Segelrevier Sizilien: Törnbericht & Tipps

Im Bann des Ätna

Die Ostküste Siziliens war schon immer Schauplatz der Geschichte. Carl Victor auf einem Törn im Bann des Berges der Berge:

Taormina liegt mit Blick auf den Ätna an der Ostküste Siziliens und gehört zu den touristischen Zentren der Region © Carl Victor

Was macht der Skipper, wenn er absolut ratlos ist? Erst mal abwarten, wie das Wetter nach dem Frühstück aussieht. Mehr Zeit bleibt mir nicht, denn abends müssen wir in Messina sein, sonst können wir unseren Törnplan nicht einhalten. Die sechzig Meilen dahin wären kein Problem. Sorgen bereiten mir nur die Wetterberichte, von denen der eine schlecht und der andere noch schlechter ist. Fragt sich, welcher stimmt? Schließlich macht es einen Unterschied, ob Regen bei 15 Knoten Wind niederprasselt oder von 39 Knoten in die Segel gepeitscht wird.

Nach dem Frühstück ist die Lage noch immer unverändert flau. Also nichts wie raus aus der Marina Capo d‘Orlando! Dabei müssen wir auf einen Felsen achten, der gleich hinter der Hafenausfahrt lauert; er erhält wahrscheinlich erst einen Marker, nachdem die erste Yacht auf ihn aufgebrummt ist. Als wir von ihm klar sind, kommt Wind auf. Aus Ostsüdost, wie vom Wetterbericht versprochen. Wir rollen das Groß aus. Bevor die Genua folgen kann, schleifen wir schon die Leereling durchs Wasser. Wir reffen. Als der Windmesser erstmals 39 Knoten anzeigt, ist auch das zu viel. Mit ganz wenig Tuch machen wir, obwohl wir sehr hart an den Wind gehen müssen, noch gute Fahrt.

Der „Berg der Berge“! Er gehört zu den aktivsten Vulkanen der Welt © Carl Victor

Ich muss mich entscheiden. Wollen wir nach Messina, müssten wir ab Kap Milazzo gegen sieben, in Böen acht Windstärken angehen. Wahrlich keine erfreulichen Aussichten. Und was machen wir dann dort? In Messinas Marina einzulaufen, wäre viel zu riskant. Am Kap Peloro können wir nicht ankern, weil es bei dieser Windrichtung dort für uns kein Lee gibt; auch östlich davon würden wir nur vor dem Wind, nicht aber vor dem Schwell Schutz finden. Schließlich finde ich eine Lösung. Sie heißt Cala Antonio. In dieser Bucht an der Westseite der Milazzo-Halbinsel verbringen wir eine friedliche Nacht vor Anker.

Am nächsten Morgen sind wir früh unterwegs. Der Wind hat gedreht, weht mit Stärke fünf bis sechs aus Südsüdwest. Wir können den Kurs hart am Wind anliegen. Die Segel sind dicht gerollt und gut eingestellt. So bereiten uns auch Böen mit weit über dreißig Knoten keine Probleme. Im Gegenteil: Unter Landabdeckung fliegen wir dahin, das Boot frisst geradezu die Meilen. Was für ein Segeln! Damit ist es am Kap Peloro vorbei. Nun steht der Wind genau gegenan. In den Verkehrstrennungsgebieten folgt ein dicker Pott auf den anderen, dazwischen kreuzen Fähren unseren Kurs. Nach einer Stunde hat sich der Wind auf um die 36 Knoten eingependelt. Die Seen, vom Gezeitenstrom zusätzlich aufgestachelt, werden immer steiler. Bald geht gar nichts mehr. Wir haben gepokert und verloren. Zwanzig Minuten brauchen wir, um unter einem Rest von Genua zurück zum Kap Peloro zu fliegen. In dessen Lee fällt der Anker.

„Der Anlegerschluck ist süß und schmeckt doch bitter“

Bitter deshalb, weil ich mir eingestehen muss, dass wir nach der heutigen Niederlage nicht mehr am Stadtkai vor Siracusas Altstadt liegen werden. Jenem griechischen „Ortygia“, das unter dem Tyrannen Dionysos I (zu dem, glauben wir Schiller, Damon mit „dem Dolch im Gewande“ schlich) zum größten und reichsten Stadtstaat des Mittelmeeres aufstieg. Hier wurde Archimedes geboren und während der Eroberung der Stadt durch die Römer beim Lösen eines mathematischen Rätsels erschlagen. Seine letzten Worte an den Legionär, „Störe meine Kreise nicht!“, verfolgen uns noch heute im Mathematikunterricht. Obwohl ein langer Abstieg folgte, ist Siracusa heute der Höhe­punkt eines jeden Törns an der Ostküste Siziliens.

