Blauwasser: Interview mit der Flow-Crew nach zwei Jahren auf See

„Seit der Wende zieht es mich magisch in die Ferne“

Klassische Navigation. Per Sextant im Bugkorb. Foto: privat

Anne Wilhelm (48) und Marcus Suski (33) sind nach fast zwei Jahren auf dem Wasser zurück in Deutschland. Im August wollen sie mit ihrer 36-Fuß-Yacht „Flow“ von Kolumbien aus weiter segeln. Uwe Röttgering befragte sie für SEGELreporter.com.

Vor zwei Monaten seid ihr zurück nach Deutschland gekommen, um die Reisekasse aufzufüllen. Und seit Anfang Februar, arbeitet ihr wieder. Wie ist die Umstellung gelungen?

Marcus: Ich arbeite in Berlin und Anne in Dresden. Für uns waren die ersten beiden Monate eine echt schwere Zeit. Vor allem das Konzentrieren über den ganzen Tag hinweg fiel uns schwer. Das war ja fast zwei Jahre lang einfach nicht nötig.

Doch nach einem Arbeitspensum, das alle Rekorde sprengte, können wir nun sagen, dass es so „wie früher“ ist. Wir leben sparsam und drehen jeden Groschen um, um so schnell wie möglich wieder zu verschwinden.

Was hat sich nach der langen Zeit für euch verändert?

Wir kommen mit diesem unsagbaren Überfluss an allem was das Herz begehrt nicht zurecht. Sagt mal, warum braucht man eigentlich einen „digitalen Bilderrahmen“? Und warum ist das Essen in Deutschland genau so billig wie in Kolumbien bzw. noch billiger (Milch- und Joghurtprodukte), obwohl die Leute in Kolumbien höchstens 10 US $ am Tag verdienen?

Marcus Suski und Anne Wilhelm erkunden die Welt. Foto: privat

Wann wollt ihr wieder los?

Weil der Wiedereinstieg soviel Geld verschlungen hat, werden wir wohl voraussichtlich bis zum August 2010 hier bleiben. Das ist deutlich länger, als wir ursprünglich dachten.

Die meisten Segler erfüllen sich ihren Traum von der Weltumsegelung erst im hohen Alter, wenn die Rente sicher ist. Ihr seid früher gestartet mit vergleichsweise bescheidenem Budget. Warum habt Ihr es anders gemacht?

Marcus: Seit meinem Studium lebe ich für die See und für meine Träume. Es gab immer zahlreiche Ideen und Anläufe, über die Ozeane und um die Welt zu segeln, die aus finanziellen Gründen abgebrochen werden mussten. Erst nach acht Jahren wurde der Traum mit Anne und der FLOW wahr. Schon vor der Reise und auch bei meinen Arbeitseinsätzen als Ingenieur in Deutschland wohnte ich äußerst bescheiden für 80 Euro auf 10 m².

Ich leistete mir kaum Annehmlichkeiten. Jeder Cent wurde ins Schiff investiert oder für die Weiterreise beiseite gelegt. Mir war klar, dass ich nur reisen kann, wenn ich auf diese Weise sparsam lebe. Sonst würde ich noch viel zu lange warten müssen.

Anne: Ich bin schon immer mit wenig ausgekommen und kann, ebenso wie Marcus, gut auf kleinem Raum leben. Außerdem zieht es mich seit der Wende sowieso magisch in die Ferne. Es ist ein großes Glück, dass ich Marcus kennen gelernt habe und wir so gut miteinander reisen können. Ohne ihn würde ich das nicht machen.

„Flow“ segelt in den Sonnenuntergang. Die 36-Fuß- Yacht ist seit drei Jahren unterwegs. foto: privat

Wie kommuniziert ihr mit der Heimat?

