Tutorial: Was man aus seinen Segelfotos durch Bildbearbeitung mit Lightroom rausholen kann

Von Licht und Schatten

Wenn wir schon nicht segeln können, haben wir vielleicht jetzt die Zeit, endlich die Segelfotos vom letzten Törn zu bearbeiten. So funktioniert eine einfache Bildbearbeitung mit Lightroom. 

Wolken im Kleinen Belt

Den Effekt kennt wohl jeder: Auf dem Törn erlebt man einen Moment und versucht, ihn mit der Kamera festzuhalten, doch das Bild kommt dem Erlebten nicht so nahe, wie man es sich gewünscht hat. Über diesen Unterschied sind dicke Bücher geschrieben worden, philosophische und technische. Hier machen wir es kurz: Wie kann man mit vertretbarem Aufwand das Beste aus seinen Segelbildern herausholen? Grundsätzlich muss man sich dazu vorher zwei Dinge klarmachen.

Keine Kamera ist so gut wie das Auge

Erstens: Das menschliche Auge ist die beste Kamera. Nicht einmal Profikameras kommen beispielsweise in ihrem Dynamikumfang an dieses Organ heran. Der Dynamikumfang bezeichnet die Bandbreite an Helligkeitswerten zwischen dem hellsten und dem dunkelsten Bereich. Ein Motiv kann einen Dynamikumfang von 20 Blendenstufen haben, den das Auge auch erfassen kann. Ein moderner Kamerasensor erfasst dagegen etwa 10 Blendenstufen plus/minus 2, je nach Modell und Modus.

Zweitens: Der Dynamikumfang des Motivs ist gerade auf dem Wasser oft besonders hoch. Die Sonne ist die stärkste Lichtquelle auf der Erde. Beim Segeln hat man oft mit der Sonne im Zenit zu kämpfen oder mit einem extremen Dynamikumfang zwischen Licht und Schatten. Was folgt aus diesem beiden Tatsachen? Jedes Foto ist eine bearbeitete Abbildung des Motivs und nicht etwa eine neutrale, natürliche Wiedergabe. Die Frage ist, wie man dem Gesehenen möglichst nahe kommt. 

Fotografieren im RAW-Format

Wenn man im JPEG-Format fotografiert, überlässt man die Bearbeitung der Kamera. Sie gleicht den Unterschied zwischen ihrem Dynamikumfang und dem des Motivs rechnerisch aus und fügt noch ein paar Korrekturen hinzu. Das funktioniert oft gut, manchmal aber auch nicht. Außerdem kommt dabei nicht immer der Effekt heraus, dem man selbst im Motiv gesehen hat. Sollen Schatten im Gegenlicht zu Silhouetten werden oder sollen noch Details erkennbar sein? Diese Entscheidung kann eine Kamera nicht treffen.  

Darum ist es gerade bei Segelbildern ratsam, die Bearbeitung selbst in die Hand nehmen. Das funktioniert in begrenztem Umgang auch bei JPEG-Dateien. Den vollen Reichtum an Bilddaten erhält man allerdings erst, wenn man im RAW-Format oder dem entsprechenden Rohdatenformat der Kamera fotografiert. So erhält man mehr oder weniger ungefiltert die Daten, die der Sensor erfasst hat. Der Nachteil ist, dass man diese Dateien zwingend bearbeiten muss, weil sie sonst matschig und langweilig erscheinen.

Bildbearbeitung mit Lightroom

Viele Kamerahersteller bieten eigene Software zur Bildbearbeitung an. Außerdem gibt es Plug-Ins für das Gratis-Bildbearbeitungs-Programm Gimp. Das bekannteste Programm zur digitalen Bildbearbeitung ist aber Adobe Lightroom, das nebenbei den Vorteil einer digitalen Bildverwaltung bietet und das auch als App für Smartphone und Tablet zu haben ist. Die Werkzeuge der Programme ähneln sich, sie sind nur jeweils an anderen Stellen zu finden. Hier wird mit Adobe Lightroom gearbeitet. Der Spaß kostet allerdings 143 Euro im Jahr.

