Törnsegeln mit Kindern: Kleine Fluchten, große Abenteuer

Treibgut statt Playmobil

Perfekt für Familientörns: First 47.7 © draja

Perfekt für Familientörns: First 47.7 © draja

Sandra und Christian Draja segelten mit ihren Kindern Maximilian (4) und Helena (2) bereits monatelange Törns auf einer Beneteau 47.7  Alles „ganz normal“ finden die Vier im SR-Gespräch

Das Thema polarisiert: Wer mit Kindern auf längeren Törns unterwegs ist oder sogar Blauwasser besegelt, sieht sich häufig massiver Kritik ausgesetzt. So ging kürzlich ein wahrer „Shitstorm“ über eine junge amerikanische Familie nieder, die mit ihren Kindern aus Seenot gerettet werden mussten.

In TV-Talkrunden und in Internet-Foren wird das diskussionsträchtige Thema ebenfalls gerne angesprochen – vor allem von Leuten, die selbst noch nie einen Fuß auf ein Segelschiff gesetzt haben „Die armen Kindern!“ lautet der Tenor solcher Runden, sie seien ständiger Gefahr ausgesetzt, würden vereinsamen und emotional verarmen.

„Alles eine Frage der vernünftigen Herangehensweise“ finden Sandra und Christian aus dem meerfernen Rastatt in Baden. Die beiden wählten für sich und ihre Kinder im breiten „Törnangebot“ des Langfahrtsegelns die Abteilung „Kleine bis mittelgroße Fluchten“: Seit drei Jahren segeln sie mit ihren Kindern jährlich ca. drei Monate lange Törns auf ihrer eigenen Beneteau 47.7 . Das sei finanziell zu stemmen und hole die Kinder in einem vertretbaren zeitlichen Rahmen aus ihrem sozialen Umfeld wie etwa Freunde, KiTa, Großeltern etc.

Die „kleine Ostseerunde inklusive Götakanal“ segelten sie so bereits und letztes Jahr schippertern sie die norwegische Küste entlang nach Bergen – einen „Abstecher“ zu den Shetlands mussten sie wegen mieser Wetterlage abbrechen. Vor Kurzem kamen sie von einem monatelangen Törn in den Kleinen Antillen zurück – ihr Fazit: „Das Beste, was wir als Familie je gemacht haben!“

Segeln? Alles ganz normal © Draja

Segeln? Alles ganz normal © Draja

SegelReporter: Sandra, Christian… mal ganz ehrlich: Richtet Ihr eure Törns nach den Kindern aus oder müssen sich Maximilian und Helena Euren Wünschen fügen?

Christian: Weder noch. Wie bei jedem Törn, müssen wir uns alle den Wetterbedingungen unterordnen. Der Wind gibt meistens „den Ton an“ – für die Kinder ganz selbstverständlich, das ist eben so beim Segeln!

Sandra: Altersbedingt gibt es da natürlich schon gewisse „Vorgaben“. Als unsere Jüngste noch im Tragetuch dabei war, musste sie zu wirklich festen Zeiten „ihre Flasche“ bekommen. Was sich zum Beispiel auf die Schleusentermine im Götakanal auswirkte. Da wurde dann schon mal der eine oder andere Termin wegen „Babyfütterung“ durchgewunken…

SegelReporter: Habt Ihr Euch eigentlich ein zeitliches Limit gesetzt, wie lange ihr mit den Kindern draußen auf See unterwegs seid?

Christian: Vor allem bei den ersten Törns achteten wir darauf, nicht länger als 4-6 Stunden zu segeln…

Sandra: …mittlerweile kann es aber durchaus vorkommen, dass wir – wenn etwa für die nächsten Tage mieses Wetter angesagt, heute aber die Lage perfekt ist, auch mal 8-10 Stunden segeln.

SegelReporter: Was dann von den Kindern ohne Murren akzeptiert wird?

