SR-Interview: Unfall zwischen Fahrgastschiff und Segler – Wirklich eine Ordnungswidrigkeit?

"Zusammenstoß hätte vermieden werden können"

In Berlin ist eine Segelyacht von einem Fahrgastschiff gerammt worden. Es gab einen Verletzten. Wie konnte es dazu kommen? SR hat nachgefragt. Der Betreiber der Segelschule schildert den Unfall.

Das Berliner Fahrgastschiff “Alexander von Humboldt” schiebt die Segelyacht vor sich her.

In den sozialen Netzwerken kursierte ein inzwischen offline geschaltetes Video des Unfalls, das viel diskutiert wurde. Die Vorgeschichte ging daraus nicht hervor. Wir wollten wissen, was passiert ist und haben daher die beteiligten Parteien und die Wasserschutzpolizei kontaktiert und um Stellungnahmen gebeten.

Die Wasserschutzpolizei hat uns bestätigt, einen Unfall mit Personenschaden aufgenommen zu haben, den sie als Folge einer Ordnungswidrigkeit ansieht. Die beteiligte Reederei hat sich bis heute nicht zurückgemeldet, ebenso wenig wie ihr Besitzer. Der Betreiber der Segelschule war zu einem Gespräch bereit.   

Stefan, am 11. August gegen Mittag rammte ein Fahrgastschiff eins Deiner Schulungsboote. Du warst selbst Augenzeuge. Kannst Du aus Deiner Sicht kurz schildern, wie es zu dem Ramming kam?

Ja, wir haben auf der Spree an der Südspitze der Halbinsel Stralau unser Segeltraining durchgeführt und ein Fahrgastschiff, welches nahezu täglich dort entlangfährt, hat eine unserer Segeljollen angefahren.

Was ist mit den beiden Segelschülern passiert?

Der Vorschoter wurde schwer verletzt und direkt ins Krankenhaus gebracht.

Wie geht es den Segelschülern jetzt?

Etwas besser.

Weißt Du, ob es Personenschäden auf dem Fahrgastschiff gab?

Nein.

Die Polizei Berlin spricht gegenüber SegelReporter von einer Ordnungswidrigkeit, weil das Segelboot den Kurs des Fahrgastschiffes kreuzte. Wie bewertest Du dieses Urteil?

Nach meinen Informationen ist es so, dass die Wasserschutzpolizei zurzeit dabei ist, den genauen Hergang im Einzelnen zu ermitteln. Soweit ich weiß, ist dort eine abschließende Beurteilung noch nicht erfolgt. Ich habe allerdings erhebliche Zweifel, ob eine Ordnungswidrigkeit im Zusammenhang mit dem Segelboot vorliegt, da dieses kurz vor und im Moment des Zusammenstoßes weder Kurs noch Geschwindigkeit geändert hat und nicht manövrierfähig war. Aus diesem Grunde ist es auch nicht so, dass das Segelboot den Kurs des Fahrgastschiffs gekreuzt hat.

Nach meiner Auffassung spricht allerdings einiges dafür, dass der Schiffsführer des Fahrgastschiffes den Zusammenstoß ohne Schwierigkeiten hätte vermeiden können, wenn er dies gewollt hätte. Insoweit wird durch die Wasserschutzpolizei und die Staatsanwaltschaft zu prüfen sein, in welcher Form dieser gegen Vorschriften der Binnenschifffahrtsstraßenordnung verstoßen und sich durch die erhebliche Verletzung des Vorschoters auf dem Segelboot strafbar gemacht hat.

Du bist selbst Binnenschiffer. Wie beurteilst Du die Manövriereigenschaften des beteiligten Fahrgastschiffes? 

Ja, ich habe für die Binnenschifffahrt das B-Patent und das große Patent. Die Manövriereigenschaften des Fahrgastschiffes sind hervorragend. Ich bin auch einmal auf diesem Schiff im Steuerhaus mitgefahren. Es hat zwei Schottelantriebe und einen elektrischen Pump-Jet-Schottel. 