Vor Aci Trezza liegen die Zyklopeninseln, die Polyphem erschaffen haben soll, als er Odysseus mit Felsen bewarf © Carl Victor

Die ganze Nacht über orgelt der Südwind im Rigg, zum Morgen hin schläft auch der letzte Hauch ein. Glatt liegt der „Stretto“ vor dem Bug, nur eine hohe Dünung aus Südost trifft auf die Küste. Wir suchen nach einem Hafen, in dem wir vor ihr Schutz finden. Riposto bietet sich an. Klingt nach einer Notlösung, entpuppt sich aber als Volltreffer. Allein schon wegen des „Mongibello“. So nennen die Sizilianer ihren Ätna. Man merkt, sie lieben ihn, obwohl er einer der aktivsten Vulkane ist und ihre Inselwelt ständig mit seinen Lavaströmen bedroht. Wer darin den „schönen Berg“ zu erkennen glaubt, liegt damit nicht falsch, da in diesem Wort aber auch das italienische „Monte“ mit dem arabischen „Dschebel“ verschmilzt, könnte man es auch mit „Berg der Berge“ übersetzen. 3.323 Meter hoch schwebt er über den Wolken, die sich über Riposto zusammenziehen; sein wuchtiger Kegel ist eine Drohung und Verlockung zugleich.

Von unserem Liegeplatz aus sehen wir Taormina. Das einstige Urlauberparadies hat sich viel von seinem Charme bewahrt, doch nun droht er in den Strömen von Touristen abhanden zu kommen. An Riposto hingegen fluten die Touristenströme vorüber. So konnte sich das Städtchen sein Flair erhalten. Jedermann ist freundlich, als wir mal nach diesem und mal nach jenem fragen, der „café“, den wir auf der verschlafenen Piazze trinken, könnte besser nicht sein. Die Läden öffnen, wie es früher überall in Italien üblich war, nachmittags nicht vor fünf, ihre Preise sind dem Einkommen der Einheimischen und somit auch unserer Bordkasse angepasst.

Morgen wollen wir weiter nach Süden segeln und dabei jene Orte aufsuchen, deren Namen mit „Aci“ beginnt. Sie erinnern an jenen Hirten, der sich in die Meeresnymphe Galatea verliebt hatte. Ihr Glück war dem Zyklopen Polyphem, der Galatea ebenfalls begehrte, ein Dorn im einzigen Auge. Er zerstörte es schließlich mit einem Steinwurf, der Aci tötete. Auch Odysseus und dessen Gefährten brachte der Riese in seine Gewalt. Doch dem listenreichen Laertiaden war er nicht gewachsen. Als er, vom freundlich dargebotenen Wein der Griechen berauscht, eingeschlafen war, stachen sie ihm mit einem Pfahl das einzige Auge aus. Nicht genug damit, verhöhnten sie den so Geblendeten auch noch vom Deck ihres Schiffes aus. Das brachte den Riesen so in Rage, dass er riesige Steine nach ihnen schleuderte, die sie nur knapp verfehlten. Noch heute liegen sie vor der Einfahrt in den Hafen von Aci Trezza.

Milazzo ist ein wichtiger Fährhafen an der Nordküste. Das Kastell entstand im 14. Jahrhundert © Carl Victor

Für Yachten sind sie nicht die einzigen Hindernisse. Auch innerhalb der Molen machen ihnen die Enge und auf dem Grund vergammelnde Moorings das Leben schwer. Schaffen wir es morgen bis in den inneren Hafen, muss das Anlegemanöver auf Anhieb klappen, denn sonst verbliebe uns nur wenig Raum zum Manövrieren. Doch dazu kommt es nicht.

