Tödlicher Unfall: Versagende Rettungsweste – Bericht zieht Lehren aus dem Unglück

Er hob die Arme und versank

Der tödliche Unfall von Jon Sanarelli machte Schlagzeilen, auch weil das Beweismittel – seine Rettungsweste – im Krematorium verbrannte. Der jetzt veröffentlichte Untersuchungsbericht zeichnet das Unglück nach und zieht Schlüsse, die für alle Segler wichtig sein könnten.

Schwimmweste, Todesfall, Chicago

Jon Santarelli ertrank , nachdem er über Bord einer TP 52 fiel – seine Schwimmweste hatte sich nicht aufgeblasen © ABC7 chicago

Im Juli 2018 rutschte Jon Santarelli kurz nach dem Start beim Chicago-Mackinac-Race aus dem Cockpit der TP 52 “Imedi”. Ein Großteil der 13 Crewmitglieder saß bei 20-25 Knoten Wind auf der hohen Kante. Santarelli sollte den Niederholer nachtrimmen und musste dafür hinter die Steuerräder klettern. Dabei verlor er in einer Welle den Halt. Er rutschte nach achtern, knallte gegen eine Relingstütze, konnte sich noch kurz festhalten, aber der Druck des Wassers wurde zu groß. Mann über Bord!

Die Crew der “Imedi” behielt ihn im Auge, versuchte ein Quick-Stop-Manöver unter Segeln, drehte zu seiner Position im Wasser, kam ihm aber nicht nahe genug. Crewmitglieder erkannten, dass sich die Rettungsweste von Santarelli nicht aufgeblasen hatte.

Santarelli geriet unter die Yacht

Der Steuermann drehte diesmal mit laufendem Motor einen zweiten Kreis und kam dem Mitsegler im Wasser deutlich näher. Aber gerade als er aufgenommen werden sollte, hob sich das Schiff durch eine starke Welle.  Santarelli geriet unter die Yacht und tauchte auf der anderen Seite wieder auf.

Das Seegebiet und die der Kursverlauf beim Mann-über-Bord-Manöver der “Imedi”

Beim dritten Rettungsanlauf stoppte “Imedi” erneut sehr nahe beim Über-Bord-Gegangenen. Als ein Crewmitglied ihm eine Leine zuwarf hob er die Arme. Dann sank er unter das Wasser und wurde nicht wieder gesehen. 

Schwimmweste, Todesfall, Chicago

Die Crew der “Imedi” © mews

Bei der anschließenden umfangreichen Suche mit Küstenwache, drei Hubschraubern und zahlreichen Motorbooten wurde kein Lebenszeichen von dem Segler entdeckt. Seine Leiche konnte erst eine Woche später vor dem Hafen von Chicago geborgen werden.

Beweismittel verbrannt

Rätselhaft bleibt auch nach dem Abschlussbericht der Untersuchungskomission, warum sich die Rettungsweste nicht aufgeblasen hat. Das Beweismittel wurde mit dem Segler im Krematorium verbrannt. War es ein Problem des Herstellers? Und warum betätigte Santarelli nicht die manuelle Vorrichtung?

Diese Fragen konnten erwartungsgemäß nicht geklärt werden. Aber auch das Verhalten der Crew hätte im Nachhinein wohl optimiert werden können. Zweimal ist man dem Verunglückten sehr nahe gekommen. Niemandem war wohl bewusst, wie kritisch die Lage für den Mann im Wasser tatsächlich war. Er galt als der beste Schwimmer auf dem Boot. Niemand rechnete damit, dass er plötzlich versank.

Der gesamte Report der Untersuchungskomission vom Chicago Yacht Club

 

Das Komitee gibt Empfehlungen für Crews, wie sie sich auf einen Einsatz auf See vorbereiten sollten. Die Checkliste:

I. Umfassendes Briefing vor dem Törn-Start

a. Definieren der Befehlsstruktur. Wer ist verantwortlich, wer Stellvertreter?
b. Welche Rolle haben die Besatzungsmitglieder im Fall eines MOB oder bei anderen Notfallszenarien
c. Verstehen der elektronischen MOB-Hilfen und wie sie schnell bedient werden können.
d. Regeln für das Tragen von Rettungswesten festlegen
e. Auffindbarkeit der Sicherheitsausrüstung gewährleisten

II. Die MOB-Verfahren definieren

a. Ein Crewmitglied auswählen, das den Überbordgegangenen permanent im Auge behält
b. Schnellstmöglich auf dem GPS-Gerät den MOB-Knopf drücken
c. Standort auf der Karte eintragen, Funkgerät-MOB-Taste aktivieren und die entsprechende Notfallkommunikation auf UKW Kanal 16 führen
d. Das Schiff in einen Zustand bringen, in dem man sicher manövrieren kann, also möglicherweise reffen oder die Segel bergen.
e. Das Lifesling-Rettungsmittel so schnell wie möglich einsetzten.
f. So viele zusätzliche Auftriebsmittel benutzen wie möglich, möglicherweise auch Fender.

III. Überprüfen der Sicherheitsausrüstung und Wissen zur sachgemäßen Benutzung sicherstellen

a. Anpassung und Überprüfung der Funktion von Rettungswesten, Lifelines, AIS-Signalleuchten
b. Sicherstellen, dass die MOB-Ausrüstung funktionsfähig ist (z.B. Lifesling, Wurfleine,  Bootshaken).
c. Die Crew für den Einsatz der MOB-Ausrüstung trainineren und farblich die Position der Geräte markieren.
d. Die Ausrüstung so positionieren, dass sie spätestens 5 Sekunden nach dem MOB-Vorfall eingesetzt werden kann.

IV. MOB-Manöver üben, die spezifisch für das Boot und die zu erwartenden Bedingungen sind

a. Klare, rechtzeitige Befehle aus nur eine Quelle
b. Kontrolle über das Boot bekommen und die Position halten bevor das Manöver beginnt.
c. Wissen, welche Rettungsverfahren für das Boot am besten geeignet sind.
d. Darauf vorbereitet sein, dass auch das Boot selbst bei einem MOB-Rettungsversuch zu einem gefährlichen Faktor werden kann.
e. Einen Plan für das Bergen des Überbordgegangenen bereit halten. Zum Beispiel mit einer Lifesling oder von einem Crewmitglied, das mit einem langen Fall verbunden ist.

Eher auf professionell besetzten Yachten wird schon mal ein Crewmitglied als Rettungsschwimmer eingesetzt. Er springt verbunden mit einem Rückholseil zur Person im Wasser und lässt sich dann zusammen mit dem Verunglückten zurück an Bord ziehen. Diese Möglichkeit sollte aber nur in Betracht gezogen werden, wenn der Schwimmer für so einen Fall qualifiziert ist und das Manöver geübt wurde.

V. Die Person im Wasser sollte alle sofortige Maßnahmen ergreifen, die Sicherheitsausrüstung zu aktivieren. Sie sollte vertraut sein mit dem manuellen Aufblas-System für Rettungswesten.

VI. Informationen zur Wartung und Verwendung von aufblasbaren Rettungswesten sind vom Hersteller gewährleistet:

a. Aus verschiedenen Quellen wurden zahlreiche Vorfälle gemeldet, die sich auf den Ausfall automatischer Aufblassysteme beziehen. Die Gründe dafür sind meist nicht eingehaltene Empfehlungen des Herstellers für Inspektions-, Wartungs- und Betriebsverfahren.
b. Das Bewusstsein für die Bedeutung einer ordnungsgemäßen Inspektion, Wartung und den Austausch aufblasbarer Rettungswesten sollte geschärft werden.
c. Die Träger aufblasbarer Rettungswesten sollten mit den manuellen Sicherungssystemen für das automatische Aufblasen vertraut sein. Sie sollten die Möglichkeit zum Aufblasen mit dem Mund wie auch das manuelle Auslösen der Vorrichtung kennen.
d. Die Rettungswesten an Bord sollten klar den jeweiligen Crew zugeordnet sein.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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