Wir haben drei Trans Ocean Stützpunkte besucht, um dort nach Post für uns zu fragen. Es hat wirklich geklappt! Auf Helgoland, auf den Kapverden und auf Martinique warteten „richtige“ Briefe auf uns. Echte Post, die lange unterwegs war. Das ist schon fast romantisch. Im Zeitalter der e-mail passen nach unserem Gefühl jedoch Briefe viel besser zur Langsamkeit des Segelns. Das waren jedenfalls sehr schöne Momente. Auf den Kapverden haben wir dann aber doch auch das Internet genutzt.

Welches monatliche Budget hat sich für Euch als ausreichend erweisen?

400 bis 500 Euro für uns beide für 1 Jahr auf See. Allerdings war in dieser Zeit die FLOW nicht an Land. Zum Glück hatten wir vor der Reise alles so gut vorbereitet, dass unterwegs kaum Reparaturen notwendig waren. Mit unserem Budget konnten wir uns ab und zu auch ein Auto mieten, auch mal irgendwo was trinken und was kleines essen. Aber in ein Restaurant gehen wir eigentlich nie und wir haben auch nur ganz selten Alkohol an Bord, weil das nicht wichtig ist für uns. Deshalb wurde die FLOW auch mal „Kaffeeschiff“ bezeichnet. Der teuerste Teil unserer Reiseroute war die Ost- und Nordsee mit Hafengebühren von bis zu 40 Euro/Nacht.

Der Spinnaker. Für viele Langfahrtsegler ein Graus. Auf der „Flow“ kein Problem. Foto: privat

Hattet Ihr Probleme mit Kriminalität?

Wir haben versucht, Gebiete, die kriminell sein sollen, zu meiden. Geschichten hört man ja immer wieder. Letztendlich haben wir danach entschieden, ob wir uns wohlfühlen würden, wenn wir in eine Region segeln, die kriminell sein soll. Schließlich geht es um unser Leben und unser Ein-und-alles, unser Schiff.

Bis auf Belem in Brasilien ist uns das auch gut gelungen. Wir lagen wir bei einem Gauner im Päckchen. Das haben wir leider viel zu spät  bemerkt. Wir wurden an Bord bestohlen und können von Glück reden, dass nicht mehr passiert ist.

Wir sind in dieser Hinsicht jetzt natürlich vorsichtiger, wenn wir irgendwo längsseits gehen. Es ist immer wieder ein Kompromiss, den wir schließen: uns entgehen ganz sicher ganz wunderbare Regionen dieser Erde, aber wir bleiben dafür auf der sicheren Seite. Aber natürlich haben wir für das nötige Quentchen Glück, das man immer braucht, mehr als einen Talisman an Bord.

Die 39 Jahre alte 36 Fuß Yacht vom Typ Delta hält sich bisher gut. Foto: privat

Welche Fehler habt Ihr bisher gemacht?

Wir haben anfangs den Fehler gemacht und einen viel zu genauen Reiseplan aufgestellt. Das hat uns manchmal unnötig in Zeitnot gebracht. Wir versuchen, das jetzt lockerer anzugehen, damit wir jederzeit offen sein können, falls uns ein Ort besonders gut gefällt, wir Leute kennenlernen und bleiben wollen oder einen Tipp bekommen, dieses oder jenes auf keinen Fall zu versäumen.

Ein großes Problem bei Langfahrten ist der Müll. Wie geht ihr damit um?

Am leichtesten können wir natürlich den Bio-Abfall entsorgen, er geht über Bord. Auch mal eine Metalldose, aber nur auf dem offenen Meer und dies mit ungutem Gefühl. Plastik und den Rest sammeln wir bei Überfahrten in Tüten am Heck und versuchen, alles an Land so gut es geht zu entsorgen. Nur in Kuna Yala haben wir mit anderen Seglern zusammen den Müll verbrannt. Dort gibt es richtige Happenings am Feuer!

Wie ist nach Eurer Beobachtung das Verhältnis von Fahrtenseglern zu den Einheimischen in der Karibik?