Die Spree nimmt an der fraglichen Stelle einen S-förmigen Verlauf. Hatte aus Deiner Perspektive der Schiffsführer des Fahrgastschiffes freie Sicht auf das Segelboot?

Ja, definitiv, er hatte den Segler mehr als eine Minute zuvor sehen können und hat ihn ganz sicher fast eine Minute vorher bemerkt. In dieser Zeit hat er den Kurs direkt auf das Segelboot genommen und auch mittig getroffen. Die Spree ist an dieser Stelle in der Fahrrinne mehr als 80 Meter breit, das Fahrgastschiff ist 8,20 Meter breit und 62 Meter lang.

Auf dem beteiligten Segelboot war kein Segellehrer anwesend. Kannst Du kurz erläutern, wie der Segelunterricht bei Dir abläuft?

In einer dreistündigen Praxiseinheit ist manchmal ein Trainer an Bord, manchmal nicht. Zu Beginn war eine Trainerin an Bord, welche nach 1,5 Stunden auf ein anderes Boot wechselte und ich lag mit dem Begleitmotorboot vor Anker. Die Schüler übten dann das Anlegen am Trainerboot, was auch Bestandteil der Prüfung ist. Da die Segelschüler auch in der Prüfung ohne Trainer an Bord segeln, ist es hilfreich, wenn sie sich frühzeitig alleine ausprobieren können und das erlernte Wissen anwenden.

Hat sich diese Art der Ausbildung aus Deiner Sicht bewährt?

Seit 2006 betreibe ich meine Segelschule in Berlin nach diesem Prinzip und es hat immer gut funktioniert.

Deine Segelschule befindet sich genau gegenüber vom Treptower Hafen. Schulungsboote und Fahrgastschiffe begegnen sich dort täglich. Hast Du etwas Ähnliches schon einmal erlebt?

Nein, nicht im Ansatz. Wenn mein Verhalten oder die Art der Ausbildung oder die Fahrweise meiner Schüler begründet als störend empfunden wird, so kann man gerne mit mir reden, wir arbeiten gemeinsam auf der Spree.

Neben den Segelbooten sind auf diesem Abschnitt der Spree-Oder-Wasserstraße an Sommertagen Tretboote, SUPs, Kanus und Motorboote mit weniger als 15 PS Antriebsleitung auf dem Wasser. Wie geht man als Schiffsführer fachgerecht mit so einer Örtlichkeit um?

Man fährt rücksichtsvoll. Dies ist in § 1.04 Binnenschifffahrtsstraßenordnung als allgemeine Sorgfaltspflicht so vorgesehen, damit die Gefährdung von Menschenleben vermieden werden kann. Mir ist es schon passiert, dass mir Wassersportler vor den Bug gefahren sind. Ich habe dann die entsprechenden Ausweichmanöver gefahren, damit niemand gefährdet wird. Dies verlangt nicht nur die Binnenschifffahrtsstraßenordnung; schon der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass man in derartigen Fällen ausweicht.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Jan Maas.

3 Kommentare zu „SR-Interview: Unfall zwischen Fahrgastschiff und Segler – Wirklich eine Ordnungswidrigkeit?“

  1. avatar Sven 14Footer sagt:

    Es gibt die Grundregeln für das Verhalten im Verkehr: Danach sind Vorsichtsmaßnahmen zu treffen um insbesondere die Gefährdung von Menschenleben und die Beschädigung anderer Fahrzeuge zu vermeiden.
    Bei unmittelbarer Gefahr, muss der Schiffsführer alle möglichen Maßnahmen ergreifen.
    “Manöver des letzten Augenblicks !”
    Ich habe den Eindruck, diese Grundregel wird oft vergessen / vernachlässigt, wenn es zu einem Zusammenstoß kommt.

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  2. avatar DocB sagt:

    Mich würde interessieren wieso das Boot manövrierunfähig war….

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    • avatar Sven 14Footer sagt:

      wenig / kein Wind !
      Ist aber wurscht: manöver des letzten Augenblicks ist immer Pflicht. Danach kann man sich mit dem Anderen darüber streiten, warum er seiner Ausweichpflicht nicht nachgekommen ist.

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