Transatlantik: Blauwasser-Segler Richtung Karibik 25 Tage offline – Corona-Krise nicht bemerkt

„Wir hatten keine Ahnung“

Nach einem Monat auf See war die Welt plötzlich eine andere: Nichtsahnend brachen die Weltumsegler Elena Manighetti und Ryan Osborne Ende Februar von den Kanaren zur Atlantiküberquerung auf. Angekommen in der Karibik folgte der Schock. Die britische Zeitung „The Guardian” sprach nun mit den Seglern.

Am 28. Februar waren Elena und Ryan startklar. Fast 3.000 Seemeilen lagen vor ihnen. An Bord ihrer „Skua“, einer Tayana 37 aus dem Jahr 1976, wollten sie den Sprung über den Atlantik wagen. Von Lanzarote sollte es in die Karibik gehen. COVID-19? Für sie zu diesem Zeitpunkt keine allzu große Bedrohung. Die Lage in China besserte sich langsam, in Europa gab es lediglich vereinzelte Fälle. Kein Grund, die Pläne zu ändern, entschieden die beiden Segler. Von einer Pandemie war noch nicht die Rede.

Seit fast drei Jahren lebten die gebürtige Italienerin Elena Manighetti und der Brite Ryan Osborne da bereits an Bord. Auf YouTube berichten sie ihren Fans regelmäßig vom Bordleben, ihren Erlebnissen und geben Tipps. Von Falmouth in Großbritannien machten sie sich im Mai 2017 zunächst auf den Weg ins Mittelmeer, erkundeten unter anderem Frankreich, Spanien, Portugal, Gibraltar und Malta. Die Atlantiküberquerung: eine große Herausforderung, auf die sie sich gut vorbereitet hatten.

Ein Monat ohne Nachrichten

Schlechte Nachrichten wollten sie auf See nicht erhalten. Das teilte das Paar der Familie und Freunden noch vor der Abfahrt mit. „Es ist durchaus üblich, dass Segler auf einer Ozeanüberquerung keine schlechten Nachrichten hören wollen, weil man absolut nichts tun kann“, erklärte Elena nun gegenüber dem Guardian. „Alles, was man machen kann, ist weinen, schreien, sich Sorgen machen, aber man kann nicht einfach umdrehen.“

Und so segelten Elena und Ryan fast einen Monat über den Atlantik, ohne etwas von der rasanten Ausbreitung des Coronavirus zu ahnen. Das erste Mal stutzig wurden sie erst, als sie sich der Karibik näherten. Zwei Tage vor der Ankunft habe ihnen ein Bekannter eine Liste mit allen Inseln geschickt, die ihre Grenzen geschlossen hatten. „Wir begannen uns Sorgen zu machen, bei unserer Ankunft nirgendwo mehr anlegen zu können”, berichtete Ryan.

Schock auf Bequia

Sie hatten Glück. Am 25. März konnten sie auf der Karibikinsel Bequia festmachen. Aber erst als sie dort ihre Handys einschalteten, erfuhren sie, wie sehr sich die Welt wirklich verändert hatte.  

„Wir kauften Datenvolumen und ich erinnere mich, dass Ryan die Nachrichten vorlas und uns einfach die Kinnlade herunterfiel“, sagte Elena. „Am Anfang war es schwer, das Ausmaß der Sache zu erfassen“, so Ryan. Es sei ein bisschen so gewesen, als wären sie aus dem Koma erwacht. „Wenn man einen Monat lang keine Nachrichten liest und dann sein Telefon einschaltet, ist es nicht so, als gäbe es einen Nachrichten-Feed, der einem genau erzählt, was jeden Tag passiert ist, sodass ich im Prinzip nur die Nachrichten der Vorwoche abrufen konnte“, erklärte Elena weiter.

Wenige Tage nach ihrer Ankunft habe Ryan dann einen älteren Artikel gefunden, in dem stand, dass ihre Heimatregion rund um Bergamo die am schlimmsten betroffene der Welt sei. „Die Nachricht sackte erst richtig, als wir die Bilder der Militärlastwagen vor dem Friedhof in meiner Heimatstadt sahen.“ Der für sie schockierendste Moment. Sofort habe sie ihren Vater angerufen. „Er sagte: ‚Oh, du hast es herausgefunden. Nur keine Panik. Es ist alles in Ordnung.‘“

Nun sitzt das Paar erst einmal auf der Insel fest. „Wir werden einfach abwarten“, sagte Ryan im Gespräch mit dem Guardian. „Und hoffen, dass bis zum Winter, dem Ende der Hurrikansaison, die Grenzen wieder offen sind und wir unsere Reise fortsetzen können.“ Derzeit würden sie sich ziemlich hin- und hergerissen fühlen, so Elena. „Wir befinden uns an diesem großartigen Ort, wir sind einerseits superglücklich und superdankbar, während gleichzeitig Menschen sterben und im Krankenhaus liegen.“

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