Törnbericht: Durch die Inselwelt der Ägäis – Griechenland hofft auf Sommersaison

Inselhüpfen

Sind Reisen nach Griechenland bald schon wieder möglich? Die griechische Regierung stellte das nun in Aussicht. Träumen ist in jedem Fall erlaubt – etwa von den verlorenen Inseln der Ägäis.

In keinem anderen Revier leuchtet das „Licht der Ägäis“ so klar wie hier © Carl Victor

Wie in vielen Ländern, die stark vom Tourismus abhängig sind, wird auch in Griechenland der Wunsch nach einer zumindest eingeschränkten Sommersaison immer größer. Mit einem Fünf-Punkte-Plan soll es hier aber auch schon bald konkreter werden. Denn: Griechenland will zu den ersten Ländern gehören, die wieder Urlauber ins Land lassen, wie die Regierung nun verkündete. Premierminister Kyriakos Mitsotakis hat dafür sogar bereits ein Datum ins Auge gefasst: den 1. Juli. Dann wolle man ausländische Touristen wieder im Land begrüßen können – im günstigsten Fall.

Ob das wirklich realistisch und sinnvoll ist, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Herrlich wäre so ein Törn ja. Carl Victor besegelte in Vor-Corona-Zeiten die kleinen Inseln der zentralen Ägäis. Ein Törnbericht:

Es ist wahrlich ein Traumrevier für alle, die das Segeln lieben! Nirgendwo sonst zaubert der Meltemi solche Schaumkronen auf die tiefblaue See, in keinem anderen Revier ist das „Licht der Ägäis“ so klar wie in deren Zentrum. Vor 45 Jahren hatte ich hier erstmals ein Boot gechartert. Es waren die großen Namen, die mich in die Ägäis lockten. Zu Recht, denn jede dieser Inseln war es damals wert, besucht zu werden.

Doch was ist aus ihnen geworden?! Mykonos gilt selbst bei vielen Griechen als Schandfleck, Santorin müsste wegen der vielen Kreuzfahrer den Tourismus-Notstand ausrufen, und selbst in dem früher so stillen Kea machen heute die Crews von Speed-Booten aus Athen die Nacht zum Tag.

Muss ich deshalb künftig auf mein Lieblingsrevier verzichten? Mitnichten! Nachdem ich mich mit dem Segelführer auseinandergesetzt habe, wird mir schnell klar, was ich alles noch nicht gesehen habe. Da gibt es jede Menge kleiner Inseln, die kaum jemand kennt, mit einsamen Buchten, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Schon bald sind es viel mehr, als ich in meinen für zwei Wochen geplanten Törn hineinpacken kann.

Sikinos ist eine der hügeligsten Inseln im Umkreis und ist schon seit der frühen Antike durchgehend besiedelt © Carl Victor

„Ein Leckerbissen für jeden Segler!“

Gerade mal 20 Knoten Wind raumschots und schon klettert das Log über die Acht-Knoten-Marke. Dabei haben wir die Segel vorsorglich gerollt, denn der nachts böige Wind in der Bucht von Paroikia deutete auf einen viel kräftigeren Meltemi hin. Entlang der Westküste von Antiparos legt er dann auch auf 28 Knoten zu und hetzt uns mit bis zu zehn Knoten zwischen dem kleinen Strongylo und Despotiko hindurch.

Vor dessen Südküste fällt der Anker zum ersten Stopp. Nicht wie vom Segelführer empfohlen in der östlichen Bucht, sondern in den Sand der westlichen gräbt er sich ein. Schön ist es hier! Das hat sich herumgesprochen. Es würde wohl bis zum Abend dauern, bis sich die Badegäste verzogen haben. So lange können wir nicht warten, denn unser heutiges Ziel heißt Kimolos. Auf dem Schlag dorthin zeigt sich der Meltemi in Geberlaune; unser Schiff weiß das zu schätzten und surft die sich immer mehr aufbauenden Seen mit elf Knoten und mehr hinab. Ein Leckerbissen für jeden Segler! Doch schlecht für Chorio.

Um uns in einer der Tavernen von Kímolos Chora auf den weiteren Törn einzustimmen, müssten wir unser Schiff dem Hafen von Psathi anvertrauen. Der bietet aber bei so starkem Meltemi zu wenig Schutz. Deshalb lassen wir ihn an Steuerbord vorbeiziehen und steuern die weiträumige Bucht an, die sich über Kimolos ganze Südküste erstreckt. Wir haben sie fast für uns allein. Auch die vom kleinen Manolonisi und einer Barre beschützte Bucht an der Westküste von Poliagos müssen wir uns tags darauf mit keiner anderen Yacht teilen. Türkis ist hier das Wasser, felsig und schroff sind die Ufer.

Nachdem ein Teil der Crew diese Welt unter und über Wasser erkundet hat, setzen wir den Kurs auf Folegandros ab. Wir hatten geplant, dessen Nordküste entlangzusegeln und Karavostasi anzulaufen. Doch dann frischt der Wind auf 35 Knoten auf und will gar nicht mehr unter die 30-Knoten-Marke fallen. Der Segelführer warnt bei solchen Verhältnissen vor starkem Sog, der Yachten ein Verweilen in diesem Hafen unmöglich machen kann.

