Sailing4Handicaps: Wie Wojtek Czyz auf seinem Fahrtenkat Prothesen für die Ärmsten fertigt

Neue Perspektiven unter Segeln

Wojtek Czyz und Elena Brambilla wollen auf einem Fahrtenkatamaran um die Welt segeln und in den Etappenhäfen unter anderem mit einem Drei-D-Drucker Prothesen für Amputierte bauen. Im SR-Gespräch erklärt Czyz den Status Quo des Projektes.

SegelReporter: Knapp 12.000 „Gefällt-mir-Angaben“ allein auf Facebook, namhafte Sponsoren aus unterschiedlichen Branchen – sailing4handicaps wird offensichtlich viel Wohlwollen entgegen gebracht. Wie weit seid ihr denn mit Eurem Projekt?

Wojtek Czyz:  Derzeit bereiten wir uns… nein, nicht auf den Start der Reise, sondern auf die Travemünder Woche vor. Dort wollen wir allen Interessierten, also auch unseren direkten Unterstützern zeigen, dass wir fähig sind, an Bord eine Prothese zu bauen.

Zwei, die sich für Amputierte in armen Ländern richtig "ins Zeug legen" © sorenti/s4h

Zwei, die sich für Amputierte in armen Ländern richtig “ins Zeug legen” © sorenti/s4h

Dafür installieren wir zwei Fertigungssysteme: 1. Das traditionelle, also mit Gipsabdruck etc. sowie 2. ein neueres, eher spektakuläres System mit Drei-D-Drucker.

SegelReporter: Drei-D-Drucker? Spannend…

Wojtek Czyz: Ja, wir werden in der Tat einzelne Prothesenteile mit dem Drei-D-Drucker anfertigen.  Nicht zuletzt, weil dieses Verfahren die Kosten erheblich senken kann und demnach in ärmeren Ländern besonders interessant sein dürfte. Ich bin sogar davon überzeugt, dass hier die Zukunft für wichtige Bereiche des Prothesenbaus in armen Ländern liegt. Beispielsweise einen Schaft kann man schnell und kostengünstig mit einem Drei-D-Drucker bauen…

Der erste Prototyp einer Prothese, wie sie auf der "Imagine" hergestellt werden soll © s4h

Der erste Prototyp einer Prothese, wie sie auf der “Imagine” hergestellt werden soll © s4h

SegelReporter: Dennoch braucht man zumindest eine rudimentäre Werkstatt mit entsprechender Ausstattung für den Prothesenbau. Wie wollt Ihr die in den Etappenhäfen organisieren?

Wojtek Czyz: Ganz einfach – die Werkstatt ist an Bord unseres Katamarans „Imagine“! Derzeit fertigt uns einer unserer spezialisierten Unterstützer einen individuell auf den Katamaran zugeschnittenen Arbeitsplatz. Das sieht so aus: Wir entfernen den Cockpit-Tisch, stattdessen werden wir dort eine spezielle Konstruktion aufsetzen, an der sich ein Orthopädie-Mechaniker „austoben“ kann, sprich: hämmern, bohren, sägen, feilen, schleifen etc. Eine massive Konstruktion, mit Edelstahlgestell…

Ein italienischer Hersteller von maritimen Elektroherden „hirnt“ gerade mit uns, wie er einen Ofen ins Schiff bauen kann, der groß genug ist, um Prothesenteile bei 180° C. „backen“ zu können, gleichzeitig aber auch in den eher kleinen dafür vorgesehenen Raum passt. Wir brauchen für den Prothesenbau das Innenmaß 40 x 40 cm – haben aber nur Platz für Außenmaße von 53 x 53 cm. Das muss also ganz individuell gelöst werden.

SegelReporter: Am Schiff wird derzeit auch fleißig gearbeitet, wie auf der Homepage zu sehen ist.

Wojtek Czyz: Ja, wir sind gerade mit einem vollständigen Osmose-Aufbau und Unterwasseranstrich beschäftigt – auch hier werden wir von Sponsoren unterstützt.

SegelReporter: Hört sich so an, als wolltet Ihr dann bald lossegeln?

Die "Imagine" © s4h

Die “Imagine” © s4h

Wojtek Czyz: Der voraussichtliche Start ist „erst“ in einem Jahr, im Mai 2015 vorgesehen. Aber wir sind derzeit in einer sehr wichtigen Organisationsphase.

Mit Hilfe großer Organisationen planen wir, welche Ziele wir wann anlaufen werden; da jeder Aufenthalt von uns ja möglichst effektiv sein soll, muss alles minutiös geplant werden.

Wir wollen auf der klassischen Barfuß-Route um die Welt. Unser erster Einsatzort wird Marokko sein,  und dort werden wir Behinderten-Heime kontaktieren. Dazu muss man wissen, dass in armen Ländern behinderte Menschen oft in Heime „abgeschoben“ werden, weil sich die meisten Familien keinen Behinderten, der also nicht am Überleben der Familie mitwirkt,  „leisten“ will und kann.

Wojtek Czyz (34) ist Behindertenathlet mit mehr als 10 Jahren Erfahrung als Leistungssportler. Nach einer schweren Knieverletzung, die ihm als semiprofessioneller Fußballer zugefügt wurde, musste sein Unterschenkel amputiert werden. Czyz nahm an drei paralympischen Spielen teil und gewann als Leichtathlet viermal Gold-, einmal Silber- und Zweimal Bronze; er ist zudem mehrfacher Welt- und Europameister in seinen Disziplinen “Laufen” und “Weitsprung”.

Elena Brambilla (31) machte ihren Master im Jahr 2008 in Biotechnologie an der Universität von Milano Bicocca. Derzeit  studiert sie an der Universität von Mailand Herbal Technique. Seit 2003 gehört sie der Polizeisportgruppe Sportivo Fiamme Azzurre an, in der sie sich als Profisportlerin im Hochsprung optimal auf ihre Wettkämpfe vorbereiten kann.

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Sailing4Handicaps: Wie Wojtek Czyz auf seinem Fahrtenkat Prothesen für die Ärmsten fertigt“

  1. avatar Alex Lang sagt:

    ist drei-d-drucker was spezielles oder ist es “einfach nur” ein 3d-drucker?

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 13

  2. avatar Sven 14Footer sagt:

    Tolle Sache! Schön so den Menschen zu helfen. Ich wünsche dem Projekt viel Erfolg und werde auf der TraWo mal vorbeischauen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 2

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