Zum Schluss noch zwei letzte Vorbemerkungen: Es gibt in der Regel nicht nur einen Weg zum Ziel, beziehungsweise nicht nur einen richtigen Workflow. Hier wird also nur ein möglicher Ablauf dargestellt. Und das Motiv ist keine Testyacht, bei perfektem Wetter von einem Chaseboat mit Fahrer aus fotografiert, sondern ein ganz normales Urlaubsbild von Bord, entstanden im Sommer 2018 im Kleinen Belt. Das Ziel ist, die dramatische Wolkenstimmung hervorzuheben.

  1. Import
    Das Bild ist importiert und ins Adobe-Rohformat DNG umgewandelt. Links unter der Überschrift “Protokoll” erscheinen gleich einer nach dem anderen die einzelnen Arbeitsschritte. Rechts sind die verschiedenen Regler und Werkzeuge geordnet, derzeit noch geschlossen. Ein Klick auf ein Dreieck öffnet das jeweilige Feld.
  2. Die ersten Korrekturen
    Im Feld “Objektivkorrekturen” werden Haken gesetzt bei “Chromatische Aberration entfernen” und bei “Profilkorrekturen aktivieren”. Wenn die Software das Kameraprofil nicht erkennt, kann man es im Drop-Down-Menu suchen. Damit sind optische Fehler ausgeglichen.
  3. Weitere Korrekturen
    In der Werkzeugleiste oben rechts unter dem Histogramm wird das Format korrigiert, wenn nötig. Abzüge sind in der Regel im Verhältnis 2:3 erhältlich, die meisten Kameras nehmen im Verhältnis 3:4 auf. Dazu das Rechteck links anklicken und das Seitenverhältnis auswählen. Mit der Wasserwaage darunter kann der Horizont korrigiert werden. Anklicken und im Bild eine Linie auf dem Horizont ziehen.
  4. Bildausschnitt festlegen
    Nicht immer kann der Bildausschnitt unmittelbar richtig gewählt werden. Oft stören unwichtige Details am Rand. Durch Beschnitt kann das Motiv auf das wesentliche reduziert werden. Hier ist die Wasseroberfläche ist weniger interessant als die Wolken, darum kann der Horizont problemlos weiter nach unten wandern.
  5. Gradationskurve anpassen
    Die “Gradationskurve” zeigt das Verhältnis der Helligkeitswerte zueinander. Verläuft sie linear – das ist die Standardeinstellung – ist grau gleich grau. Verschiebt man sie, kann man beispielsweise dunkle Bereiche noch dunkler machen. Das erfordert einiges an Erfahrung. In der Regel helfen die Voreinstellungen ganz gut weiter. Hier wird unter “Punktkurve” die Kurve für starken Kontrast gewählt.
  6. Automatische Tonwertkorrektur
    Mit den “Grundeinstellungen” lassen sich die einzelnen Eigenschaften des Bildes feiner bearbeiten. Dabei hilft ein Blick auf das Histogramm. Es bildet die Verteilung der Tonwerte von dunkel nach hell ab. Ein Histogramm, dass einer Sinuskurve ähnelt, deutet auf relativ wenig Kontrast. Maxima an den Enden deuten auf relativ viel Kontrast. Die “automatische Tonwertkorrektur” sorgt für ein kontrastreicheres Bild, indem Tiefen und Lichter verstärkt werden. Natürlich kann diese Korrektur auch manuell vorgenommen werden. In der Regel liefert die Automatik gute Ergebnisse. Hier reduziert sie Belichtung und Schwarzpunkt, was die Sonnenstrahlen deutlicher hervortreten lässt.
  7. Manuelle Korrektur
    Die roten Flächen zeigen an, wo die Lichter ausreißen, d.h. keinerlei Details mehr zeigen. Dieses Werkzeug wird im Histogramm mit einem Klick auf das Dreieck oben rechts aktiviert. Ein entsprechendes Werkzeug für Schatten befindet sich links oben. Die Warnflächen sind dann blau. Helle Dreiecke zeigen einen Verlust von Details. Das Ziel ist, dass die Dreiecke am Ende dunkel sind, d.h. alle Details wieder vorhanden. Diese Rettung von Details ist einer der Hauptvorteile des Rohdatenformates. Selbst eine Über- bzw. Unterbelichtung von zwei Blenden ist problemlos zu retten. Im JPEG-Format dagegen gehen die Informationen durch Komprimierung verloren. Hier wandert einfach der “Lichter”-Regler nach links, bis die roten Flächen verschwinden.
     
  8. Präsenz
    Die Regler unter der Überschrift “Präsenz” verleihen dem Bild mehr Kraft, sollten aber mit Bedacht benutzt werden. “Klarheit” erhört den Kontrast im Detail, d.h. verstärkt die Zeichnung. “Dynamik” verstärkt die Farbsättigung in untersättigten Bereichen. “Sättigung” verstärkt die Farbsättigung global. Letzterer Regler ist sehr vorsichtig zu gebrauchen bzw. gezielt, um einen besonderen Effekt zu erreichen. In der Regel reicht es, dem Bild etwas mehr Klarheit und Dynamik zu verleihen.    
  9. Schwarz- und Weißpunkt anpassen
    Der letzte Schritt hat dem Bild wieder ein paar rote Warnflächen beschert. Beide Dreiecke am Histogramm sind hell. Die Regler von “Weiß” und “Schwarz” werden so weit verschoben, dass die Dreiecke wieder dunkel werden.
  10. Effekte
    Im Feld “Effekte” sind die “Körnung” und die “Vignetten” zu finden. Die Körnung dient dazu, dem digitalen Bild eine analoge Anmutung zu verleihen. In Verbindung mit einem Schwarz-Weiß-Bild kann das ganz gut aussehen. Hier ist aber die Vignette von Interesse. Dieses Werkzeug dient eigentlich dazu, Vignetten – also ungewollte Randabdunkelungen – zu entfernen. Gezielt eingesetzt, kann es auch das Motiv hervorheben. Ein Betrag von -10 fällt kaum als Vignette auf, lässt die Bildmitte aber etwas deutlicher hervortreten. 
  11. Letzte Korrekturen
    Die Vignettierung beeinflusst erneut den Schwarz- und den Weißpunkt, so dass die beiden Regler wieder um ein paar Punkte korrigiert werden müssen. Fertig. 
  12. Export
    Zur weiteren Verwendung wird das Bild in einem Format wie JPEG oder TIFF exportiert. Im Feld “Dateieinstellungen” wählt man für einen Abzug höchste Qualität. Für Verwendung im Internet reichen 60 Prozent. Die Bildgröße kann reduziert werden, wenn ein bestimmtes Format gewünscht ist. Für das Internet reicht eine Auflösung von 150 Pixeln, für den Druck sollten es 300 sein. Lightroom durchläuft im nächsten Schritt einen voreingestellten Schärfungsprozess je nach Zielmedium. Es ist auch möglich, vorher in Lightroom von Hand zu schärfen, aber in der Regel liefert die Automatik gute Ergebnisse.

Im Prinzip erzeugt eine Bearbeitung dieser Art aus einem digitalen Negativ – den Rohdaten – einen digitalen Abzug. Wie früher in der Dunkelkammer lassen sich vom gleichen Negativ ganz verschiedene Abzüge erstellen. Nur dass eben digital abgewedelt oder nachbelichtet wird und nicht manuell. Wer mit dem Abzug nicht zufrieden ist, fängt neu an oder geht schrittweise über das Protokoll zurück. Das digitale Negativ kann durch die Bearbeitung nicht zerstört werden.

Wer tiefer in das Thema Bildbearbeitung einsteigen möchte, für den empfiehlt sich auf jeden Fall ein Handbuch zur jeweiligen Software, das die Vielzahl der Werkzeuge aufführt und erläutert. Inspiration können auch Bücher von Fotografen bieten, die den Leser bei der Entwicklung ihrer Bilder über die Schulter schauen lassen. Ein Beispiel dafür sind die Bücher des Fotografen David DuChemin.

