Sodebo 3: Die vermutlich schnellste “Yacht” der Welt – Was das Mittelcockpit soll

"Verrückt"

Der 32 Meter Trimaran “Sodebo 3” ist revolutionärer, als Experten für möglich gehalten haben. Der Hochsee-Foiler von Thomas Coville verfolgt eine neue Strategie.

“Dieses Boot ist verrückt”, sagt Thomas Coville bei der Pressekonferenz seines Ausrütstungspartners Helly Hansen in Oslo kurz bevor er in Frankreich seine “Soedebo 3” aus der Halle schiebt. “Um ehrlich zu sein, es macht mir ein wenig Angst.” Kein Wunder, wenn man den Totalschaden des jüngsten Vorgängers dieser Klasse “Banque Populaire” bei der Route du Rhum vor wenigen Monaten bedenkt. Er müsse erst einmal lernen, dieses Boot zu steuern und trimmen.

Sodebo

Der Sodebo Tri in der Animation. Das Großsegel ist hinter dem Cockpit weit nach unten gezogen. © Sodebo

Es war vermutet worden, dass die neue “Sodebo” mehr ein Schwesterschiff von “Banque Pop” wird. Schließlich stammen die drei Rümpfe aus den selben Formen wie der große Konkurrent. Aber tatsächlich ist der Trimaran weit entfernt von einer Kopie. Und das hat insbesondere mit der Positionierung des Cockpits zu tun. Es befindet sich vor dem Mast.

Der Gewicht-Schwerpunkt rückt weiter nach vorne. Dadurch soll das Schiff im Foil-Modus ausgewogener fliegen könen. Auch auf kleinen Foilern, wie der Motte, bewegt man den Körper in dieser Phase vorwärts.

Sodebo Trimaran

Die Dimensionen des großen Fliegers. © Sodebo

Aber der Vorteil dieser Konfiguration ist insbesondere die bessere Ausnutzung des Endplatten-Effekts. Dieser führte schon bei den ersten America’s Cup-Foilern 2013 zu Höchstleistungen. Das bremsende Zirkulieren der Luft unter dem Hauptsegel wird deutlich verringert.

ETNZ Alcatraz

Der Wing ist auf dem AC72 der Neuseeländer bis auf das Trampolin herunter gezogen, um einen Strömungsaustausch unter dem Flügel zu vermeiden als sie 2013 erstmals an Alcatraz vorbei fliegen. © Chris Cameron/ETNZ

Aber insbesondere die jüngsten A-Cat-Designs setzten noch konsequenter auf diesen Effekt.

A-Cat-EM, Warnemünde

A-Cat-Weltmeister Glenn Ashby mit dem auf das Trampolin herunter gezogenen Großsegel. © gordon upton

Coville erklärt, dass durch die revolutionär neue Aufteilung eine Effizienz-Steigerung um bis zu 25 Prozent möglich ist. Das habe ein drei Meter kürzeres Rigg ermöglicht. Der Schwerpunkt verlagert sich weiter nach unten, und dadurch erhöhe sich auch die Stabilität. Das habe wiederum den Einbau kleinerer Ruderblätter zur Folge, die dann auch wieder für weniger Widerstand im Wasser sorgen.

Eine weitere Besonderheit scheint Dreipunkt-Foiling zu sein. Der Gitana-Rennstall schickte den inzwischen geschassten Skipper Sébastien Josse noch mit Foils an vier Anhängen, also einem T-Foil auch am Mittelrumpf, über den Atlantik. Und auch “Banque Pop” soll in dieser Konfiguration unterwegs gewesen sein. So wird zwar eine größerer Widerstand im Wasser erzeugt, als beim Drei-Punkt-Foiling der America’s Cupper, aber die Stabilität im Wellengang ist größer.

Auf dem Animationsvideo von Sodebo ist dagegen kein T-Foil unter dem Mittelrumpf montiert, sondern nur ein normales Schwert. Gehen die Designer aufs Ganze? Nach der jüngsten Bruch-Serie war vermutet worden, dass radikale Ansätze nun eher noch skeptischer verfolgt werden. Aber die Entscheidungen der Konstrukteure waren zum Zeitpunkt der Route du Rhum sicher schon getroffen.

Coville auf seinem neuen ultra flachen Cockpit-Dach. © Sodebo

Das Aussehen von “Sodebo 3” hat mit der Zusammensetzung des Design-Teams zu tun, betont Coville. Auch da hatte er einen besonderen Ansatz. Nicht ein einzelner Lead-Designer entschied über die wichtigsten Schritte, sondern ein zwölfköpfiges Team mit Spezialisten aus der Auto-, Flugzeug- und America’s Cup Branche. Konstrukteure von Oracle und Luna Rossa gehören dazu. So wurde ein out-of-the-box-Denken initiiert, das zum radikalen Sodebo-Ansatz führte.

Angesichts der jüngsten Crashes mag einem Angst und bange werden bei dem Gedanken, dass Coville mit seinem Geschoss tatsächlich alleine in unter 40 Tagen um die Welt rasen will. Aber er vertraut insbesondere darauf, dass ihm die zusätzlichen PS dabei helfen werden, eher sicherer über die großen Ozeane zu gelangen.

Der Speed verschafft mehr Spielraum, die brutalen Wettersysteme zu umfahren. “Zum ersten Mal müssen wir nicht auf die Tiefdrucksysteme warten, bis sie bei uns eintreffen”, sagt Coville. “Wir können das Wettersystem wählen, mit dem wir segeln wollen.” Wie gefährlich fehlende Geschwindigkeit sein kann, müssen die langsamenGolden Globe Racer mit ihren kleinen traditionellen erfahren, die sich oft mehrfach von Stürmen überrollen ließen und schwerste Schäden erlitten.

Die Probefahrten der “Sodebo 3” beginnen am 14. März. Danach steht dem Skipper ein strammer  Zeitplan vor bevor. In den nächsten vier Jahren sind drei Weltumrundungen und 14 Transatlantik-Regatten und -Rekordversuche geplant. Im August  soll “Sodebo 3” beim Fastnet Race an den Start gehen.

Covill muss sich auch deshalb sputen, weil die Konkurrenz nicht lange auf sich warten lassen wird. Der Gitana-Trimaran wird repariert, “Banque Populaire” neu gebaut, und 2020 soll auch der neue Macif-Trimaran von Francois Gabart fertig sein. 2019 könnte aber der neuen gewaltigen Sodebo-Rennmaschine gehören. Wenn sie denn nicht früh auseinander bricht.

Gitana

Gitana mit Vollgas raus aufs Meer. Luvschwert und Ruder werden hochgezogen. Unter dem Mittelrumpf trägt ein T-Foil. © Benoit Stichelbaut / Gitana SA

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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