Kurz entschlossen, fallen wir ab und genießen das Hochgefühl, mit bis zu 13 Knoten auf den Wellen zu surfen. Viel zu früh für uns schneidet der Ormos Vathi in die Südküste von Folegandros ein. Die Bucht ist ideal. Vier Meter zeigt das Echolot, als der Anker fällt und sich sofort in den Sandgrund eingräbt.

Blick über die Bucht von Naoussa auf der Insel Paros © Carl Victor

„Inseln für Robinsons“

Im Segelführer finden wir nichts über Anidhros. Da die Insel nur wenig abseits unseres Kurses nach Anafi liegt, schaue ich sie mir in der elektronischen Seekarte genauer an. Besonders jene 20-Meter-Linie, die sich entlang ihrer Südwestküste hinzieht. Dort böte sich auch eine Bucht an, die brauchbare Ankertiefen signalisiert. Sollten wir eine Robinson-Insel entdeckt haben? Dann läge ein verlockendes Abenteuer vor dem Bug! Doch uns ist auch klar, dass wir uns bei Verhältnissen wie gestern, als wir vom Meltemi mit 34 Knoten über Skala Sikinos nach Ios geblasen wurden, nicht darauf einlassen dürfen. Selbst im Ormos Manganari orgelten nachts noch Fallböen im Rigg. Erst in den Morgenstunden war Frieden eingekehrt.

Auf dem Schlag nach Anidhros frischt der Wind wieder auf. Vor dessen zerklüfteter Küste bleibt das Wasser auch noch dunkel als wir in der Karte die 20-Meter-Linie kreuzen. Was uns nicht verwundert, zeigt doch das Echolot noch 80 Meter an. Näher an die Küste wagen wir uns nicht. Wir segeln entlang der fiktiven Linie nach Südost, doch weniger als 30 Meter zeigt das Echolot nirgends an. Anafi entschädigt uns für diese Enttäuschung. In Agios Nikolaos liegt das Schiff sicher vor Anker. So können wir uns noch in der Nachmittagshitze unbesorgt den Maultierpfad hinauf zur Chora quälen.

Dort erwartet uns ein Juwel! Eng sind die Gassen, weiß die Häuser, die sie säumen. Durch ein Labyrinth von verwinkelten Treppen führt der Weg hoch zum ehemaligen Kastell. Alles ist hier ursprünglich und so herrlich unverdorben. Abends finden wir eine Taverne, von deren Terrasse wir einen weiten Blick über die Inseln im Süden und einen stets wachsamen auf unser Boot haben.

Wir würden gerne einen Tag bleiben, doch da ist diese Syrna-Insel, die jenseits von Anafis wuchtigem Kap Spathi bereits auf uns wartet. Ihr Agios Ioannis ist dem Segelführer nur eine Erwähnung wert. Deshalb ist die Bucht für uns praktisch Neuland. Als wir in sie einlaufen, halten wir vergeblich nach der von Fischern ausgelegten Mooring und zwei in der Karte eingezeichneten Felsen Ausschau. Wo sie sein sollten, fällt schließlich unser Anker in acht Meter tiefes Wasser auf einen Grund aus Sand und Fels. Ohne Landleine geht hier nichts. Wir spannen zwei zu Felsblöcken und verholen uns an ihnen nahe ans andere Ufer. Nun sind 40 Meter Kette draußen. Sie sollten reichen, um dem Anker zusätzlichen Halt zu geben. Dann steht jedem frei die Insel auf seine Art zu genießen.

Die Insel Polyegos ist so gut wie unbewohnt © Carl Victor

Einige gehen mit dem Dingi auf Erkundungsfahrt, der Rest erfreut sich an dem glasklaren Wasser und dem unendlichen Frieden dieser Bucht. Am nächsten Tag ist erst mal Schluss mit dem Robinson-Dasein. Die Vorräte sind fast zu Ende, die Wassertanks leer und die Batterien gieren nach Landstrom, als wir in den kleinen, aber feinen Hafen von Livadhia auf Tílos einlaufen.

Wir hätten diesen Tag auch einsparen und gleich nach Nisiros segeln können. Doch die Einfahrt in den Yachthafen Pálon ist nur 2,4 Meter tief, ihr Grund solider Fels und im Hafen von Mandraki kann sich eine Yacht bei Meltemi nicht halten. Als wir den „Schafspferch“ am nächsten Tag ansteuern, weht leichter Wind aus West. Das beschert uns eine entspannte Stunde in dem hübschen Ort, bevor wir zum Ankerplatz vor der Insel Gyali motoren.

Auf zu neuen Inseln!

Die 41 Seemeilen von Gyalí hoch nach Lévitha liegen mir seit der Planung des Törns schwer im Magen, denn im südlichen Teil des Dodekanes weht der Meltemi meist aus Nordwest, also gegenan, und das nicht selten mit bis zu 30 Knoten. Es ist ein Glücksfall, dass für die zweite Nachthälfte leichter Wind aus Südwest angesagt ist. Vor zwei Uhr morgens sind wir schon unterwegs, eine gute Stunde später stehen wir vor der Südspitze von Kos.