Okay, man kann ganz schön viel von Papa lernen… wenn's gerade nichts zu essen gibt! © draja

Okay, man kann ganz schön viel von Papa lernen… wenn’s gerade nichts zu essen gibt! © draja

Sandra: Die Kinder leben sowieso in einem anderen zeitlichen Rahmen. Es geht im Prinzip von einem Beschäftigungshighlight zum nächsten. Also etwa „Essen“: Wenn sie sehen, dass ich was zu futtern vorbereite und es heißt: „in einer halben Stunde gibt es Pasta“ dann ist es den beiden völlig egal, ob danach noch fünf Stunden weiter gesegelt werden soll!

Christian: Und zwischen den Mahlzeiten wird öfters mal vorgelesen, mit den Autos gespielt, gemalt… das übliche Programm eben, das auch zu Hause ablaufen würde.

SegelReporter: Immer an Deck?

Sandra: Kommt natürlich auf die Wetterlage an. Als wir letztes Jahr vor Norwegen unterwegs waren, verzogen sich die beiden natürlich meistens gleich nach dem Ablegen unter Deck.

Christian: Und in der Karibik spielte sich nahezu das gesamte Tagesgeschehen oben an Deck ab, zumindest für Maximilian. Helena hat als Nesthäkchen da noch andere Bedürfnisse, schläft häufiger…

Sandra: Alles ist natürlich auch abhängig von der Windstärke.

Christian: Wir waren durchaus schon bei 35 – 40 Knoten Windstärke unterwegs. Wenn’s ruppig wird, kommen aber kaum Proteste „von unten“.

Sandra: Die Kinder schlafen unter solchen Bedingungen zum Glück viel mehr als sonst, hauen sich unter Deck für Stunden aufs Ohr und ich muss lediglich zur Kontrolle zwischen „oben“ und „unten“ hin und herpendeln.

Manchmal, wenn's draußen ruppiger ist, entstehen "unten" ganz eigene Welten © draja

Manchmal, wenn’s draußen ruppiger ist, entstehen “unten” ganz eigene Welten © draja

SegelReporter: Werden die Kids auch schon mal seekrank?

Christian: Selten. Maximilian hat sich mal übergeben, hat das dann auch kurz gemeldet, war aber danach unauffällig, spielte weiter, war nicht lethargisch oder jammerte.

SegelReporter:  Überhaupt – haben die Kinder nicht auch schon mal Angst auf dem Schiff?

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Törnsegeln mit Kindern: Kleine Fluchten, große Abenteuer“

  1. avatar Backe sagt:

    Glückwunsch an die Drajas!
    Ich kann’s aus unserer Erfahrung heraus genauso unterschreiben: Machen machen machen … Drei Ausrufezeichen.
    Nicht ewig die jahrelange Weltumseglung planen – lieber sehen, dass man im Kleinen loskommt, ein paar mehr Wochen im Sommer, drei Monate oder ein halbes Jahr. Da ist man dann auch schon absolut in einem ganz anderen Universum. Zur Realisierung notfalls Elternzeit oder Erziehungsurlaub in Anschlag bringen … Wenn die Kid’s erst in der Schule sind, geht’s nämlich nicht mehr (so ohne weiteres).

    Und was die langen Strecken angeht: Für mich persönlich war es fast ein angenehmer Nebeneffkt, wenn ich ab und zu mit ein paar zornigen Kerls eine längere Überführungen von einem Revier zum anderen als kernigen Männertörn runterreißen konnte … Die Familie ist dann per Fähre oder Flieger nachgekommen und man tingelt gemütlich mit 15-20 sm – Etmalen von Bucht zu Bucht weiter.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 14 Daumen runter 1

  2. avatar Jörg sagt:

    Mich haben Martin und seine Frau 2009? mit Kleinkind auf ner X79 im Hafen von Tunö mehr beeindruckt …

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 1 Daumen runter 13

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