Seenotfall: Segelyacht droht in „Baltic 1“-Windpark zu treiben – 80 Meter Frachter hilft

Rettung in letzter Minute

Die Besatzung eines Frachtschiffes hat bei sieben Windstärken und zweieinhalb Meter hohen Wellen eine havarierte 38 Fuß Segelyacht gesichert. Sie drohte nördlich von Zingst in den Windpark zu treiben.

Die havarierte Segelyacht am Haken.

Das mag man sich nicht vorstellen. Bei sieben Windstärken erleidet das Rigg einen schweren Schaden, der Motor fällt aus, und eine Meile in Lee liegt der Offshore Windpark „Baltic 1“. Zwei Brüder haben dieses Szenario erlebt. Bei der Überführung von Ueckermünde nach Flensburg war das Vorstag gebrochen. Sie konnten den Mast nur notdürftig sichern und trieben mit ihrer 38 Fuß Yacht manövrierunfähig auf das sieben Quadratkilometer große Gebiet mit den 21 Rotoren zu.

“Theo Fischer” in Aktion. © DGzRS

In ihrer Not riefen sie kurz vor 10 Uhr per Telefon bei Verwandten an, und die alarmierten die Seenotleitung Bremen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS).

Die Yacht befand sich zu diesem Zeitpunkt etwa sieben Seemeilen nördlich von Darßer Ort und nur etwa eine Seemeile entfernt von „Baltic 1“. Der Seenotrettungskreuzer “Theo Fischer” setzte sich sofort in Bewegung. Allerdings liegt er aufgrund von Baggerarbeiten im Nothafen Darßer Ort zurzeit in Barhöft. Er benötigte deshalb für die Anfahrt zum Havaristen in dem kritischen Seegebiet rund eine Stunde mehr als üblich.

Der Weg des Rettungskreuzers zum Einsatzort. © EnBW

Der Seenotkreuzer wäre wohl zu spät gekommen. Aber der 82 Meter lange unter deutscher Flagge fahrende Frachter „Maike“ befand sich in der Nähe. Der Besatzung von Kapitän Henrik Sokolowski (32) gelang es in letzter Minute, bei zwei bis zweieinhalb Metern Seegang kurz vor dem Abdriften des Havaristen in den Windpark eine Leinenverbindung  herzustellen.

Der Frachter “Maike”

Außerdem konnte die Frachterbesatzung den Seglern ein Handfunkgerät übergeben. Nur so war überhaupt eine direkte Kommunikation für die folgenden Manöver möglich.

Der Seenotrettungskreuzer “Theo Fischer” traf kurz nach 11 Uhr vor Ort ein und nahm die Yacht in Schlepp, nachdem die Schleppverbindung zur „Maike“ gelöst worden war. Um das Risiko einer langen Schlepp-Reise bei harten Seegangsbedingungen zu reduzieren, brachten die Seenotretter die Yacht in den Nothafen Darßer Ort – nach Absprache mit dem dort arbeitenden Bagger-Führer. 

“Maike”-Kapitiän Sokolowski (l.) und sein Steuermann.

Die Seenotretter lobten die außerordentliche Leistung der Frachterbesatzung. Trotz schwieriger Bedingungen war es ihr gelungen, die Segelyacht vor größerem Schaden zu bewahren. Kapitän Sokolowski sagt bei Radio Ankerherz: “Wir waren einfach im richtigen Moment am richtigen Ort”. Das hilfreiche Handfunkgerät wird jetzt von den Seenotrettern per Postweg an die Reederei der „Maike“ in Husum zurückgeschickt.

 

 

 

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

6 Kommentare zu „Seenotfall: Segelyacht droht in „Baltic 1“-Windpark zu treiben – 80 Meter Frachter hilft“

  1. avatar looploop_andy sagt:

    Glückliche Rettung und gigantische Seemannschaft des Retters verdienen vollen Respekt.
    Ich kann nur hoffen, dass dieses Beispiel die Erbauer der Windparks zum Nachdenken anregt.

    Direkt neben Baltic 1 hat im Juni 2019 eine weiterer Windpark “Gennaker” eine Genehmigung für 103 (!!) Windanlagen bekommen.
    Trotz Nähe zur Kadettrinne, Kleinschiffahrtsverkehr und Vogelzug hat auch der STAUN kein Veto eingelegt.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 9

    • avatar Drachenlord sagt:

      Genau! Wir müssen wieder anfangen mehr Braun- und Steinkohle abzubauen! Ein Atomkraftwert auf dem Darß wäre für die Infrastruktur besonders sinnvoll!
      Ich erstelle schon mal eine Petition!
      Auf gehts!!

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 4

  2. Hmh, Ich segel da ja öfter vorbei und zumindest bereits einmal hindurch. Was passiert, wenn ich da zwar (vorerst) kein Segel mehr setzen kann und der Motor ausgefallen ist ? Zumindest Kurse um TWA 170 sind weiterhin fahrbar/driftbar und damit die Wahrscheinlichkeit der Kollision mit einer WKA doch sehr gering.

    Die Gefahr war sicher spürbar und die Situation sicher äußerst ungemütlich. Aber eine echte Gefahr für Leben und Schiff sind für mich nicht erkennbar.

    Aber trotzdem Hochachtung für die Frachterbesatzung sowie die DGzRS für das beherzte Eingreifen. Antriebslosigkeit – insbesondere bei viel Wind – ist keine schöne Situation.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 1

  3. avatar Chris sagt:

    Ähm…was genau geht hier ab? Da wäre also beinahe ein kleines Segelboot in einen Windpark getrieben. Nach und dann? Das kleine Plaste-Boot hätte die Monopiles der Bonus 2.3 MW-Anlagen nicht im geringsten interessiert. Das wäre kurz dagegen gedengelt und dann weiter getrieben. Die WKA hätte nichtmals spürbar mit den Rotorblättern gewackelt und das Boot hätte ein paar gelbe Kratzer auf der GFK Haut gehabt und fertig. Wo genau ist die Story?

    Nichts desto trotz Respekt für die Seenotretter

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

    • avatar Frage sagt:

      Valider Punkt. Nun kennst Du Dich aber ja anscheinend aus und kannst uns sagen, wieviel Meter es von der Wasserlinie bis zur Unterkante des Flügels ist, wenn er gerade ganz unten ist. 15 Meter? Oder mehr? Würde mich mal interessieren.

      Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

      • avatar Observer sagt:

        20,5 m. Nabenhöhe 67 m, Rotordurchmesser 93 m.
        Bei 2,5 m Wellenhöhe also im ungünstigsten Fall 18 m „Durchfahrtshöhe“ direkt am Pylon.

        Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *