Segelrevier Korsika: Törnbericht & Tipps – Zwischen Ajaccio und Calvi

Korsikas Wilder Westen

Weiß leuchten die Strände, rot glühen die Klippen in der Abendsonne, schroff sind die Küsten und oft rau ist das Segelrevier an Korsikas Westküste. Carl Victor hat es für euch erkundet.

Die Bucht von Revellata an der Nordwestspitze Korsikas bietet hervorragenden Schutz bei Wind aus
westlichen Richtungen © Carl Victor

Weht der Wind günstig, könnten wir in einem Tag von Ajaccio nach Calvi segeln. Doch dann würden uns all die Buchten entgehen, die in diesen nur fünfzig Seemeilen langen Abschnitt in Korsikas Westküste einschneiden. Manche werden von Sandstränden gesäumt, andere von schroffen Klippen gerahmt; alle sind sie es wert, besucht zu werden. Verzichten müssten wir auch auf die Calanche, deren in der Abendsonne rot glühende Granit alles verblassen lässt, was es in der weiten Welt Vergleichbares gibt.

Übertroffen wird diese Märchenwelt nur vom westlichsten Kap Korsikas. Schroffer ist die Küste keines Segelreviers im Mittelmeer und dabei doch so verlockend. Zu manchen Passagen muss man sich überwinden, beim Ansteuern einiger Ankerplätze schlägt das Herz schneller in der Brust. Daher kann man sicher sein, dass sich jedes Abenteuer so tief einprägt, dass man es nie vergisst. Zwischen all den seglerischen Höhepunkten locken alte Stätten, die viel von Korsikas Geschichte erzählen. Dort findet sich auch immer wieder ein Restaurant mit weitem Blick über das Meer. Genau das Richtige, um den Segeltag korsisch-kulinarisch ausklingen zu lassen.

„Spektakulär ist die Anse de Gattaghia“

Für morgen kündigt der Wetterbericht kräftigen, fast schon stürmischen Wind aus Südwest an. Heute reicht er gerade, um die Küste bis zur Anse de Chiuni entlangzubummeln. Deren Bucht bietet sich im Segelführer für eine Kaffeepause geradezu an. Da wir nur den Pilote Côtier an Bord haben, entging mir der Club Méditerranée. Das bedeutet viel Lärm, noch mehr Betrieb auf dem Wasser und verleidet uns die Vorfreude auf den Kaffee. Macht nichts! Dann kommen wir eben früher nach Girolata. Vielleicht findet sich ja noch ein Ankerplatz im geschützten Teil der Bucht. Doch dort liegen jetzt Bojen aus. Für Bug und Heck, damit die Yachten auch so richtig gedrängt liegen.

Bei meinem letzten Besuch war Girolata noch ein Paradies. Damals hatten wir die Bucht und, als das letzte Ausflugsboot abgelegt hatte, auch die urige Kneipe des Ortes für uns allein. Nachts kam Wind auf. Er drückte das Heck unseres Bootes gefährlich nahe an die felsige Untiefe. Das war für meine französischen Freunde kein Grund, den Anker aus dem Grund zu holen, bevor sie sich mit Café und Zigarette gestärkt hatten.

Der Golf von Porto wurde von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt und gehört zu den schönsten Regionen der Insel © Carl Victor

Heute liegen wir recht offen, deshalb fahre ich den Anker gut in den Grund. Als sich Südwind und nächtliche Thermik mit Böen und Fallböen um die Vorherrschaft zu streiten beginnen, macht sich das bezahlt. Ein besonders starker Puster bestraft hingegen jene, die ihren Anker gerade mal fallen ließen. Als ich an Deck komme, sitzt bereits einer auf unserer Ankerkette. Er kommt aus eigener Kraft frei. Nebenan verheddern sich jedoch die Anker und Ketten zweier Boote. Das führt zu einem alles andere als freundschaftlichen Diskurs. Dabei wird mir klar, dass das Wort „Monsieur“ nicht unbedingt Hochachtung ausdrücken muss.

Am Morgen holen wir den Anker noch bei Flaute aus dem Grund, kurz darauf kommt Wind aus West auf. Es ist nur ein Strohfeuer, mit dem die einsetzende auflandige Thermik den von Korsikas Bergen herabstreichenden Nachtwind vertreibt. Als wir Punta Muchillina umrunden, hat er sich ausgeblasen. Dies kommt uns gelegen, denn so brauchen wir den Verlockungen der Anse de Gattaghia nicht zu widerstehen.

1,5 Seemeilen nördlich des Kaps laufen wir in diese spektakuläre Bucht ein. Ein mächtiger Felszahn liegt mitten in der Einfahrt, zu beiden Seiten ragen Felswände auf. Wir zwängen uns durch die südliche Einfahrt. Dahinter öffnet sich eine Bucht, in der wir auf zehn bis 15 Meter Wasser über Sandgrund ankern könnten. Hier würde man so gut geschützt liegen, dass man sogar einen Mistral aussitzen könnte, hatte man mir versichert. Ich würde gerne darauf verzichten. Noch enger und noch spektakulärer ist die Ausfahrt durch den nördlichen Seitenarm.

Kaum haben wir diesen Nervenkitzel hinter uns, kommt auch der vom Wetterbericht versprochene Südwestwind auf. Etwas zu früh, denn noch liegt die Gargalu-Passage voraus. Zwischen ihren Unterwasserfelsen bleibt nur eine schmale Rinne. Wer sie befahren will, braucht einen Ausguck im Vorschiff, hohe Sonne für gute Sicht und Ortskenntnis. Die habe ich. Und gerade weil ich die habe, verkneife ich mir dieses immer wieder einmalige Erlebnis; das Risiko ist mir bei diesen Verhältnissen zu hoch.

Wir nehmen den Weg außen rum um die Gargalu-Insel. Was danach folgt, ist herrliches Vorwind-Segeln. Nur unter Groß, das sich bei diesem Schiff seinen Namen auch verdient, fliegen wir vor dem Wind hoch zur Punta Revellata. Hinter dem Kap wirds richtig böig, und da wir das Schiff an den Wind legen müssen, auch etwas ungemütlich. Doch nur kurz, denn voraus leuchtet bereits ein perfekter Sandgrund türkis durch das sonst tiefblaue Wasser der Anse d’Oscelluccia.

Das kleine Dorf Girolata ist nicht mit dem Auto, sonden nur zu Fuß zu erreichen – oder eben mit dem Boot © Carl Victor

„Die Calanche – ein Rosengarten aus Granit“

Gäbe es nicht Bonifacio, wäre Calvi auf Korsika wahrlich einzigartig. Aber auch so wird es kein Segler versäumen, einen Stopp einzulegen, um zu seiner wuchtigen Zitadelle hinaufzusteigen. Währenddessen liegt sein Boot in der Marina oder hängt an einer der ausliegenden Bojen. Wer sich die Liegegebühren ersparen will, kann weiter östlich in der Bucht auch auf gut haltendem Sandgrund ankern.

Einst musste sich die mächtige Genueser-Festung gegen viele Feinde verteidigen, heute stehen ihre Tore allen offen, die sich den einzigartigen Blick auf Altstadt, Hafen und die Bucht von Calvi nicht entgehen lassen wollen. Die meisten sind überrascht, wie klein die Zitadelle ist und wie schnell man alles gesehen hat, was sehenswert ist. Deshalb sind auch wir schon zu Mittag wieder unterwegs.

Bis Punta Revellata können wir den Kurs gemütlich anliegen, dahinter wird es dann ungemütlich. Die Wetterlage ist wirklich ungewöhnlich. Rings um Korsika bläst es, westlich von uns sogar mit Sturmstärke. Entlang der Küste reicht hingegen der Wind kaum zum Segeln. Dafür rollt der Schwell so gegen die Küste, dass wir unser Vorhaben, im Porto-Vecchio zu ankern und mit dem Dingi zur Grotte des Veaux Marins zu fahren, nicht umsetzen können.

Dem exponierten Ankerplatz vor der Seehund-Grotte können wir uns nicht mal nähern, und auch alle anderen Buchten bleiben uns bei dieser Wetterlage verschlossen. Bis auf die von Galéria. Dessen Hafen ist für unser Boot zwar zu klein und auch viel zu flach, in die Ankerbucht steht aber nur ein Rest von Schwell. Er verhindert, dass wir am nächsten Morgen verschlafen und dass sich das Frühstück unnötig in die Länge zieht. Das hat den Vorteil, dass wir noch vor den ersten Ausflugsbooten in Marine d’Elbo ankern. Wieder eine spektakulärere Bucht! Zudem liegt man in ihr so gut geschützt, dass sie sich zum Übernachten geradezu anbietet. Da sie jedoch bereits Teil des La-Scandola-Nationalparks ist, dürfen Yachten hier von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang nicht ankern.

Marine d‘Elbo ist noch ein echter Geheimtipp und eine der schönsten Ankerbuchten der Region © Carl Victor

Wir verabschieden uns nach einer schicklichen Zeit von ihren roten Klippen und den Höhlen, die vom Zahn der Zeit aus den darüber aufragenden Felswänden genagt wurden. Wieder liegt Gargalu vor dem Bug, und wieder müssen wir kneifen. Die Dünung steht so in die Passage, dass selbst Ausflugsboote die Durchfahrt scheuen. Stattdessen halten wir uns zwischen Kap Palazzu und dem davor liegenden Felsen. Diese Passage hat auch ihren Reiz, kitzelt aber nicht so an den Nerven.

Der Schwell rollt aus Südwest heran. Da müsste sich doch an der Nordküste der Calanche eine Bucht finden, in der wir geschützt liegen! Doch schon in der Marina di e Calanche rollen drei Yachten um die Wette. Damit uns nichts von diesem „Rosengarten aus Granit“ entgeht, halten wir uns dicht an der Küste der Calanche. Vom Ankerplatz vor Porto haben sich bereits alle Yachten verabschiedet, den Hafen können nur Yachten mit einem maximalen Tiefgang von 1,5 Meter ansteuern. Wir versuchen es noch in zwei Buchten an der Nordseite des Golfes von Porto und buddeln doch am Ende des Tages den Anker wieder in den Grund vor Girolata.

Cargèse wird von den Korsen „die Griechin“ genannt. Als wir den Hafen ansteuern, dienen uns zwei Kirchen als Landmarke: die römisch-katholische und die griechisch-orthodoxe. Erbaut hatten sie Griechen, die, der türkischen Herrschaft überdrüssig, mit dem Segen der genuesischen Herren hier siedelten. Konflikte mit den Korsen blieben nicht aus. Doch wie es halt so ist, verliebte sich ein fescher griechischer Bursch in ein hübsches korsisches Mädel, und auch so manchem Korsen gefiel die eine oder andere Griechin. Man verstand sich immer besser, und so fand schließlich niemand mehr etwas dabei, dass der Pope auch die katholische Messe las, weil sich lange Zeit kein Pfarrer für Cargèse fand.

Obwohl Marina und Ort zum Verweilen einladen, währt unser Aufenthalt nur kurz. Schuld daran ist eine leere Gasflasche. Normalerweise kein Problem, schließlich ist eine volle Reserveflasche an Bord. Doch deren Gewinde passt nicht auf den Anschluss des Reduzierventils! Wenn wir nicht wollen, dass die Küche kalt bleibt, müssen wir zurück nach Ajaccio. Es gibt eben nichts, was es beim Segeln nicht gibt!

Eine Legende besagt, dass Christoph Kolumbus in der Zitadelle von Calvi geboren sein soll © Carl Victor


Das sollte man gesehen haben:

Ajaccio:
Alles, was man in Korsikas Hauptstadt als kulturellen Höhepunkt bezeichnen könnte, befindet sich im Zentrum unweit des Hafens. Bevor man die Segel setzt, sollte man einen Abend lang das Flair der Stadt genießen.

Cargèse:
Die beiden Kirchen und die wunderbare Lage dieses „griechischen Ortes“ auf Korsika locken Touristen ebenso wie Segler an.

Calanche:
Ein Feenreich, geschaffen aus purpurnem Granit, zieht sich westlich von Porto entlang der Küste hin.

La Scandola:
Das Naturschutzgebiet am Ende der Halbinsel, kann nur von See aus erreicht werden. Man sollte mindestens einen Tag (mit gutem Wetter!) einplanen.

Fango-Tal:
Gilt als das schönste Tal Korsikas. Segler können in der Bucht von Galéria ankern und einen Teil des Flusses mit dem Dingi erkunden.

Calvi:
Die markante Zitadelle aus genuesischer Zeit ist Landmarke und Wahrzeichen zugleich. Calvi zu besuchen, ist Pflicht für jeden, der an dieser Küste segelt.

Zum Revierprofil und den Infos/Tipps geht’s im zweiten Teil.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *