SR Interview: Segelndes Klassenzimmer „Thor Heyerdahl“ – Land-Ei Miron (15) erfüllt sich einen Traum

„Hoffentlich stürmt es!“

“Schiffsübergabe” im Video

Am Samstag startet der Dreimasttopsegelschoner mit 34 SchülerInnen und 15 Personen Stammcrew von Kiel zur großen Atlantikrunde. Der Schwarzwälder Miron Fritz (15) berichtet im SR Interview, wie er „Wind von der Sache“ bekam.

Es ist immerhin schon der achte KUS-Törn (Klassenzimmer unter Segeln) den die „Thor Heyerdahl“ in Angriff nimmt (SR berichtete vom Törn 2014). Von Kiel (Start: 17.10.) segelt der Schoner mit seiner jungen Crew nach Teneriffa, vorbei an den Kapverden rüber zu den Kleinen Antillen, Grenada, dann nach Panama und Kuba, wo dreiwöchige Landexkursionen stattfinden.

Unter anderem radeln die Jugendlichen auf (mitgebrachten!) Fahrrädern 320 Kilometer durch Kuba und lassen die Drahtesel als Spende gleich dort. Die Rückreise führt die „Thor Heyerdahl“ über die Bahamas, Bermudas, Azoren nach Deutschland.

Einer der Höhepunkte bei der zweiten Atlantiküberquerung dieser Reise dürfte die „Schiffsübergabe“ sein: Die Jugendlichen segeln dann die „Thor Heyerdahl“ völlig selbständig – von der Navigation bis zu den Manövern zeigen die frischgebackenen Seeleute, „was sie tatsächlich drauf“ und zuvor gelernt haben.

Mehr als 20.000 Euro müssen für die 190 Tage auf See berappt werden – einige der Jugendlichen werden mit Stipendien unterstützt.

Miron Fritz ist einer der Teilnehmer und berichtet im SR Interview, warum er schon seit Jahren von der „Thor Heyerdahl schwärmt, worauf er sich am meisten freut und was er gemacht hätte, wenn er nicht angenommen worden wäre…

KUS, Thor Heyerdahl, Klassenzimmer unter Segeln

Miron Fritz vor der Weltkarte: 190 Tage weg von zuhause – wohl das größte aller Abenteuer für 15-Jährige © miku

Das Traumschiff

SR: Wie kommt es, dass ein Landei wie du überhaupt von der „Thor Heyerdahl“ erfahren hat, und dann auch noch mitfährt? Immerhin wohnst du ja in einer der Gegenden Deutschlands, die am weitesten von der See entfernt sind.

Miron Fritz: Ganz einfach, ein Freund meines älteren Bruders hat vor fünf Jahren an dem KUS-Törn teilgenommen. Und seine Geschichten wurden bei uns im Familienkreis erzählt. Seitdem träume ich von der „Thor Heyerdahl“.

SR: Und dann hast Du angeheuert und schon kann’s losgehen? Ganz so einfach wird das bestimmt nicht gewesen sein, oder? Die Thor Heyerdahl ist bekannt dafür, dass sie eben nicht „jeden“ mitnimmt.

KUS, Thor Heyerdahl, Klassenzimmer unter Segeln

Ziemlich wohlgeordnetes Chaos-Stilleben mit Gummibärchentüten: Miron im Vorbereitungswahn © miku

Miron Fritz: Stimmt, da waren schon einige Hürden eingebaut. Ein bisschen beweisen muss man sich schon. Und zeigen, dass man in der Gruppe klarkommt, dass man Teamplayer ist. Im Sommer 2014 habe ich an der „Summer Science School“ teilgenommen, die von der Thor Heyerdahl-Crew in den Sommerferien alljährlich angeboten wird. Ich war 11 Tage auf dem Schiff. Diese Zeit war so eine Art „endgültiger Entscheidungsprozess für mich“.

SR: „Summer Science School“? Hört sich nicht gerade nach dem großen Abenteuer an?

Miron Fritz: Es werden zwei Sommerschulen angeboten. Die Summer-School, übrigens in englischer Sprache, dauert drei Wochen. Die Summer Science School, an der ich teilgenommen habe, verlief „nur“ über 11 Tage. Wir wurden in den Schiffsalltag integriert und erhielten täglichen Unterricht in naturwissenschaftlichen Fächern. Allerdings in deutscher Sprache.

SR: Als 14-Jähriger tagelang auf der „Thor Heyerdahl“ segeln, in engen Betten pennen und überhaupt „alles neu“ – das hat Dich doch bestimmt vor große Herausforderungen gestellt? Auch seglerisch…

Miron Fritz: Nö, es ist ja nicht so, dass wir nach zwei Tagen das Schiff steuern sollten. Natürlich haben wir von Anfang an Manöver mitgefahren, aber so richtig segeln gelernt haben wir nicht. Eher Manöver auf Zuruf durchführen, hier mal einen Segelnamen aufschnappen, dort mal an den Seilen ziehen. Noch habe ich in Sachen Segeln von Nichts eine Ahnung, aber das dürfte sich während unserer Atlantikreise ändern.

KUS, Thor Heyerdahl, Klassenzimmer unter Segeln

Miron auf dem Kutter: “Vom Segeln hab ich noch nicht so viel Ahnung” © miron fritz

“Früher wollte ich mal Meeresbiologe werden”

SR: Für Jungs, die im nördlichen Schwarzwald aufwachsen, ist der Atlantik eine ziemlich ferne Adresse. Wie kam es denn überhaupt dazu, dass du Dich fürs Meer und die Seefahrerei interessierst? Ist doch ziemlich ungewöhnlich fürs Mittelgebirge, oder?

Miron Fritz: Ich war schon immer eine richtige Wasserratte. Als kleines Kind kaum aus dem Wasser zu kriegen. Jetzt als Jugendlicher bin ich Leistungsschwimmer. Und ich tauche. Gesurft hab ich auch mal, war aber nicht so mein Ding. Ehrlich gesagt, habe ich mich fürs Segeln noch nie besonders interessiert. Früher wollte ich Meeresbiologe werden. Und mit meinem Vater habe ich in der Straße von Gibraltar Wale beobachtet.

SR: Wahrscheinlich reicht aber wohl eine gewisse Affinität zum Wasser nicht aus, um tatsächlich auf der Thor Heyerdahl mitfahren zu dürfen. Es geht so die Mär um, dass die Aufnahmeprüfungen ziemlich anspruchsvoll seien. Oder ist das Seemannsgarn?

KUS, Thor Heyerdahl, Klassenzimmer unter Segeln

Unterricht mal anders: Die TH-Reisen sind auch pädagogische Experimente © KUS

Punkten durch soziales Engagement

Miron Fritz: Nö, einfach war das alles nicht. Ist eben ein Auswahlverfahren, nicht alle, die sich bewerben, können mitgenommen werden. Das Bewerben wird online erledigt, mit ausführlichen Motivationsschreiben, langen Fragebögen.

Besonders wichtig war das Halbjahreszeugnis der 9. Klasse – auf der Thor Heyerdahl gibt es zwar weiter Unterricht während unserer Reise, aber der ist dann natürlich nicht ganz so intensiv wie in der Schule. Man muss also schon gute schulische Leistungen vorweisen, damit da keine allzu große Lücke entsteht. Weiterhin zählt soziales Engagement.

SR: “Soziales Engagement” in eurem Alter?

Miron Fritz: … ja, auch in unserem Alter ist das möglich. Ich bin zum Beispiel schon Schwimmtrainer, das war, glaube ich im Auswahlverfahren dann auch sehr wichtig. Soweit ich weiß, gibt es 200-250 Bewerber aus ganz Deutschland. Davon werden dann 50 ausgewählt, die zu einem Probetörn, einer Expedition auf der Schlei geladen werden.

SR: Expedition? Hört sich spannend an.

Miron Fritz: Wir waren in offenen Kuttern unterwegs und es ging gleich voll zur Sache: Es goss in Strömen, alles war nass. Und abends zogen wir dann nicht ins Hotel, sondern unters Zelt, das wir selbstredend alleine aufbauen mussten. Wir kümmerten uns um alles: von der Planung über Proviant-Einkauf bis zum richtigen Verstauen im Kutter. Konnte eng werden auf den Booten, wir waren immerhin zu zehnt unterwegs, zudem noch der Kutter-Steuermann und eine Person von der Thor Heyerdahl- Stammbesatzung.