Mittwochmorgens erhöht der Wetterbericht seine Windprognose für Donnerstag auf Stärke sechs aus Nord; wir beschließen daraufhin, sofort nach Messina zu segeln. Von dessen Marina hatte ich mir nicht viel erwartet, aber dass es hier so eng ist, überrascht mich doch. In die uns zugewiesene Box, schaffen wir es (trotz Bugstrahlruder) nur mit Bugsierhilfe des Dingis vom Hafenmeisters. Wer nun glaubt, in dieser Nische würden wir ruhig liegen, täuscht sich. Schon die erste Fähre, die in den Hafen von Messina einläuft, sorgt für einen Sog, der sämtlichen Festmacherleine auf eine harte Probe stellt. Wenig später verursacht eine, die das Tempolimit missachtet, einen Schwell, dass uns die Klampen aus dem Deck zu fliegen drohen.

Messina hingegen gefällt mir. Die zahlreichen Erdbeben hatten alles zerstört, was Touristen anlocken könnte. So streifen wir abends durch eine quirlige italienische Metropole, bis wir schließlich in einem Restaurant landen, das italienischer nicht sein könnte.

„Den Strudel der Charybdis gibt es nicht mehr“

Was war da 1783 geschehen? Hatte Zeus der Tochter des Poseidon verziehen, die er zur Strafe für eine Missetat in einen vor Kap Peloro alles verschlingenden Strudel verwandelt hatte? Der soll so schrecklich gewesen sein, dass sich Odysseus lieber an die sechsköpfige Skylla hielt, obwohl ihn das sechs seiner Männer kostete. Dass der Strudel mehr als ein Mythos war, bezeugte ein englischer Admiral, der noch gesehen hatte, wie von ihm selbst Kriegsschiffe herumgewirbelt wurden. Nach dem Erdbeben von 1783 war alles anders. Der Strudel war und blieb verschwunden. Heute nimmt man an, dass der Meeresboden von dem Beben verändert wurde. Bei uns sorgt am nächsten Morgen der im „Stretto“ kräftig südwärts gurgelnde Strom für etwas Abwechslung. Er wirft hier Stromrippen auf, die einer Sturmsee gleichen, dort steigt Wasser aus großen Tiefen an die Oberfläche und als wir uns Kap Peloro nähern, bilden sich sogar Wirbel. Vielleicht will Charybdis damit an ihre große Zeit erinnern.

In Milazzo genießen wir den freundlichen Empfang, der uns in der Marina bereitet wird. Da wir hier mit dem Heck schon fast in der Altstadt liegen, ist der Weg hinauf zur Festung kurz. Garibaldi hatte sie einst mit seinen Rothemden erobert. Seitdem ist der Name des Kämpfers für die Einheit Italiens in Milazzo allgegenwärtig. Wir haben uns schon damit abgefunden, dass wir auch zurück zur Marina motoren müssen. Doch dann zeigen sich vom Wetterbericht nicht angekündigte Schaumkronen auf den Wellen. Unter Vollzeug und hart am Wind, reicht es für sieben Knoten. Der Himmel wird wirklich „azzurro“, das Wasser schillert in all seine Türkis-Tönen. Wäre das Wetter bloß die ganze Woche so gewesen! Wie so ganz anders wäre dann der Törn verlaufen? Wenn, ja wenn!

Siracusa © Carl Victor


Das sollte man gesehen haben:

Taormina:
An Taorminas griechischem Theater, seinen byzantinischen Felsengräbern und zahlreichen Palazzi kann man nicht einfach so vorbeisegeln. Herrlich ist die Lage der Stadt und immer wieder beeindruckend ihr Flair.

Castelmola:
Mittelalterliches Bergdörfchen mit Kastell. Der Blick von dort entschädigt für den täglichen Touristenrummel.

Acireale:
In dieser „Stadt der 100 Glockentürme“ arbeitete Wagner an seinem Parsifal. Acireale ist auch der Hauptort der „Zyklopenküste“, die mit Aci Castello einen weiteren Höhepunkt hat.

Siracusa:
Die uralte Stadt mit ihrer überreichen Geschichte ist der absolute Höhepunkt dieses Törns. Selbst wenn man einen Segeltag opfert, wird man nur einen Eindruck der Stadt von „Dionysios, dem Tyrannen“ mit nach Hause nehmen können, in der auch Archimedes geboren wurde und starb.

Noto:
Ein Besuch von Siziliens schönster Barockstadt sollte bei jedem Törn mit eingeplant werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *