Seekrankheit: Marine testet Vitamin C – Segler schwören längst drauf

Kaugummi gegen Würfelhusten

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Rollbewegung, die übel enden kann © miku

Dass Vitamin C als Histaminkiller gegen Seekrankheit helfen kann, wird schon seit Längerem propagiert und unter Seglern erfolgreich getestet. Nun will auch die Marine Nausea wegkauen.

Welcher Segler kennt das nicht? Bestes Wetter, netter Wind, also raus aufs Meer – das bisschen Welle wuppen wir schon und überhaupt: Sind wir nicht alle Seebären und Salzbuckel? Doch schon nach kurzer Zeit kann es passieren, dass der eine oder andere aus der Crew mit leicht gequältem Gesichtsausdruck ein gewisses Unwohlsein vermeldet.

Andere fragen mit hellgrüner Gesichtsfarbe und hektisch-fahrigen Bewegungen nach dem Aufbewahrungsort der Pütz oder hechten gleich zur Reling. Kurz. Seekrankheit, die Geißel der Seefahrt, ist auch im HighTech-Zeitalter noch immer aktuell und omnipräsent. Und wissenschaftlich alles andere als vollständig erforscht. 

Chaos im Hirn

Die gängige Erklärung: Die Lymphflüssigkeit in den Bogengängen des Innenohrs (Gleichgewichtsorgan) reagiert auf Schiffsbewegungen. Gleichzeitig versorgt der Sehapparat das Hirn mit Informationen, die sich ebenfalls auf Bewegungen des Körpers in seinem Umfeld beziehen.

Wer also beispielsweise unter Deck mit dem Auge Stabilität des Raums wahrnimmt, das Innenohr aber Informationen zu massiven Schiffsbewegungen erhält, überfordert im gewissen Sinne sein Gehirn. Worauf der Organismus mit Trotzreaktionen in Form von Übelkeit, Schwindel, Schweißausbrüchen, Müdigkeit und Erbrechen reagiert. 

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Gemeinsames Erbrechen in die Pütz fördert allerdings auch den Teamgeist © draja

Seit einigen Jahrzehnten wird nun an den unmittelbaren Folgen dieses o.g. Wahrnehmungs-Chaos geforscht. Wichtigste Erkenntnis: Der Körper produziert in solchen Stresssituationen Unmengen Histamin und dieser erhöhte Histaminspiegel führt wiederum zu Nausea, vulgo Seekrankheit und dem oftmals damit einher gehenden Würfelhusten. 

Pütz, du Bordschlampe!

Auf SegelReporter berichteten wir schon des öfteren von der mehr oder weniger erfolgreichen Bekämpfung dieser „Krankheit“ (die eigentlich keine ist). Etwa durch Elektroschock-Behandlungen, Feldversuche während Langstreckenregatten mit chemischen Mitteln   und im heroischen Selbstversuch mit dem neuen, alten Wundermittel Vitamin C („Pütz, Du Bordschlampe, lässt aber auch jeden ‚ran!“). 

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Besser nicht! © pixabay

Im Zusammenhang mit dem wissenschaftlich nachgewiesenen, erhöhten Histaminspiegel bei Seekranken konzentrierte sich die Forschung im Laufe der letzten Jahre auf entsprechende Histamin“killer“. Dabei tat sich vor allem der österreichische Mediziner Prof. Reinhart Jarisch hervor, der schon vor 15 Jahren auf den verlässlichen und nebenwirkungsfreien Histaminvernichter Vitamin C hinwies. 

Als begeisterte Seesegler propagierte Jarisch erhöhte Vitamin C-Gaben vor und während der Törns als höchstmögliche Mittel gegen Seekrankheit, scheiterte jedoch mit wissenschaftlichen Studien u.a. an eher niedrigen Fallzahlen (siehe Kasten unten). Heute werden die damaligen Tests mit „aussichtsreich verlaufen“ bezeichnet.

Die Seekrankheit wegkauen

Nun könnte die Marine hier für erhöhte wissenschaftliche „Klarheit“ sorgen. Denn ab Herbst soll bei den Besatzungen mehrerer Fregatten die Wirksamkeit von Vitamin C gegen die Übel der Seekrankheut untersucht werden. Auslöser für diesen Test waren u.a. die relativ schwer wiegenden Nebenwirkungen wie etwa Müdigkeit bei anderen, bisher eingesetzten chemischen Mitteln gegen Seekrankheit.

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Einfach wegkauen! © jarisch & Co

Auszug aus der Website „Wehrmedizin“ in einem Artikel zum Thema: „Es stellt sich weiterhin die Frage, in wieweit neben Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit vor allem auch körperliche Fähigkeiten wie Kraft, Koordination und Ausdauer negativ durch die frühen Formen der Seekrankheit (…) beeinflusst werden und ob und wann der Betroffene seine Einschränkungen überhaupt selbst wahrnimmt.“ 

An dem zweijährigen Versuch sollen mehrere Hundert Soldaten teilnehmen. Letztendlich könnten sie auf breiterer Ebene weitgehend positive Erfahrungen bestätigen, die weltweit seit einigen Jahren bereits Hunderte Hochsee-Fahrten- und Regattasegler mit hochdosierten Vitamin C-Gaben gemacht haben. Deren Angaben konnten jedoch noch nie in einem fundierten und wissenschaftlich kontrollierten Test bestätigt werden . 