KUS, Thor Heyerdahl, Klassenzimmer unter Segeln

Wer so etwas zu seinem Repertoire zählen kann, hat doch fürs Leben ausgesorgt, oder nicht? © KUS

SR: Aber hier ging es jetzt dann ums Segeln? Ihr musstet doch bestimmt alle mindestens 20 Halsen und 40 Wenden täglich mit verbundenen Augen fahren?

Miron Fritz: Ums Segeln ging es nur sehr, sehr selten. Eher war unser Verhalten in der Gruppe auf dem Prüfstand. Wie verhält sich wer in schwierigeren Situationen? Am Ende der dreitägigen Ausfahrt muss dann jeder der Teilnehmer nochmals in einem Interview Rede und Antwort stehen. Und das war’s dann – drei Wochen später bringt die Post dann eine Zu- oder Absage.

Absage? Dann heule ich ein Wochenende lang!

SR: Die Warterei war bestimmt grauenhaft. Oder bist Du locker geblieben?

Miron Fritz: Überhaupt nicht! Ich habe immer zu meinen Freunden und Eltern gesagt: „Wenn ich eine Absage bekomme, dann schließe ich mich ein und heule ein Wochenende durch!“ Das Warten war besonders nach dem Probetörn hart, weil ich so ja nun schon alle kannte, die wahrscheinlich mitfahren werden. Und ich mich super mit denen verstanden habe!

SR: Du sprichst von gutem Einverständnis mit den anderen – aber irgendwie sind das doch auch Konkurrenten.

Miron Fritz: Ja, das stimmt schon. Da kommt schon manchmal der Gedanke auf: Der nimmt dir vielleicht deinen Platz weg. Aber die waren mir alle total sympathisch, eben Kumpel und Konkurrenten.

SR: Bei Eurer Expedition gab es dann auch meistens Aufgaben für die Gruppe. Das hat doch irgendwie so ein „Gschmäckle“ von ständiger Beobachtung. Nervt das nicht?

Miron Fritz: So richtig beobachtet habe ich mich nie gefühlt, das wurde alles sehr diskret gemacht. Wir haben jedenfalls kaum was davon gemerkt und waren auch viel zu beschäftigt. Die haben uns ganz schön auf Trab gehalten.

SR: Als dann Deine Teilnahmebestätigung im Briefkasten lag, war dann wohl Entspannung angesagt?

KUS, Thor Heyerdahl, Klassenzimmer unter Segeln

Das fliegende, pardon: segelnde Klassenzimmer Thor Heyerdahl © KUS

Miron Fritz: Im Gegenteil: Dann ging die Hektik erst richtig los. Seit Wochen herrscht Chaos in meinem Zimmer, es muss so unglaublich viel vorbereitet werden. Und der Termin naht unaufhaltsam. Neulich hat mich mein Lehrer gefragt, wie lange es noch dauert. Als ich ihm meine Antwort gab, bin ich richtig erschrocken: Was? Nur noch so wenige Tage? Mann, was da noch alles erledigt werden muss.

SR: Auf was freust du Dich am meisten?

Miron Fritz: Ehrlich? Auf die Gruppe. Auf die Wale, die wir hoffentlich sehen werden. Auf die Landaufenthalte und Exkursionen – wir wollen ja in Panama und auf Kuba richtige Expeditionen unternehmen! Und auf den ersten Sturm!

SR: Wie bitte? Die meisten haben genau davor Schiss, und Du Landei freust Dich?

Miron Fritz: Wir haben einen Film gesehen, der an Bord der TH während eines Sturms gedreht wurde. Ich fand das richtig toll – hoffentlich werden unsere Atlantik-Überquerungen nicht ausschließlich Schönwetter-Fahrten. Oder anders gesagt: Hoffentlich ist zumindest ein Sturm dabei!

SR: Worauf du Dich verlassen kannst! Wir wünschen Dir alles Gute für Deinen Törn!

Website KUS-Projekt

Blog der Schüler

Nachtrag. Mirons Papa berichtet: Die ersten Probleme sind aufgetreten. Ein Ersatzteil für den Hauptmotor hat Lieferschwierigkeiten, so dass sie zunächst nochmals in die Werft müssen und erst um ein paar Tage verzögert starten können.

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
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