein Kurs auf die TG9 (ehemals TG19) gesetzt. Sie sitzt am Ausgang des Verkehrstrennungsgebietes „Terschelling German Bight“, sodass der Sprung nach Helgoland nicht durch ein VTG führen muss. Natürlich lässt es sich auch zuvor im 90-Grad-Winkel queren.

Von Helgoland ist der Nord-Ostsee-Kanal nur eine Tide entfernt. Wer noch etwas Zeit im Gepäck hat, kann den Rückweg aber auch bei gutem Wetter über die (Außen-)Eider antreten oder auch das Nordfriesische Watt bis Sylt erkunden. Über die Eider schleust man in der Giselauschleuse zurück in den Nord-Ostsee-Kanal und ist am nächsten Tag schon wieder in der Ostsee.

Ein einzigartiges Revier mit herbem Charme © www.nordseetourismus.de / lehnerfoto.de

Revierinfos:

  • Revier: Wattenmeer und Nordsee von Borkum bis Elbmündung.
  • Karten: NV.Atlas Ostfriesland DE13 – Borkum bis Helgoland & Ems, 49 Euro. NV.Atlas Elbe DE11 – Helgoland bis Hamburg, 49 Euro. Evtl: NV.Atlas Weser DE12 – Bremen bis Helgoland & Jade,49 Euro. Die BSH-Karten werden nur noch auf Anfrage gedruckt. Der Kunde kann sich selber zusammensuchen, welche Kartenausschnitte er benötigt.
  • Nautische Literatur: Der Gezeitenkalender des BSH für 2,80 Euro gehört an Bord.
    Hilfreich wäre noch ein Stromatlas wie „Der küstennahe Gezeitenstrom in der Deutschen Bucht“ für 29 Euro.
  • Revierinformationen: Elwis mit den Bekanntmachungen für Seefahrer (BfS) und natürlich die entsprechenden Aushänge bei den Hafenmeistern.
  • Wind: Die Hauptwindrichtung ist meist West. Bei Hochdruckwetterlagen in der Regel östliche Richtungen.
  • Beste Zeit: Juni bis August. Das Watt ist auch in den Ferienzeiten nicht so überfüllt wie andere Reviere. Auch ein Törn im Herbst kann schön sein.
  • Tipps: Bei Wind mit mehr als 5 Beaufort sollten die Seegatten zwischen den Inseln gemieden werden. Das gilt vor allem für Wind-gegen-Strom-Konstellationen! Trauen Sie nicht der Seekarte, sondern im Zweifel dem Seezeichen vor Ort. Ein Wattenhoch immer mit auflaufendem Wasser ansteuern.
  • Ausrüstung: Boote mit wenig Tiefgang bzw. mit variablem Tiefgang sind eindeutig im Vorteil – bei mehr Tiefgang bleiben die schönsten Ecken wahrscheinlich verschlossen. In den Häfen sinken die Boote in der Regel mit dem Kiel in weichen Schlick ein. Wer im Watt trockenfallen möchte, sollte entweder einen Kimmkieler oder Wattstützen haben. Boote mit Schwert können ebenfalls trockenfallen. Lange Festmacherleinen sowie ein Fenderbrett sollten ebenfalls an Bord sein.

Ein Kommentar „Revier: Nordsee – einzigartiger Gezeitentörn im größten Wattengebiet der Welt“

  1. avatar Peter Klingmüller sagt:

    Genau das haben wir gemacht.Schnelle Reise von FL nach Kiel, gegen Wind und Regen nicht im Paradies sondern NOK,bei Flaute von Brunsbüttel nach Helgoland, dort mit Verlängerung 4 Tage eingeweht, dann laut Wetterberichten Besserung und Ziel Eider,aber schon wenige nm nach Steingrund Resettknopf :6 Beaufort ,Schauerböen, null Sicht und aus seemännischen Gründen Kursänderung Richtung Elbe, die wir gerade hart am Wind mit Reff im Groß ohne weiteren Schlag erreichten und mit dem Tidennachlauf und weiter auffrischendem Wind bis nach Brunsbüttel segelten.Extra neue Karten für die Einer-Ansteuerung gekauft.Bei schönstem Wetter durch den NOK bis Strande und mit Aufenthalt dort und Eckernförde nach FL mit jeweils hartem Aufkreuzen retour.
    War eine schöne Tour, auch wenn man wettermässig andere Vorstellungen gehabt hatte.
    SY “AKKA”,Crew Enkeltochter,Tochter Frau als 1. Offizier und Skipper

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