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War auch früher schon ein Thema! © British Maritime Museum

Die Marinesoldaten sollen Kaugummis mit hochdosiertem Vitamin C erhalten – Vergleichspersonen kauen auf Placebo-Kaugummis. 

Wirkt bestens über die Mundschleimhaut

Dass Vitamin C am besten über die Mundschleimhaut aufgenommen werden kann, propagierte bereits Prof. Jarisch vor Jahren und empfahl die Einnahme von über den Tag verteilten, hochdosierten Lutschtabletten. Denn da Vitamin C nicht im Körper gespeichert werden kann, ist eine kontinuierliche Aufnahme des Vitamins notwendig, um einen Histamin-killenden Effekt im Körper zu erreichen.

Mittlerweile bietet Jarisch sozusagen im Familienunternehmen „Jarisch & Co.“ einen entsprechenden SeaGum an: Drei dieser „Gums“ enthalten 450 mg Vitamin C – mehr als ein halbes Kilo Orangen. 

Ob die Soldaten stilecht auf einem solchen SeaGum kauen werden, ist jedoch nicht bekannt.

Vitamin C gegen Seekrankheit 

Schon im Altertum (und auf einigen Fährstrecken bei schwerem Wetter noch heute) teilten griechische Seefahrer ihren Passagieren Zitronen aus. 

Die Britische Marine schwört seit Jahrhunderten auf den Einsatz  von frischem Ingwer.

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Vitamin C killt Histamine © pixabay

Bei vielen Seefahrern aus dem Mittelmeerraum war Rotwein verpönt.

In der Südsee werden seit Tausend Jahren bei langen Seefahrten Unmengen Mangos gegessen.

Schlafen bringt verlässliche Linderung

Eine aufgrund relativ hoher Fallzahlen glaubwürdige britische Seekrankheits-Studie, die während der Atlantic Rallye for Cruisers Weltumseglungsregatta für Amateure an 223 Probanden durchgeführt wurde, ergab eine besonders hohe Effizienz durch die Mittel Cinnarizine und Hyoscine (Pflaster). 

Für den österreichischen Arzt Reinhard Jarisch haben diese Beispiele alle einen gemeinsamen Nenner: Histamin. 

Als Gewebshormon und Botenstoff des Nervensystems ist Histamin auch für allergische Reaktionen im Körper verantwortlich. Und für Seekrankheit? 

Jedenfalls konnte Jarisch wissenschaftlich beweisen, dass Seekrankheit mit einem dramatisch ansteigenden Histamin-Spiegel einhergeht. Gleichzeitig wirken alle o.g. Mittel als Histamin-Killer: Vitamin C in hohen Dosen (Zitrone, Mango, Ingwer) ist Histamin-Feind No.1, gefolgt vom Schlaf (bei dem Histamin vollständig abgebaut wird) bis zu Cinnarizine und Hyoscine. Das Rotwein-Gelage am Abend vor dem Ablegen oder auf Fahrt baut überproportional viel Histamin auf, ebenso einige Nahrungsmittel. 

Das ist übrigens der Grund, warum Schweine nicht seekrank werden: sie können Histamin abbauen. Und die Ratte entwickelt gar als einziges Tier eigenes Vitamin C zum raschen Histaminabbau. 

Wissenschaftlich anerkannt? Jein!

Leider scheiterte Jarisch vor Jahren in einem wissenschaftlichen Versuch mit 70 Probanden an statistischen Werten. Zwar fühlten sich eindeutig mehr Versuchsseefahrer unter Vitamin C besser, aber nicht genug: Lediglich drei Personen mehr, und der wissenschaftliche Beweis wäre erbracht gewesen. 

Entsprechend ist nach heutigem Wissensstand im Kampf gegen die Seekrankheit eine Mischung aus „alten Rezepten“ und möglichst hohen Vitamin-C-Dosen der Weisheit (vorläufig) letzter Schluss. 

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Schon früher teilten die Griechen Zitronen vor Seefahrten aus © pixabay

Aufbau eines hohen Vitamin-C-Spiegels, vor und während des Törns (vorzugsweise Lutschtabletten oder Vitamin-C-haltige Kau“gums“, wegen besserer Aufnahme über die Mundschleimhaut)

Vermeidung von histaminreichen Nahrungsmitteln wie Thunfisch, Makrele, Sardelle, Emmentaler, Camembert, Roquefort, Salami, Schinken, Sauerkraut und Rotwein.

Weiterer Einsatz guter alter „Bordmittel“ wie etwa Rudergehen bei auftretenden Symptomen oder Schlafen. Auch eine Kombination aus Vitamin C und herkömmlichen Seekrankheitsmitteln wie Cinnarizine (=ebenfalls Histamin-Killer) und Hyoszine wäre möglich. 

Und wenn doch nichts hilft? Vorbeugen! Möglichst über die Reling… 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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