Wir hatten immer mal lockeren Kontakt zu eher älteren deutschen Seglern, die sich schon länger in der Karibik aufhalten und dort richtige Cliquen bilden. Uns hat es jedes Mal sehr gestört, wenn diese Leute von „Bimbos“ gesprochen haben und damit die Einheimischen gemeint waren. Das zeugt unserer Meinung nach von einiger Intoleranz und einem ausgeprägten „Schwarz/Weiß-Denken“. Bei Schweizern oder Österreichern ist uns so etwas jedoch gar nicht aufgefallen.

Ihr habt Euch einmal selbst als „naive Ossis“ beschrieben. Was ist damit gemeint?

Damit meinen wir das „blauäugig“ unterwegs sein oder eben auch etwas „naiv“. So manches Mal haben uns Segler erstmal zur Seite genommen und uns „eingewiesen“ in die Gepflogenheiten vor Ort. Aber zuallererst glauben wir eben an das Positive, an das Gute im Menschen. Mit dieser Offenheit allerdings kann man sich manchmal auch in Gefahr bringen, weil man dieses Gefühl wohl auch ausstrahlt und man leichte Beute werden kann.

Für viele Paare ist das gemeinsame Segeln eine Härteprüfung für die Beziehung...

…Bei uns nicht. Das Leben auf unserem Schiff und das Segeln miteinander war und ist eine wunderbare gemeinsame, ganz intensive Erfahrung. Eine Härteprüfung ist für uns viel mehr das Leben in Deutschland, wenn wir uns nur am Wochenende sehen, weil wir in verschiedenen Städten arbeiten. Wir können es kaum erwarten, aus der „rasenden Heimat“ wieder in unseren Mikrokosmos einzutauchen und in gemäßigtem Tempo weiter die Welt zu entdecken.

Magische Momente. Hier unter einem Wasserfall bei Tobago. Foto: privat

Wie ist die Aufgabenverteilung bei Euch an Bord?

In etwa die „klassische“ Aufgabenverteilung. Anne für Steuern, Ankermanöver und „Boots-Haushalt“, Marcus für Navigation, Segelwechsel, Segeltrimm, Technik und auch Steuern, Ankermanöver und etwas „Boots-Haushalt“.

Euer Boot ist derzeit in Kolumbien, Ihr in Deutschland. Warum?

Marcus: In den „alten“ Segelbüchern war oft beschrieben, dass man in der Karibik Arbeit finden kann. Da ich ein Jahr auf einem 16-m-Mahagonischiff gearbeitet habe, weiß ich einiges vom Schiffsbau und Technik. Ich bin davon ausgegangen, dass ich damit Arbeit finden könnte. Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Einheimischen haben nun dieselben Fähigkeiten, sodass man kaum Möglichkeiten hat z. B. auf einer Werft zu arbeiten. Weil wir also unsere Reisekasse unterwegs nicht auffüllen konnten, haben wir die Reise unterbrochen. Fast hätten wir einen Job als Skipper und Stewardess bei Moorings oder auch Sunsail bekommen. Das scheiterte dann aber an einer fehlenden britischen Lizenz. Mit etwas Glück kann man also im Chartergeschäft etwas finden.

Wie soll Eure Reise weiter gehen?

Nach unserem Neustart in diesem Jahr wollen wir endlich durch den Panamakanal und in die Südsee. Wie es dann weitergeht, werden wir sehen. Irgendwann werden wir vielleicht die Welt umrundet haben.

Anne und Marcus berichten über ihre Reise unter: www.flowglobal.com

Uwe Röttgering

Traum Eiland bei den San Blas Inseln. Foto: privat

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Uwe Röttgering

... der, der das Blauwasser Segeln liebt, aber zu immer schnelleren Schiffen tendiert - ob das am Einfluss von SR liegt ? ;o) Mehr findest Du hier.
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