Software

Gimp: Kostenlose Bildbearbeitung
Adobe Lightroom: Professionelle Bildbearbeitung und -katalogisierung
Es ist nicht unbedingt nötig, mit der neuesten Lightroom-Variante im Adobe-Abo zu arbeiten. Gebrauchte Vorversionen aus der abofreien Zeit bis Lightroom 6 reichen für die nicht-professionelle Nutzung völlig aus.

15 Kommentare zu „Tutorial: Was man aus seinen Segelfotos durch Bildbearbeitung mit Lightroom rausholen kann“

  1. avatar andreas.posur sagt:

    GIMP ist zwar gut und Open Source aber so nicht irekt vergleichbar mit Lightroom. Auch die Plug-ins sind eher NON-Raw, was aber eher ziemlich nahe an Lightroom ist (ist auch Open Source) heißt:

    Darktable

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  2. avatar Bildmacher sagt:

    Guter Artikel! Als Kauf-Software, ohne Abo, gibt es als Workflowsoftware noch von Phase One das Programm Capture One Pro. Das ist schon im 2. Jahr günstiger als das Adobe Abo. Für User von Sony und Fuji-Kameras gibt es sogar eine vergünstigte Variante im Handel. Viele Berufsfotografen nutzen Capure One.

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  3. avatar Bernd.L sagt:

    Guter Artikel! Aber aufgepsst, ältere Lightroomversionen laufen nicht unbedingt auf aktuellen MacOS Installationen, zumindest bei mir nicht. Bin nach Tests jetzt auf Capture One umgestiegen und bereue es nicht. Auch das Abo-Modell von Adobe ist nicht „amateurfreundlich“.

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  4. avatar Andreas Borrink sagt:

    Meine Augen lassen auch schon nach….ich kann zwischen dem ersten und dem letzten Bild – von der Formatänderung und dem begradigten Horizont mal abgesehen – keine signifikanten Unterschiede erkennen. Die Fotos 1&2 sowie 3-6 sind für mich identisch.

    Aber ich bin ja auch keine Profifotograf……freue mich auf einen Hinweis!

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  5. avatar seven sagt:

    Mir geht es wie Andreas Borrink: Ich sehe keinen Unterschied.

    Mein Ziel es auch nicht, dem Gesehenen möglichst nahe zu kommen.
    Interessant sind für mich nur Ausschnitte, die eine gewisse Dramatik wiedergeben und der Einsatz des Tele, um das Geschehen eine grössere Spannung zu verleihen.

    Ich habe zwar Lightroom zu hause, denke aber, dass man zunächst einmal lernen sollte, wie man eine Kamera richtig einsetzt (Freistellen etc.), um gute Bilder zu machen. Erst wenn man die Kamera beherrscht, kann man dazu übergehen, den Fotos per Bearbeitung eine noch grössere Brillanz zu verleihen.

    Vielleicht kann SR in der segellosen Zeit mal einen Fotolehrgang anbieten.

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  6. avatar kassianjuergens sagt:

    Moin Moin Jan,

    vielleicht solltest du bei deinem nächsten Tutorial ein Bild verwenden, dass spannender und zu gleich große Möglichkeiten der Bildbearbeitung gibt.
    Denn die fotografische Umsetzung des Beispiel Bildes ist nicht “optimal”. Durch die Belichtung von zwei verschiedenen Seiten (vermutlich durch einen Kamerablitz) wirkt das Bild unnatürlich.

    Liebe Grüße
    Kassian Jürgens
    http://www.segel-fotos.com

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    • avatar Jan Maas sagt:

      Moin und vielen Dank für den Hinweis. Vielleicht hast Du Recht. Wenn, dann habe ich den Fehler bewusst gemacht, weil ich mit Absicht ein Feld-, Wald-, und Wiesen-Urlaubsfoto ausgesucht habe. Mir scheint es schwierig zu sein, mit einem Artikel verschiedenen Ansprüchen gerecht zu werden. Da ist wohl noch Feintuning erforderlich. Wir bleiben am Ball.

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