Dort müssen wir feststellen, dass sich Äolus nicht an den Wetterbericht hält. Hinter Kap Krikellos steht der Wind erst noch leicht gegenan. Doch dann müssen wir gegen eine immer höher laufende See angehen, bis wir in die rundum geschützte Bucht des kleinen Levitha einlaufen und dort das Schiff an eine der Bojen hängen können.

Ausgelegt hat die Moorings Manolis. Er züchtet auf dem Eiland Ziegen und betreibt etwas Landwirtschaft. Den Lebensunterhalt verdient sich die Familie aber wohl mit der Bewirtung von Yachtcrews. Auf dieser entlegenen Insel hatten wir uns gerade mal eine Kneipe erwartet, landen jedoch am Ende eines steinigen Weges in einer Taverne mit einzigartiger Atmosphäre. Die Vorspeisen sind eine Offenbarung, der Fisch ist ein Gaumenkitzel, die Ziege kann sich mit dem Besten aus der griechischen Küche messen. Der Wein fällt nicht ab und trägt dazu bei, dass der Abend zu einem der gelungensten des Törns wird.

Den Abschied von Levitha erleichtert uns Kinaros. Dessen Ormos Pningo schneidet tief in die kleine Insel ein. Rundum beschützt und nur bedrängt von aufragenden Felsen, ankert man darin auf glasklarem Wasser, der Grund ist Sand. Das alles deutet auf einen weiteren Höhepunkt hin. Doch dann kommt alles anders: Statt zu bleiben sind wir schon nach einer Stunde wieder unterwegs. Unser ganzes Brot ist schimmlig geworden! Frisches gibt es erst wieder in Amorgos.

Das Kloster Panagía Chozoviótissa lässt sich kaum ein Segler entgehen © Carl Victor

Da der Meltemi zu alter Kraft zurückgefunden hat und statt aus Nord zu wehen, gegenan steht, wird es auf dem Schlag dorthin höchst ungemütlich. Vor Amorgos Nordküste baut sich zudem ein hoher und konfuser Seegang auf. Mir schwant nichts Gutes für Agias Annas. Doch dann bekommen wir dort einen geschützten Liegeplatz, frisches Brot vom Bäcker und schließlich einen Tisch auf der Veranda eines Restaurants, auf der uns zum Dinner die untergehende Sonne gratis serviert wird.

Wollen wir die nächtliche Schwäche des Meltemi nutzen, müssen wir morgen früh los. Es sind nur 15 Meilen bis Dhenoussa, doch die haben es in sich. Nach drei Stunden haben es Schiff und Crew überstanden. Wir fahren noch den Anker so in den Grund des Ormos Khendro, dass ihm selbst harte Fallböen nichts anhaben können, dann erst können wir den letzten Tag in der letzten Bucht der letzten kleinen Insel so richtig genießen.

Nutzt all das Schöne, bevor es unwiederbringlich vorbei ist!

Es ist noch Nacht, als wir das Schiff klar für den letzten harten Schlag machen. Noch bevor wir Anker auf gehen, verabschiedet sich schon der Nachbar. Nicht ganz freiwillig, sein Anker scheint in einer der Fallböen ausgebrochen zu sein. Von Lichtsignalen lässt sich die Crew den Schlaf nicht vermiesen. Bald schon treibt die Yacht weit draußen in der Bucht. Geschehen kann nicht viel, denn in Lee hat sie viel Raum.

Wir hingegen müssen nach Luv, drei harte Stunden lang. Erst an Naxos‘ Nordkap Stavros könnten wir die Segel setzen. Noch einmal will uns der Meltemi beweisen, was er draufhat, wenn er nur will. Mit bis zu 32 Knoten steht er in die Segel. Noch einmal läuft unser Boot zu Hochform auf, zehn Knoten sind immer drin und es könnten mehr sein. Doch der Seegang ist heute so konfus, wie ich ihn in der Ägäis nur selten erlebt habe. Immer wieder türmen sich wahre Wellenberge auf und verhelfen dem Boot zu abenteuerlichen Schräglagen.

Es ist noch früh am Tag, als wir in die Bucht von Naoussa einlaufen. Schon immer gehörte sie für mich zu den schönsten in der Ägäis. Doch heute ist alles anders. Eine Bootswerft, die eher einem Schiffsfriedhof gleicht, beleidigt das Auge. In „meiner“ Bucht darf ich nicht mehr ankern, sie ist für den Badebetrieb gesperrt, wo ich immer mit dem Dingi angelandet war, vertreibt jetzt eine „Strandbar“ Junk-Food zu Gourmet-Preisen. Was haben wir in diesen beiden Wochen nicht alles erlebt, wie viel unvergesslich Neues gesehen? Nach Naoussa kann ich Fahrtenseglern nur raten: „Nutzt all das Schöne, bevor es unwiederbringlich vorbei ist!“

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