Seemannschaft: Was man aus jüngsten Yacht-Unglücken lernen kann

Gefahrenzone Cockpit

Der Untersuchungsbericht eines tödlichen Yacht-Unfalls weist Gemeinsamkeiten mit anderen Unglücken auf. Ein Trimmeinrichtung birgt besondere Gefahren.

Die Crew der entmasteten “Platino” wartet auf die Rettung durch ein Containerschiff. © NZDF

Im Juni 2016 haben zwei Männer auf der Segelyacht “Platino” ihr Leben verloren. Die fünfköpfige Crew hatte am 1200 Meilen langen Rennen von Auckland Denerau auf Fidschi teilgenommen und war von harten Bedingungen erwischt worden. Der Bericht der staatlichen neuseeländischen Untersuchungskommission Maritime New Zealand zeigt die entscheidenden Probleme auf.

Demnach steuerte der Autopilot nach einer Fehlfunktion aufgrund eines Lecks im Hydraulik-System der Ruderanlage unkontrolliert in eine Patenthalse. Es folgten weitere Halsen, und nachdem der Bullenstander gebrochen war, schwang der Baum frei über das Deck.

Dabei wurde das Crewmitglied Nick Saul vom Großschot- und Traveller-System getroffen und war sofort tot. Ein zweiter Segler kam wenige Sekunden nach dem Unfall an Deck und rutschte über Bord. Er wurde nie gefunden.

Zwar erblickte ihn die suchende Crew mehrfach nur 50 Meter entfernt im Wasser treibend, aber es konnte keine Rettungsausrüstung ausgebracht werden. Der Untersuchungsbericht weist darauf hin, dass es mit dem unkontrolliert schwingenden Baum auch kaum möglich gewesen wäre, das mitgeführte System zu Wasser zu bringen.

Gefahr der Patenthalse

Der Vorfall macht deutlich, wie gefährlich die Großschot sein kann, wenn sie mitten im Cockpit auf einer Traveller-Schiene befestigt ist. Dieses bei den meisten Yachten übliche Trimm-System, mit dem am besten das Großssegel kontrolliert werden kann, ist auch beim Volvo Ocean Race John Fisher zum Verhängnis geworden. Er hatte im Cockpit seine Sicherheitsleine kurzzeitig ausgeklinkt und war bei einer Patenthalse von der Schot über Bord geschleudert worden.

Jüngste Untersuchungsergebnisse gehen davon aus, dass er möglicherweise schon beim Aufprall der Schot verstarb. So erging es jedenfalls Andrew Ashman, als er beim Clipper Race verstarb. Er wurde auch bei einer Patenthalse getroffen und konnte im Cockpit nicht mehr wiederbelebt werden.

Die Erkenntnis, dass sich bei extremen Bedingungen das Cockpit zu einer besonderen Gefahrenzone entwickelt, wenn eine Travellerschiene mittig montiert wurde, ist nicht neu. Aber der Untersuchungsbericht rückt diese Tatsachen noch einmal ins Bewusstsein. Es gibt Konstruktionen, wie das German Sheeting System, bei dem man die Schot auf Winschen umlenkt und den Fußblock aus dem Cockpit verlagern kann. Sie kommen auf zahlreichen Fahrtenyachten zum Einsatz, gehen aber einher mit einer geringeren Kontrolle beim Großsegel-Trimm.

Die Heckschotführung ist eine Alternative zum Traveller, so wie sie bei der Bente installiert ist. Damit kann der Schotzug auf das Achterliek verringert werden wie mit einem nach Luv gezogenen Traveller-Wagen. Eine stufenlose Verstellung bietet diese Variante allerdings auch nicht.

Bente

Heckschotführung bei der Bente. © S. Boden

Ein weiterer erstaunlicher Fehler, den der Untersuchungsbericht des latino-Unfalls hervorbrachte:  Am GPS-Gerät wurde der Mann-über-Bord-Knopf nicht ausreichend lange gedrückt, um die Position zu markieren. Vier Sekunden sind erforderlich, um den Punkt zu fixieren. Auch deshalb verlief die Suche nach dem über Bord gegangenen Mitsegler ergebnislos. Auf Scallywag wurde der selbe Fehler gemacht. Allerdings war er nicht entscheidend bei der verunglückten Suche nach John Fisher. Die herrschenden Bedingungen machten sein Auffinden unmöglich.

 

 

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Carsten Kemmling

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6 Kommentare zu „Seemannschaft: Was man aus jüngsten Yacht-Unglücken lernen kann“

  1. avatar Fördesegler sagt:

    Lieber Carsten,

    ich weiß, dass du vermehrt auf Sportbooten unterwegs bist daher möchte ich einmal Bezug auf das German Cupper System nehmen: Dieses ist in meinen Augen lediglich eine andere Form der Schotführung und minimiert in keinster Weise das Risiko von der Schot wegrasiert bzw. vom Traveller erwischt zu werden. An Stelle von einem großen Block am Baum hast du in der Regel zwei etwas kleinere Blöcke am Baum sitzen mit dieser Konfiguration und einen größeren auf dem Travellerwagen, allerdings ist dieses Setup in meinen Augen kein bisschen weniger gefährlich in Bezug auf Kopfverletzungen oder MOB

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    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      Thx für den Input. Prinzipiell hast du Recht. Ich habe mich etwas unklar ausgedrückt. Wenn nach wie vor ein Traveller durchs Cockpit läuft, ist das Problem nicht behoben. Aber mit dem German sheeting System bekommt man den Fußblock aus dem Cockpit und man könnte den Traveller nach achtern verlegen. Oder nach vorne aufs Deckshaus, wie es einige cruiser tun. Das ist aber auch nicht sehr schön

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 7

      • avatar Hannes-980 sagt:

        Das stimmt so auch nicht, wenn du dir eine Bavaria 38 Match oder X41 anschaust wirst du sehen dass das der Traveller mit German Main Sheet System direkt vor dem Steuerrad mitten durch das Cockpit lang läuft. Das ganze macht also nur Sinn wenn die Baumnock bis an den Spiegel ran reicht was bei den meisten Cruiser (Racer) nicht der Fall ist.
        Ich bin mir jetzt nicht 100% sicher aber soweit ich mich erinnere wurde John Fisher in der Patenthalse vom Niederhohler über Bord geschleudert.

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  2. avatar Egon sagt:

    Passiert so immer wieder. Siehe Unfall auf der Sinfonie Sylt 2005. Es gab auch mal ein Foto, wo Michael Schmidt hinter einer von der Großschot umgerissenen Steuersäule sitzt.
    Es gibt m.E. keine Lösung, außer Aufpassen.

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  3. avatar Sturmhaube sagt:

    Wird sicherlich auch immer häufiger, weil die Boote immer größer werden. Bei bspw. ner JPK 10.10 oder x99 wird man idR nicht gleich umgenäht, wenn einen die Großschot bei ner Patenthalse erwischt…

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  4. avatar Südlicht sagt:

    Hallo Carsten,

    Du solltest ein bisschen Nachhilfe beim Punkt german mainsheet System bekommen:

    https://www.bing.com/images/search?view=detailV2&ccid=TG7sf8r5&id=ECCE337967BC3ADED0BB87ACD90A797F8B9020A8&thid=OIP.TG7sf8r5FqaG6fhgu2mdwQHaE8&mediaurl=https%3a%2f%2fkeyassets.timeincuk.net%2finspirewp%2flive%2fwp-content%2fuploads%2fsites%2f21%2f2016%2f01%2fRM-1070-056.jpg&exph=420&expw=630&q=german+main+sheet&simid=608015437170148418&selectedIndex=3&ajaxhist=0

    Bei obigem Bild sieht man genau was Hannes 980 gesagt hat, beim GMS wird die Schot lediglich von der Baumnock zum Mast geführt und auf beide Seiten des Deckes nach achtern geführt.

    Aber Du bist halt mehr auf kleineren Booten unterwegs, da sei es Dir verziehen.

    Schöne Grüße

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